Prolog

6. Mai 2004

Die junge Frau mit den wenigen roten Haaren, die ihr noch geblieben waren, und dem zerfallenen Gesicht, sieht mich durch ihre kleinen braunen Augen an. Ich brauche kein Hellseher sein um zu wissen, was ihr gerade durch den Kopf geht. Sie überlegt vermutlich, wie sie es schaffen kann, mich endlich loszuwerden um an ihr Geld zu kommen. Es wäre nicht das erste Mal dass sie das versucht. Schon oft hat sie mich an den Straßenstrich gestellt und nur darauf gewartet, dass ein hormongesteuerter Mann kommen und mich in sein Auto zerren würde um sich mit mir zu vergnügen. Nur heute will sie mich nicht einfach für ein paar Stunden loswerden, sondern für immer. Sie hat mir eine große Pappe in die Hand gedrückt, mit der Aufschrift: Zu verkaufen!

Widerstrebend halte ich sie hoch. Mit versteinerter Miene sehe ich auf die Straße und halte Ausschau nach irgendwelchen Autos. Viele fahren einfach vorbei. Ich weiß nicht, ob mich das freuen oder traurig machen soll. Was ist besser? Mit einer Drogenabhängigen Mutter zusammenzuleben, die versucht, durch die Prostitution ihrer Tochter Geld zu verdienen, oder von einem wildfremden Mann wie eine Hure behandelt zu werden?

„Heute läuft das Geschäft wohl nicht", murmelt die Frau, meine sogenannte Mutter, hinter mir und verpasst mir einen so heftigen Tritt in den Rücken, dass ich die Pappe fallen lasse und mich wie ein Brett hinlege. Jedoch fließen keine Tränen. Ich habe gelernt, dass das nichts bringt. Ich habe in den fast sechs Jahren die ich auf dieser Welt bin, so viel mehr geschrien und geweint, als irgendjemand sonst. Und es hat zu nichts gebracht. Wenn ich Hunger hatte, ist nie jemand gekommen und hat mich gefüttert. Ich kann noch nicht einmal eine Gabel richtig halten. Wenn ich Schmerzen hatte, ist niemand gekommen und hat mich gefragt, wo es wehtut. Man hat mir nur noch mehr Schmerzen verursacht. Und wenn ich geweint habe, dann hat man mich nur noch mehr zum Weinen gebracht. Es grenzt an ein Wunder, dass ich überhaupt noch lebe.


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