Prolog: Winter

Geno rannte durch den Schnee, so schnell er konnte. Das Blut rauschte dem jungen Kitz in den Ohren, so laut, dass er die Rufe seiner Mutter beinahe nicht mehr hören konnte.

„Schneller! Schneller!“

Laute Schüsse knallten durch die friedliche Winterluft.

„Sieh nicht zurück! Lauf weiter!“, schrie Feline hinter ihm.

Geno und seine Mutter rannten über die verschneite Lichtung in den Flusswäldern, auf das ferne Dickicht zu, wo sie in Sicherheit wären. Geno sprang über einen kleinen Fluss, und rannte zwischen niedrigen Hügeln hindurch. Sie waren gekommen: Die Menschen. Diese schrecklichen Wesen, vor denen Feline ihn und Gurri immer gewarnt hatte.

„Lauf weiter!“, schrie Feline.

Ein Schuss ertönte, doch Geno hatte den Wald erreicht. Er rannte zwischen den hohen Stämmen hindurch, und wie seine Mutter es ihm befohlen hatte, sah er nicht zurück, bis er die Höhle im Dickicht erreicht hatte.

Keuchend kroch er in das Gewirr aus Ästen, die eine weiße, schützende Schneedecke über ihm trugen.

„Wir haben es geschafft!“, freute er sich: „Wir haben es geschafft, Mutter! Wir -“

Geno keuchte noch immer. Der Eingang zu der kleinen Höhle blieb leer. Seine Mutter war nicht hinter ihm.

„Mama? Mama!“

 

Es hatte begonnen, zu schneien. Geno lief durch den Wald. Es war eisig kalt, der Wind war schneidend und fuhr förmlich unter das kurze Fell des Kitzes. Es war ein ungewöhnlich kalter Winter. Das Schneetreiben wurde immer dichter.

„Mama!“, schrie Geno wieder und wieder. Er bekam Angst. Wo war seine Mutter? Und wo war Gurri? Seine Schwester hätte auf sie warten sollen. War sie wieder alleine losgezogen?

Je dichter der Schnee fiel, desto dunkler erschien Geno der Wald.

„Mama, wo bist du?“

Geno begann, sich zu fürchten. Wo konnte seine Mutter sein?

„Mama!“, rief er müde. Im nächsten Moment erschrak er, denn vor ihm schälte sich ein gewaltiger, schwarzer Schatten aus dem Schneetreiben.

Mit weit aufgerissenen Augen sah Geno zu dem Herrn des Waldes auf, dem größten und stärksten Bock der Flusswälder. Er überragte Geno, wie ein Berg einen kleinen Hügel überragen würde. Der mächtige Hirsch rührte sich kaum, als er sprach.

„Deine Mutter wird nicht kommen.“

Starr vor Schreck brauchte Geno einen Moment, um die Wahrheit hinter diesen Worten zu erkennen. Er senkte den Kopf und spürte, wie eine Träne über seine Wange rollte. Nein. Das – durfte nicht sein!

„Komm“, sagte der Herr des Waldes. Mit leisen Schritten folgte Geno dem mächtigen Prinz in den Schnee hinein, vollkommen verzweifelt. Sie erreichten eine kleine Höhle, aus der Geno ein grünes Augenpaar verschreckt entgegen sah.

„Gurri!“, flüsterte Geno, als er seine Schwester erkannte.

Der Herr des Waldes wartete, bis auch Geno in das Versteck gekrochen war. Nachdenklich wandte der Hirsch den Kopf ab: „Wartet hier. Es wird jemand kommen und sich um euch kümmern. Ich muss fort.“

Geno kauerte sich neben seiner Schwester in den kalten Schnee und beobachtete, wie der unnahbare Herr des Waldes wieder in dem Schnee verschwand. Die Hufspuren von Bambi wurden bald unter einer weißen Decke begraben.

Zitternd schmiegten sich die Geschwister aneinander, doch die Einsamkeit blieb.

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