Prolog: Wichteln

Angespannt starrte Harry Potter auf den Aushang am Schwarzen Brett. Er konnte nicht glauben, dass Dumbledore nach all den Jahren, in denen er Lehrer und Schulleiter von Hogwarts gewesen ist, noch immer nicht wahrhaben wollte, dass Slytherin und Gryffindor einfach unüberbrückbare Differenzen hatten. Zumindest schien er einen weiteren Versuch starten zu wollen, den Häuserstreit beizulegen. Anders jedenfalls konnte Harry sich nicht erklären, wieso all jene Schüler, die über Weihnachten in Hogwarts blieben, zum Wichteln gezwungen werden sollten.

"Was stehst du denn da wie angewurzelt rum?", kam von seiner Seite die Stimme von Ron. Harry zeigte nur wortlos und mit gerunzelter Stirn auf den Aushang.

"Wichteln?", fragte Ron verwirrt, "Was soll denn das sein?"

"Das ist ein typisches Spiel zur Weihnachtszeit!", erwiderte Hermine, die ebenfalls zu ihren beiden Freunden hinzugestoßen war, "Dabei bekommst du eine andere Person zugelost, der du ein Geschenk machen musst. Am besten heimlich, damit der andere erstmal nichts davon mitbekommt. Und zu einem festgelegten Zeitpunkt wird dann allen mitgeteilt, wer sie beschenkt hat. Wir haben das in der Grundschule jedes Jahr gespielt ..."

Nun verdüsterte sich auch Rons Miene: "Heißt das, ich muss irgendeinen Idioten aus Slytherin beschenken, selbst wenn ich das gar nicht will?"

Verdutzt schaute Hermine ihn an, dann trat sie einen Schritt vor und las, was auf dem Aushang stand. Im Gegensatz zu ihren beiden Freunden musste sie unwillkürlich Lachen.

"Ich weiß gar nicht, was ihr habt!", meinte sie lachend, "Das ist doch eine fabelhafte Idee. Stellt euch nur die ganzen Slytherin-Schüler vor, wie sie gezwungen werden, uns etwas Gutes zu tun! Die werden sterben! Ha!"

Von der Seite hatten Harry und Ron es noch nicht betrachtet und kurz konnten auch sie darüber schmunzeln. Doch sofort wurde Ron wieder ernst und erklärte: "Schön, das gilt aber auch für uns. Ich hab keinen Bock, irgendeinem Slytherin was Schönes zu schenken!"

"Ach, stell dich nicht so an, Ron!", erwiderte Hermine ungeduldig, "Mag ja sein, dass die von Hass auf uns zerfressen sind, aber wir müssen es ihnen ja nicht gleich tun. Ich finde es jedenfalls gut, dass Dumbledore sich erneut um den Hausfrieden bemüht und werde mit ganzem Herzen jeden Tag schöne Geschenke aussuchen!"

Harry stöhnte: "Neee, wirklich, Hermine. Ich kann Ron verstehen. Wenn ich mir vorstelle, dass ich 12 Tage lang Malfoy beschenken muss, wird mir ganz anders!"

"Ach", tat diese den Einwurf ab, "der bleibt doch eh nie hier. Das ist also eher unwahrscheinlich. Und wer sagt denn, dass du überhaupt jemanden aus einem anderen Haus bekommst? Warte es einfach ab!"

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"Die ganze Welt hasst mich!", fluchte Draco Malfoy, "ich schwör's dir, Blaise. Alles hat sich gegen mich verschworen!"

Sein bester Freund hatte nur ein Lachen für ihn übrig. Er konnte sich vorstellen, was in Draco vor sich ging: Nach vier Jahren hatten seine Eltern beschlossen, dass ihr Sohn alt genug war, auch mal ohne Familie Weihnachten zu überstehen, und hatten einen Südsee-Urlaub für zwei Personen gebucht. Und ausgerechnet in diesem verflixten fünften Jahr hatte Dumbledore sich für die in Hogwarts verbleibenden Schüler ein Spiel ausgedacht. Wäre er selbst in dieser Situation gewesen, hätte er vermutlich auch alle Welt gehasst, so aber konnte er nur lachen.

"Hör auf damit!", schnauzte Draco ihn an, "Überhaupt, was gibt es für dich zu lachen? Du bleibst doch auch hier!"

"Ja", meinte Blaise, "aber ich bleibe immer hier. Meine Mutter nutzt die weihnachtliche Stimmung stets, um auf Männerjagd zu gehen. Entsprechend kommt bei mir nicht alles Übel gleichzeitig!"

"Danke", erwiderte Draco säuerlich, "danke für dein Mitgefühl!"

oOoOoOo

Die Große Halle vibrierte von dem Getuschel an diesem Abend. Als sich die Schüler zum Abendessen einfanden, fiel allen sofort der riesige Kelch in der Mitte vor dem Lehrertisch auf. Erinnerungen an das Trimagische Turnier vor einem Jahr kamen in einigen hoch, doch der Kelch war bedeutend weniger prunkvoll und deutlich größer. Insbesondere jene Schüler, die das Schloss nicht in wenigen Tagen verlassen würden, waren offensichtlich aufgeregt und in freudiger Erwartung. Nur einige der älteren Schüler schauten ebenso griesgrämig drein wie Harry und Ron oder diverse Slytherin-Schüler.

"Meine Lieben!", setzte Dumbledore zu einer Rede an und es wurde ruhiger im Saal, "Ihr alle habt ja sicher schon erfahren, dass wir Lehrer uns dieses Jahr zu Weihnachten etwas ganz Besonderes ausgedacht haben! Wir wollen eine Runde Wichteln! Zu diesem Zweck seht ihr hier vorne den großen Kelch aufgebaut. In diesem Kelch befindet sich ein Zettel mit Namen für jede Schülerin und jeden Schüler, der über die Ferien hier bleibt. Nach dem Abendessen dürft ihr alle, die ihr nicht heim fahrt, einmal hineingreifen und einen Wichtelpartner ziehen. Für die kommenden zwölf Tage ab dem nächsten Wochenende bis Heilig Abend habt ihr jeweils ein Geschenk für euren Partner vorzubereiten und diesem heimlich zukommen zu lassen!"

Das Gemurmel schwoll wieder an, laute Rufe und Flüche waren zu hören.

"Jeden Tag?", kam es empört von Ron, doch Dumbledore schien sich nicht am allgemeinen Aufruhr zu stören, im Gegenteil, er genoss es sichtlich.

"Damit ihr all eure Erledigungen und Geschenke bewältigen könnt, dürfen alle Schüler ab sofort jeden Tag nach Hogsmead!", schloss  er seine Rede mit einem zufriedenen Grinsen und setzte sich wieder. Sofort brach erneut lautes Gerede aus, denn all jene Schüler, die nicht in Hogwarts blieben, profitierten von dieser Spielregel. Die übrigen hingegen fingen an, sich Gedanken zu machen, ob sie für eine eventuell fremde Person  tatsächlich zwölf Geschenke würden finden können.

Als die ersten schließlich mit ihrem Essen fertig wurden, kam erneut allgemeine Spannung auf. Zwar konnte man nicht sehen, wer welchen Namen aus dem Kelch zog, aber die Reaktionen waren interessant genug: Sie reichten von Jubel über genervtes Stöhnen bis lautes Fluchen. Und endlich beschlossen auch Harry, Ron und Hermine, ihr Glück mit dem Kelch zu versuchen.

"Du zuerst, Harry!", forderte Ron ihn auf. Mit einem ärgerlichen Blick und sichtlich unwillig griff Harry hinein. Als er seinen Zettel auseinander faltete, brach Ron in herzhaftes Lachen aus.

"Na, herzlichen Glückwunsch, Junge!", meinte er schnaufend. Harry hingegen fand die Situation überhaupt nicht komisch: "Halt die Klappe, Ron! Du hast dich doch am meisten davor gefürchtet, Malfoy zu ziehen. Und Parkinson hier ist nun wirklich nicht besser!"

Doch Ron ließ sich von seiner guten Laune nicht abbringen und griff zuversichtlich in den Kelch.

"Ha! Lavender! Ausnahmsweise habe mal ICH Glück!", verkündete er stolz, während sein Grinsen sich noch verbreiterte. Hermine schüttelte nur genervt den Kopf: "Ich fühle mit dir, Harry. Mal sehen, wen ich habe..."

Doch im Gegensatz zu ihren beiden Freunden zeigte sie ihr Los nicht. Entsetzt starrte sie nur auf den Namen, knüllte dann den Zettel schnell zusammen, und steckte ihn weg. Warum musste sie ausgerechnet ihn ziehen? Sie fand Dumbledores Idee wirklich gut, sie glaubte an das Projekt des Häuserfriedens - aber mit dieser Person teilte sie mehr als den üblichen Häuserzwist. Sie hassten einander auf einer ganz persönlichen Ebene. Warum musste sie ausgerechnet solches Pech haben? Und sie war es noch gewesen, die diese Idee für Ron und Harry hatte schmackhaft machen wollen, die Dumbledore verteidigt hatte...

Ohne ein Wort an ihre beiden verdutzten Freunde verschwand sie Richtung Gryffindor-Gemeinschaftsraum.

oOoOoOo

"Hat einer von euch meinen Namen gezogen?", fragte Draco am Abend im Gemeinschaftsraum. Allgemeines Kopfschütteln antwortete ihm. Seine Laune sank. Nicht nur, dass er so ziemlich die schlimmste Wahl für seinen Partner gezogen hatte, wie es aussah, würde er zudem Geschenke von jemandem bekommen, der nicht aus seinem Haus war. Er verfluchte sein Leben.

"Nimm's nicht so schwer, Kumpel!", scherzte Blaise und schlug ihm auf die Schulter, "Wenigstens hast du jetzt so viel Pech auf einmal gehabt, dass es für ein ganzes Jahr reicht! Es kann nur noch bergauf gehen!"

Doch Draco war nicht überzeugt. Die Aussicht, Weihnachten in Hogwarts verbringen zu müssen, hatte ihn eh schon gestört. Mit dem Wichteln und seinem Los waren die nächsten Wochen endgültig versaut.

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  • Author Portrait

    interessante Idee für eine Weihnachtszeit-Geschichte :) Der Titel erinnert mich an "12 Geschenke für den Weihnachtsmann"

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