Prolog: Tage, an denen das Schicksal sich wendet

Bis zu diesem einen schicksalhaften Tag war Takjin ein fröhlicher Junge. Ein Kind mit rundlichen Wangen und strahlend grünen Augen, dem die rotblonden Haare keck vom Kopf abstanden. Er war als Waise in das Dorf Birkengrund gekommen, damals noch ein Wickelkind. Eine Gruppe Zigeuner hatte den Jungen am Straßenrand gefunden, mitten im Rosental, wo niemand wohnte. Es herrschte Krieg – solche Dinge geschahen. Also hatten die Schauspieler das Kind mitgenommen und ihm einen Namen gegeben, doch Takjin hatte nicht bei ihnen bleiben können. Birkengrund war das erste Dorf hinter dem Rosental. Dort fand der heimatlose Junge ein Zuhause und in den Frauen des Dorfes zahlreiche besorgte Mütter.

Joren, der Fischer, machte dem kleinen Jungen zu seinem fünften Geburtstag – oder eher zum fünften Jahrestag von Takjins Ankunft im Dorf – ein Holzschwert aus einem Eichenast. Alais, der hoch geachtete Jäger, brachte Takjin zum siebten Jahrestag eine Handvoll Haizähne aus dem gefahrvollen Sumpfland mit, jene Zähne, die seitdem Takjins Holzschwert verschönerten und zu einer richtigen Waffe machten.

Der Junge half den Imkern, schwamm im See, ärgerte die Köchin – kurzum, er war überall. Er gehörte zu allen im Dorf, und deswegen gehörte er auch gleichzeitig zu niemandem. Nur so lässt sich erklären, was an jenem schicksalhaften Tag geschah.

 

Merin und Chirogan waren unzertrennlich gewesen, in so enger Freundschaft verbunden, dass man sie oft für Brüder hielt. Sie streiften durch den Wald, den man gemeinhin Großvaters Bart nannte, sie spielten Fangen und gingen auf die Jagd, sie träumten davon, Ritter und Helden zu werden. Keiner dachte daran, dass sie einmal zu König und königlichem Berater aufsteigen würden – woher hätten zwei spielende Jungen auch das Schicksal kennen können? Als Großvaters Bart plötzlich brannte, waren Merin und Chirogan so entsetzt wie alle anderen, sie flohen, versteckten sich vor dem Zorn des Drachen. Erst, als viele Jahre verstrichen waren, begann Chirogan, der Jüngere, sich mit dem Schwert in der Hand überheblich zu fühlen.

Merin warnte ihn. Doch Chirogan wollte nicht hören. Und was blieb Merin anderes übrig, als dem kleinen Jungen zu folgen? Jenem Jungen, der für ihn mehr als nur ein Freund war – ein Bruder.

Sie stellten sich Ashram. Merins sorgenvolle Taktik und Chirogans kindlicher Mut brachten die Bestie zu Fall. Doch es war Chirogans Schwert, welches das Drachenblut netzte, so wurde der Jüngere König und Merin fiel eine Rolle zu, die sehr viel schwieriger war: Er war der Freund des Königs, sein Leibwächter und sein Berater. In diesen Rollen verlor sich Merin, bis etwas geschah, das alles veränderte.

Bis er gezwungen wurde, wieder zu Merin dem Waldläufer zu werden.

 

Schon von Geburt an wusste Artreis, dass er etwas besonderes war. Der alte Tempelwächter, der ihn unter seine Fittiche genommen hatte, führte ihn wieder und wieder durch die Hallen, deren Wände mit den Bildern der großen Reiter von Ellynoi geschmückt waren. Mit staunenden Augen erblickte Artreis die Krieger und Ritter und Helden auf ihren mutigen Rossen:

Der furchtlose Arrak auf Felsenstürmer, die Kriegerin Gorithja auf Feindstürmer, der Ritter von den Hohen Hallen auf Donnerstürmer. Dann gab es Sturmherz, der seinen Reiter Bera durch den Krieg trug, um die Botschaften der Generäle zu übermitteln. Tigerherz und seine Reiterin Schwester aus den Dschungelstämmen – unzählige Male hatten sie die Scharmützel an den Grenzen zugunsten von Ellynoi entschieden. Und Feuerherz erst, der flammendrote Hengst aus Angamur, der seinen Reiter alleine gegen eine Horde Wölfe verteidigte, als Damedad hilflos und verwundet im Schneesturm lag, dem Tode nah.

Und dann die größten von ihnen, die sich einen Windnamen verdient hatten: Wüstenwind und Cara, Schrecken der Nomadenkrieger. Seewind und Ailahra, denen kein Hindernis zu hoch war. Und Sturmwind, das schnellste Ross dieser langen Geschichte schneller Rösser. Erst Ziskael vermochte ihn zu zähmen und gemeinsam wurden sie zur Legende!

Artreis betrachtete die Bilder, während der alte Tempelwächter sie abstaubte, und lauschte den Geschichten von Ruhm, Mut und Geschwindigkeit, edlen Pferden und heldenhaften Reitern. Seine Augen wurden groß.

„Ich will auch ein Reiter werden!“

„Das wirst du“, sagte der Alte beruhigend. „Einer der besten und einer der jüngsten.“

Und so geschah es auch, denn das Reiten lag Artreis im Blut, wie es keinem anderem im Blut lag.

Wie hätte er auch ahnen können, dass eben dieses Talent ihn in die größten nur vorstellbaren Schwierigkeiten bringen würde?

 

Wie hätte jeder von diesen Fremden – Takjin, Chirogan, Merin, Artreis – wie hätten sie ahnen können, was ihre Zukunft sein würde? Waisenjunge, König und Königswächter, Reiter, sie alle waren in einem rätselhaften Tanz verbunden, der schon vor ihrer Geburt begonnen hatte. Und was sie bisher für ihr Leben gehalten hatten, würde zurückstehen hinter dem, was noch kommen würde.

 

Es begann an dem Tag, da der Enderdrache zu singen aufhörte …

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Titelbild: https://www.deviantart.com/ifritnox/art/The-Enderdragon-s-Song-722584793

Zeichnungen und Screenshots zur Geschichte (Spoilergefahr): https://www.deviantart.com/ifritnox/gallery/65172052/The-Enderdragon-s-Song

[Alles, was Kunst ist, gehört IfritNox.]


Lieder (aka "Soundtrack"):

"Run, Boy, Run" (Woodkid): https://www.youtube.com/watch?v=lmc21V-zBq0

"Somebody To Die For" (Hurts): https://www.youtube.com/watch?v=UWC35H6JWik

"King And Lionheart" (Of Monsters and Men): https://www.youtube.com/watch?v=A76a_LNIYwE

Comments

  • Author Portrait

    Das ist doch mal ein sehr schöner Einstieg. Wenn ich Minecraft lese, bin ich normalerweise immer weniger geneigt so etwas zu lesen, weil na ja die meisten halt sehr seltsame Sachen schreiben, doch dir ist es wirklich gut gelungen.

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