Prolog

Ihre Waffen glänzten im Mondlicht und die Äste knackten leise unter ihren schweren Stiefeln, als sie durch das Dickicht schlichen. Ihr Ziel war klar. Wieder hatten sie eine gefunden und es wurde Zeit. Sie mussten handeln, bevor es zu spät war.

Die junge Frau kniete auf dem Boden, die Hände ineinander gelegt. Sie hörte sie kommen. Es war an der Zeit, sich ihnen entgegenzustellen. Sie konnte nicht noch länger davonlaufen und es verheimlichen. Man hatte sie überführt und sie war endlich soweit, ihnen ihr wahres Ich zu zeigen, sie zu verängstigen.

Sie sahen sie auf dem Boden knien. Scheinbar betend. Je näher sie schlichen, umso angespannter wurden sie, denn sie durften sie nicht unterschätzen. Ein schleifendes Geräusch ertönte, als der erste von ihnen seine geschärften Klingen aneinander wetzte. Ein jeder von ihnen war bereit, ihr das Metall ins Herz zu stoßen.

Es ließ sich nun nicht mehr vermeiden, dass sie erfuhren, wer sie war. Als sich die Schritte näherten, stand sie ganz langsam auf und sprach in Gedanken ein letztes Gebet zur Göttin. Sie brauchte Kraft, um diese Nacht durchzustehen. Jeder einzelne von ihnen brauchte diese Kraft ebenfalls. Also betete sie.

„Kreatur!“

Es klang wie das schrecklichste Wort in ihren Ohren. Es gab ihr das Gefühl, ein Monster zu sein. Aber sie war keines. Sie gehörte zu den Guten. Das würde jeder von ihnen zwangsläufig einsehen müssen. Sie hatten sie aufgespürt und waren bewaffnet, doch nicht eine dieser Waffen vermochte ihr Schaden zuzufügen. Als sie sich zu ihnen umdrehte, blickte sie in entsetzte Gesichter. Ihre Augen verrieten die Angst vor ihr. Nicht, weil sie das Wesen war, das sie vermutet hatten, sondern weil jeder von ihnen sie kannte.

Sie durften sich nicht beirren lassen, starrten ihr in die Augen und zögerten. Es traf sie wie ein Schlag, mitten ins Gesicht. Doch sie mussten es einsehen. Die Frau, die dort vor ihnen stand, durfte nicht verschont werden. Dieser Tag musste kommen. Der Tag, an dem sie jemanden töten würden, dessen Namen sie kannten.

Sie würde sich nicht wehren. Sie spielte nicht eine Sekunde mit dem Gedanken, einen der Männer zu verletzen. Dabei konnte sie es. Es wäre ein Leichtes für sie gewesen. Aber sie wusste, dass sie gute Menschen vor sich hatte. Sie wusste, wer sie waren und was sie töteten. Niemand hatte ihnen bisher verraten, dass sie einen Fehler begingen.

Der Älteste von ihnen näherte sich in großen, aber zögernden Schritten. Sie starrte ihm unentwegt in die Augen. Als sich ihre Mundwinkel zu einem sanften Lächeln verzogen, stutzte er. Er kannte sie ihr ganzes Leben lang. Sie und sein Sohn gingen jahrelang in die gleiche Schule. Er konnte kaum glauben, dass ausgerechnet sie eine von ihnen war. Eine von den Kreaturen, die er sich zu töten geschworen hatte. Er musste es tun. Nur so würde er seine geliebte Suey in Ehren halten.

Sie lächelte sie an, gab ihnen die Möglichkeit, sich davon bezaubern zu lassen. Sie hätte sie dazu zwingen können, aber sie tat es nicht. Niemand von ihnen wich zurück. In ihren Blicken lag pure Entschlossenheit. Sie breitete ihre Arme aus und richtete die Augen gen Himmel.

Er wusste nicht, was sie bezweckte. Die Situation, die sich ihm bot, war einmalig. So leicht war es noch nie gewesen. Er stand vor ihr, mit der langen Klinge in der Hand. Er musste es tun. Er hob seinen Arm und warf einen letzten Blick in ihr Gesicht. Sie hatte die Augen geschlossen, den Mund noch immer zu einem Lächeln verzogen. Ihre schwarzen Haare glänzten im Mondlicht. Er setzte die Spitze der Klinge an ihren Oberkörper an und rechnete fest mit einer Reaktion. Doch sie stand einfach nur da und rührte sich nicht. Er zog die Klinge zurück und stieß dann zu.

Sie konnte nicht leugnen, dass sie Schmerzen empfand, als sich das Metall in ihren Körper bohrte. Sie sog das Mondlicht auf und dachte an die Göttin, fühlte sich durch ihre Anwesenheit gestärkt. Als die Klinge ihren Oberkörper wieder verließ, ließ sie sich engelsgleich auf die Knie sinken und erstarrte in einer Verbeugung vor ihren Feinden.

Sie schossen an ihrem Lehrmeister vorbei, wollten alle ihren Teil zur Beseitigung beitragen. Einer von ihnen stieß sie grob an und sie fiel rücklings zu Boden.

Ihre Arme fielen neben ihren Kopf und sie öffnete die Augen. Das Mondlicht blendete sie für einen Augenblick, dann versperrten ihr die Köpfe die Sicht. Sie sah Befriedigung in ihren Gesichtern. Freude darüber, dass sie wieder eine von ihresgleichen beseitigt hatten. Sie lag einfach nur da und ließ sie in ihren Gefühlen schwelgen, bevor sie ihre Fassungslosigkeit herbeiführen musste.

Er starrte auf seine Klinge und traute seinen Augen kaum. Wechselnd, mit Angst und Unsicherheit in seinem Blick, sah er von der silbernen, glänzenden Schneide auf die Frau herab und wieder zurück. Seine Schützlinge versammelten sich um sie herum. Sie lag im Gras und rührte sich nicht. In diesem Moment wurde ihm klar, dass er sterben würde. Jeder von ihnen würde in dieser Nacht sterben. Sein Blick fiel erneut auf die Klinge in seiner Hand. Es befand sich nicht ein Tropfen Blut daran.

Ihre Augen zeigten nur ein einziges Gefühl. Sie konnte ihre Angst deutlich erkennen. Sie glaubten, etwas ausfindig gemacht zu haben, was sie schon zu dutzenden getötet hatten. Aber sie war nicht, wie die anderen. Sie war stärker, besonders. Sie war unverwundbar durch die Waffen der Männer, die vor ihr standen. Sie war geschützt durch die Magie, die in ihren Adern floss. In ihrer Welt nannte man sie eine Wächterin. In dieser Welt jedoch war sie nur eines. Sie war eine Hexe und sie sah in den angsterfüllten Blicken der Männer vor ihr, dass deshalb ihr Tod gewünscht wurde.

Es war an der Zeit, sie darüber aufzuklären, welchen Fehler sie begingen. Es war soweit, eine neue Ära einzuleiten. Eine gemeinsame Zukunft aufzubauen und einen gemeinsamen Weg zu beschreiten, um die Welten ein kleines Bisschen besser zu machen.

Und so begann sie. Die Geschichte von Thyra und den Hexenjägern.

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