Perspektive

Yuu ging durch die unterirdische Stadt und sah sich um. Es war alles anders, als er es in Erinnerung hatte, doch er war auch lange nicht dagewesen. Es war nicht ungewohnt für ihn, durch die Straßen zu gehen, doch nun war es das erste Mal, dass er auf der gleichen Ebene wie die Vampire stand. Krul Tepes hatte bei ihrer Ankunft gesagt, dass er den gleichen Rang wie Mika haben würde, was, soweit Yuu es verstanden hatte, recht hoch war. Er blickte auf die Vampire, die geschäftig ihren Tätigkeiten nachgingen. Zwischen ihnen liefen Kinder herum, die sich in der Stadt frei bewegen durften. Ein Laden, in dem Schwerter verkauft wurden, erweckte seine Aufmerksamkeit und so ging er etwas näher heran, um die Stücke zu begutachten. "Ah, der kleine Yuu", begrüßte der Vampir ihn, als er eintrat. "Du…du kennst mich?", fragte Yuu verwirrt. "Aber natürlich, wie sollte ich dich vergesse. Du hast mir so oft Fragen über meine Schwerter gestellt, ich erinnere mich noch gut daran", meinte der Vampir grinsend und Yuu erinnerte sich, dass er tatsächlich mal jemanden deswegen gelöchert hatte. "Wie ich hörte bist du jetzt in den oberen Reihen", fuhr der Ladenbesitzer fort. "Die oberen Reihen?", fragte Yuu neugierig. "Nun ja, der Adel. Ich habe noch nie erlebt, dass ein Mensch einen solchen Rang erreicht hat. Aber naja, seit Königin Krul zurück ist hat sich in der Tat viel verändert. Manche sagen ja auch, dass das mit dem lebenden Nachthimmel zu tun hat", erzählte der Vampir dem Jungen achselzuckend. "Omnix?", hakte Yuu nach. "Nenn ihn wie du willst", antwortete der Ladenbesitzer grinsend. "Wenn ich störe, dann kann ich wieder gehen", meinte Yuu vorsichtig und der Vampir lachte. "Aber nicht doch. Schau dich nur um." "O-obwohl ich ein Mensch bin?", fragte Yuu überrascht. "Juckt mich doch nicht, was du bist, in diesem Laden ist jeder willkommen. All diese Beißer da draußen, die Menschen so hasserfüllt betrachten sind meiner Meinung nach zu lange nicht aus ihren Särgen gekommen", antwortete der Ladenbesitzer ihm. Yuu nickte vorsichtig und sah sich um. Bald war er bei einem Schwert angekommen, welches ihn sehr an das von Mika erinnerte. "Ah sieh mal einer an, interessierst du dich also für die Sauger", stellte der Vampir fest. "Sauger?", fragte Yuu nach. "Jup, die können aber nur von Ahnen verwendet werden. Sie können auf Befehl hin das Blut ihres Trägers saugen und ihn so mächtiger machen." "Aber mein Bruder hat auch so ein Schwert", meinte Yuu. "Dein Bruder ist ja auch ein Ahne", kicherte der Vampir und Yuu sah ihn überrascht an. "Er wurde von Krul Tepes, ihres Zeichens eine dritte Ahnin verwandelt, nicht wahr? Das macht ihn zu einem siebten Ahnen, wenn ich mich nicht irre", erklärte er ihm. "Wusstest du etwa nicht, was für eine hohe Stellung dein Bruder hier bei uns hat?", fragte der Vampir ihn verwirrt und Yuu schüttelte den Kopf. "Aber er war doch ein Mensch, wie kann er dann so hoch gestellt sein?", fragte Yuu zurück. "Kleiner, wir waren alle mal Menschen. Auf die jungen Vampire wird gerne mal herabgesehen, das ist wahr. Aber so versuchen die Älteren nur zu überspielen, dass sie selbst mal genauso waren. Meiner Meinung nach vollkommen bescheuert." Yuu bedankte sich für die Erklärung und steckte das Schwert wieder zurück an seinen Platz. Dann verließ er den Laden, wobei der Vampir ihm nachrief, ihn gerne mal wieder zu besuchen. "Ich schaue mal, ob ich bis nächstes Mal was auftreiben kann, was auch du führen kannst!" Damit ging Yuu weiter durch die Straßen der Stadt, wobei er stets auf das Treiben um ihn herum achtete. Er kam an einem alten Vampir vorbei, der den jungen Menschenkindern Geschichten erzählte und an einer Gruppe Kinder, die sich aufgeregt bei einem Vampir bedankten, der ihren Apfel davor gerettet hatte von einer der Brücken in die tiefere Ebene zu fallen. "Passt gut auf euer Essen auf", meinte der Vampir grinsend, wobei seine scharfen Eckzähne aufblitzten. "Werden wir. Tut uns leid", antwortete einer der Kinder leise und der Blutsauger wuschelte ihm durch die Haare. "Ach schon gut, sowas passiert manchmal. Macht es nächstes Mal besser. Und jetzt ab mit euch ihr Rasselbande." Die Kinder nickten eifrig und liefen weiter, wobei einer von ihnen gegen Yuu prallte. "V-Verzeihung Sir", stammelte der Junge und lief dann weiter seinen Freunden nach. "Vergebt ihnen, sie sind noch jung", meinte der Vampir und trat zu ihm. "Es ist nichts passiert", meinte Yuu leise. "Oh, ich kenne Euch. Ihr seid doch der neue Schützling der Königin", meinte der Vampir plötzlich und schüttelte seine Hand. "Ich bin Raven, sehr erfreut Euch kennen zu lernen." "Yuu", stellte sich der Junge knapp vor. "Ihr habt ihnen geholfen. Warum?", fragte er dann. "Es ist doch selbstverständlich jemandem zu helfen, der Probleme hat", antwortete Raven ihm. "Obwohl es Menschen sind?", hakte Yuu nach. "Es scheint, als würdet Ihr Menschen nicht sehr hoch schätzen, obwohl Ihr selbst einer seid", meinte er Vampir plötzlich und Yuu zuckte zurück. "Kann es sein, dass Ihr von uns Vampiren erwartet, dass wir Menschen hassen?" Yuu sagte nichts, biss sich jedoch auf die Unterlippe. "Ich verstehe", murmelte Raven. "Nun ja, ich kann Euch nichts vorwerfen, wahrscheinlich habt Ihr nie etwas anderes gelernt, oder einmal eine schlechte Erfahrung gemacht, aber Ihr solltet versuchen, diese Perspektive von uns etwas zu verändern. Ich wünsche noch einen schönen Tag." Damit neigte er lächelnd den Kopf und setzte seinen Weg fort. Yuu sah ihm nach, bis er ihn nicht mehr in der Menschen…äh ich meine Vampirmenge ausmachen konnte. "Und hast du genug gesehen?", fragte da eine Stimme hinter ihm und der Junge schrak zusammen. Er drehte sich um und erkannte die leuchtende Gestalt von Omnix, die vor ihm stand. Der Reinkarnitor sah ihn gutmütig an. "Komm, gehen wir ein Stück."
"Ich denke du hast jetzt begriffen, dass du nicht ganz richtig lagst. Es gibt gute Menschen und schlechte Menschen, genauso wie es auch gute Vampire und schlechte Vampire gibt", meinte Omnix, während er mit Yuu durch die Straßen ging. "Na schön, ich gebe zu, dass du vielleicht recht hattest", grummelte der Junge. Omnix sah ihn zufrieden an. "Das ist schon mal ein guter Anfang", meinte er. "Der Trick ist es, den Personen aus dem Weg zu gehen, die schlecht für dich sind. Und wenn du sie doch einmal triffst, dann vergiss niemals, dass nicht alle so sind." Damit ging Omnix weiter und Yuu folgte ihm hastig. "Und…und warum ist dir so wichtig, dass ich das einsehe?", fragte er schließlich. Der Reinkarnitor blieb stehen und drehte sich zu ihm um. "Nun ja…wegen einigen Umständen, die es schon bald nötig machen werden, dass du deine Perspektive änderst", antwortete er dem Jungen, der ihn verwirrt ansah. "Was für Umstände?", fragte er misstrauisch. "Nun ja…es betrifft Krul und Mika", begann das sternenübersäte Wesen. Das genügte. Yuu verstand sofort, was sein Gegenüber ihm mitteilen wollte. "D-du meinst…", stammelte er. Bevor Omnix antworten konnte drehte Yuu sich wortlos um und rannte los, zurück zum Palast. Der Reinkarnitor blieb alleine in der nun menschen- und vampirleeren Straße zurück. "Er ist nicht dumm. Er hat gleich richtig geahnt. Es ist besser, wenn er es jetzt erfährt, als später. Er ist noch jung. Ich bin mir sicher, dass er es irgendwann verstehen wird", seufzte er, dann hob er ab und flog davon.

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