Proglog

"Schau da ist er" rief ich ihr zu. "Ich habe dir doch gesagt er steht noch" und zeigte mit dem Finger den Hügel hinauf wo die alte Eiche seine Äste in die Luft streckte und das satte, grüne Laub seine Krone bildete. Wie ein König der auf sein Volk hinabblickt und eine Rede halten will stand er auf dem Hügel und die Stadt erstreckte sich dahinter. "Ich sagte doch den werden sie nie abholzen, der ist viel zu symbolisch" und stolzierte den Hügel hinauf. Das Gras unter meinen Schuhen bildete Abdrücke der Sohle und man konnte meine Schritte verfolgen. "Hier ist niemand mehr gewesen seit Jahren, seit dem sie den Zaun um den Hügel gebaut haben" stellte ich fest. Auch ich war seit Jahren fern von diesem Ort den mir ein Freund aus meiner Jugend gezeigt hatte. >Hier kannst du sie alle knallen< erzählte mir Norman damals als er mir zum Ersten mal den Hügel zeigte. Dass er da nie eine geknallt hat wusste ich ganz genau. Dafür war Norman zu schüchtern. Nach Außen tat er immer so cool aber in Wirklichkeit hätte er Angst gehabt dass jemand auf seinen blanken Arsch schaut während er hier seine Errungenschaften besteigt. Für mich war dieser Hügel und dieser Baum einfach nur ein Platz der Romantik. Ich hatte mir damals schon vorgenommen mit der Liebe meines Lebens herzukommen und den Moment zu genießen. Das klappte aber bei Sandra nicht. Hals über Kopf in sie verschossen nahm ich mir vor sie hier her zu bringen. Jedoch wurde ich den Gedanken von Normans nacktem Arsch nicht los, so dass ich mich entschied den Ort eine ganze Weile zu meiden. Dass es sich um einige Jahre handeln würde, damit hatte ich selbst nicht gerechnet. Nun aber stand ich mit Eniya hier und war ganz aufgeregt ihr den Baum zu zeigen. Mit ihr über die Stadt zu blicken und meinen Arm um sie zu legen.

"Mensch, Klasse, ein Baum" erwiderte sie während sie mit leicht genervter Miene den Hügel hinauf trabte. "Ich hoffe die Stunde für den von dir bezeichneten <Spaziergang> hat sich gelohnt. Wenn der nicht anfängt zu singen wenn ich oben angekommen bin dann such dir schon mal einen Ast aus wo ich dich erhängen werde" lächelte sie mir mit hinterhältigem Gesichtsausdruck zu.

Das hielt mich aber nicht davon ab ihr deutlich zu machen dass sie schneller machen soll und winkte mit Händen und Armen ganz aufgeregt nach unten dass sie schneller machen soll. Ich ignorierte ihren Humor mit dem sie mich am Abend des Feuerwerks-Ufer vor zwei Jahren verzaubert hatte. Ich stand an der Bar und war total betrunken und auch Norman wurde am Tag darauf auf der Damentoilette aufgefunden. Er versucht mir heute noch weis zu machen, dass er mit Begleitung da drin war aber die Abdrücke von seiner Wange am Klodeckel ließen keine andere Vermutung zu als dass er den Abend mit der Dame namens <Klobrille> verbracht hatte. Mich wunderte es auch nicht dass er vor dem Feuerwerk verschwunden war. So wie er losgelegt hatte um den Damen im Bikini zu gefallen war es nur eine Frage der Zeit bis er die Örtlichkeiten aufsuchte. Dass er sich für die weiblichen entschied stellte auch keine Überraschung dar. Ich hatte mir schon einen weiteren Tequilla-Shot bestellt und wollte diesen austrinken doch das Glas stand nicht mehr da. War es wirklich schon so weit? Erst doppelt gesehen jetzt gar nichts? Ich versuchte im schwummrigen Zustand meine Gedanken zu sortieren und des Tequillas Rätsels auf die Spur zu kommen als sie neben mir stand. Sie hielt mein nun leeres Glas in der Hand und schaute erwartungsvoll zu mir rüber. "Die Zitrone geht auf mich" sagte sie und legte das Glas wieder auf die Theke. "Und wenn du mal in den Zustand kommst wo du dich nicht wunderst warum Tequilla von Geisterhand verschwindet dann bin ich dran mit der Runde." Ohne dass ich was erwidern konnte lächelte sie mir nochmal kurz zu und verschwand auf der Party unter dem mittlerweile schon begonnenen Feuerwerk was ich jetzt erst bemerkte. Dass ich meine Runde ausgerechnet auf der Geburtstagsfeier von Meike bekam, die Eniya aus dem Kunstkurs kannte, hätte ich mir bis dahin nie erträumt.

"Nun mach schon" rief ich ganz ungeduldig und schaute ihr zu die letzten Meter bis zu mir zu wie sie sich durch die letzte Steigung kämpfte. Ihr schwarzes, langes Haar wehte dabei im Wind und traf mehrmals ihr Gesicht. Sie dachte aber nicht daran es zur Seite zu schieben und trotzdem konnte man ihre eisblauen Augen hindurch sehen. Ich reichte ihr meine Hand und zog sie nun ganz hoch zu mir. Nun streichte sie sich das Haar hinter die Ohren und ihre Augen weiteten sich als sie auf die andere Seite sah. Die Stadt mit seinen vier Wolkenkratzer lag unter unseren Füßen und der purpurne Schweif über den höchsten Dächern deutete an dass die Sonne schon hinter dem Horizont verschwunden war. "Du brauchst dir keinen Ast aussuchen" sagte sie und legte ihren Kopf an meine Schulter. "es ist wirklich wunderschön" hauchte sie nur. Wie ich es mir schon ausgemalt hatte legte ich meinen Arm um sie und drückte sie fest an mich und wir drei schauten ohne was zu sagen noch eine ganze Weile auf die Stadt und die Lichter die unser persönliches Feuerwerk bildeten. Sie, ich und der Baum.

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