Rattengesicht

Der Sonnenuntergang teilte den Horizont in ein blau-rot-schwarzes Band, dessen Übergänge mit dem Fortschreiten der Zeit langsam verschwammen. Bald hatte sich die Nacht mit schwarzen Schwingen über das Land ausgebreitet. Dunkle Regenwolken schoben sich vor den Mond und verdeckten sein bleiches Antlitz, ehe sie ihre Last auf die Erde herunterprasseln ließen. In der Stadt kümmerte dieses Schauspiel der Natur niemanden. Die Menschen spannten nur ihre Schirme auf, schlugen die Krägen ihrer Mäntel hoch und beeilten sich, ins Trockene zu kommen. Nach und nach erloschen die Lichter der Läden in den Straßen, die Baristas in den Cafés stellten ihre Maschinen ab und bald darauf kam die Stadt zur Ruhe, um in einen leichten Schlummer zu fallen.

Selbst der Bahnhof beruhigte sich von seinem regen Treiben und ein paar Obdachlose suchten in den verlassenen Wartehallen nächtlichen Schutz vor dem Wetter. Auf einem verlassenen Bahnsteig wartete ein hochgewachsener Mann auf den Nachtexpress, der bald eintreffen sollte. Gelangweilt holte er seine Taschenuhr hervor und warf einen Blick auf das Zifferblatt. Noch fünf Minuten. Genug Zeit, um in aller Ruhe eine Zigarette zu rauchen.

Er griff in die Innentasche seines Mantels, holte eine Packung Black Stars heraus und steckte sich eine Zigarette an. Der Rauch, den er ausstieß, bildete fantasievolle Figuren, ehe er sich in der Luft verlor. Während er rauchte, hing der Mann seinen eigenen Gedanken nach. Auch wenn seine Aufgabe relativ einfach war, rief er sich alle Informationen ins Gedächtnis, die man ihm gegeben hatte. Die Bremsen des einfahrenden Zuges holten ihn zurück in die Wirklichkeit. Er zog noch ein letztes Mal an seiner Zigarette, dann warf er sie auf den Boden und trat sie aus. Die Menge der Passagiere, die aus dem Zug stiegen, war überschaubar und es dauerte nicht lange, bis er die Person fand, die er suchte.

Es war ein kleiner Mann, dessen Gesichtszüge eine gewisse Ähnlichkeit mit denen einer Ratte aufwiesen und der generell einen schmierigen Eindruck erweckte. Es war genau die Sorte Mensch, die er verabscheute. In seinen Gedanken gab er ihm bereits einen Spitznamen: Rattengesicht.

„Mister Giacinto“, sprach er den Mann an.

Dieser drehte sich zu ihm um und funkelte ihn aus kleinen Augen an. Ein misstrauischer Aus-druck verzog sein Gesicht und verstärkte die Ähnlichkeit mit dem Nagetier.

„Wer sind Sie?“, fragte der Angesprochene zurück.

Die hohe Stimme setzte der ganzen Erscheinung noch die Krone auf. Rattengesicht passte wirklich perfekt.

„Luigi Silvanio, ich bin Ihr Fahrer. Ich soll Sie zu Caesar bringen“, lautete die Antwort, obwohl Der Kammerjäger passender gewesen wäre.

Rattengesicht blickte sich noch einmal misstrauisch um und nickte dann knapp. Seine kleinen Hände verstärkten ihren Klammergriff um die Aktenmappe, die er bei sich trug.

„Wunderbar! Gehen wir, ich werde langsam nervös.“

Schweigend verließen die beiden den Bahnsteig und gingen zum Auto. Ihre Schritte hallten von den Betonwänden der Tiefgarage hell wider. Rattengesicht schaute sich immer wieder misstrauisch um und beschleunigte seine trippelnden Schritte, wenn sie durch die Schatten gehen mussten. Sein Fahrer hingegen blieb gelassen und ging zielstrebig auf das Auto zu. Erst als der Motor lief und der schwarze, stromlinienförmige Torpedo durch die verlassenen Straßen fuhr, atmete Rattengesicht erleichtert auf.

Die Ampeln, Straßenlaternen, Werbeschilder und Tankstellen waren wie die bunten Splitter eines Kaleidoskops, die auf den Gesichtern der beiden Männer einen langsamen, schwerfälligen Tanz aufführten.

„Sind wir bald da?“, wollte Rattengesicht wissen. Der Fahrer nickte nur zur Antwort.

„Ich kann es kaum erwarten, Caesar das hier zu geben“, fuhr der Beifahrer fort, während er seine Aktenmappe tätschelte.

„Was ist denn da drin?“, erkundigte sich der Fahrer mit geheucheltem Interesse.

„Dokumente. Sehr wichtige Dokumente! Danach hat Caesar lange gesucht. Sehr lange! Damit können wir Yhtill vernichtend schlagen“, fuhr sein Fahrgast begeistert fort.

Er lachte quiekend und erzählte dann ohne weitere Aufforderung die ganze Geschichte. Der Fahrer rollte mit den Augen und drückte das Gaspedal etwas weiter herunter, um schneller ans Ziel zu gelangen. Aus den Schornsteinen des alten Industriegebietes quoll schon seit Jahrzehnten kein Rauch mehr gen Himmel. Wie knöcherne Finger, die mit letzter Kraft nach dem Diesseits griffen, streckten sie sich in den Himmel hoch, während die Fabrikgebäude aus erblindeten Fenstern in die Nacht starrten.

Das Prasseln des Regens wurde durch ein tiefes Brummen unterbrochen, das immer näher kam. Die Lichtfinger zweier Autoscheinwerfer schnitten wie ein Skalpell durch die Dunkelheit. Der Wagen fuhr in eine alte Fabrikhalle, in der sein Brummen von den kahlen Wänden zurückgeworfen wurde. Die Scheinwerfer hüllten einen Teil des Raumes in ein weißes, gespenstisches Licht

„Ist das der Ort?“, wollte Rattengesicht wissen. Der Fahrer des Wagens nickte nur zur Antwort. „Aber wo ist Caesar? Ich dachte, er wartet schon!“

„Caesar wird kommen. Steigen Sie ruhig aus, es wird nichts passieren.“

Nervös leckte sich Rattengesicht über seine Lippen. Der kleine Oberlippenbart zitterte dabei vor Aufregung.

„Na gut. Behalten Sie den Rest der Halle im Auge?“

Wieder nur ein Nicken als Antwort. Rattengesicht stieg aus und ging langsam zum Rand des Lichtkegels. Kalter Schweiß bildete sich auf seiner Stirn und er löste seine Hände, mit denen er die Aktenmappe gegen seine Brust gepresst hielt, nur kurz, um ihn wegzuwischen. Irgendetwas stimmte hier nicht, er konnte nur nicht sagen, was es war. Er drehte sich um. Nichts war zu sehen, sein Fahrer saß vermutlich noch im Auto oder sicherte die Halle. Zögernd ging er weiter. Sein Herz pochte stark in seiner Brust und hämmerte gegen seine Rippen.

Ein beißender Schmerz schoss durch sein linkes Bein, das unter ihm nachgab und mit einem Schmerzensschrei stürzte er in den Staub. Ehe er begriff, was geschah, trafen ihn drei harte Schläge in den Rücken. Brennender Schmerz breitete sich über seinen Rücken aus und er fühlte, wie sein warmes Blut eine langsam größer werdende Lache unter ihm bildete. Schmerz war alles, was er noch fühlte. Er wollte sich umdrehen und sehen, was passiert war, aber er hatte keine Kraft mehr. Sein Atem kam nur noch pfeifend über die Lippen und übertönte fast die Schritte, die langsam näherkamen. Die Füße des Schützen betraten sein Blickfeld.

„Yhtills Wurzeln gehen tief“, sagte der Fahrer, ehe er nach der Aktenmappe griff. Rattengesicht versuchte das Unterfangen des Schützen abzuwehren, aber es war vergeblich. Selbst einem Kleinkind den Riesenlutscher wegzunehmen, wäre für ihn unmöglich gewesen. Schließlich gelang es ihm doch, sich umzudrehen und die Hand auszustrecken, mit der er ein Hosenbein zu fassen bekam. Sein Mörder befreite sich mit einem ärgerlichen Grunzen, stieg in den Wagen und fuhr aus der Fabrikhalle. Dunkelheit und Stille legten sich wie ein Leichentuch über den Ort des Geschehens.

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