Prolog

Es war kein schlimmer Tod... doch es war der erste, den ich gesehen... den ich gefühlt habe.

Die Sonne lässt ihre letzten roten Strahlen über die Apfelbäume glühen. Sommer, Hitze und diese unsagbare innere Unruhe. Kein Luftzug, der etwas Abkühlung brachte. Von weitem höre ich leises Donnern. Ein Hitzegewitter. Bestimmt wieder ohne Regen. Die Natur bekommt keine Verschnaufpause. Kalter Schweiß läuft ihr den Rücken entlang - doch sie kann einfach nicht still stehen. Ein letzter Gang durch den Garten. Der Frühling endete früh dieses Jahr und der ungnädige Sommer ist elend lang. Kein Ende in Sicht. Kein Ende... Ein erneuter Schweißausbruch lässt sie nun doch in die Wohnung fliehen. Sie muss etwas trinken. Die Zunge ist trocken. Aber sie fühlt, egal wie viel sie trinkt, es wird den Durst nicht löschen. Der Nachbarhund bellt. Alter Kläffer. Er hört wohl auch das drohende Gewitter. Das Wasser aus der Armatur ist dankend kühl. Der erste Schluck, der Zweite... noch ein Glas. Unbefriedigt stellt sie es wieder hin. Sie geht in die Stube. Mit ihren Fingern fährt sie langsam über die alten Bücher im Regal. Manche sind älter als sie selbst. Sie hatte es nicht geschafft sie alle zu lesen. So wenig Zeit hatte sie gehabt. Nein... zu wenig Zeit hatte sie sich genommen. Der nächste Halt ist an einem Spiegel. Ein Erbstück. An den Ecken ist er gesprungen. Ein leichter Schleier scheint über der Oberfläche zu liegen. Ihre Augen sehen so müde aus, so unsagbar müde. Eine einzelne graue Strähne verirrt sich in ihr Gesicht. Unwirsch schiebt sie sie hinter ihr rechtes Ohr. Wann bist du so alt geworden? Sie lächelt kurz und viele kleine Fältchen bahnen sich gnadenlos ihren Weg in das Spiegelbild. Sie verweilt einen kurzen Augenblick. Das Atmen fällt ihr schwer. Sie fühlt sich, als würde eine große Last auf ihren Rücken gebunden sein. Die Last des Alters. Langsam läuft sie zum Sofa. Es ist groß, rot und einladend. Viele kleine Kissen liegen darauf verstreut. Geschenke ihrer Enkel. Mit selbstgeknüpften Kissenhüllen. Sie liebt diese Kissen. Hier ist ihr die Familie immer nah gewesen. Doch heute ist keiner hier. Niemand. Ihr Herz macht einen unnatürlichen Sprung. Sie holt tief Luft und erzittert. Noch einmal atmet sie tief ein und legt sich auf das Sofa. Trotz der Hitze nimmt sie sich eine Decke, welche sie bis zum Kinn hoch zieht. Plötzlich ist sie unbeschreibbar müde. Schlafen. Schlafen. Das ist das Einzige, woran sie noch denken kann. Langsam sinken ihre Augenlider. Nun ist alles schwarz. Einzig das tiefe schwere Atmen und ein Donner ab und zu sind noch zu hören. Bumm-bumm-bumm-bumm schlägt ihr Herz. Ein weiterer Atemzug. Die Arme und Beine werden schwer. Bumm-bumm-bumm. Ein Gefühl, wie kurz vorm Träumen. Der Kopf wird leer. Keine Gedanken. Bumm-bumm. Dann plötzlich ein Gefühl wie Schwerelosigkeit. Keine Hitze mehr. Kein Schmerz. Keine Angst. Noch einmal hebt sich der Brustkorb. Bum. Von weitem ein dumpfes Donnergrollen. Und dann ein letzter tiefer Atemzug, gefolgt von einem erleichterten Seufzer, wie nach einem langen langen Tag. Bum. Stille. Ende.



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