Run Boy Run

„Joe! Joe! Ich bin‘s!“

Eine ihn vertraute, ruhige Stimme beendete Joes Gegenwehr. Fassungslos senkte er die Hände und sah in die hellen, blauen Augen des Blonden. Billy stand über ihm gebeugt, hielt ihn an den Handgelenken fest, während er ihn mit den Augen nach Verletzungen absuchte.

„Es hat dich nicht gebissen, oder?“

Joe schüttelte den Kopf und ließ sich dankbar aufhelfen. Mit einem geübten Griff legte Billy seinen Arm um dessen Taille und zog ihn die Schienen entlang, weg von dem Zug.

„Wir sollten abhauen!“, sagte er zu Joe. Seine Stimme war noch immer ruhig und gefasst, sodass Joe sich sichtlich wunderte, woher diese Ruhe kam. Jeder wäre bei diesem Anblick verrückt geworden. Aus dem Augenwinkel und halb geschlossenen Lidern betrachtete Joe den anderen.

Als ihm seine Beine einknickten, krallte Joe sich mit den Fingern in Billys Brust. Dieser verstärkte seinen Griff, um Joes Taille und legte Joes Arm um seinen Nacken, um ihn besser stützen zu können.

Geschockt musterte dieser Billys Gesicht, das voller Blut war. Auch seine Kleidung war rot. Darauf befand sich weit weniger Blut, als zu erwarten wäre. Joe glaubte, er würde etwas anderes tragen, wie zuvor. Aber das war absurd, oder?

Verwirrt schüttelte er den Kopf, als könnte er den Gedanken einfach aus seinem Verstand werfen.

„Wir sollten weitergehen, Joe“, wiederholte Billy. „Für Erklärungen ist später noch Zeit.“

„Was ist mit den anderen?“, fragte Joe. Seine Stimme war nur ein dünnes Flüstern.

Billy zögerte sichtlich. Und Joe ahnte bereits, was er gleich hören würde.

„Sie haben es nicht geschafft. Sie sind tot, Joe. Komm jetzt. Diese Monster können jeden Augenblick zurückkommen. Wir sind hier nicht sicher.“

Damit zog er den verstörten Schaffner weiter, der einige klägliche, stolpernde Versuche unternahm umzukehren. Da Billy aber praktisch sein ganzes Gewicht trug, gab er schnell auf. Gleichmäßig, wie eine Lok, ging Billys Atem neben Joes Gesicht. Auf und ab. Immer im gleichen Rhythmus.

Fragen zermürbte Joes Gehirn, während sie zügig durch den Wald liefen, fernab der Gleise.

Was hatte sie angegriffen? Wie hatte Billy es überlebt? Und lebten sie wirklich oder war das der letzte Augenblick? Sein letzter Atemzug auf der Erde? Stellte er sich so den Tod vor?

 Blind stolperten sie durch den Wald, wobei Billy damit weitaus weniger Probleme hatte, als Joe, der wie träger Ballast in dessen Armen hing. Immer wieder strauchelte er, blieb mit dem Arm an Gestrüpp hängen und verlor das Gleichgewicht, womit er sie beide fast von den Füßen riss. Billy hielt ihn jedes Mal auf, stellte ihn auf die Beine und zog ihn weiter.

„Du schaffst es Joe. Wir werden heute nicht hier sterben.“

„Billy, ich kann nicht mehr.“

„Doch du kannst. Und du wirst.“

„Wer oder was sind diese Dinger?“, fragte Joe keuchend. Er hielt es nicht mehr allein mit seinen Gedanken aus. Trotzdem war er überrumpelt, dass er die Frage doch laut ausgesprochen hatte. Billys Schritte wurden etwas langsamer.

Schwach drang der Mond durch die Baumkronen, doch Joe konnte den Blick in Billys Augen auch so erkennen. Sie schienen ein wenig zu leuchten, was vollkommen absurd war. Er wurde langsam verrückt. Drehte durch. Endgültig.

Sollten sie tatsächlich hier lebend rauskommen, wusste Joe nicht, was danach aus ihm werden sollte. Wie sollte er diesen Albtraum verarbeiten? Konnte er das überhaupt? Vergessen würde er es nie. Das wusste er schon jetzt.

Wendigos!“, antwortete Billy nach einigen Sekunden.

„Was?“

„Wendigos!“, wiederholte der Blonde, als würde er über Bären oder Wildschweine reden und Joe verstand, dass Billy es ernst meinte, was ihn immens verwirrte.

„Du-.“

„Nein, Joe, ich verarsche dich nicht.“

Joe starrte Billy an, doch der reagierte nicht und sprach einfach weiter.

„1963 gab es hier ein Zugunglück. Wegen der schweren Stürme konnten die Hilfskräfte erst Tage später den entgleisten Zug bergen. Es wurden nur wenige Leichen der Passagiere gefunden. Andere waren spurlos verschwunden.“

„Okay. Was hat das mit Wendigos auf sich? Was sind Wendigos?“

„Die Menschen müssten damals verhungert sein. Die Leichen, die man geborgen hatte, waren angefressen. Eine Überprüfung der Zahnabdrücke ergab, dass es Menschen gewesen waren, die das Fleisch angenagt hatten. Weißt du, was mit Menschen passiert, die Menschenfleisch essen?“

Joe sah ihn nur an. Antwortete aber nicht. Als Zugbegleiter kannte er selbstverständlich die lächerlichen Legenden, die manche Orte in England umgaben. Daran glauben, tat er nicht.

„Sie verlieren ihre Menschlichkeit, ihre Seele und werden zu Monstern.“

„Das ist ein Märchen“, flüsterte Joe heißer, doch Billy ignorierte ihn.

„Je länger sie so ein Leben führen, desto mehr werden sie zu Tieren“, antwortete Billy. „Komm wir müssen weiter.“

Das ist ein Märchen, wiederholte Joe die Worte in seinem Kopf, aber er fand dieses Argument nach allem, was passiert war, selbst nicht sehr glaubwürdig.

„Und das Heulen?“

Billy sah ihn einige Zeit lang schweigend an, als müsste er über eine Antwort nachdenken.

„Das war nur ein Wolf“, wich er anschließend der Frage schnell aus.

„So nah?“

Billy zuckte nur mit den Schultern.

„Ihre Glieder waren unnatürlich lang“, sagte Joe im Laufen und ergriff Billys Hand, um ihn nicht zu verlieren. „Rote Augen. Sie waren haarig und hatten große Klauen. Das waren keine Menschen. Niemals.“

„Ich weiß, dass es nicht leicht ist, in unserer rationalen Welt, an so etwas zu glauben, Joe. Aber wir sind nicht allein.“

„Woher weißt du das Billy?“

Billy schwieg und lief stumm weiter.

„Hast du sie schon einmal gesehen?“

„Komm einfach weiter, Joe. Jemand muss sich mal diese Verletzungen ansehen.“

Mit mulmigem Gefühl klammerte Joe sich an den anderen. Er wusste nicht, ob er ihm vertrauen konnte. Irgendwie machte er ihm Angst. Was dumm war. Schließlich hatte er ihn gerettet.

Langsam wurde der Himmel heller. Bald würde die Sonne am Horizont aufgehen. Immerzu gingen sie weiter. Obwohl Joe nicht mehr konnte, blieben sie nicht stehen. Er merkte nicht einmal, dass sie zurück auf die Gleise kamen und sich der Bahnhof vor ihnen erstreckte. Müde lächelte Joe. Ein trauriges Lachen entwich seiner Kehle. Vielleicht war es auch Argwohn.

Tatsächlich hatten sie diesen Albtraum überlebt. Joe spürte leichten Druck an seiner Hand. Als würde Billy ihn durch diese Geste beruhigen. Den ganzen Weg über hatte er Joes Hand nicht losgelassen.

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