Prolog: Das Märchen der Wünsche

Es war einmal! So fangen die besten Märchen an. Auch für Killian gab es jeden Abend das Ritual, seiner Großmutter zu lauschen, wenn sie ihm seine Lieblingsgeschichten vorlesen musste, oder wollte, je nach Blickwinkel. Ihre leiernde monotone Stimme half dabei eher beim Einschlafen, als die eigentliche Geschichte. Möglicherweise wäre sie etwas spannender gewesen, wenn die alte Dame sie mit mehr Elan vorgetragen hätte, aber trotzdem liebte er sie. Zum Glück für Killian, und manchmal auch die anderen Kinder, die sich in der Hütte einfanden, schlief die alte Dame irgendwann über dem Buch ein und Killians Großvater übernahm die Aufgabe, mit einem liebevollen Lächeln auf den Lippen und einer Decke für seine Gemahlin.
Killian mochte Geschichten, die ihn überraschen konnten. Er war gerade acht Jahre alt geworden, trotzdem hatte er schon ein sehr eigenes Bild der Welt. Kein schwarz und weiß, kein Gut und Böse sollte in den Erzählungen leicht auszumachen sein. Er mochte es, wenn die Handlung unvorhersehbar war. So wurde ein Weltverständnis in dem braunhaarigen Jungen geformt, das ihn für den Rest seines Lebens begleiten würde. Seine Lieblingsgeschichte allerdings war eine Besondere, obwohl sein Großvater sie nur heimlich erzählte. Viele hielten es nur für einen Mythos, doch für Killian und seinen Großvater war es Realität. Sie begann immer mit dem gleichen Satz:
»Was wäre, wenn man sich jeden Wunsch erfüllen lassen könnte?«
In einem Gebiet hinter den großen Bergen, je nach Tagesform seines Großvaters variierte die Anzahl, gab es ein Land, das man nur als Paradies bezeichnen konnte. Das Volk, das dort lebte, wurde von den Menschen im Tal und im Rest des Kaiserreichs nur Deziras genannt. In der Sprache des Reichs würde man es am ehesten mit Wunsch übersetzen. Nur wenige hatten jemals das große Glück besessen einem dieser seltenen Wesen zu begegnen und wenn, wurden sie wie verzaubert zurückgelassen. Es war ein Volk voller Perfektion und Schönheit. Männer wie Frauen schmückten sich mit langen Haaren in allen Regenbogenfarben, die Haut matt und hell wie Elfenbein, als gäbe es kein Sonnenlicht hinter den Bergen. Ein feingliedriger Körperbau, ebenso bei beiden Geschlechtern, ließ sie wie Elfen erscheinen. Sein Großvater allerdings sagte, er habe mal einen Elfen getroffen und dieser war tödlich beleidigt, mit Fabelwesen verglichen zu werden. Die Flügel hielt Killian für eine private Ausschmückung, aber der Gedanke sich von einem von ihnen in den Himmel entführt zu lassen, die Welt von oben zu sehen, entlockte ihm jedes Mal ein Seufzen.
Das Besondere war nicht ihre Erscheinung, ihr Liebreiz, ihre Langlebigkeit. Das wirklich einzigartige an ihnen war ihre Fähigkeit, anderen Wesen Wünsche zu erfüllen, und zwar jeden erdenklichen. »Stell dir das vor Killian, alles was du willst. Gold, ein langes Leben oder bergeweise Schokolade. Nichts ist unmöglich!« Bei diesen Worten flogen die Arme des alten Mannes in die Luft und ein glückseliger Ausdruck erschien auf dem faltigen, von grauen Haaren umgebenem Gesicht.
Einen Haken hatte diese Fähigkeit allerdings, denn sie konnten sich ihre eigenen Wünsche nicht selbst erfüllen und so taten sie es gegenseitig, nicht nur für ihr eigenes Volk, sondern auch für jeden der sie fand und darum bat. Sie waren sehr friedfertige Wesen. Irgendwann jedoch, kam es, wie es kommen musste. Immer mehr Menschen erfuhren von dem Volk, welches sich bisher so gut verborgen hatte. Sie suchten die Deziras und wurden von bösen Menschen ausgenutzt. Die Aussicht auf Macht, Geld und allem was man begehrte führte selbst die Tugendhaftesten in Versuchung.
So zogen sie sich für immer weiter zurück, versteckten sich und wurden gejagt und verfolgt. Den Legenden zufolge, sollen sie sich weiterhin irgendwo verstecken und sich gegenseitig jeden Wunsch erfüllen. Nicht verwunderlich also, dass noch viele Jahre nach dem Verschwinden Glücksritter durch das Land zogen und auf die Suche nach ihnen gingen. Wenn sein Großvater zu diesem Teil seiner Geschichte gelangte, wanderte sein Blick durch den Raum. Ein kleiner Kamin und eine Sitzecke ließen den Hauptraum des Hauses gemütlich wirken. In einer Ecke befand sich Killians Bett, außerdem gab es Türen, die zu den anderen Räumen führten. Doch was der alte Mann ansah, war eine gebrauchte braune, mehrfach geflickte Rüstung auf einem alten Rüstungsständer, der geheimnisvoll die Flammen reflektierte. In den wenigen Metallteilen, die er sich hatte leisten können, tanzte der rote Schimmer des Feuers.
»Ich habe überall gesucht Junge, doch gefunden habe ich sie niemals. Sie sind heute nur noch ein Märchen. Aber du und ich wissen es besser! Sie existieren.« Killian nickte dann immer so sehr, dass seine Haare flogen. Irgendwann würde er sie finden und sich etwas wünschen. Nicht Frieden oder etwas ähnlich heldenhaftes oder Schokolade, wie sein Großvater scherzhaft vorgeschlagen hatte. Etwas das für viele banal wirken würde, aber für ihn unendlich kostbar war. Keine Geburtstagstorte der Welt, keine weggepustete Wimper hatte es vermocht. Die Deziras würden es ihm erfüllen können.

Comments

  • Author Portrait

    Toller Anfang! Ich freue mich auch auf die Fortsetzung!

  • Author Portrait

    Ein starker und gut gelungener Anfang einer hoffentlich langen Geschichte, auf deren nächstes Kapitel ich mich schon freue ***** Was ich mir wohl wünschen würde? Käme darauf an, ob man sich nur eine Sache wünschen darf ... ich glaube ich würde mir Zauberkräfte wünschen! (Da Hogwarts meinen Brief offensichtlich verschusselt hat -_-*)

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