Part II

Jetzt oder nie. In vollem Bewusstsein ihr Handeln später noch zu bereuen streifte Skadi die Kapuze über und sank auf die Knie. Hastig kehrten ihre Hände einen Haufen Staub zusammen und zeichneten Runen auf den Boden. Es gab nur eine Möglichkeit um dem Jungen eine faire Chance zur Flucht zu geben, ohne selbst ins Kreuzfeuer zu geraten: Sie brauchte einen Überraschungsangriff. Oder noch besser, den Anschein eines Angriffes. Leider hatten ihre Zauberkünste bisher wenig Talent auf diesem Gebiet bewiesen und es wäre zu riskant, allein auf das Gelingen einer Täuschung zu vertrauen. Sie hoffte inständig,  dass ihr Improvisation mehr liegen würde als Illusion.

Während sie einzelne Steine aufpickte, bohrten sich die ersten misstrauischen Blicke in ihren Nacken. Sie beugte den Oberkörper noch dichter über ihre Arbeit, damit niemand die Beschwörung vor ihrer Zeit durchschauen konnte. Mit schweißnassen Händen platzierte sie die Steine im Staub, warf noch einen flüchtigen Blick in Richtung des Jungen. Seine Befreiungsversuche hatten stark nachgelassen und mittlerweile ähnelte das blasse Gesicht einer Totenmaske. Es war nur noch eine Frage der Zeit, bis er das Bewusstsein verlor.

Ihre Finger flogen über die Erde, malten hier noch eine Rune  und rückten dort einen Stein zurecht, bis sie einigermaßen mit ihrem Werk zufrieden war. "Loikat veek Maerandi ", flüsterte sie und versuchte jede Silbe zu betonen. Allerdings war es ihrer Konzentration wenig hilfreich, dass keine zwei Meter neben ihr ein pummeliges Mädchen den Finger hob um auf Skadi zu zeigen. Mit aller Macht lenkte sie ihre Gedanken wieder auf die Sentenz, wiederholte die Worte wie ein Gebet. Der Weg zu der Ebene aller Geister öffne sich mir, er öffne sich mir, er öffne sich... Quälend langsam verstrichen die Sekunden, bis sie endlich die vertraute Kälte spürte, als wären ihre Hände bis zu den Gelenken in Eiswasser getaucht. Sie war mit der Geisterwelt in Verbindung getreten. Wortlos kontaktierte sie jedes erreichbare Wesen und bat verzweifelt um einen Bereitwilligen, der in ihrer Welt Form annehmen würde. Es war keine große Überraschung, dass ihr Bitten zunächst abgelehnt wurde. Die Körperlosen konnten die Gefühle des Beschwörers spüren und wurden durch Skadis Angst verschreckt. Sie atmete tief durch, riss sich noch einmal zusammen und verbannte die Umgebung aus ihrem Bewusstsein. Wenn nicht bald etwas passierte wäre das ohnehin ihr Ende; ein nüchterner Gedanke, der seinen Zweck jedoch erfüllte und sie in eine stoische Ruhe versetzte. Da nahm sie die Bereitschaft eines Erdgeistes wahr und zog ihn sanft zu dem in aller Hast vorbereiteten Gefäß. Erst bewegten sich die Kiesel, schlugen wie Magnete zusammen und bildeten Gliedmaßen, Panzer sowie Augen, dann erhob sich der gedrungene Körper aus Staub und Erde. Mit zitternden Händen nästelte sie einen weiteren Stein aus dem Beutel, welchen sie in einer ihrer vielen Manteltaschen versteckt hielt. In die glatte Oberfläche war ein Zeichen geritzt; eine gerade Linie, die mehrfach von zwei anderen gekreuzt wurde. "Soweit so gut", schoss es ihr durch den Kopf, doch der schwierige Teil fing gerade erst an.

 Kaum hatte der Geist seinen neuen Körper bezogen presste sie den Runenstein fest auf dessen klobigen Kopf und fokussierte ein Bild vor ihrem inneren Auge. "Enskaipa", hauchte sie. Mit einer gewaltigen Explosion zerbarst das Wesen und löste sich in dichten, schwarzen Nebel auf. Skadi konnte nicht sehen wie weit der Dunst reichte doch den panischen Schreien nach zu urteilen war ihr Plan aufgegangen. Sie warf noch einen letzten Blick in Richtung des Gefangenen, konnte aber kaum die eigene Hand vor Augen sehen. Das war ohnehin alles was sie hätte tun können und jetzt wurde es aller höchste Zeit, Reisaus zu nehmen. Einen Weg durch die hysterische Menge schlagend sah sie, wie der Rauch sich über dem PLatz zu formen begann.Er hatte gewisse Ähnlichkeit mit dem Vorderteil eines Hirsches,dessen Geweih allerdings stark deformiert war. Eigentlich hatte Skadi das Bild eines Wolfes an den Himmel werfen wollen, aber der Effekt war wohl der selbe. Der Geist schien jedenfalls Gefallen an seiner Rolle des schauderhaften Ungetüms zu finden. Er warf die Flanken in die Höhe und hob den Kopf zu einem stummen Aufschrei. Der Wind hatte bereits begonnen seine Konturen zu verwischen,  doch Skadi entgingen die langen Fangzähne nicht, welche aus dem weit geöffneten Maul herausragten. "Wenigstens etwas hat dieses Ding von einem  Wolf ", dachte sie und tauchte durch die geschwärzte Luft, wo keiner ihr verräterisches Grinsen sah.
Sie rannte durch die verwinkelten Gassen und hielt erst an als ihre Beine aufgaben. Mit letzter Kraft warf Skadi sich in den Schutz einiger Weinfässer, die  im Schatten eines Hauses standen. Es brauchte einige Minuten der Erholung bis sie, noch immer schwer atmend, aufstehen und sich orientieren konnte. Die Häuserfassade machte einen unbekannten Eindruck, doch über den Dächern ragte die Spitze des Vrenduir-Turms wie ein Wegweiser heraus. Trotz der vielen Abzweigungen hatte sie sich nicht allzu weit vom Skaldenhof entfernt und würde es noch rechtzeitig zur Verabredung schaffen. Der heutige Tag hatte ihr wieder einmal gezeigt, dass ein ruhiges Leben auf dem Land der Stadt vorzuziehen war. Dort gab es weder Zwischenfälle noch böse Überraschungen. Aber das Schicksal hatte etwas anderes im Sinn, dass hatte ihr Vater schon gesagt als Skadi noch ein kleines Mädchen war  und es seitdem dutzende Male wiederholt. "Du hast ja Recht." In einer entschuldigenden Geste führte sie die Hand zur Stirn, als stünde er direkt vor ihr. "Ich werde meine Bestimmung nicht in Frage stellen."

Auf dem Rückweg erkannte Skadi in einigen Gesichtern die Marktbesucher wieder. Sie wirkten immer noch zutiefst erschüttert und tauschten die wildesten Vermutungen über das soeben Geschehene aus. "Das war ein Fylgja, der Junge muss ihn herauf beschworen haben!" Die Stimme gehörte zu einer  pompösen Frau, an deren Körper von den gefärbten Haarspitzen bis zu den geschmückten Schuhen einfach Alles falsch wirkte. Offenbar war sie es gewohnt ihre Meinung in großem Stil zu verkünden, jedenfalls wusste sie das Gesagte mit überschwänglicher Gestik zu unterstreichen und machte wann immer möglich eine übertrieben lange Pause. "Das habe ich schon einmal gesehen. Solche Kreaturen sind unkontrollierbar und machen alles im Umkreis von hundert Metern dem Erdboden gleich. Du kannst von Glück sagen, dass wir da heil raus gekommen sind. Nur die wenigsten überleben einen solchen Anblick!" Der Mann in ihrer Begleitung hing förmlich an ihren Lippen und nickte so heftig,  dass er Skadi fast umgerannt hätte. Von der Aufmerksamkeit angestachelt schwoll ihre Stimme zum Dröhnen eines Nebelhorns an. "Diese Schattenbiester sind eine Gefahr für unser aller Leben! Man sollte das Tor in tausend Stücke sprengen und verbrennen was noch davon übrig bleibt. Ich verstehe nicht wie die Götter es zulassen können, so eine Gefahr in aller Welten frei herumlaufen zu lassen! Und dieses faule Jägerpack tut auch nichts anderes, als von morgens bis abends in der Taverne zu sitzen und Met zu saufen. Nicht einmal zu dritt konnten sie dem kleinen Monster Einhalt gebieten! Wenn ich in der Position eines Asen stünde, hätte ich sie schon längst...", doch bevor Skadi erfahren sollte was die Dame schon längst getan hätte, wurde ihre Stimme vom Rauschen der Stadt verschluckt.  
Auf das wichtigtuerische Gerede solcher Leute war nichts zu geben, dass wusste Skadi, und doch konnte sie die Wut in ihrem Bauch nicht unterdrücken. Diese Halbriesin oder was auch immer sie war hatte doch keine Ahnung wovon sie da sprach. Ein Fylgja? Im Leben hatte die noch keinen gesehen. Sonst hätte sie gewusst, dass die Schutzgeister so rein wie das Mondlicht selbst waren, und genauso ungefährlich. Wenn man sie nicht reizte. Außerdem wucherten sie keine drei Meter in die Höhe um nach wenigen Sekunden wieder zu verschwinden. Wegen ihrer Unwissenheit über ein Volk, das sie so schnell zu verurteilen bereit war, empfand Skadi eine tiefe Abneigung gegenüber dieser Person. Dass die Frau die Illusion als solche nicht erkannt und völlig falsch interpretiert hatte, trug womöglich seinen Teil dazu bei.

Zum zweiten Mal an diesem Tag hatte Skadi die Straße des Skaldenhofes erreicht und observierte die schwere Eichentür von der anderen Häuserseite aus. Zuvor war sie einmal um das Gebäude herum geschlichen, hatte aber niemanden angetroffen. Dennoch wäre es keine gute Idee einfach hinein zu spazieren, wo die Jäger nach ihrem Spektakel doch allen Grund hatten den Aufenthalt in der Stadt zu verlängern. Diese Leute waren weitaus erfahrender mit Schattenmagie als die einfältigen Stadtbewohner und ihnen musste klar sein, dass dem Jungen geholfen wurde. Wahrscheinlich berieten sie in der Taverne gerade ihr weiteres Vorgehen. Oder Skadis Bestrafung. Vielleicht waren die Draugen mit ihren schwarzen Augenhöhlen und dem fauligen Atem doch gar keine so schlechte Wahl?  Nichtsdestotrotz näherte sie sich dem niedrigen Fenster an der Seitenwand des Wirtshauses. Den geheimen Zugang hatte ihr Peiks Tochter Kiris einmal gezeigt, nachdem sie von Skadi beim nächtlichen Herumtreiben erwischt wurde. Das einzige, was jetzt noch zwischen ihr und dem Kellergewölbe stand waren die dicken Gitterstäbe, von denen sich zwei Stangen lockern und zur Seite schieben ließen, sodass ein schmaler Körper hindurch gleiten konnte. Das war einer der Gründe, aus denen Skadi ihre schmächtige Figur für äußerst nützlich befand.

Der Kellergeruch war eine Mischung aus süßlichem Wein und erdigem Moder. Es viel gerade genug Licht durch die Gitter um die gespenstischen Silhouetten an den Wänden tanzen zu lassen. Einmal hatte sie Kiris etwas taktlos gefragt, ob das Gewölbe in der Nachtschwärze weniger schaurig war. Das Mädchen riss darauf hin den Mund und die grünen Augen soweit auf, dass sie stark an einen Fisch auf dem Trockenen erinnerte. Nervös hatte sie in Richtung ihres Vaters geblickt, der jedoch von alledem nichts mitbekommen hatte. Einer Antwort blieb sie Skadi bis heute noch schuldig.

Der Lärm über der Kellerdecke schwoll an, als sie sich der Bodenklappe näherte. Dem Tumult nach zu urteilen mussten sich zehn oder zwanzig Mann im Haus befinden. Zwar führte die Tür zunächst in den Vorratsraum, doch gleich dahinter lag die Gaststube, wo der Ausschank den einzigen Sichtschutz bildete. Um in die stumme Gasse zu kommen musste Skadi einmal den halben Raum durchqueren und über die Treppe in die privaten Zimmer von Peik gelangen. Wenn sie es einmal bis dahin geschafft hatte wäre der Abstieg über die Dächer der Stallungen kein Problem mehr. Sie zermarterte sich den Kopf und zog jede noch so abwegige Idee in Erwägung, kam jedoch zu keinem Ergebnis. Allmählich wurde die Zeit knapp, wenn sie den Kunden nicht bald aufsuchte würde das Geschäft platzen. Zum wiederholten Mal ließ sich Skadi auf die Kellertreppe sinken und legte das Gesicht in die Hände. So ungern sie es zugab, den Handel abzusagen schien der einzige Ausweg zu sein. Es gab einfach keine Möglichkeit unbemerkt an den Jägern vorbei zu kommen. Sie öffnete die Finger und starte zwischen den Absätzen der hölzernen Stufen zu Boden. Eine Weile betrachtete sie das große Stück Stoff unter ihren Füßen, bis sie darin Kiris tannengrünen Umhang erkannte. Sie musste ihn hier deponiert haben um im Haus vor ihren Streifzügen nicht aufzufallen. Vielleicht nicht für dich säuselte eine leise Stimme in ihrem Hinterkopf und brachte Skadi auf eine Idee, die so verrückt wie genial erschien. Bevor der Mut sie wieder verlassen konnte öffnete sie die Klappe und spähte durch den Schlitz in einen leeren Raum. Sie schlüpfte durch die Öffnung und versteckte sich zwischen den überfüllten Regalen neben dem Ausgang. Von dort aus konnte sie durch den Spalt der angelehnten Tür in den großen Raum sehen, wo etliche in schwarze Mäntel gehüllte Männer saßen, standen, tranken und grölten. Die restlichen acht oder neun Jäger besetzten dicht gedrängt einen Tisch in der hinteren Ecke des Raumes und waren in ihre Unterhaltung vertieft. Regungslos verharrte sie im Halbschatten und beobachtete die Szene, bis endlich der gewaltige Körper des Wirtes in ihr Blickfeld trat. Er schenkte gerade die nächste Runde aus und stand mit dem Rücken zur Vorratskammer gewandt.
Skadi näherte sich dem Spalt und hielt immer wieder inne um nach Jägern Ausschau zu halten, die ihr vorher entgangen waren. Lautlos schob sie die Tür noch ein weiteres Stück auf, doch der Wirt nahm keine Notiz von ihr. Einen leisen Fluch ausstoßend starrte sie seinen haarlosen Hinterkopf so eindringlich an, dass er ihren Blick einfach spüren musste, jedoch ohne Erfolg. Verzweifelt ließ sie den Blick nach der Lösung ihres Problems durch den Raum schweifen und war positiv überrascht, als sie diese fand.
Langsam kullerte ein Ei durch den Türspalt, trudelte jedoch aus seiner Bahn und kam einen halbem Meter neben dem Hauswirt zum stehen. Das Nächste folgte nur einen Moment später, rollte diesmal auf die andere Seite und wurde dieses Mal erfreulicher Weise bemerkt. Verwirrt kratzte Peik seinen dichten Bart und hob erst das eine dann das andere Ei auf, um sie zurück in die Kammer zu bringen. Als er die Tür aufschlug drückte Skadi sich tiefer in die Schatten um nicht vom Licht der Stube erfasst zu werden. Der Riese wanderte geradewegs an ihr vorbei und legte das Gut an seinen Platz. Jetzt erst lehnte sich Skadi aus ihrem Versteck und zischte ihn an, dass Peik einen Satz machte und fast das Regal umwarf. "Was zum..?" Er starrte Skadi an als wäre sie seine verstorbene Großmutter, besann sich jedoch ihrer Situation und schloss hastig die Tür. "Was im Namen Odins machst du denn hier? Willst du uns beide umbringen?" Skadi hatte Verständnis für seine Empörung, doch dafür war gerade keine Zeit. "Du musst mir helfen", flüsterte sie so schnell, dass sich die Worte fast überschlugen.

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