Rollenspiel: Ich will nicht sterben

Vorgeschichte

Ein 45jähriger Patientin (Frau Stein) wird mit rapiden Gewichtsverlust, Appetitlosigkeit und ständiger Übelkeit und Erbrechen ins Krankenhaus überwiesen.
Nach vielen Untersuchungen ist Krebs im Endstadium diagnostiziert worden. Die Wahrscheinlichkeit, dass sie das nächste halbe Jahr überlebt, liegt bei 5%.
Frau Stein ist seit 17 Jahren verheiratet, hat zwei Kinder (eine Tochter (Isabell, 2Jahre) und einen Sohn (Lucas, 7Jahre)). Ihr Ehemann Michael ist Oberarzt. Nach der Geburt der Tochter nahm er eine Stelle im Westen Deutschlands an und kommt nur am Wochenende nach Hause. Frau Stein arbeitet im Qualitätsmanagement einer Firma. Sie arbeitet 80% von zu Hause aus, um die Möglichkeit zu haben, sich um die Kinder zu kümmern. Die Erziehung der Tochter übernahm Frau Stein zum größten Teil, weshalb Isabell ihr besonders am Herzen liegt.

Seit sie die Diagnose vor zwei Tagen erfahren hat, ist Frau Stein verzweifelt. Sie wird sich immer mehr der Endlichkeit ihres Lebens bewusst. Permanent kreisen ihre Gedanken um ihre Kinder, ihrem Mann und die Zukunft, die die drei ohne sie haben werden.
Tagsüber liegt sie größtenteils im Krankenhausbett und lässt die Behandlungen, nach Bitten ihres Mannes, ohne Kommentar über sich ergehen. Sie glaubt jedoch nicht daran, dass sie irgendetwas bringen. Die Ärzte und Pflegekräfte bezeichnen ihren Zustand als apathisch. Lediglich wenn die Kinder sie nachmittags besuchen, reagiert sie normal und versucht, ihren Kindern zu liebe, sich von ihrer Verzweiflung nichts anmerken zu lassen. Nachdem Frau Steins Kinder sie wieder verlassen haben, wirkt sie verzweifelter als vorher und weint mehrere Stunden.


Gesundheits- und Krankenpflegerin Christiane wird in das Patientenzimmer von Frau Stein geschickt, um mit ihr zu reden. Sie sieht sie, das Gesicht in den Händen versteckt, am Tisch sitzen.
Pflegerin Christiane arbeitet schon mehrere Jahre auf der Onkologie/Hämatologie.


Christiane: (Klopft an Tür. Nachdem keine Antwort kommt, öffnet sie vorsichtig Tür) Frau Stein? (Sie sieht sie am Tisch sitzen.) Ich bin Pflegerin Christiane. Kann ich mich zu Ihnen setzen?

Frau Stein: (Keine Antwort)

Christiane: (setzt sich mit an den Tisch und betrachtet kurz den Patienten und schaut in den Raum)

2 Minuten später

Frau Stein: (nimmt die Hände vom Gesicht und faltet sie auf den Tisch) Ich will nicht sterben. Es ist so unfair.

Christiane: (legt eine Hand auf ihre Hände und sieht sie an, sagt nichts)

Frau Stein: (sieht sie an) Ich will nicht sterben. Warum muss ich sterben? Warum ich?

Christiane: Ich weiß es nicht. (kurze Pause, nimmt Hand von Patient weg) Sie sehen müde aus.

Frau Stein: Ich bin müde. Ich schlafe nicht mehr, seit ich erfahren habe, dass ich… dass ich… (Schweigen)

Christiane: Dass sie Krebs haben?!

Frau Stein: (nickt)

Christiane: Können Sie nicht mehr schlafen, weil Sie Schmerzen haben oder weil Sie viel
                  nachdenken?

Frau Stein: (schüttelt den Kopf) Ich habe keine Schmerzen. Gott sei Dank. Wenn ich noch Schmerzen hätte… (Schweigen)

Christiane: Schmerzen zu haben ist ein beängstigender Gedanke.

Frau Stein: (seufzt) Ja. Sehr. Aber noch beängstigender ist… (Schweigen)

Christiane: Ja?

Frau Stein: Wissen Sie, dass ich zwei Kinder habe? Ein Mädchen und einen Jungen. (holt ein Foto von aus der Hose und zeigt es Christiane)



Christiane: (schaut sich Foto an) Sehr süß die Zwei. Wie alt sind sie? (gibt Foto zurück)

Frau Stein: (hält Foto fest) Isabell ist zwei und Lucas ist sieben. Isabell fängt jetzt richtig an zu reden. Sie redet wie ein Wasserfall. Hat sie von ihrer Vater. (lächelt) Lucas ist jetzt im Fußballverein. Torhüter. Er hat nächsten Monat sein erstes Turnier. (schaut sich das Foto an und streicht darüber) Doch das werde ich vermutlich nicht mehr sehen. (schiebt das Foto weg)

Christiane: Sie lieben ihre Kinder.

Frau Stein: (nickt)

Christiane: Und wer kümmert sich jetzt gerade um Ihre Kinder?

Frau Stein: Lucas ist in der Schule. Und um Isabell… mein Mann hat sich Urlaub genommen, damit er zu Hause sein kann. Aber das macht sein Arbeitgeber auch nicht mehr lange mit.

Christiane: Sie machen sich Sorgen, dass ihr Mann die Arbeit verliert.

Frau Stein: Ja. (kurze Pause) Aber wenn er wieder arbeiten geht… (Pause)

Christiane: Kann sich keiner mehr um die Kinder kümmern.

Frau Stein: (nickt und rauft sich die Haare) Arrh… es ist zum kotzen. Bleibt er hier verliert er seinen Job. Bin ich dann… wenn ich dann… (zuckt mit den Schultern) nicht mehr da bin… Wie sollen sie über die Runden kommen? Die Ersparnisse reichen auch nicht ewig. Doch wenn er weg geht kann sich keiner mehr um die Kleinen kümmern. (seufzt)

Christiane: Sie machen sich über die finanzielle Situation und die Versorgung Ihrer Kinder Sorgen.

Frau Stein: Ja.

Christiane: Und wenn die Kinder zu Ihrem Mann ziehen?

Frau Stein: (zieht das Foto wieder zu sich) Hmm…ja… würde sicherlich auch gehen…

Christiane: Der Gedanke scheint Ihnen nicht zu gefallen.

Frau Stein: Nein…Doch…Ja-schon… (seufzt)

Christiane: Was stört Sie an der Vorstellung?

Frau Stein: (murmelt) Nicht so wichtig…

Christiane: Ihre Gefühle sind wichtig. Es beschäftigt Sie ja offensichtlich.

Frau Stein: (spielt an dem Bild herum) Aber es ist… (Pause)

Christiane: Manchmal hilft es, Dinge einfach auszusprechen. Ich bin nicht hier, um über Sie zu richten. Ich möchte einfach zuhören.

Frau Stein: (holt tief Luft) Okay…Ähm… Wenn mein Mann im Westen ist und meine Kinder auch… dann… (Pause)

Christiane: Sind Sie hier alleine.

Frau Stein: (nickt mehrmals) Genau. Und ich kann nicht mitgehen. Ich muss noch so viel tun. Die Arbeit. Ich muss jemanden neuen einarbeiten. Und und und.

Christiane: Sie haben das Gefühl, dass Ihnen die Zeit wegrennt.

Frau Stein: Ja! Und wenn die Ärzte recht haben. Dann…dann habe ich nicht einmal mehr ein halbes Jahr.

Christiane: Ich verstehe das… Wie soll man in einem halben Jahr das schaffen, wofür man eigentlich Jahre Zeit hätte.

Frau Stein: Genauso. Erst jetzt wird mir bewusst, was ich alles machen wollte. Was ich nicht mehr erleben kann. Ich wollte noch so viel machen. Vielleicht erlebe ich nicht mal mehr Lucas Fußballspiel. Gott…das wird er mir nie verzeihen. (legt das Gesicht in die Hände)

Christiane: Sie haben das Gefühl ihre Kinder in Stich zu lassen, wenn sie sterben.

Frau Stein: (nickt) Vielleicht ist es doch besser, wenn sie zu Michael fahren. Mir wird es ja wahrscheinlich auch immer schlechter gehen und dann sollen sie mich so nicht mehr sehen.

Christiane: Ja. Auf der einen Seite geht es einem immer schlechter und man weiß nicht, was einen erwartet. Und auf der anderen Seite möchte man seine Kinder auch nicht in Stich lassen, weiß jedoch auch nicht, ob es gut ist, wenn sie den Krankheitsverlauf mit ansehen. Eine schwierige Situation.

Frau Stein: Sie können sich gar nicht vorstellen wie schwierig. Mir läuft die Zeit weg. Ich  schaue stundenlang auf die Uhr. Ich weiß, dass ich mein Testament schreiben müsste, dass ich so viel organisieren muss, aber… ich weiß nicht. Ich sitze immer hier und sehe auf diese bescheuerte Uhr und schaue zu, wie jede Sekunde verstreicht.

Christiane: Und hofft, dass die Zeit still steht.

Frau Stein: Ja. Aber sie wird nicht still stehen.

Christiane: Nein.

Frau Stein: Richtig. (setzt sich gerade hin) Und dann sollte ich doch die Zeit nutzen, die ich noch habe. Ich bekomme das hin. (lächelt)

Christiane: Ja. Sie bekommen das hin.

Frau Stein: Doch wo fange ich an? Ich habe keine Ahnung von Testament schreiben. Wie lange darf mein Mann hier bleiben, denn ich hätte ihn und meine Kinder gern so lange wie möglich bei mir. Ich glaube, dass mir das gut tut. Und wie lange werde
ich noch haben, bevor nichts mehr geht?

Christiane: Verständlich, dass Sie da viele Fragen haben und anscheinend haben Sie sich schon viele Gedanken gemacht. Wenn Sie wollen, kann ich Ihnen einige Adressen von Beratern und auch Selbsthilfevereinen geben. Die Leute dort, haben sehr viele Erfahrungen mit dem Thema und können Ihnen da bestimmt  weiter helfen.

Frau Stein: Das wäre sehr nett von Ihnen. (greift nach ihrem Handy)

Christiane: (lächelt) Kein Problem. Ich sehe, dass sie telefonieren wollen?!

Frau Stein: Ja. Ich möchte Michael anrufen und ihm sagen, wie sehr ich ihn und die Kinder, liebe solange ich noch die Zeit dafür habe.

Christiane: Ich finde, dass ist eine sehr gute Idee. Dann werde ich jetzt erst mal gehen. Wir sehen uns bestimmt später noch mal.

Frau Stein: Ja. Und… vielen Dank. Das Gespräch hat sehr gut getan.

Christiane: Das freut mich. Wenn Sie noch mal reden wollen oder ich Ihnen irgendwie helfen kann, dann sagen Sie einfach Bescheid.

Frau Stein: Mach ich.

Christiane: (steht auf) Dann bis später

Frau Stein: Bis später.

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