Part 2

Von dort, wo die drei Ritter mit ihren Pferden hielten, hatten sie einen guten Blick auf die Burg. Die Sonne stand schräg über dem Bergfried und ließ die Steine des Turmes graugelb aufleuchten. Kernburg und Mauern dagegen waren in tiefe Schatten gehüllt, als gelte es, die Burg vor allzu neugierigen Augen zu verbergen.
Gandar von Rodéna ließ seinen Blick rundum wandern, während er versuchte, so viele Einzelheiten wie möglich in sich aufzunehmen.
»Das ist sie also«, sagte er nüchtern. »Die Burg des Verräters.«
»Ich hoffe, du hast recht und wir finden endlich die Beweise, die wir suchen.« Gareth von Cashel hob sein rotes Haar an und tupfte sich umständlich den Schweiß von Gesicht und Hals. «Ich möchte Konrad von Hohenstaufen ungern mit leeren Händen gegenübertreten.»
Gandar hob eine Braue. »Du Gareth? Und dabei dachte ich, ich sei derjenige, der im Falle eines Misserfolgs die Schelte kassiert.« Er hätte es gern mit einem unbekümmerten Grinsen gesagt, aber er brachte keines zustande. In seinem Kopf überschlugen sich die Gedanken.
»Tja, besser du als ich«, gab Gareth zurück. »Du bist kein Kronvasall. Dir kann es gleichgültig sein, ob du Konrads Missfallen erregst oder nicht. Du hast nichts zu befürchten.«
»Das mag sein«, warf der dritte Reiter, der Sarazene Ahmad ibn Ascher Halewi ein. »Aber du kennst den König. An Misserfolgen sind immer die Fremden schuld. Ganz besonders, da er glaubt, wir seien von seinem Vater gesandt, um ihn zu bespitzeln.«
»Er kann uns nichts anhaben«, sagte Gareth. »Wir stehen unter dem Schutz Kaiser Federicos.«
»Das ist wahr«, erwiderte Ahmad. »Aber er kann uns mehr Steine in den Weg legen, als gut für uns wäre. Hast du daran gedacht?«
Gareth setzte zu einer Antwort an, aber Gandar schüttelte in wortloser Ablehnung den Kopf und wandte seinen Blick erneut der Burg zu, die wie verlassen in der Mittagshitze lag. Über den Weinbergen flimmerte die Luft. Das an- und abschwellende Summen der Fliegen und das Zischen der Luft, wenn der Schlag eines Pferdeschweifes sie teilte, waren die einzigen Laute im Schweigen dieser Mittagsstunde. Unterhalb der Burg schnitt der Rhein wie ein glitzerndes in willkürlichen Schleifen und Kehren hingeworfenes Band durch die smaragdgrünen Weinberge.
»Reiten wir zum Fluss hinunter«, sagte Gandar. »Den Pferden wird ein Schluck Wasser guttun.« Er griff nach den Zügeln, wendete seinen Hengst und lenkte ihn auf den staubigen Pfad zurück. Gareth und Ahmad folgten.
Der Graf von Rodéna war ein großer Mann von schlanker, geschmeidiger Gestalt mit festen Muskeln. Er saß ganz entspannt auf dem Pferd, doch hinter der lässigen Haltung lag gespannte Wachsamkeit. Die Haube seines Panzerhemdes war zurückgeschlagen; zerzaustes, graues Haar fiel auf seine breiten Schultern und bildete einen auffälligen Kontrast zu dem dunklen Bartwuchs, der sein Kinn bedeckte.
Stunden in der Sonne hatten Falten in seine bronzefarbene Haut gegraben, die von den Augen ausstrahlten. Staub überzog als feine braunrote Schicht seine Sporen und die sorgfältig verarbeiteten Stiefel. Das Metall der Schienen, die seine muskulösen Beine schützten, war im Laufe der Zeit stumpf geworden. Schmutz und Staub langer Tage im Sattel bedeckte auch die Beinlinge und den verblichenen Wappenrock mit dem Hengstkopf von Rodéna. Das bis zu seinen Knien reichende Kettenhemd dagegen glänzte und zeigte nicht den geringsten Anflug von Rost.
Der Weg führte jetzt steil bergab. Stampfende Pferdehufe ließen Wolken von Staub aufwirbeln. Vor den Sätteln wippten die Wasserschläuche, an den Gürteln der Männer gluckerten verstöpselte Kürbisse. Immer weiter schlängelte sich die Straße ins Tal hinab, vorbei an Wiesen und Hecken, über eine Brücke und unter einer römischen Wasserleitung hindurch.
Nach einer Wegbiegung glitzerte ihnen die breite Wasserfläche des Rheins entgegen und Gandar lenkte sein Pferd auf das Ufer zu. Bedächtig stieg er aus dem Sattel, warf seinem Rappen die Zügel über den Kopf hinweg zu Boden, was das Tier als Zeichen kannte, am Ort zu bleiben, nahm den Schild von der Schulter und lehnte ihn an den Stamm eines Baumes. Während Gareth ihre Kürbisflaschen ausspülte, führte Ahmad die Pferde nacheinander in den Fluss, um sie vor dem Aufstieg zur Burg trinken zu lassen.
Gareth warf einen abschätzenden Seitenblick in Gandars Richtung.
»Wieso habe ich das Gefühl, dass du uns seit Längerem etwas verschweigst, Gandar?«, fragte er plötzlich.
Gandar drehte sich mit einer abrupten Bewegung herum und schaute Gareth an, der ihn mit jenem nachdenklichen, halb besorgten Ausdruck musterte, den er in den letzten Tagen oft an ihm beobachtet hatte.
»Du bist so verdammt schweigsam, dass es schon an Unhöflichkeit grenzt. Warum erzählst du uns nicht, was dir Sorgen macht? Es hilft.«
Gandar erwiderte nichts. Er wusste nicht, worauf Gareth hinaus wollte, aber er hatte das Gefühl, dass es mehr war als ein belangloses Gespräch, das nur geführt wurde, um die Eintönigkeit zu vertreiben.
»Ich wollte dich schon lange fragen«, fuhr Gareth fort. »Aber ich habe noch keine Gelegenheit gefunden.«
»Wir haben nicht die Zeit für lange Gespräche.«
»Ich weiß, dass es der schlechteste Moment ist, um darüber zu reden, aber…«
»Warum tust du es dann?«
»Weil es vielleicht der letzte mögliche Moment ist, Gandar. Ich fürchte, wir reiten hier geradewegs in eine Falle. Du weißt, dass ich dir folge, wohin auch immer du uns führst. Aber ich wüsste schon gerne, warum man gerade uns ausgewählt hat, um… nach dem Verräter zu suchen.«
Gandar warf seinem Freund einen schnellen Blick zu. »Das wolltest du zuerst nicht sagen.«
»Ich… ach, schon gut.«
»Was für eine erbärmliche Antwort.«
Gareth stieß hörbar die Luft aus und wandte den Kopf ab.
»Sei so gut und beantworte meine Frage, Gareth.«
»Na gut, meinetwegen«, willigte Gareth ein. »Weißt du, ich habe mich gefragt, was dich bewogen hat, dieses undankbare Kommando anzunehmen. Der König braucht dich. Wenn Vertrauen heißt, dass man dem anderen glaubt, was er sagt, dann traut er dir sogar. Du hättest ablehnen können. Ich bin sicher, Konrad hätte deinem Wunsch entsprochen.«
»Mein Verhältnis zum König ist außerordentlich kompliziert, Gareth. In erster Linie bin ich ihm unbequem.«
Gareth ballte die Faust, wie um sich damit auf den Schenkel zu schlagen, und ließ die Hand dann mit einem Kopfschütteln wieder sinken. »Himmel Gandar, wir ziehen seit Wochen durch dieses barbarische Land- auf der Suche nach einem Verräter, von dem wir nicht einmal wissen, ob er tatsächlich existiert.«
»Er existiert, glaub mir.«
»Mag sein. Doch was nützt es uns, ihn zu finden? Wir haben in diesem Land keinerlei Befugnisse und der König hat es versäumt, uns damit auszustatten. Warum hast du nicht auf Geleitbriefen bestanden?« Sein Blick haftete bei diesen Worten unverwandt auf Gandars Gesicht.
Gandar zog die Brauen in die Höhe. »Warum sollte ich?«
Gareth lachte grimmig. »Wir sind die Fremden. Wir sind entbehrlich.«
»Stellst du meine Entscheidung infrage Gareth?«, fragte Gandar. »Du kannst gehen, wenn du willst. Ich halte dich nicht zurück.«
»Nicht streiten, Brüder«, warf Ahmad auf Arabisch ein. »Das ist eurer nicht würdig.
Gareth schaute erst zu Gandar, dann zu Ahmad. »Ich hasse es, wenn ihr das tut«, sagte er missfällig.
Ahmad runzelte in gespieltem Nichtverstehen die Stirn. »Wovon sprichst du?«
»Stell dich nicht absichtlich dumm, Ahmad. Diese stummen Blicke, die ihr hinter meinem Rücken tauscht. Wie zwei verschworene Brüder, die ihre Geheimnisse nicht mit mir teilen wollen.«
Ahmad wischte seine Beschwerde mit einer ungeduldigen Geste beiseite. »Ich weiß, was du jetzt denkst – aber du irrst dich.«
Er reichte Gandar die Zügel seines Pferdes und der Graf schwang sich in den Sattel. Anstatt sich jedoch wieder an die Spitze der kleinen Gruppe zu setzen, lenkte er seinen Hengst an Gareths Seite. »Du fragst dich, mein lieber Gareth, warum ich uns diese scheinbar aussichtslose Suche aufgebürdet habe – gut, ich will es dir sagen. Unsere eigentliche Aufgabe ist es, nach dem geheimnisvollen Dokument zu forschen, das Kaiser Federico unbedingt in seinen Besitz bringen möchte.«
Gareth pfiff leise durch die Zähne. »So ist das also…«
»Ja«, sagte Gandar. »Unser Auftrag erfordert strengste Geheimhaltung, wie du sehr wohl weißt. Folglich musste ich mir einen Plan einfallen lassen, der es uns ermöglicht umherzureisen, ohne dass es verdächtig wirkt. Aber da ist noch etwas.«
»Und das wäre?«
»Man hat Kardinal Valo zum neuen päpstlichen Legaten für Germanien berufen«, erwiderte Gandar. »Ich fürchte, dass er ebenfalls hinter dem Dokument her ist. Dieses Schriftstück im Besitz des Kaisers könnte die Kirche in ihren Grundfesten erschüttern. Das kann der Papst nicht riskieren. Valo ist skrupellos und verschwiegen und damit genau der richtige Mann für heikle Angelegenheiten. Unter dem Deckmantel des Legaten reist er im Land umher und sammelt Informationen. Er darf uns auf keinen Fall zuvorkommen. Genauso wenig wie er erfahren darf, dass Richard von Glouburg mein Zwillingsbruder ist.«
Gareth riss die Augen auf. »Dein Zwillingsbruder? Grundgütiger! Inzwischen sollte ich wirklich wissen, dass bei dir nichts so einfach ist, wie es oberflächlich betrachtet scheint«, bemerkte er, während sie ihre Rösser auf den schmalen Weg lenkten, der den einzigen Zugang zur Burg gewährte. »Jetzt begreife ich, warum du darauf bestehst in Verkleidung zu reisen. Nicht auszudenken, welch abergläubischen Schrecken es unter der Landbevölkerung hervorrufen würde, käme dieses Geheimnis ans Licht.«
»So ist es«, bestätigte Gandar. »Obendrein ist mir Kardinal Valo nicht freundlich gesonnen. Er hätte keine Skrupel, Richard als Druckmittel zu benutzen, käme es zu einem Wettlauf um den Besitz des Dokumentes.»
»Weiß der König, dass der angebliche Verräter in seinen Reihen nur eine Erfindung von dir ist?«
»Oh, aber das ist er nicht. Der Verräter existiert. Leider.«
Gareth seufzte leise. »Nun, dann lasst uns zusehen, dass wir die Burg erreichen.«
Das Bild, das sich den Männern bot, hatte kaum mehr etwas mit dem verschlafenen Eindruck gemein, den die Burg aus der Ferne gemacht hatte. Das Fallgatter vor dem Eingang war heruntergelassen und teilte den Blick auf das Burgtor in Dutzende holz-und nietengesäumter Quadrate. Wachen gingen auf der Befestigungsmauer in Stellung. Helme glitzerten in der Sonne.
Gandar hob die Hand. Ahmad und Gareth zügelten ihre Pferde. Von oben herab ertönte die knappe Frage nach dem Begehr. Gandar nickte unmerklich und Gareth trieb sein Pferd an und ritt vor das Tor.
»Bote der kaiserlichen Majestät Fridericus, an den Herrn von Brenneberg!«
Der Wachtmeister verbeugte sich und verschwand.
Die Männer warteten. Gareth sah immer wieder ungeduldig zum Wehrturm hinauf, und gestikulierte auffordernd mit der Hand, doch die Wachen mit ihren Helmen starrten lediglich auf sie herunter, unbeweglich wie Statuen.
Gandar wischte sich mit dem Handrücken den Schweiß von der Stirn. Sein Pferd, das seine Ungeduld spürte, scharrte am Boden. Hinter sich konnte er Ahmad in Sattel herumrutschen hören.
Endlich begann über ihren Köpfen ein Rumpeln und Quietschen; das Fallgatter erbebte und ruckelte nach oben. Von einem der mächtigen Torflügel wurde die untere Hälfte geöffnet und gab den Blick in ein düsteres, nur von einer rußenden Fackel erhelltes Torhaus frei.
Gandar wartete, bis das Fallgatter knapp die Oberkante des offenen Torflügels erreicht hatte, dann beugte er sich tief über den Hals seines Pferdes und ritt unter Eisendornen hindurch, ohne die verdutzen Gesichter der Torwachen zu beachten.
Er kam jedoch nicht sehr weit, denn die versperrten Torflügel des Eingangsportals wurden von zwei weiteren Wachposten flankiert, die drohend ihre Spieße kreuzten.
Gandars Herz schien einen schmerzhaften Sprung zu machen. Für den Bruchteil eines Augenblicks stieg Panik in ihm auf, eine unbezwingbare Furcht, die jeden Ansatz klaren Denkens hinwegspülte. Seine Hände schlossen sich um die Zügel, ballten sich zu harten Fäusten. Er hatte geglaubt, endlich über seine Schwierigkeiten mit engen Räumen hinweg zu sein. Aber hier war er nun, und die bloße Nähe von Mauern reichte aus, jene gefürchteten Erinnerungen heraufzubeschwören.
Das alles verdanke ich Valo, dachte er bitter. Diesem Ungeheuer an Grausamkeit – diesem wahren Sohn des Übels, an dem Satan, sein Vater, nichts als Wohlgefallen hat. Eines nicht zu fernen Tages werde ich…
Eine Bewegung am Ende des Tunnels ließ ihn aufblicken. Der Wachtmeister war in Begleitung des Burgkaplans zurückgekehrt.
»Herr Gunther lässt fragen, ob ihr, mein Herr Bote einen Beweis für Eure Worte habt?«, fragte der Geistliche.
Gandar bewahrte bei aller Anspannung die Ruhe und zog ein gefaltetes Pergament aus seinem Wappenrock. Laut las er das kaiserliche Beglaubigungsschreiben vor und ließ den Kaplan einen Blick auf das anhängende Siegel werfen.
Der Kaplan neigte den Kopf. »Wenn die Herren mir folgen wollen.«
Der Wachtmeister gab den Befehl, das Tor zu öffnen und der Kaplan führte sie in den inneren Burghof, wo Gunther von Brenneberg sie inmitten seiner Männer erwartete.
Gandar sah den Mann, aber es war die junge Frau an seiner Seite, die seine Aufmerksamkeit auf sich zog. Sie wirkte groß und langbeinig, obwohl sie ein paar Zentimeter kleiner war als der Mann, neben dem sie stand. Sie trug ein mit Ornamenten verziertes Schappel als Kopfputz. Ihr offenes Haar hatte die Farbe von poliertem Kupfer, vermischt mit den dunkleren Tönen von Kastanien und Erde. Sie war ein faszinierendes Geschöpf - jung, und doch mit einem Ausdruck von Reife. Sein Blut pulsierte plötzlich schneller durch seine Adern. Beinahe hastig wandte er seine Aufmerksamkeit wieder dem Burgherrn zu und glitt aus dem Sattel.
»Willkommen, mein Herr. Womit kann das Haus Brenneberg einem Abgesandten der kaiserlichen Majestät zu Diensten sein?«
»Wie Ihr unschwer erkennen könnt, sind wir weit gereist«, erwiderte Gandar. »Eine Mahlzeit und eine Schlafstatt kämen uns sehr gelegen.«
»Mein Haus steht zur Verfügung«, antwortete Brenneberg.
Seine Männer jedoch benahmen sich, als hätten sie den Teufel persönlich unter ihrem Dach. Vermutlich hatten sie zu viele Schauergeschichten über die Sarazenen gehört und erwarteten nun, dass Ahmad sie sofort abschlachten würde. Um Gandars Mund erschien ein grimmiger Zug.
»Bezähme dein Herz, mein Bruder», murmelte Ahmad auf Arabisch. »Mein aufbrausendes Blut duldet nicht, dass du meinetwegen beleidigt wirst. Ich werde im Stall übernachten.«
Pferdeknechte kamen gelaufen, um die Tiere wegzubringen. Ahmad ergriff die Zügel und bedeutete den Knechten mit einer stummen Geste, ihm den Weg zu den Stallungen zu zeigen.
Gunther von Brenneberg lächelte. »Es wäre mir ein Vergnügen, wenn Ihr mir die Ehre geben würdet, mit mir die Abendmahlzeit einzunehmen«, sagte er. Gandar nahm dankend an.
Sie folgten dem Burgherrn durch ein Stiegenhaus in den ersten Stock. Im Saal war es dämmrig und kühl. Diener waren damit beschäftigt, neue Fackeln in die Halterungen an der Wand zu stecken. Als die Männer hereinkamen, verschwanden sie durch eine unauffällige Tür an der Rückseite des Saales.
Der Burgherr führte seine Gäste zu einer Gruppe von Stühlen vor dem Kamin und lud sie ein, sich zu setzen. Gandar sah sich verstohlen um. Sein Blick fiel auf ein angefangenes Schachspiel und er trat an den Tisch, um es sich anzusehen. Aufmerksam betrachtete er die Stellung der Figuren auf dem Brett und erwog in Gedanken die Möglichkeiten der Spieler für den nächsten Zug.
»Spielt Ihr ebenfalls, Herr …?«, fragte Brenneberg, während er Gandars Schild mit dem Hengstkopf zu den anderen an einen Steinpfeiler des Saales hängte.
»So oft es meine Zeit erlaubt«, erwiderte Gandar und überging dabei die unausgesprochene Frage nach seinem Namen. »Wie ich sehe, bevorzugt Ihr die italienischen Regeln.«
»Nun ja, sie versprechen einen lebhafteren Spielverlauf, als die bei uns üblichen Regeln.«
»Das stimmt«, sagte Gandar. »Übrigens eine sehr interessante Strategie, die Ihr da verfolgt, Herr Gunther. Eurem Gegner dürfte es schwerfallen, seinen König zu retten.«
Brenneberg lachte gutmütig. »Ich muss gestehen, dass ich es bin, der in der Falle sitzt«, erklärte er. »Meine Tochter Gwenfrewi führt die roten Figuren.«
Gandars sah überrascht auf. Brennebergs Tochter. dachte er. Eine schöne Frau, die das Denken in komplizierten Windungen beherrscht. Konnte die Lösung so einfach sein? Waren sie zu verblendet gewesen, die Möglichkeit in Betracht zu ziehen, dass eine Frau die Verräterin war?
In seinem Kopf begann sich das Bild zu einem Ganzen zu formen, aber das Muster war noch zu unvollständig, um es zu erkennen. Noch.


Gwenfrewi von Brenneberg schwankte zwischen Hoffnung und Furcht, als sie in Begleitung einer Magd den Saal betrat. Konnte der dunkle, gefährliche Fremde ihr Kontaktmann sein, auf den sie schon so lange vergeblich wartete? Sie hatte im Hof nur einen kurzen Blick auf ihn werfen können, aber das hatte genügt, um ihr einen Schauer über den Rücken zu jagen. Er war groß und schlank wie ein Wolf und es erschien ihr nicht ratsam, ihm in die Quere zu kommen.
Die Magd stellte Pokale und Wein auf einer Truhe ab und Gwenfrewi griff nach dem Krug, um einzuschenken. Ihr Vater nickte ihr zu. »Dies ist meine älteste Tochter Gwenfrewi. Sie ist es, deren Geschick Ihr gelobt habt.«                        
»Ich beglückwünsche Euch zu Eurer ausgezeichneten Taktik, Fräulein«, sagte Gandar.
Gwenfrewi machte einen Knicks, hielt die Augen auf den Boden gerichtet und murmelte: »Habt Dank, mein Herr.«
Gandar hob nachlässig die Schultern. »Trotzdem solltet Ihr Euch Eures Sieges nicht zu sicher sein. Ein kluger und vorausschauender Gegner könnte Euch immer noch schlagen.«
»Vielleicht«, erwiderte sie sanft. »Vielleicht auch nicht.«
»Vergebt mir meine Anmaßung, Fräulein aber ich bin überzeugt, dass ich es könnte«, bemerkte er, während er einen Pokal Wein entgegennahm. Ein schmales Lächeln umspielte seine Lippen, aber seine grünen Augen waren unergründlich – und kalt.
Gwenfrewi musterte ihn verstohlen. Sein Blick war nicht so, wie sie es von anderen Männern gewohnt war. Es war keine Wärme in diesen Augen, kein Willkommen. Nie zuvor hatte sie ein männliches Gesicht gesehen wie das Seine. Faszinierend war ein Wort. Erschreckend ein anderes.
Nichts in diesen Gesichtszügen deutete auf Weichheit hin. Die harten Linien um seine Augen und den Mund straften das Lächeln Lügen, das seine Lippen umspielte. Die Augen, deren intensives Grün an eine Raubkatze erinnerte, waren eingerahmt von langen Wimpern und kräftigen dunklen Augenbrauen. Das Kinn war eckig, widerspenstig und hätte äußerst einschüchternd gewirkt, wären da nicht die dunklen Bartstoppeln gewesen, die ihm ein verwegenes Aussehen verliehen. Und sein Mund war die pure Versuchung, wie geschaffen, ein Mädchen um den Verstand zu küssen…
Nein, nein, nein, dachte sie, dies ist schlecht von mir. Diese Gedanken sind verworfen. Ich darf nicht, ich darf nicht …
Er musste ihr Interesse bemerkt haben, denn sein Blick ließ ihre Augen nicht los, während er einen tiefen Schluck aus seinem Becher nahm.
»Nun, Herr Bote, welche Nachrichten bringt Ihr?«, fragte ihr Vater mit einem ungeduldigen Unterton in der Stimme.
»Verzeihung. Kennt Ihr Euch mit der Politik am königlichen Hof aus?«
»Gott bewahre! Bei Politik halte ich mich lieber heraus. Es gibt in diesem Land zu viele kleine und große Herrscher und zu viele Machtinteressen. Ich verabscheue diesen ganzen Sumpf. Politik bedeutet, dass Höfe in Flammen aufgehen und Burgen belagert werden und … Gut, Ihr werdet einen Grund haben, mich mit diesen Dingen zu quälen. Sprecht also.«
»Es geht um das Konzil in Lyon und den Papst, der sich anmaßt, den rechtmäßigen Kaiser abzusetzen. Innozenz schäumt und wirft Friedrich nicht eingehaltene Versprechen, Eidbruch und häretische Glaubensvorstellungen vor. Was nicht der Wahrheit entspricht.«
»Wie man hört, wirft er ihm seine Kontakte zu sarazenischen Herrschern und den Verkehr mit Sarazenen-Mädchen vor. Und damit hat er recht. Das ist verwerflich! Es ist unmoralisch und ein schlechtes Beispiel. Trotzdem hätte der Papst das Friedensangebot des Kaisers annehmen sollen«, brummte Brenneberg. »Ich mag diese ewigen Grabenkämpfe nicht. Warum kann nicht alles bleiben, wie es ist? Ich will Ruhe. Nichts als meine Ruhe.«
»Die werdet Ihr nicht bekommen.«
Brenneberg, der bisher gestanden hatte, ließ sich auf einem der Faltstühle nieder und bedeutete seinen Gästen mit einer Handbewegung, seinem Beispiel zu folgen.
»Meine Antwort gefällt Euch wohl nicht? Erscheint es Euch verwerflich, wenn ich mit den Differenzen der hochgeborenen Herren nichts zu tun haben möchte?«
»Nun, nicht verwerflich …«
»Aber?«
»Nutzlos«, sagte Gandar. »Ihr steht überall in dem Ruf, ein treuer Anhänger des Kaisers und seines königlichen Sohnes zu sein. Oder habe ich etwas Falsches gehört?«
Gwenfrewi starrte in überrascht an. Instinktiv spürte sie etwas von der unheilvollen Drohung, die in der scheinbar achtlos hingeworfenen Frage verborgen war und ihr schoss der Gedanke durch den Kopf, dass es nicht klug wäre, sich diesen Mann zum Gegner zu machen. Er würde einen gefährlichen Feind abgeben - stark, mächtig und seiner selbst sicher.
»Euren Mangel an Höflichkeit will ich Euch für diesmal noch nachsehen, mein Herr«, entgegnete Brenneberg schneidend. »Allerdings tätet Ihr gut daran, mir einen Beweis zu liefern, dass Ihr tatsächlichein Bote des Kaisers seid. Meinen Kaplan könnt Ihr mit Euren Siegeln vielleicht beeindrucken. Mich nicht.«
Ganz genau, dachte Gwenfrewi.
»Könnt Ihr lesen?«
Brenneberg nickte. »Sicher.«
»Ausgezeichnet.« Gandar zog ein in Leder eingeschlagenes Päckchen unter seinem Kettenhemd hervor, öffnete die Verschnürung und entnahm ein dünnes Bündel Pergamente, dessen Oberstes er Brenneberg reichte.
»Was ist das?«
»Eine Urkunde, die meine Stellung als Beauftragter des Kaisers bestätigt. Gewiss erkennt Ihr das Siegel Ihrer Majestät?« Er reichte das nächste Blatt. »Dieselbe Urkunde aus der Kanzlei des Königs. Unterschrieben und gesiegelt zu Hagenau von Herrn Konrad persönlich. Und hier …«, weitere Blätter wanderten zu Brenneberg hinüber, »ein Rundschreiben des Kaisers an seine germanischen Fürsten. Ergänzt durch persönliche Notizen, die ich während der Reise niedergeschrieben habe. Sie dürften Euch besonders interessieren, da sie die Gründe aufzeigen, warum die Wahl Heinrich Raspes zum König als ungültig angesehen werden muss.«
»Ihr wart dort?«
»Allerdings. Der Kaiser hat mich beauftragt, ihm alles zu berichten, was in diesem Land vorgeht, nach Möglichkeit aus eigener Anschauung. Gut für Euch, dass Ihr Euch geweigert habt, an dieser Farce teilzunehmen.«
Brenneberg verschränkte die Arme. »Ich weigere mich«, erklärte er, »solange es auf deutschem Boden noch einen Nachkommen Kaiser Friedrichs gibt.« Er brach ab. Kopfschüttelnd blätterte er die Pergamente durch und zog schließlich ein eng beschriebenes Blatt aus dem Stapel, um es zu überfliegen.
Gwenfrewi spähte verstohlen über seine Schulter. Viele der größten Herren im Lande konnten nicht einmal ihren Namen schreiben oder lesen … und dieser hier schrieb ganze Berichte, obendrein in einer sauberen, gestochenen klaren Schrift, wie sie üblicherweise nur Kleriker beherrschten?
Zögernd schob Brenneberg Gandars Bericht wieder in den Stapel zurück, nahm sich stattdessen den Brief des Kaisers vor und studierte ihn schweigend.
Gwenfrewi rückte unauffällig näher an ihren Vater heran, während sie versuchte, so viel wie möglich vom Inhalt des Briefes zu erhaschen.
»Grundgütiger«, sagte Brenneberg plötzlich. Er ließ er das Blatt sinken und starrte Gandar an. »Ihr seid Gandar von Rodéna? DER Gandar von Rodéna?«
Gandar zog die Brauen in die Höhe, sagte aber nichts.
Brenneberg trank, ohne ihn aus den Augen zu lassen. Dann fuhr er fort: »Eure Tat hat den Rheingau in zwei Lager gespalten. Die einen zollen Euch Beifall für Euren Mut, die Anderen halten Euch für einen Brandstifter, der die gottgewollte Ordnung infrage stellt.«
Gandar schnaubte. »Keine Frau verdient, halb zu Tode geprügelt zu werden, weil sie einen schärferen Verstand besitz, als ihr Ehemann.«
»Die Sache ging Euch nichts an.«
»Nein«, widersprach Gandar entschieden. »Was ich gesehen habe, war der abscheuliche Verhalten eines Feiglings, der nicht den Mut aufbringt, sich einen ebenbürtigen Gegner zu suchen. Es war meine Pflicht, die Frau zu verteidigen.«
»Hm.« Brenneberg wiegte den Kopf hin und her. »Ich fürchte, Ihr habt Euch einen unversöhnlichen Feind geschaffen.«
Gandar zuckte die Schultern. »Das bekümmert mich nicht.«
»Ich muss sagen, Ihr seid wirklich über die Maßen galant zu den Damen, mein Herr«, spottete Brenneberg und wandte sich wieder den Pergamenten zu.
Gwenfrewi runzelte die Stirn. In ihrem Kopf überschlugen sich die Gedanken. Wenn dies der Mann war, dem die Sänger und Geschichtenerzähler den Beinamen `Der Löwe von Rodéna´ verliehen hatten, konnte er unmöglich ihr erwarteter Verbindungsmann sein. Zum einen war er hier fremd, zum Anderen machte ihn seine ungeheuerliche Tat zum Hauptgesprächsthema in den Gesindekammern.
Oder hatte man ihn gerade deshalb ausgewählt? Weil er sich so ehrenhaft gab, dass niemand ihm zutraute, ein Spion zu sein?
Sie wollte etwas sagen, unterdrückte den Impuls aber im letzten Moment. Ihr Vater ahnte nichts von dem Vermächtnis, das seine Gemahlin ihrer ältesten Tochter hinterlassen hatte. Ohne es zu wollen, war sie Teil einer streng geheimen Organisation geworden, die im ganzen Reich Nachrichten für die königliche Kanzlei sammelte. Die Aufgabe war ihr zuerst recht einfach erschienen. Sie hatte Botschaften entgegengenommen und an eine Kontaktperson weitergeleitet. Bis diese Kontaktperson auf ungeklärte Weise verschwunden war. Wohl gab es einen Notfallplan für solche Situationen und Gwen wusste, dass man ihr einen neuen Verbindungsmann schicken würde. Bisher hatte nur keiner der möglichen Kandidaten auf das geheime Zeichen reagiert und sie begann, sich ernsthafte Sorgen, um die Sicherheit ihrer Familie zu machen. Vielleicht war ihr Gast ja der Gesuchte, aber Gwen war sich keineswegs sicher, ob ihr der Gedanke gefiel. In der Notwendigkeit, eine Entscheidung treffen zu müssen, stand sie da und starrte blicklos auf das Schachspiel vor dem Kamin. Sie wusste, was sie ihrer Mutter schuldig war und es gab keinen Weg, sich aus der Verantwortung zu stehlen.
Sie griff nach dem Weinkrug und ging herum, um die Pokale der Männer nachzufüllen. Während sie einschenkte, drehte sie die linke Hand so, dass der auffällige Ring an ihrem Finger nicht zu übersehen war. Aber Gandar schien gar nicht auf ihre Hände zu achten. Jedenfalls deutete nichts darauf hin, dass er den Ring erkannte.
Gwenfrewi seufzte kaum hörbar. Darüber sollte ich doch eigentlich erleichtert sein, oder? Aber das bin ich nicht … Viel mehr denke ich, dass ich ihn gerne wieder gesehen hätte … Jesus, was für ein Durcheinander …
Beinahe fluchtartig zog sie sich an den Spieltisch zurück und begann, sich mit dem unterbrochenen Schachspiel zu beschäftigen.


Inzwischen hatte Brenneberg seine Lektüre beendet und gab die Pergamente an Gandar zurück. »Mir scheint der kaiserliche Hof ist zu einem rechten Wespennest verkommen«, bemerkte er. »Wenn selbst Friedrich seines Lebens nicht mehr sicher ist…«
»Es war eine Verschwörung, die mit Wissen und ausdrücklicher Billigung des Papstes geschah«, sagte Gandar. »Der Kaiser hatte großes Glück, dass der Anschlag im letzten Moment vereitelt werden konnte.«
»Grundgütiger!«
»Ja. Nun scheint es so zu sein, dass der Mordauftrag per Kurier von Lyon durch das Rheinland nach Grosseto befördert wurde. Das ist eine Sache, die Friedrich schwer zu denken gibt.«
»Wie bitte? Durch das Rheinland? Ist das nicht ein ziemlicher Umweg?«
»Eben. Offenbar scheint es hier einen Burgherrn zu geben, der als vollkommen kaisertreu bekannt ist, dass man ihn benutzte, um das Unternehmen zu verschleiern.«
»Ihr glaubt, dass ich …« Brenneberg hielt es nicht mehr auf seinem Stuhl. Er sprang auf und stapfte aufgebracht durch den Saal. »Der Kaiser denkt, ich habe mich in ein so schändliches Unternehmen hineinziehen lassen? Das ist widerwärtig!«
Gandar hob seine Hand. Und obwohl er schmutzig und abgerissen aussah – die Geste war die eines Mannes, dem man gehorchte. »Ich erinnere mich nicht, den Namen Brenneberg erwähnt zu haben. Wie kommt es, dass Ihr sogleich auf Euch schließt, mein Herr?«
Brenneberg nahm einen tiefen Schluck aus seinem Pokal. »Es war naheliegend.«
»Nur ein getroffener Hund bellt.«
»Ich bin kein Intrigant, der sich beliebig vor jeden Karren spannen lässt. Mit diesem angeblichen Mordbrief habe ich nichts zu tun.«
»Schön. Habt Ihr Zeugen, die das bei Bedarf beschwören könnten?«
»Wollt Ihr mir drohen?«
Gandar strich sich mit dem Daumen übers Kinn. »Betrachtet es als wohlmeinende Warnung. Ihr mögt vielleicht selbst nichts mit dem Brief zu tun haben- aber Ihr könntet Euch schneller in der Rolle des Sündenbocks wiederfinden, als Euch lieb ist. Es gibt einen päpstlichen Spion in Eurem Haushalt.«
Brenneberg hätte sich um ein Haar an seinem Burgunder verschluckt. »Wie bitte? Einen päpstlichen Spion?«, fragte er röchelnd, schlug sich ein paar Mal mit der Faust vor die Brust und hustete.
»Der Gedanke ist Euch wohl noch gar nicht gekommen? Was seit Ihr doch für ein Unschuldslamm…«
Entgeistert starrte Brenneberg ihn an. »Wer ist es?«
»Das findet Ihr besser heraus, bevor die nächste Geheimbotschaft ihren Empfänger erreicht.«
Brenneberg seufzte und streckte den Arm aus. »Schenk ein, Tochter!«
Gwenfrewi erhob sich, um den Pokal ihres Vaters nachzufüllen. Dabei dachte sie über das Gehörte nach. Sollte ihr Vater den Namen des Spions herausfinden, musste sie die Nachricht sofort weitergeben. Nur wem?
Wolfram von Milanes, sagte ihre innere Stimme. Er war der einzige Mann in ihrer Umgebung, der noch infrage kam.
Sollte sich ihre Ahnung als zutreffend erweisen, war ihr Problem jedoch schwerwiegender, als sie angenommen hatte. Immer wieder hatte er versucht, sie zu einem Stelldichein zu überreden, und ihr waren schon beinahe die Möglichkeiten ausgegangen, ihn auf höfliche Art abzuweisen.
Und du hast ihn als eitlen, lüsternen Bock abgetan, der nur deinem Körper nachstellt und ihm deshalb den Ring nicht gezeigt ...
Sie würgte die Stimme ab.
Du weißt, was du zu tun hast. Einen anderen Weg gibt es nicht.
Mutter! Muss ich wirklich?
Sicher. Die Zeit drängt. Es ist deine Aufgabe zu prüfen, ob er der Mann ist, den du erwartest. Am besten schickst du ihm sofort eine Nachricht und triffst ihn noch heute Nacht.
Gwen hätte am liebsten geseufzt, aber sie unterdrückte den Impuls gerade noch rechtzeitig. Der Gedanke, sich in der Dunkelheit aus der Burg zu schleichen, um Wolfram von Milanes zu treffen, behagte ihr ganz und gar nicht - aber was blieb ihr übrig?
Vor Dir, Gott, allmächtiger Vater bekenne ich meine Schuld … Die Worte dröhnten in ihren Ohren, obwohl sie sie nur in Gedanken sprach. Seit beinahe drei Monaten hatte sie nicht mehr gebeichtet, hatte die Schuld der Verstocktheit zu ihren Sünden hinzugeladen und heute Nacht würde die Liste ihrer Verfehlungen noch weiter anwachsen. Gott, wie sollte sie das nur jemals beichten?
Gwenfrewi schreckte auf und stellte fest, dass der Bote schon eine ganze Weile sprach, ohne dass sie seine Worte wirklich wahrgenommen hatte.
»… Federico lässt die Verschwörer unerbittlich verfolgen. Gnadengesuche sind weder erwünscht, noch gestattet. Dieses Mal ist der Kaiser zu schwer herausgefordert worden. Gefangene Frauen werden verbrannt oder eingekerkert. Den Männern droht Folter und Verstümmelung – bevor man sie in Ledersäcke genäht, im Meer ertränkt ...«
Sie sah zu Gandar hinüber und studierte sein Gesicht. Ob ihn etwas von dem, was er da gerade erzählt hatte, berührte? Oder war er so kalt, dass Leiden und Schmerzen ihm nicht nahe gingen? Es gelang ihr nicht, diese Frage zu beantworten.
»Ich hoffe, Euch sind meine Geschichten nicht unangenehm«, sagte Gandar.
Gwenfrewi schüttelte den Kopf. »Ich weiß gern, was vorgeht in der Welt.“
Gandar sah sie an. Mit einem Blick, der eine Woge der Wärme durch ihren Körper laufen ließ. »Nun, dann hoffe ich, dass ich Eure Wissbegierde stillen konnte.«
»Ja. Danke«, murmelte sie atemlos. Sie fühlte sich mit einem Mal schwindelig und krank und wusste nicht, welche Krankheit das war. Sie fühlte nur dunkel, dass die Heilung dieser Krankheit dort lächelnd neben ihrem Vater saß. Sie erhob sich eilig und bat um Erlaubnis, sich entfernen zu dürfen. Sie müsse das Auftragen der Abendmahlzeit überwachen.
»Wie wollt Ihr vorgehen?«, fragte Gandar, nachdem Gwenfrewi hinausgeeilt war.
»Das weiß ich noch nicht«, seufzte Brenneberg. »Seht Ihr, die Angelegenheit ist weitaus komplizierter, als Ihr wissen könnt.«
»Inwiefern?«
»In weniger als zwei Wochen siedelt meine Tochter in die Burg ihres zukünftigen Gemahls über. Der König selbst hat die Ehe arrangiert, deshalb kann sie nicht daherkommen wie eine Bettlerin. Sie braucht eine standesgemäße Eskorte zu ihrem Schutz. Obendrein gebietet die Höflichkeit, dass ich sie dem Bräutigam persönlich übergebe. Ich habe nicht genügend Männer, um an zwei Stellen gleichzeitig zu sein.«
»Dann seht zu, dass Ihr den Spion entlarvt, bevor er sich im Gefolge Eurer Tochter davonmacht «, sagte Gandar.
Brennebergs Antwort bestand aus einem dünnen Lächeln. Aber er schluckte die Bemerkung hinunter, die ihm ganz offensichtlich auf der Zunge lag und rief nach mehr Wein.
Knechte strömten herein und begannen mit den Vorbereitungen zum Mahl. Wie in den meisten Hallen waren die Tische lose Bretter auf Schragen, die zu einer langen Tafel zusammengeschoben wurden. Als Sitzgelegenheiten dienten Bänke. Nur am Tisch des Hausherrn gab es Stühle.
Gareth sagte etwas zu Brenneberg, aber Gandar hörte nicht hin. Er war damit beschäftigt, Gwenfrewi anzusehen, die mit einem frischen Krug Wein in der Hand auf ihn zukam. Sein Herzschlag beschleunigte sich. Das ist unmöglich, dachte er. Völlig unmöglich … ich sehe sie nur an und …
So hatte er sich noch nie gefühlt. So, als müsse sein Mund dauernd lächeln und gleichzeitig voll tiefer Trauer. Was geschah nur mit ihm? Er konnte es sich nicht erklären.
Gwenfrewi war schön, sicher. Aber es war nicht die zarte, zerbrechliche Schönheit, die in den Romanzen der Spielleute gepriesen wurde. Sie besaß eher die blühende Gesundheit und die lebhaften Farben eines Mädchens, das sich viel im Freien und in der Sonne aufhielt. Er hoffte für sie, dass ihr zukünftiger Gemahl lebhafte Farben mochte.
Eine Glocke rief die Burgleute zu Tisch und der Saal füllte sich mit Menschen, die ihm neugierige Blicke zuwarfen. Gandar lächelte wehmütig. Sicher hatte sich inzwischen herumgesprochen, wer oder was er war. Im Augenblick konnte er so viel Aufmerksamkeit nicht gebrauchen – nicht, solange sich Kardinal Valo innerhalb der gleichen Landesgrenzen aufhielt.
Brenneberg sprach das Tischgebet. Wasserschüsseln und Tücher wurden gereicht, um die Hände zu waschen, danach folgten die Speisen. Die Pagen traten in Reihen vor den Herrentisch, was dort nicht gewünscht wurde, winkte Brenneberg weiter. Es gab sauer zubereiteten Fisch und gefüllte Tauben, Eier auf Spießen, dazu scharfe Brühe und ein Mus aus dicken Bohnen mit Kräutern.
Die Mahlzeit verlief in angenehmer Stimmung. Gareth sorgte mit einigen Anekdoten vom königlichen Hof für Staunen und Heiterkeit am Herrentisch. Gandar dagegen beschränkte sich darauf, still zuzuhören und die Tochter des Hauses zu beobachten. Gwenfrewi gab sich den Anschein ausschließlich mit ihrem Essen beschäftigt zu sein, doch Gandar bemerkte, dass sie sich kein Wort von Gareths Bericht entgehen ließ. Unauffällig lenkte er das Gespräch auf Fragen der Reichspolitik, ein Thema, bei dem sich Frauen für gewöhnlich langweilten. Doch, statt zu erlahmen, schien sich Gwens Interesse noch zu steigern. Das war interessant.
Brenneberg trank bedächtig einen Schluck Wein und musterte Gandar. »Wir haben ein Gerücht gehört, mein Herr. Ist es wahr, dass Heinrich Raspe einen Hoftag in Franchenfurt abzuhalten gedenkt?«
Die Vermutung liegt nahe«, antwortet Gandar. »Er wurde zwar auf Drängen des Papstes und mit Unterstützung der Erzbischöfe von Maintz und Köln zum Gegenkönig gewählt. Doch Konrad denkt nicht daran, seinen Thronanspruch aufzugeben.«
Brenneberg verengte die Augen. »Jesus… sie alle haben die Macht vor den Glauben gesetzt.«
Gandar zuckte ungerührt die Schultern. »Es ist kein Geheimnis, dass Raspe die Bereitschaft, sich zur Wahl aufstellen zu lassen mit einer Zuwendung der Kirche in beträchtlicher Höhe versüßt wurde.«
Brenneberg schnaubte. »Kaiser und Papst müssen dazu gebracht werden, ihre Herzen wieder zu öffnen und ihre Demut vor Gott anzuerkennen«, sagte er. »Der Kaiser muss ein Zeichen setzen, das den Heiligen Vater dazu zwingt, ihn als Bruder in die Arme zu schließen.«
»Wie stellt Ihr Euch das vor?«, fragte Gandar. »Federico ist schon mehrfach auf den Heiligen Stuhl zugegangen. Genützt hat es nichts.«
Brenneberg zog eine Braue in die Höhe. »Was ist mit Raspes Wahl? War sie überhaupt rechtens?«
Bedächtig wischte Gandar mit einem Brotstückchen Soße aus seiner Schüssel, während er über Brennebergs Frage nachdachte. »Einmal abgesehen von der schier erdrückenden Überzahl wahlberechtigter Kirchenfürsten, lässt sich die Sache theoretisch nicht anfechten. Heinrich ist jedoch offiziell noch nicht zum König gekrönt. Was, wenn es nach Konrad geht, auch niemals geschehen wird.«
»Und Raspe?«, wollte Brenneberg wissen. »Wisst Ihr etwas über seine Pläne?«
»Heinrich versucht, die Stadtväter von Franchenfurt für sich einzunehmen, indem er ihnen Privilegien und den Händlern gute Gewinne verspricht, wenn sie ihm ihre Tore öffnen. Wenn sie klug sind, lassen sie sich davon nicht blenden.«
Gandar winkte einen Diener mit einer Wasserschüssel heran, säuberte sich die Hände und trocknete die mit dem dargereichten Tuch ab. »Es war ein langer Tag. Wenn Ihr erlaubt, würden wir uns gerne zurückzuziehen.«
»Oh«, machte Gwenfrewi. »Wie schade. Dann darf ich wohl nicht auf die versprochene Schachpartie gegen Euch hoffen?«
Gandars Augen blitzen amüsiert auf. »Höre ich da ein gewisses Missfallen in Eurer Stimme, mein Fräulein?“
»Ich würde nie wagen, so etwas zu äußern, Herr Ritter.«
»Aber Ihr habt es gedacht, nicht wahr? Dass ich ein Mann bin, der große Reden führt, ohne sie zu beweisen.«
»Vielleicht«, sagte sie lächelnd.
Gandar griff nach seinem Weinbecher und machte eine einladende Geste Richtung Spieltisch. »Nun denn. Wollen wir?«
Er folgte Gwen und nahm ihr gegenüber Platz. Eine Weile beschäftigten sie sich schweigend mit ihren Spielfiguren. Gandar fand sein stilles Vergnügen darin, zu beobachten, wie sie mit gerunzelter Stirn über den Figuren brütete. Bedächtig nippte er an seinem Wein und verbarg sein Lächeln hinter dem Becher. Wie kam es nur, dass er es mit einem Mal kaum erwarten konnte, gegen sie zu spielen?
»Beharrt Ihr darauf, das Spiel noch für Euch entscheiden zu können?«, fragte Gwenfrewi in das Schweigen hinein.
Gandar antwortete nicht. In diesem Augenblick hätte er das auch gar nicht gekonnt. Sein Herz klopfte irgendwo ganz oben in seinem Hals. Seine Lippen formten ihren Namen. Aber er konnte ihn nicht aussprechen. Darüber war er froh. Denn wie hätte er ihr erklären sollen, was er selbst nicht verstand?
»Bitte, mein Herr, macht Euren Spielzug«, sagte Gwenfrewi.
Aus seiner Versunkenheit erwachend beugte Gandar sich über den Schachtisch und griff wahllos nach einer Figur.
Als Gwen sah, was er getan hatte, entrang sich ein kleiner enttäuschter Seufzer ihrer Kehle. Sein Spielzug war ein katastrophaler Fehler. Sie nahm seine geschlagene Figur vom Brett.
Gandar lächelte verlegen. »Ich bin wohl doch nicht so ganz bei der Sache…«
»Wie schade«, sagte Gwenfrewi. »Einen Moment lang hoffte ich, Ihr würdet es mir nicht so einfach machen…«
Er hob den Kopf und sah sie an. Seine Lippen bewahrten noch einen Schimmer seines Lächelns, aber aus seinen Augen war es wie fortgewischt. »Ich betrachte mich als gewarnt.«
»Akzeptiert«, sagte Gwenfrewi.
»Was meint Ihr?«
»Euer Fehdehandschuh. Ich glaube, Ihr habt soeben einen Handschuh geworfen.
» Hadha ahdhar«, murmelte Gandar.
»Mein Herr, ich verstehe nicht …«
»Das macht nichts. Es war nicht so wichtig …«
»So? Dann sagt mir doch wenigstens – was für eine Sprache ist das, die Ihr da benutzt habt? Dergleichen kennt man hier nicht.«
»Es war Arabisch.«
»Es klang wie – ein Lied«, murmelte Gwen. »Nach Sonne und Wärme. Spricht man es dort, wo Ihr herkommt?«
»In Palermo? Ja. Unter anderem.«
»Ist es schön da?«
»Fräulein, Ihr verliert einen Bischof. Versucht Ihr abzulenken?«
»Nein«, sagte Gwen. »Ich wüsste gerne, wo Ihr herkommt.«
Er hob den Kopf, sah sie an. Das Schweigen zwischen ihnen dehnte sich. Fasziniert beobachtete Gwen, wie seine schlanken Finger langsam und sinnlich über das Holz seiner Königin strichen. Er lächelte, so als wisse er, an was sie gerade gedacht hatte – aber seine Augen blieben wachsam. Und mit seinem nächsten Spielzug schlug er ihren Ritter aus dem Feld.
»Ach! Ihr!«, jammerte sie. »Ihr habt eine unfeine Art abzulenken.«
»Ihr solltet mehr auf – Euer Spiel achten «, sagte er grinsend.
Sie griff sich eine Figur. »Ab jetzt, mein Herr«, sagte sie, » herrscht auf diesem Spielfeld Krieg. «
Und sie machte sich auch gleich daran, ihm das zu beweisen. Scharf und gezielt griff sie seine Figuren an. Er wich aus, zog sich zurück.
»Ha, seht Ihr! Finte!«
Er verlor eine weitere Spielfigur.
»Besser Ihr gebt Euch geschlagen, Herr Ritter.«
»Warum sollte ich?«
»Vielleicht – weil es klüger wäre, mein Herr - und weniger beschämend als eine vollständige Niederlage - ich möchte Euch nur ungern einen solchen Kummer bereiten…«
»Verkauft das Huhn nicht, bevor Ihr es geschlachtet habt« , gab er in gespielter Empörung zurück.
Gwenfrewi lachte - ein glucksender, fröhlicher, glockenheller Laut, der die seltsamsten Dinge mit Gandars Körper anstellte. Ein nie gekanntes Verlangen überkam ihn – es verbrannte seine Selbstbeherrschung zu Asche, ließ in seinem Kopf nur Raum für einen einzigen Gedanken. Er wollte sie berühren - ihre Wangen, den Hals, ihre Schultern, den Ansatz ihrer Brüste … Langsam neigte er sich ihr entgegen, hob die Hand, um eine ihrer Kupferlocken …
Es war Gareth, der ihn rettete, indem er ihm übertrieben fröhlich auf die Schulter klopfte und eine Bemerkung zum Spielstand machte.
Himmel, dachte Gandar benommen, wollte ich sie tatsächlich gerade– küssen? Hier mitten in der Halle, mit den Burgleuten als Zuschauer? Jetzt bin ich wirklich verrückt …
Mehrere Herzschläge lang starrte er ausdruckslos vor sich hin, senkte dann den Blick und schluckte schwer.
»Ist Euch nicht wohl, mein Herr?«, fragte Gwenfrewi besorgt.
Gandar schüttelte langsam den Kopf. »Mir geht es gut. Bitte fahrt fort. Ihr seid am Zug.«
Energisch griff sie nach ihrem Turm und bewegte ihn vorwärts.
»Mein Fräulein, Ihr seid wirklich eine unerbittliche Gegnerin«, sagte er, als sie ihm die nächste Figur wegnahm. Aber er lächelte dabei.
»Nun, ich fürchte, Eure Niederlage lässt sich nicht mehr aufhalten, mein Herr.« Ein triumphierendes Lächeln lauerte in ihren Mundwinkeln, unschlüssig, ob es sich wirklich zeigen sollte.
Ungeduldig wartete sie, bis er seinen Spielzug abgeschlossen hatte. Hob die Hand, um nach ihrem Läufer zu greifen. Und verharrte mitten in der Bewegung über dem Spielfeld.
»Matt«, sagte er. Ganz sachlich.
Sie starrte verwirrt auf das Spielfeld. »Aber das - das ist gar nicht möglich!«
»Doch«, sagte er. »Ihr, mein Fräulein sitzt in der Falle. Wo immer Ihr auch hinzuziehen versucht - ich kann Euch schlagen.«
»Ich sehe, was Ihr meint«, sagte sie düster. »Ihr habt mich zum Narren gehalten …«
Er griff nach ihrer Hand, um ihr beim Aufstehen zu helfen. Die Berührung ließ seine Finger prickeln und er hatte das Gefühl, dass sie verbrannt wurden.
»Es war nicht leicht, Euch zu schlagen … ich bedaure, wenn ich Euch damit Kummer bereitet habe …«
Sie kaute nachdenklich auf ihrer Lippe. »Es war eine von langer Hand gestellte Falle, nicht wahr? Ihr habt in Kauf genommen, wie ein Narr dazustehen, um mich in Sicherheit zu wiegen..«
Gandar verbeugte sich vor ihr. »Ich bitte um Vergebung.«
Brenneberg näherte sich, um den Ausgang der Schachpartie zu erfahren. »Habt Ihr tatsächlich verloren, Tochter! Na, das ist aber einmal ein seltenes Ereignis. Denkt nicht, dass ich darüber allzu traurig bin!«
»Nein, Herr Vater«.
„»Nun schmollt nicht, Kind. Begebt Euch lieber zu Bett. Es ist spät.«
»Ja«, sagte Gandar und wechselte einen schnellen Blick mit Gareth. »Wir würden uns jetzt ebenfalls gerne zurückziehen.«
Brenneberg nahm einen Kerzenhalter vom Tisch. »Ich zeige Euch Euren Schlafplatz, meine Herren.«
»Empfangt meine Wünsche für eine gute Nacht, mein Fräulein«, sagte Gandar.
Gwenfrewi antwortete nicht. Aber ihr Blick blieb auf ihm haften, bis die Tür hinter ihm zugefallen war.





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    Eine weitere spannende Geschichte stellst du hier vor, die durch Lebhaftigkeit und gut gezeichnete Persönlichkeiten beeindruckt!

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