Hallo, ich bin eine Wildkatze und ich möchte dir eine Geschichte erzählen, die mir einst der Wolf persönlich erzählt hatte.

Wolf begann mit der Geschichte:
An einem schönen Tag, ich sprang gerade kreuz und quer durch den Wald in dem ich wohnte und freute mich meines Lebens, als ich plötzlich Stimmen hörte. Ich schlich näher, um zu lauschen. Da sah ich ein kleines Mädchen mit einem roten Käppchen und eine Frau, die wahrscheinlich seine Mutter war. Die Frau sprach: „Geh und bring der kranken Großmutter dieses Körbchen mit Kuchen und Wein, das wird sie stärken. Gib aber auf den Weg acht und lauf ja nicht in den Wald, damit dir nichts zustößt und beeile dich, dass die Großmutter nicht warten muss.“ Das hörte sich für mich sehr interessant an und ich folgte Rotkäppchen heimlich durch den Wald. Rotkäppchen grummelte, während es ging, vor sich hin: „Ach Mann, jetzt muss ich schon wieder zu dieser Alten gehen. Das interessiert mich überhaupt nicht! Und immer die Ermahnungen von meiner Mutter, die finde ich auch zum Kotzen! Ich geh jetzt in den Wald und pflücke mir ein paar Blumen!“
Da sprang ich auf den Weg vor das Mädchen und sagte: „Rotkäppchen, denk an die Ermahnungen deiner Mutter und bleibe auf dem Weg!“ Doch Rotkäppchen hörte nicht und ging in den Wald. Ich aber lief zum Haus der Großmutter und erzählte ihr alles. Wir schmiedeten einen Plan, um Rotkäppchen einen Denkzettel zu verpassen. Die Großmutter versteckte sich im Keller, während ich ihre Nachthaube, ihre zweite Brille und ihr Nachthemd anzog. So legte ich mich in das Bett der Großmutter und wartete auf das Mädchen. Als Rotkäppchen mit sehr großer Verspätung endlich ankam, klopfte es nicht einmal an die Tür und stürmte ohne Gruß herein. Knallte den Korb auf den Tisch und rannte in Richtung Schlafzimmer, riss die Tür auf und blieb stehen, als sie mich sah. Sie fragte verwundert: „Warum hast du so große Augen?“ „Damit ich dich besser sehen kann“, erwiderte ich. „Und warum hast du so große Ohren?“ „Damit ich dich besser hören kann.“ „Warum hast du so große Hände?“ „Damit ich dich besser packen kann.“ „Und warum hast du so einen großen Mund?“ „Damit ich dich besser anbrüllen kann,“ schrie ich ganz laut, sprang aus dem Bett und versuchte das Mädchen zu packen.
Rotkäppchen aber lief schreiend und kreischend geradewegs zum Haus des Jägers. Wenig später kam es mit dem Jäger zurück, während die Großmutter und ich genüsslich den Kuchen aßen und Wein tranken. Als der Jäger das sah, fragte er Rotkäppchen, was das bedeuten sollte. Das Mädchen wunderte sich genauso wie der Jäger und fragte seine Großmutter: „Warum um alles in der Welt sitzt du mit dem Wolf an einem Tisch und isst mit ihm den Kuchen und trinkst Wein?“ Die Großmutter sagte: „Wolf hat mir alles erzählt und wir haben daraufhin diesen Plan geschmiedet, damit wir dir einen Denkzettel verpassen konnten. Das soll dir eine Lehre sein, weil du so schlimm warst und die Regeln nicht beachtet hast. Aber nun setz dich zu uns und iss und trink mit uns.“
Und so saßen wir alle gemeinsam an einem Tisch und ließen uns die Jause schmecken. So endete dieser Tag.
Und stell dir vor, was später statt dessen erzählt wurde: Der Jäger behauptete, ich hätte die beiden gefressen und dass er meinen Bauch aufschneiden musste, damit er Rotkäppchen und die Großmutter befreien konnte. Danach legte er Wackersteine in meinen Bauch und nähte ihn wieder zu. Ich sei durch das Gewicht der Steine beim Trinken in den Brunnen gefallen und ertrunken.
Was sagst du zu so einer ausgefuchsten Lüge? Wie hätte mir Wolf diese Geschichte erzählen können, wenn er tot wäre?

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