Dunkelheit umfing Pepo, der hinter dem Vorhang wartete. Er wusste, dass er nicht allein war. Sie warteten auf ihn. Dort, auf der anderen Seite der Dunkelheit. Das leise Rauschen, das durch den Vorhang zu ihm durchdrang, verriet sie. Wenn er sich ganz stark konzentrierte, konnte er sogar einzelne Wortfetzen ihrer geflüsterten Unterhaltungen hören. Er hatte die Augen geschlossen und atmete mehrmals tief durch. Sein Herzschlag beruhigte sich wieder und auch die Hände hörten auf zu zittern. Im Kopf zählte er langsam bis zehn und trat hinaus ins Licht. Der rauschende Applaus der Menge brach wie eine Flutwelle über ihm zusammen. Vereinzelte Pfiffe der Begeisterung und Rufe seines Namens drangen zu ihm durch, ließen sein Herz wieder schneller schlagen. Er durfte sie nun nicht enttäuschen.

Als die Vorstellung erfolgreich beendet war, verschwanden die Lichter wieder hinter dem Vorhang. Der Applaus der Menge drang wie das ferne Rauschen des Meeres an seine Ohren und wurde immer leiser, während er langsam zum Ausgang ging. Er blieb kurz stehen. Seine Hände zitterten wieder und es fiel ihm schwer, dies unter Kontrolle zu bringen. Obwohl seine Vorstellung vorbei war, konnte er noch nicht aufatmen, denn nun kam der schwerste Teil des Abends: Er musste sich der Menge hautnah stellen und sich anfassen lassen. Gott, wie er diese Momente hasste! Er seufzte kurz, rang sich ein Lächeln ab und ging weiter.

Kaum trat er heraus, wurde er schon von lachenden Kindern umringt. Manche wollten ein Autogramm von ihm, andere wurden von ihren Eltern animiert, ein Foto mit Pepo zu machen. Wieder andere wollten beides. Er fügte sich seinem Schicksal und erfüllte nahezu jeden Wunsch, während er wartete, dass sich der Menschenschwarm verflüchtigt. Als die letzten Besucher gingen und sich der Platz langsam leerte, winkte er noch zum Abschied. Nach Verschwinden des letzten Kindes in der Nacht, die außerhalb des erhellten Kreises der Lichterketten lag, ging er in seinen Wohnwagen.

Wie immer lehnte er sich mit dem Rücken an die geschlossene Tür. Er hatte trotz all seiner Sorgen das Publikum wieder amüsiert. Nicht zum ersten Mal kam die Frage auf, wie lange er das noch durchhalten würde. Mit jedem Mal fiel es ihm schwerer, sich zu konzentrieren und auf das Publikum einzugehen. Mit jedem Mal fühlte er sich anschließend erschöpfter. Er griff nach einem kleinen gerahmten Bild, das auf einem Tischchen neben der Tür stand. Es war ein Gruppenfoto, das Pepo gemeinsam mit seinen Freunden Pinky, Bellino und Rico zeigte … Ein Bild aus einer besseren, glücklicheren Zeit. Sanft strich er mit dem Daumen über das Glas, hinter dem das Foto langsam verblich. Er erinnerte sich an die Zeit, als er sich noch nicht so leer fühlte wie jetzt. Damals hatte er noch Freunde. Je länger das Foto von ihm betrachtet wurde, desto stärker drangen die Erinnerungen an die Oberfläche seines Bewusstseins. Immer noch an die Tür gelehnt, sank er langsam zu Boden.

Es fing damit an, dass Bellino eines Nachts seine Sachen packte und einfach verschwand. Niemand wusste, wohin er ging. Nicht mal einen Abschiedsbrief hinterließ er. Es war, als hätte er nie existiert.

Rico konnte es nicht verkraften, ertränkte seinen Kummer in billigem Fusel und soff sich zu Tode, ehe Pinky mit einem Knall und einem großen, roten Fleck an der Wand aus Pepos Leben ging.

Tränen tropften auf das Glas des Bilderrahmens und Pepo zitterte wie Espenlaub. Wie ein großer, schneller Schnitt hatte der Tod das Band der Freundschaft brutal zwischen den Vieren durchtrennt. Nachdem er sich wieder beruhigt hatte, stand er auf und ging zu seinem Schminktisch, auf dem er das Foto abstellte. Das Licht der Lampen, die den Spiegel umrahmten, stach in seine Augen und ließ ihn schmerzerfüllt blinzeln. Regungslos betrachtete er sein eigenes Spiegelbild. Jedes einzelne Detail wurde gemustert, angefangen bei den Haaren über die Augen, seinem Mund und seiner Nase. Seine große, rote Nase.

Wütend riss er sie sich aus dem Gesicht und warf sie in die entfernteste Ecke des Wohnwagens, ebenso die viel zu großen, quietschenden Schuhe, die ihn wie einen Pinguin watscheln ließen. Nur seine Perücke nahm er vorsichtig ab und legte sie achtsam auf den dafür vorgesehenen Platz. Sie war ein Geschenk von Pinky und neben dem Bild das einzige, was ihn noch an die schöne Zeit erinnerte. Erneut blickte er in den Spiegel, um den wahren Pepo zu betrachten. Im Gegensatz zur grellen Farbe der Perücke war sein richtiges Haar schwarz wie die Nacht und bildete einen starken Kontrast zum geschminkten Gesicht, in dem die kleine Nase, die meistens von einer übergroßen, roten Knolle verdeckt wurde, fehl am Platze wirkte.

Langsam begann er sich abzuschminken, als erstes war sein Mund dran. Dieser verfluchte, rote Mund, der immerzu lachte, egal ob er es ernst meinte oder am liebsten weinen würde! Ein Clown muss lachen und darf nicht traurig sein. So lauten die Regeln, was unter der Schminke steckt, ist den Menschen egal. Kaum wurde die Farbe abgetragen, kamen Lippen zum Vorschein, geprägt von einem bitteren Zug, der sich über das ganze Gesicht zog.

Danach stand er auf, zog das Kostüm aus, warf sich einen Bademantel über und schaltete das Licht am Spiegel aus. Er nahm das Bild mit und ging zu seinem Bett, auf dem er sich ausstreckte. Auf der Brust ruhte das gerahmte Foto, während er seinen eigenen Gedanken nachhing. Erneut fragte er sich, wie lange er noch durchhalten würde, ehe auch seine Zeit gekommen war. Wie hatten die anderen Mitglieder des Zirkus es noch mal genannt? Ach ja, Clownskrankheit. Immer nur Lachen und Fröhlichkeit vortäuschen, unabhängig davon, wie es einem wirklich geht. Das macht einen irgendwann einfach kaputt, aber die Vorstellung musste ja weitergehen. Die Menschen wollten amüsiert werden.

Pepo seufzte schwer, denn er wusste, dass auch er irgendwann den Zirkus auf irgendeine Art verlassen würde. Aber man würde einen neuen Clown finden und ihn daher niemand vermissen. Diese Tatsache machte ihn noch trauriger. Er zog sich die Decke über den Kopf, rollte sich zu einem Ball zusammen und weinte sich leise in den Schlaf.

Eine leichte Berührung an seiner Schulter weckte ihn. Pepo fuhr erschrocken hoch. Verwundert rieb er sich die Augen. Vor seinem Bett stand Bellino und lächelte ihn an. Auf die Frage, warum er zurückgekehrt sei, antwortete er nur mit einem einladenden Winken und ging zur Tür. Pepo lag immer noch im Bett und starrte seinem alten Freund hinterher. Als dieser die Tür öffnete, sprang Pepo heraus und eilte ihm nach.

Draußen vor dem Wohnwagen standen drei Clowns an einem kleinen quietschbunten Auto. Pepo erkannte sie alle. Seine Freunde waren wieder zurückgekehrt und luden ihn ein, sie zu begleiten. Nacheinander stiegen alle in das Auto und fuhren los. Während der Zirkus im Rückspiegel immer kleiner wurde, fühlte Pepo sich erleichtert. Es war, als hätte jemand eine sehr große Last von seinen Schultern genommen. Als auch die Spitzen des Zirkuszelts außer Sicht waren, schlich sich ein ehrliches Lächeln in sein Gesicht.

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