Im Zenit meiner schwierigsten Lebensphase meinte meine verhasste, weil so heuchlerische, Klassenlehrerin stolz zu verkünden, dass sie niemals auf ihr Auto und auf den Verzehr von Fleisch verzichten könne, obwohl sie natürlich wisse, dass es schlecht für die Umwelt sei. Für mich, die in der Zeit gerade 15 Jahre alt war und allerlei Probleme damit hatte, sich einen Platz auf dieser Welt zu erkämpfen und einen Sinn des Lebens zu finden, waren diese selbstsüchtigen Worte (immerhin von einer Person mit Vorbildfunktion geäußert) der Gipfel des menschlichen Abgrundes. Aus stillem Protest heraus wurde ich von einem Tag auf den anderen selbstdesignierte Vegetarierin, wobei ich sowieso aus einem größtenteils vegetarischen Haushalt stamme und mich noch nie als passionierte Fleischfresserin bezeichnet hätte. Ich hatte es einfach getan, ohne es in Frage zu stellen. Weil Fleisch ja nicht aussieht, wie das Tier, das es einmal war. Ich weiß auch nicht, warum da erst so eine Person vorbeikommen musste, bis ich endlich aufhörte, hilflose Lebewesen zu fressen, wobei ich doch immer schon Tierfreundin aus tiefster Seele war. Irrsinnig.

Glücklicherweise war an dieser Stelle meine Reise der Erkenntnis noch nicht vorbei und ich sollte mit 17 Jahren im Zuge einer zufälligen Internetrecherche auf wirklich schockierende, aber dafür umso mehr aufrüttelnde Informationen bezüglich solchen widerlichen Dingen wie ZETA und Tierbordellen stoßen. Ich war so dermaßen wütend und gleichzeitig so hilflos und machtlos und klein – genau so wie sich Tiere fühlen, wenn sie der Willkür der Menschheit ausgesetzt sind – allein der Gedanke war (und ist) so abscheulich, dass ich mal wieder den ganzen Glauben an die Menschen verlor und sogar einen Song (siehe unten) darüber schrieb, um meinen Frust zu kompensieren.

Dank PETA fand ich einen Ausweg aus dieser Hoffnungslosigkeit und PETA brachte mir auch den Begriff Vegan näher, der mir bis dahin nur mit negativer und schalkhafter Färbung in den Medien begegnet war – ohne dass er von irgendwem erklärt oder verstanden wurde und man einfach annehmen musste, dass es sich hierbei nur um einen weiteren unnötigen Diätwahn aus Hollywood handelte. Dass mir vorher der Gedanke, tierische Produkte ganz zu streichen nie gekommen war, lag ganz einfach daran, dass ich die Zusammenhänge zwischen dem Konsum und Tierleid nicht gesehen hatte – was ja auch in Anbetracht unser verklärten Gesellschaft kein Wunder ist.

Jedenfalls wurde ich offiziell strenge Veganerin – eine vollkommen logische Konsequenz eigentlich. Die Umstellung ging sehr leicht und schmerzlos. Dem einzigen lacto-vegetarischen Nahrungsmittel, dem ich ab und an nachtrauerte, waren Süßigkeiten und Kuchen, aber auch hier haben sich mittlerweile sehr viel bessere und gesündere Alternativen gefunden.

Ich bin jetzt 20 Jahre alt und so fit und gesund wie nie zuvor, vor allem auch durch das Wissen, dass ich nicht unmittelbar zum Tierleid beitrage und aktiv dagegen vorgehe – dabei ist es weniger ein Verzicht als vielmehr ein Bekenntnis. Eine Selbstverständlichkeit, die durch unsere anonyme, abhängige und uneigenständige Lebensweise und die daraus resultierende blinde Weitergabe des ethisch falschen Kulturerbes an nachfolgende Generationen unter den Teppich gekehrt wird und erst wieder in den Köpfen frei denkender Individuen auftauchen kann, wenn diese auf dem Weg aus ihrer „selbst verschuldeten Unmündigkeit“ (um es mit den weisen Worten Kants zu sagen) ihren Geist öffnen und die gegebenen Dinge, die sie von Geburt kennen, von Grund auf auseinandernehmen und hinterfragen und somit sich von allen bisherigen subjektiven Eindrücken und vorgefertigten Meinungen lösen (man denke an den guten alten Lord Chandos).

Wichtig ist vor allem, dass ich einen Sinn im Leben gefunden habe und wieder Hoffnung empfinde.

Und dafür möchte ich an dieser Stelle noch einmal meinen ausdrücklichen Dank an PETA aussprechen.


„We grow up to an arbitrary ideology

Drinking milk with a self-appointed taste of life

Justifying everything we do by religion and biology

But if so – who decides?“ (Ausschnitt aus „Unnatural Skin“)


09.07.2016

Comments

  • Author Portrait

    Ich finde es super, das du deine Lebensweise so gefunden hast. Ich glaube, ein ganz großes Problem ist das, was du auch un deinem Text angesprochen hast: Fleisch sieht nicht aus, wie das Tier, aus den es besteht und wenn mit regelmäßig Fleisch auf dem Teller großgezogen wird, hinterfragt man auch nichts. Bei mir kam das Umdenken auch erst, als wir in einer Wirtschaft essen waren, die ihre Fleisch selbst produzierte und in der man vom Tisch aus durchs Fenster auf die Weiden schauen konnte. Erst da habe ich so wirklich "realisiert", dass Fleisch eben doch das Tier ist, aus dem es gemacht wird und bin seitdem auch auf die Seite der "Pflanzenfresser" gewechselt. Ich glaube auch, dass wir einen viel höheren Vegetarier-/Veganer-Anteil hätten, wenn die Leute, so wie früher ihr Fleisch selbst herstellen müssten. Das würden mit Sicherheit die meisten nicht übers Herz bringen...

beta
Fairy Dust

Navigation

Languages

Social Media