Prolog: Der König stirbt

In diesem Moment beherrschte ihn die Angst. Sein Herz übertönte das Donnern der Hufe in der schmalen Schlucht, während er sich über lockeres Geröll kämpfte, keuchend, zitternd unter dem Schock, so knapp nur dem Tod entronnen zu sein.

Staub hatte sich auf seine Zunge gelegt und vor seinen Augen tanzten schwarze Flecken. Doch er musste kämpfen, musste weiter. Halb trieb ihn die Angst fort von dem Lärm der panischen Herde, halb zog ihn die Sorge zurück, den schmalen Weg weiter, um von oben einen Blick auf das Geschehen zu haben.

Er wollte nichts als weg – aber sein Vater war noch dort unten. Er musste tun, was er konnte, um ihm zu helfen!

Doch als Simba den Ausgang des schmalen Weges gefunden hatte und sich mit letzter Kraft hochzog, da sah er seinen Vater fallen.

Ein lautes Brüllen begleitete Mufasas Sturz in die Tiefe, in der die Stampede der Gnus eine große sandbraune Staubwolke aufgewirbelt hatte. Simba schrie, als könnte seine Stimme einen Unterschied machen, als könnte er seinen Vater allein durch den Willen wieder herauf zerren, bevor ihn die große Sandwolke verschluckte, wie ein hungriger Löwe eine Maus verschlungen hätte.

Simbas Schrei hallte in der Schlucht wieder, das Echo kam zurück wie eine Antwort, als er verstummte und entsetzt hinab sah, dorthin, wo sein Vater doch auf jeden Fall wieder auftauchen musste.

 

Die Stille blieb, nachdem die Herde fort war. Simba kümmerte sich nicht mehr um die Gefahr, die ihn eben noch mit Angst erfüllt hatte. Der Staub hatte sich kaum gelichtet, da hetzte er bereits durch die Schlucht und suchte nach einer Bewegung, einem Geräusch, einem Geruch. Er konnte nicht genau sehen, wann er die Stelle erreicht hatte, wo der große Löwe abgestürzt war. Trotzdem war er sicher, genau dort zu sein. Er schrie nach seinem Vater und hörte etwas. Schritte schienen ihm entgegen zu kommen. Simba wirbelte herum, doch was sich da aus dem gelblichen Nebel schälte, war ein einzelnes Gnu, das der Herde folgte.

Was dahinter lag, ließ Simbas Herz einen Schlag aussetzen.

Ein mächtiger Körper lag dort, unter den entzweigebrochenen Resten eines kleinen, kahlen Baumes. Genau dort hatte Onkel Scar ihm ein Geschenk versprochen.

„Papa!“, schrie Simba und rannte zu der schlafenden Gestalt. Mufasa sollte aufwachen und ihm sagen, dass alles vorbei war. Simba wollte heraus aus dieser Schlucht. Er wollte, dass sein Vater ihn zum Königsfelsen zurück brachte, wo seine Mutter ihn putzen würde und er vergessen konnte, wie die Herde donnernd und gewaltig auf ihn zu gestürmt war.

„Papa? Steh auf, Papa. Du musst aufstehen!“

Mufasa reagierte nicht auf Simbas Stimme. Das Löwenkind rüttelte an seinem Vater, drückte seine Nase und zerrte sogar an seinem Ohr. „Lass uns nach Hause gehen!“

Doch sein Vater rührte sich nicht. Simba machte ein paar Schritte zurück, drehte sich im Kreis und sah sich um.

„Hilfe!“, schrie er und lief wieder in die Schlucht hinein. „Ist da jemand?“ Er fühlte sich so winzig und allein. Sein Echo klang noch kläglicher als zuvor. „Irgendjemand“, sagte er jämmerlich, doch so leise, dass er seine eigene verletzliche Stimme nicht mehr hören musste, wie sie von den Felsen zurückgeworfen wurde. Er konnte die Tränen nicht mehr zurückhalten.

„Hilfe“, flüsterte er dem Boden zu.

Langsam kehrte er zu seinem Vater zurück, zu der Erinnerung an die Sicherheit, die ihm der König gegeben hatte. Es hätte alles anders laufen sollen. Scar hatte ihm ein Geschenk versprochen. Ein so wundervolles Geschenk, dass man dafür sterben mochte. Simba hatte doch nicht gewollt, dass sein Vater starb!

Frierend kroch er unter die große Pfote von Mufasa und schmiegte sich an das sanfte Gesicht, das wirkte, als schliefe der große Löwe bloß. Doch Simba wusste bereits, dass sein Vater nicht schlief, und das Wissen hinterließ ein großes Loch in seiner Brust.

Es war ihm alles egal. Er wollte nur noch weit fort. So weit weg rennen, dass es die Zeit zurückdrehen würde und alles ungeschehen machte.

„Simba“, flüsterte eine leise Stimme. „Was hast du getan?“

Der König war tot.

Comments

beta
Fairy Dust

Navigation

Languages

Social Media