Professor S. Wain


"Hallo Professor Wain.", erwiderte Wataru die formlose Begrüßung seines Vorgesetzten. Es war schon verrückt mit ihm, wenn man schriftlich mit diesem Mann verkehrte, repräsentierte er das größte Maß an Förmlichkeit und wirkte unterkühlt. Doch wenn er mit einem direkt sprach, war er stets herzlich und ließ förmliche Distanz vermissen. Das Verhalten passte zu seiner Person, stellte Wataru fest. Dachte man an einen Professor, war es wohl allzu natürlich an einen distanzierten, kühlen Logiker zu denken. Doch traf man auf Professor Wain erkannte man, dass einem logischen Menschen auch viel Wärme innen wohnen konnte. Generell sah Professor Wain nicht so aus, als ob er wirklich die Person wäre, welche die ganze Fachwelt in Staunen versetzen konnte. Der eins siebzig große Mann mit dunkelblondem Haar, dem athletischen Körperbau und der sonnengebräunten Haut, ähnelte mehr einem Abenteuer, als einem Professor. Dieser Eindruck wurde durch das dauerhafte tragen der Khakifarbenen Uniform verstärkt. Wenn Professor Wain, so wie heute, offiziell als Professor von Pujaku auftrat, pflegte er sich einen weißen Laborkittel über seine Zoouniform zu ziehen. Da er diesen aber nie schloss, versprühte die Kombination etwas Eigentümliches.

"Ich hoffe deine Reise war nicht zu beschwerlich."

"Sie hatte ihre Besonderheiten."

"Ach? Aber für einen Reisebericht habe ich dich nicht herbestellt.", sich umsehend führte Professor Wain weiter, "Hier ist nicht der richtige Ort, gehen wir in mein Büro..."

Mit einer winkenden Handbewegung gab er Wataru die Weisung ihm zu folgen. Sie durchschritten das mächtige, steinerne Eingangstor des Zoologischen Gartens. Es schien als beträten sie eine andere Welt. Außerhalb des zoologischen Gartens herrschte das geschäftige Treiben der Megametropole Odeiko und hier innerhalb der steinernen Mauern existierte in mitten vieler grüner Anlagen eine Atmosphäre der Ruhe. Die verschlungenen, sandgelben Pfade verschwanden hinter Büschen und Bäumen, sie führten die Besucher immer tiefer in diese magische Welt. Professor Wain hatte viele wegweisende Entdeckungen gemacht und war mit seinen Mitte fünfzig sicher noch nicht am Ende seiner Kariere. Doch egal was er noch entdecken würde, dieser Garten war sein unangefochtenes Meisterwerk. Zielstrebig steuerte der Professor einen der Pfade an.

"Professor, sagten Sie nicht wir wollten in ihrem Büro sprechen?", fragte Wataru resigniert. So eben hatten sie eine Abzweigung ausgelassen an der ein Pfeil die Wegrichtung zur Verwaltung markierte.

"Dies ist mein Büro.", erwiderte der Professor ruhig, "Das Zimmer in der Verwaltung ist ein leerer Raum, nicht mehr als eine Abstellkammer."
"Eine Abstellkammer?"

"Mein lieber Wataru, ich habe dich nicht aus einer Laune heraus herbestellt, dass dachtest du dir wohl. Es ist so wichtig, dass ich kein Gerät, weder PC noch Telefon zwischen dir und mir haben möchte. Kein Brief wäre so verschwiegen, wie dieser Garten und keine Mauer aus Beton so ein guter Schutz wie die Bäume um uns herum."

"Sie scheinen etwas zu fürchten."

"Ja Lauscher."

"Lauscher?"

"Dir ist es vielleicht nicht aufgefallen, aber du wurdest den ganzen Weg über von der Pension bis hierher von zwei Leuten beobachtet. Die eine war ich und die andere gehört wohl zu jenen die ich fürchte."

Das ging Wataru alles entscheiden zu schnell. Nicht nur das sein Vorgesetzter sich seltsam paranoid verhielt, nun wurde er scheinbar selbst auch noch überwacht. Er hatte nicht gemerkt, dass ihm und Odoki gefolgt wurde. Aber wie auch in diesen Menschenmassen? Das es Professor Wain aufgefallen war, daran hatte Wataru keinen Zweifel, er kannte die scharfen Augen dieses Mannes nur zu gut. Aber warum das alles? Sie betrieben biologische Forschungen oder ging es um den Zoo?

"Nein der Zoo hat nicht wirklich was damit zu."

Wataru, der die deduktiven Fähigkeiten seines Chefs kannte, überging das Erstaunen und harkte nach: "Es geht um die Forschung?"

"Ja."

"Aber was Sie forschen wird doch immer der Öffentlichkeit zugängig?"

"Nicht immer, erinnere dich wie wir  Informationen zum Wohle von Populationen und dem Schutz vor Wilderei zurück gehalten haben."

"Da haben Sie Recht, aber..."

"Aber ich war damals nicht so paranoid, wie heute. Das willst du doch sagen."

Wataru nickte kaum merklich, es kam ihm respektlos vor so über seinen Chef zu denken, vor allem wenn dessen blaugrauen Augen auf ihm ruhten.

"Ich erläutere es dir. Erinnerst du dich, was ich dir sagte als wir uns das letzte Mal sahen?"

"Natürlich, dass war die Nacht als Odoki und ich uns begegneten. Sie sagten: "Ich will es nicht beschreien, aber die Mythen sind wohl unserer Forschung näher als wir denken." Als ich sie darauf ansprach was sie meinten schwiegen sie."

"Ich schwieg, weil ich selbst noch nicht wusste was ich meinte. Ich habe die letzten Monate damit verbracht alles mir verfügbarem Wissen über die Mythologie von Seiku einzuverleiben und Nachforschungen anzustellen. Ich weiß nicht warum ich diesen Drang verspürte, es zu tun, aber ich bin mir inzwischen sicher, dass es höchste Zeit war."

"Wofür?"

"Das zu verhindern, was ich befürchte. Sag mir, Wataru, wie gut kennst du dich mit der Schöpfungsgeschichte Seikus aus?"

"Nicht sonderlich. Ich weiß dass es einst einen Urgott Gametara gegeben haben soll, dieser erschuf zwei Welten Seiku und Akuma. Seiku ist unsere Welt, während Akuma den Göttern vorbehalten war. Jede Welt erhielt einen Zwilingsgott, der über seine zugetragene Welt wachen sollte. So teilte sich Gametara und hörte auf zu existieren. Akumatara, Herrscher über Akuma, erschuf die Götter. Seikutara erschuf nur einen einzigen."

"Warum war Seikutara so mäßig in der Erschaffung göttlicher Wesen, während sein Pendant in Akuma einen ganzen Götterstaat erschuf?"

"Meines Wissens soll Seikutara einen gigantischen Meteoriten, groß genug um unsere Welt zu zerstören, in seinem Fall auf Seiku gestoppt haben. Dadurch soll er viel Kraft verloren haben, erschuf Goryu, der über ihn wachte und fiel, so die Legende, in einen tiefen Schlaf."

"Ausgezeichnet! Du weißt gut Bescheid, wie man es von einem Professorenassistenten erwartet. Was wenn ich dir sage das Teile dieser Mythologie der Wahrheit entsprechen."

"Unmöglich."

"Und doch ist es so. Ich habe in alten Überlieferungen von den dreizehn Juwelen des Lebens und dem Hüllenstein erfahren."

"Noch nie gehört."

"Wie auch, altes Wissen findet heute nur selten Einzug in Lehrbücher. Ich bin einigen Gerüchten nach gegangen bezüglich eines dieser dreizehn Juwelen. Dir sagt dir doch sicher der Name Fleuroby etwas?"

"Die ehemalige Hauptstadt von Raja Kiriba? Sie wurde bei einer Reaktorkatastrophe vor dreißig Jahren zerstört."

"Nicht ganz, nur unbewohnbar. Es gab keine feuerbrünstige Explosion. Sondern einen Ausstrom von hoch energetischen Wellen, welche die Mutationsrate in so erhöhtem Maße steigen ließ, dass das meiste Leben an Krebsleiden zu Grunde ging. Diese Wellen sind heute noch messbar, nicht mehr so stark wie früher, aber ich würde niemandem raten länger als eine Woche dort zu bleiben. Ich war vor zwei Wochen selbst dort um meine Nachforschungen voran zu treiben. Schon damals gab es die Spekulation, dass diese energetischen Wellen einen Stein als Ursprung hatten, welcher der Kern des explodierten Kraftwerks darstellte. Ich bin gewillt diese Spekulationen zu glauben, denn dieser Stein, war nicht einfach ein Stein, es handelte sich um eines der Juwelen des Lebens. Diese Juwelen sind die dreizehn Kerne, welche Seikutara verlor, als er den Meteoriten stoppte. Bei der Explosion in Fleuroby wurde eines dieser Juwelen dann vernichtet, was zu der fatalen Strahlung führte. Nun stell dir vor es gibt noch 12 weitere dieser alles vernichtenden Steine und damit nicht genug existiert zusätzlich irgendwo der Hüllenstein. Dieser Stein soll mit der Macht der Juwelen auffindbar sein und der Legende nach handelt es sich um den letzen bestehenden Rest von Gametara. Ich möchte mich nicht zu weit aus dem Fenster lehnen, aber die Energie, welche allein in den restlichen Juwelen schlummert, könnte womöglich ein ganzes Land ausradieren. Die Macht des Hüllensteins liegt irgendwo zwischen Vernichtung der Welt und des gesamten Universums. Stell dir vor ein Mensch greift nach dieser Macht. Es würde unser aller Ende sein. Deshalb entsende ich dich und deinen Partner auf eine Reise durch Seiku um die Juwelen und den Hüllenstein zu finden. Damit wir sie vernichten können."

"Würde das nicht das Ende des Universums bedeuten?", fragte Wataru entgeistert.

"Nicht wenn wir den Hüllenstein mit den Juwelen des Lebens verbinden, es fehlt zwar einer, aber die restlichen zwölf neutralisieren den Hüllenstein so sehr, dass dessen Gefährlichkeit weit unter Fleuroby sinken würde."

"Und ich soll diese Steine suchen?"

"Ja und du bist nicht allein. Es scheint, dass noch mehr als eine Person Interesse an den Juwelen zu haben scheint. Allerdings wissen wir nicht wie deren Interesse aussieht..."

"Verstehe."

"Ich setze mein ganzes Vertrauen in dich, Wataru. Nimmst du an?"

Unbehaglich, aber geehrt, nahm Wataru die Bitte seines Vorgesetzen an. Nichts ahnend in welche Geschichte er soeben geraten war.

Comments

beta
Fairy Dust

Navigation

Languages

Social Media