Part 28

Ich hatte ihn nur an der Schulter berührt, als ich gemerkt hatte, dass er wach geworden war. Und schon hatte er meine Hand weggeschlagen, war aufgesprungen und davon gerannt.
"Idiot.", dachte ich mir zuerst. Doch konnte ich es ihm verdenken? War der Entschluss zu fliehen wirklich so dumm, nach alldem, was ihm hier widerfahren sein musste? Sicher hielt er mich für das Wesen, dass ihn vorhin fast in Stücke gerissen hätte... Wer würde da nicht Hals über Kopf abhauen und das Weite suchen? Schnell sprang ich auf die Beine und schlug grob die Richtung ein, in der die Schritte des Unbekannten verhallt waren. Ich musste ihn wieder finden und ihm alles erklären! Eins hatte ich hier nämlich gelernt, alles war besser, als alleine zu sein. Hier war es gefährlich. Die Kreaturen, die an diesem Ort umherstrichen, warteten nur darauf, die Umherirrenden anzugreifen, verborgen in der allgegenwärtigen Dunkelheit. Das Gefühl nur auf sich selbst gestellt zu sein, niemanden zu haben, der einen unterstützte oder mit dem man reden konnte, ließen einen ganz schnell bis an den Rand der Verzweiflung und Verrücktheit stolpern. Das wusste ich selbst nur allzu gut. Für den Jungen und nicht zuletzt für mich selbst, war es besser zusammen zu bleiben. Ich konnte seine Schritte hören und sein hastiges Atmen, doch es wurde leiser, weil ich zu langsam war.
"Hey, warte gefälligst mal!", rief ich ihm, so laut ich konnte, hinterher. Würde jetzt alles an meiner Unsportlichkeit scheitern? Außerdem tat mir noch alles weh, zwar nicht mehr mit den Schmerzen von vorher zu vergleichen, aber dennoch machte es mich langsamer. Das Schicksal war nicht gut zu mir.
Ich versuchte schneller zu rennen, doch ich hörte ihn nicht mehr. War er stehen geblieben? Nein... Kurz darauf hörte ich ihn wieder rennen, er musste ein gutes Stück weiter vorne sein als ich. Meiner Vernunft zum trotz war ich wieder wütend geworden.
"Dir ist echt nicht zu helfen, oder? Bleib verdammt nochmal stehen du Depp!" Bevor ich nachdenken konnte, verließen die Wörter meinen Mund. Jetzt würde er womöglich erst recht weiterlaufen. Ich musste ihn irgendwie überreden stehen zu bleiben... Eine Schnapsidee fuhr mir durch den Kopf.
"Ich hab dein Handy!", schrie ich. Keine Antwort...verdammt, was sollte ich nur machen? Würde ihn das überzeugen? Wahrscheinlich nicht...
"Jetzt komm schon, ich bin ein Mensch!"
Noch während ich rief, hörte ich einen lauten Schrei. Oh nein! Wieder ein Seelenfresser?! Ich rannte so schnell, wie irgend möglich in die Richtung, aus der die Stimme des Jungen kam. Die Schreie hörten nicht auf, sie wurden immer schlimmer. Ich legte einen Zahn zu, er musste schon ganz nah sein! Doch plötzlich war es still, kein einziges Geräusch mehr. Ich blieb stehen und horchte in die Dunkelheit. War ich zu spät gekommen? Ein schwaches Atmen hob sich von der Geräuschlosigkeit ab. Mir rutschte das Herz in die Hose, denn ich wusste nicht, von wem es stammte. War es ein auf mich lauerndes Monster oder der Junge?
Unsicher und ängstlich stand da, ich traute mich nicht auch nur einen Finger zu bewegen. Die Verzweiflung bemächtigte sich meiner. Was, wenn er schon tot war? Tot gebissen, nur um als Monster wieder aufzuerstehen... Eine halbe Ewigkeit verging, während der ich nur da stand und lauschte. Die Kälte kroch wieder in meine Glieder und machte sie taub, doch ich spürte nichts. Meine Gedanken waren ein einziges Wirrwarr, beschäftigt mit der Frage, was geschehen war und was ich nun tun sollte.
Ich hatte nur die Schreie gehört und keine Kampfgeräusche. Vielleicht war er einfach kollabiert? Bisher wusste ich nur, dass man hier keinen Schlaf nötig hatte, aber Bewusstlosigkeit war etwas anderes... Und er war ja schon bewusstlos geworden... Doch warum hatte er geschrien? Grundlos sicher nicht. Sollte ich es riskieren oder nicht? Was hatte ich zu verlieren? Alleine würde ich nur weiter, vielleicht ewig, alleine durch die dunkle Wüste irren. Ich schritt langsam und vorsichtig auf das leise Atmen zu, bis ich es deutlicher hören konnte. Noch immer regte sich nichts, nur das ruhige Ein- und Ausatmen. Ich kniete mich wieder hin, die Situation kam mir absurderweise nur allzu bekannt vor.
Würde ich gleich den Körper eines jungen Mannes berühren oder den einer blutrünstigen Kreatur, die meine Seele verschlingen würde? Noch einmal hatte ich nicht mehr die Kraft zu entkommen, das war alles, was ich wusste.

Der Schmerz war langsam verloschen, doch mein Schädel brummte.
"Lass uns weiter spielen." Die Worte des Mörders hallten durch meinen Kopf und ließen mich erschaudern. Was ich für beendet erachtet hatte, war noch immer nicht vorbei. Wo war der Zusammenhang zwischen allem Erlebten? Ich brauchte Antworten... Die Stimme von vorhin, gehörte sie doch nicht zu der Kreatur, die mich anfangs angegriffen hatte? Vielleicht hätte ich warten und nicht gleich rennen sollen. Vielleicht... Meine Angst ließ mich davon laufen. Jetzt lag ich hier und in mein Kopf spulten sich die Worte meines Peinigers noch immer in einer Endlosschleife ab. Doch plötzlich hörte ich noch eine andere Stimme, eine Stimme die mir ein wenig bekannt vorkam. "Komm mit, Michael."

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