Schöner Albtraum

Kaum war meine Tür ins Schloss gefallen, als Mickey schneller, als ich gucken konnte, davonraste und hinter der nächsten Kurve aus meinem Blickfeld verschwand. Wie angewurzelt blieb ich ein paar Minuten stehen. Tief atmete ich ein und schloss meine Augen. Ich hatte meine Ruhe. Endlich. Ich konnte es kaum glauben.
Sehnsüchtig dachte ich an mein weiches Bett und den erholsamen Schlaf, der mir bevorstand. Ich öffnete wieder die Augen. Die Sonnenstrahlen kitzelten meine Haut. Gut gelaunt ging ich zur Eingangstür meines Wohnhauses. Hier und da entdeckte ich einige Köpfe meiner Nachbarn, die hinter den schulterhohen, sattgrünen Hecken hervorlugten.
Heute war eindeutig einer dieser Tage, von denen es mehr geben sollte. Der Duft von frisch gemähtem Gras vermischte sich mit dem Duft der ersten blühenden Blumen im Frühjahr. Ich zog meinen Schlüssel aus der Hosentasche und öffnete die Tür. Zwei Stufen auf einmal nehmend lief ich meiner Wohnung entgegen. Gerade hatte ich das sonnendurchflutete Wohnzimmer betreten, als ich mir das Hemd vom Oberkörper riss und bloß mit meiner Hose bekleidet ins Schlafzimmer schlenderte. Die Vorhänge waren noch immer zugezogen.
In der Dunkelheit wurden meine Lider sogleich schwerer und ich wurde schläfrig. Ausgiebig gähnte ich. Ich schlug die schwere Decke zur Seite und legte mich auf die bequeme Matratze. Es waren nicht einmal fünf Minuten vergangen, als ich bereits in einen unruhigen Schlaf fiel…

Mein Atem ging flach und unregelmäßig. Eine nervige Fliege schwirrte um meinen Kopf herum und ließ sich nicht verjagen. Ihr monotones Summen klang in meinen Ohren nach und raubte mir den letzten Nerv. Ich war leicht gereizt und nervös. Unter meiner Haut kribbelte es unangenehm und das Herz schlug mir bis zum Hals.
Vor meinen Augen sah ich ein Einfamilienhaus mit grauen Dachschindeln. Am Querbalken über der Veranda hing ein Glockenspiel, welches im aufkommenden Wind schaukelte und eine leise verträumte Melodie hören ließ. Mir war bewusst, dass ich träumte. Ich wusste ganz genau, welchen Moment in meinem Leben ich zum wiederholten Mal durchlebte: es war der Abend, an dem ich meinen ersten Auftrag ausgeführt und einen Menschen getötet hatte.
Damals hatte ich fast jede Minute die Bilder vor Augen gehabt. Sie hatten mich gequält und keine Ruhe gegeben, wie ich es Holly im verlassenen Cafè erzählt hatte.
Starr, wie eine Salzsäule, stand ich auf der gegenüberliegenden Straßenseite und beobachtete, geschützt von der Finsternis, das Haus. Im Erdgeschoss war Licht angemacht worden, doch durch die Vorhänge konnte ich nicht viel erkennen. Ab und zu flitzte ein Schatten am Fenster vorbei, aber ich war mir nicht sicher. Mein Puls beschleunigte sich stetig und brachte mein Blut in Wallung. Ich war nicht dazu fähig mich zu bewegen, aber es lag nicht daran, dass ich es nicht wollte, sondern die Macht meiner Erinnerungen ließ es nicht zu.
Wenn der Traum so ablief, wie es vor drei Jahren gewesen war, dann musste ich auf die Ankunft von Patton Massey warten. Mein Adoptivvater, William Cunningham, hatte ihn damals damit beauftragt mich mitzunehmen und mir die Aufgaben eines Auftragskillers näher zu bringen. Zwar hatte ich eine Ausbildung von ihm genossen, aber diese Übungen waren mit der Realität nicht immer vergleichbar gewesen.
Ich hatte keine Ahnung gehabt, was Schläge, Tritte oder Pistolenkugeln bei einem menschlichen Körper wirklich anrichteten.
William hatte sich für Patton entschieden, weil er am Längsten dabei war und viel Erfahrung hatte. Er war 39 Jahre alt und hatte davon 13 als Soldat gedient. Daher wusste er, wie man mit Waffen verschiedenster Art umging.
Als 15-Jähriger hatte ich eine Heidenangst vor ihm. Kein Wunder, schließlich war er 1,98m groß und sein 90 Kilo schwerer Körper muskelbepackt.
Jetzt hatte ich zwar keine Angst mehr, dennoch machte ich gerne einen großen Bogen um ihn. Seine wechselhafte Stimmung war gefährlich und unberechenbar.
Meine Nervosität stieg ins Unermessliche. Das Laub der Bäume wirbelte raschelnd um meine Füße herum. Komischerweise machte mich dieses Geräusch noch nervöser.
Das Licht im Haus war erloschen.
Vermutlich hatten sich die Bewohner schlafen gelegt. Ich wandte meinen Blick ab und legte meinen Kopf in den Nacken. Der Himmel war wolkenverhangen und düster. Keinen einzigen Stern konnte ich über mir entdecken.
„Na, Kleiner?“ Pattons große Gestalt kam hinter einem Baum hervor und baute sich direkt vor mir auf.
Mit seiner rechten, prankenähnlichen Hand wuschelte er mir durch die Haare und brachte sie durcheinander. Sein strahlendes Lächeln konnte ich trotz fehlenden Lichtes gut erkennen. Ich dagegen funkelte ihn, aus zugekniffenen Augen, böse an. Ich mochte es nicht, wenn er mich Kleiner nannte. Beschwichtigend hob er die Hände.
„Reg dich nicht auf, Kleiner.“ Freundschaftlich knuffte er mir in die Schulter. „Bist bestimmt aufgeregt, oder?“ Die Antwort auf seine Frage konnte er ohne Mühe an meinem bebenden Körper ablesen.
„Mach dir nicht in die Hose. Der Erste ist immer der Schlimmste, aber dann wird es besser. Denk einfach dran, dass jeder weitere Auftrag deine Fähigkeiten verbessert. Und ehe du dich versiehst, kannst du mit Leichtigkeit einem Menschen töten.“ Seine blauen Augen sprühten vor Begeisterung.
Falls das seine Motivationsrede gewesen sein sollte, dann hatte sie das genaue Gegenteil bewirkt. Ich konnte förmlich spüren, wie mir das Blut aus meinem Gesicht wich.
Patton schien meine Angst nicht zu stören. Geistesabwesend drehte er sich zum Haus und fuhr sich durch die raspelkurzen, blonden Haare. Die Frisur hatte er seit seiner Militärzeit beibehalten. Seine Augen huschten blitzschnell hin und her. Er schien herausfinden zu wollen, wie wir am Besten ins Haus unseres Opfers gelangen konnten.
„Komm mit“, zischte er wie aus dem Nichts und rannte lautlos über die Straße.
Ich zögerte, denn ich war noch nicht bereit. Ich war noch lange nicht bereit einen Menschen zu töten, aber Patton nahm keine Rücksicht auf meine Zweifel. Er hatte sich an die westliche Hausfront gepresst. Dann verschwand er plötzlich und ich konnte ihn nirgends entdecken. Ich war völlig perplex. Was war los? Stimmte etwas nicht? Hatte er etwas gehört oder gesehen, was ich unmöglich aus dieser Distanz bemerken konnte?
So schnell, wie Patton verschwunden war, tauchte er auch wieder auf. Konzentriert suchte er meinen Blick. Ungeduldig wartete er auf mich. Ich hatte Schiss vor dem, was mich erwartete und unvermeidlich war, doch meine Angst vor Pattons Wut war größer. Ich ergab mich meinem Schicksal und schlug denselben Weg ein, wie er, und stellte mich neben ihn. Ich fühlte mich wie im falschen Film.
„Jetzt hör mir genau zu“, flüsterte Patton mir ins Ohr. Seine Stimme klang todernst. Meine Nackenhaare stellten sich auf und ich begann zu zittern.
„Ich mache mich gleich an der Vordertür zu schaffen“, sagte er zerknirscht. Fragend sah ich ihn von der Seite an.
„Das Haus besitzt keine Hintertür, also muss ich es an der Vordertür versuchen. Wenn ich sie geöffnet habe, komme ich dich holen. Du machst derweil keinen Mucks, verstanden?“ Steif nickte ich.
„Jetzt kommt das Wichtigste: hier wohnt ein Ehepaar. Der Mann macht uns ´ne Menge Ärger.“ Ich wagte nicht zu fragen, was der Mann getan hatte, damit er nun dem Tode geweiht war.
„Da du noch unerfahren bist, werde ich ihm zusetzen, während du die Ehefrau in Schach hälst.“
Erschrocken weiteten sich meine Augen. Was sollte ich tun? Das konnte doch nur ein schlechter Scherz sein. Ich war unerfahren, warum zur Hölle sollte ich dann eine unschuldige Frau daran hindern ihrem Mann zu helfen, der von einem grobschlächtigen Kerl, wie Patton, geschlagen wurde?
Ohne meine Zustimmung abzuwarten, lief Patton gebückt um die Ecke, um uns einen Zugang ins Haus zu verschaffen. Diese Situation war nervenaufreibend. Ich konnte nichts weiter tun, als zu warten. Am Liebsten wäre ich einfach davongerannt, doch dann hätte ich mich bei meinem Adoptivvater niemals mehr blicken lassen können. Wo hätte ich dann hingehen sollen?
Auf einmal lugte der Kopf von Patton hervor. Sein Gesicht zeigte ein triumphierendes Lächeln. Er hatte es also geschafft. Mit der linken Hand winkte er mich zu sich. Der Moment, vor dem ich mich so sehr fürchtete, war nun gekommen.
Gemeinsam schlichen wir auf die Veranda und dann über die Schwelle der Haustür. Es war stockdunkel. Die Luft war erfüllt vom Geruch des vergangenen Abendessens. Meine Augen hatten keine Zeit sich an die übergreifende Dunkelheit zu gewöhnen, denn Patton betrat die Stufen zum nächsten Stockwerk. Mit weichen Knien und einem unangenehmen Gefühl in der Magengegend ging ich ihm hinterher. Ich fragte mich, was für ein Gefühl es sein musste, wenn zwei Fremde einen in der Nacht überfielen und aus seinen schönsten Träumen rissen, um die kommenden Stunden in einen Albtraum zu verwandeln.
Der Flur im ersten Stock war kurz und schmal. An den Wänden hingen Bilder, deren Motive ich jedoch nicht ausmachen konnte. Als ich wieder nach vorne schaute, tauchte eine weiß lackierte Holztür auf. Patton steuerte geradewegs auf sie zu und öffnete sie mit einem Handgriff. Nach meinem Geschmack ging alles viel zu schnell. Ich hatte das Zimmer noch nicht betreten, als ich den hohen Schrei einer Frau vernahm, der an den Wänden verhallte. Patton verlor keine Zeit.
Die Geräusche, die aus dem Zimmer drangen, waren laut und chaotisch. Wütendes Schnaufen traf auf ängstliche und panische Schreie. Mein Verstand kam mit der Verarbeitung all dieser Eindrücke nicht hinterher. Wie ein rauer, unberechenbarer Wind rauschten die Bilder in meinem Kopf und drückten sich gegen die Innenseite meines Gehirns. Der Druck wurde unerträglich. Ich presste meine Hände gegen die Schläfen und schloss die Augen. Ich versuchte alles um mich herum auszublenden, doch die schrillen Schreie, die aus dem Zimmer drangen, ließen mich nicht in Ruhe. Mir war heiß und ich war kurz davor den Verstand zu verlieren.
Urplötzlich wechselte das Setting. Ich saß an einem reich gedeckten Tisch und entdeckte einen Schweinebraten, Kartoffeln und zweierlei Gemüsesorten. Vor meiner Nase stand ein schneeweißer Teller, der nur darauf wartete mit dem köstlichen Essen beladen zu werden. Mir kam das Haus, in dem ich mich befand, bekannt vor.
Die Wände waren in einem Lindgrün gestrichen. Der beigefarbene Teppich sah weich aus, aber ich konnte es nicht genau sagen, da meine Füße den Boden nicht erreichten. Stattdessen baumelten sie in der Luft. Nun wusste ich, wo ich war: ich saß in dem Haus, in dem ich mit meinen Eltern bis zu ihrem plötzlichen Tod gelebt hatte. Meine Beine waren so kurz, weil ich ein Kind war. Erst jetzt realisierte ich, dass ich nicht alleine am Tisch saß. Rechts und links von mir hatten meine Eltern Platz genommen. Erwartungsvoll schaute ich in ihre Gesichter, in der Hoffnung, ihre Mienen genau erkennen zu können, doch sie waren wie verwischt. Meine Erinnerungen waren verschwommen.
Tränen der Verzweiflung stiegen in meine Augen. Ich hätte in diesem Moment alles dafür getan ihre Gesichter nur noch ein einziges Mal sehen zu können, das allerletzte Mal in meinem Leben.
Ich sprang auf und versuchte die Hand meiner Mutter zu berühren, ohne Erfolg. Meine Hand stoppte mitten in der Bewegung und konnte nicht näher als fünf Zentimeter an sie heran. Es schien eine unsichtbare Wand zwischen uns zu stehen. Die bitteren Tränen liefen mir die Wangen hinab und fielen auf den hellen Teppich, der sie sofort aufsaugte.
Ich versuchte immer wieder sie zu erreichen.
Irgendwann sauste ich auf die andere Seite des Tisches und versuchte es bei meinem Vater, aber es geschah genau dasselbe, wie bei meiner Mutter. Traurig und am Boden zerstört hämmerte ich gegen eine Wand. Nach kurzer Zeit waren meine Hände knallrot und brannten wie Feuer.
Die körperlichen Schmerzen spürte ich jedoch kaum. Zu stark waren die Schmerzen in meinem Herz. Dann durchdrang urplötzlich ein lautes Krachen die Stille. Irritiert blickte ich umher, um herauszufinden, woher der Krach kam.
Eine schwarze, angsteinflössende Gestalt kam durch die Tür geprescht. In der Hand hielt sie ein Maschinengewehr. Mir entgleisten die Gesichtszüge, als sie die Waffe hob und ohne zu Zögern das Feuer auf meine Eltern eröffnete. Ich war nicht fähig mich zu bewegen. Der Schock lähmte mich. Derweil kippten die Stühle mitsamt meinen Eltern zu Boden. Eine Menge Blut sprühte aus ihren Körpern in die Luft und rieselte auf den Tisch und die weißen Teller.
Alles um mich herum begann sich zu drehen. Schneller und immer schneller. Eine plötzlich auftauchende Finsternis umhüllte mich. Ich war ganz allein. Ich hatte nichts und niemanden auf dieser großen weiten Welt. Meine Eltern, die mir alles bedeuteten, waren tot.
Laut schluchzte ich und wischte mir die Tränen aus dem Gesicht. Kaum war meine Haut trocken, da kam ein neuer Tränenfluss, der einfach nicht aufhören wollte.
„Du brauchst nicht zu weinen“, sagte eine samtweiche Stimme aus der Dunkelheit.
„Wer ist da?“ Meine Stimme zitterte, doch sie war für einen 7-Jährigen viel zu tief.
Ich war in der Gegenwart angekommen. Ein kleiner heller Punkt schwebte vor mir. Langsam breitete er sich aus und wurde zu einem Netz aus grellem Licht. Schützend hob ich eine Hand, um das Licht abzuschirmen. Und dann stand Holly vor mir, so übernatürlich schön und rein, dass mir der Atem stockte. Anmutig und grazil tänzelte sie wie in Zeitlupe auf mich zu. Keine einzige Bewegung von ihr entging mir.
Sie trug ein weißes, wallendes Kleid. Das Licht umrahmte ihren Körper und vermittelte Geborgenheit und Schutz. Wie ein Engel schien sie vor mir zu schweben. Vorsichtig hob sie ihre Hände zu meinem Gesicht. Zärtlich strich sie über meine Wangen und wischte die Tränen weg, während sie sie mich mit ihren azurblauen Augen liebevoll ansah.
„Du bist nicht alleine, James“, hauchte sie und schenkte mir ein bezauberndes Lächeln. Ich wusste nicht wieso, aber diese wenigen Worte beruhigten mich ungemein.
Stürmisch nahm ich sie in die Arme und drückte sie an mich. Der Vanilleduft, den ihre Haut verströmte, vernebelte meinen Verstand und berauschte mich. Mein Herz pochte schmerzhaft gegen meine Rippen. Aber es war ein angenehmer, süßer Schmerz, ausgelöst durch die grenzenlose Liebe und Zuneigung, die ich für Holly empfand. Ich senkte den Kopf und gab ihr einen Kuss. Ihre vollen Lippen waren weich und warm. Sie legte ihre Arme in meinen Nacken und erwiderte den Kuss.
Die kaum vorhandene Distanz zwischen uns versetzte mich in einen Trancezustand. Mein Herz blieb stehen und die Lungen versagten mir ihren Dienst. Ich spürte, wie ich allmählich schwächer wurde und meine Muskeln erschlafften. Der Moment meines Todes war gekommen, doch ich hatte keine Angst. Meine letzte Erinnerung an das Leben würde Holly sein und mit diesem Gedanken konnte ich die wenigen Sekunden meines verbliebenen Lebens genießen…

Ich riss die Augen auf. Schnell hob und senkte sich mein Oberkörper. Meine Decke lag zusammengeknäult auf dem Boden. Mein ganzer Körper war von einer Gänsehaut überzogen. Tausende Gedanken und Gefühle rasten durch meinen Kopf. Ich war unfähig sie zu ordnen und mich zur Ruhe zu bringen, denn dieser Traum hatte mein Innerstes aufgewühlt.
Ich war von schrecklichen Erinnerungen aus meiner Vergangenheit zur wunderbarsten Person der Gegenwart gewandert. Die Sehnsucht nach Holly war so stark, wie noch nie. Ich musste sie sehen. Sofort.
Durch mein Ziel angetrieben, schwang ich mich voller Elan aus dem Bett und riss die Türen meines Kleiderschranks auf. Hektisch huschten meine Augen hin und her, auf der Suche nach passenden Klamotten. Ich schnappte mir eine Jeans und schlüpfte in Windeseile hinein, ehe ich mir ein schwarzes Hemd über die Schultern streifte. Schnell machte ich einen Abstecher ins Bad.
Vor dem Spiegel entdeckte ich sofort die Abschürfungen durch den Unfall. Mein kompletter Oberkörper war übersäht von ihnen. Sie waren zwar immer noch gerötet, aber das unablässige, unangenehme Brennen war verschwunden.
Ich knöpfte das Hemd zu und begann mir die Zähne zu putzen. Ich beeilte mich, denn ich ertrug keine weitere Sekunde ohne Holly. Als ich in die Küche rannte, knipste ich zuerst das Licht an, bevor ich ein Glas mit Orangensaft füllte und mir einen roten Apfel schnappte. Kräftig biss ich hinein. Ich hatte stundenlang nichts gegessen.
Zwischen den Bissen nippte ich hin und wieder am Saft. Nachdem ich mein mickriges Frühstück heruntergeschlungen hatte, schlüpfte ich in meine Schuhe und rauschte ohne Jacke aus der Wohnung. Mein Herz schlug bereits jetzt schon bis zum Hals und machte mich hibbelig. Ich konnte kaum glauben, was nur die Gedanken an sie bei mir anrichteten.
Die Treppen überwand ich mit einer unglaublichen Leichtigkeit. Die Gewissheit, dass ich bald bei ihr sein würde, beflügelte mich. Ein überwältigendes Glücksgefühl betäubte mich und ließ mich keinen klaren Gedanken mehr fassen. So musste sich ein Junkie fühlen, der sich gerade seine heiß begehrte Droge gespritzt hatte. Als ich nach draußen trat, wurde ich jedoch schlagartig in die Realität zurückgeholt.
Ich hatte gar keine Möglichkeit zu Holly zu fahren. Mein demoliertes Motorrad stand an einem mir unbekannten Ort und ein Auto besaß ich nicht. Mir blieb nichts anderes übrig, als ein Taxi zu rufen. Mein Hochgefühl war wie weggeblasen.
Dennoch zückte ich mein Handy, wählte die Nummer der Auskunft und ließ mir die Nummer des erstbesten Taxiunternehmens geben. Ich rief sofort dort an und bestellte mir ein Taxi. Meine Miene verfinsterte sich, denn der Fahrer würde 20 Minuten bis zu meiner Straße brauchen. Stinksauer legte ich auf und setzte mich an den Straßenrand. Ich hatte keine Lust noch einmal in meine dunkle Wohnung zurückzugehen.
Von Minute zu Minute wurde ich ungeduldiger. Ich war kurz davor einfach zu Fuß zu gehen, aber das würde noch länger, als die Taxifahrt, dauern. Vor meinen Augen geisterte Holly unablässig herum. Sie schien mich förmlich zu sich zu rufen, wie eine Sirene mit ihrem unwiderstehlichen Gesang.
Ungeduldig blickte ich die Straße hinab, in der Hoffnung, dass das gelbe Taxi, das mich zu ihr bringen sollte, endlich kam. Ich schaute auf meine Uhr. Es war 12.30 Uhr. Holly musste jetzt in der Schule sein. Gequält stöhnte ich auf. Mir würde nichts anderes übrig bleiben, als bis zum Ende des Unterrichts zu warten.
Jeder weitere Augenblick, ohne sie, war die reinste Hölle. Ich hatte das Gefühl, dass mir jemand das Herz aus der Brust riss. Zentimeter für Zentimeter. Es gab nur eine Lösung für das Ende meines Leids. Ich musste versuchen sie in einer Pause in der Schule zu finden. So schwer konnte es ja schließlich nicht sein. Natürlich könnte ich sie auch anrufen und sie bitten raus auf den Parkplatz zu kommen, doch ich wollte sie überraschen. Ich wollte unbedingt ihre freudestrahlenden Augen sehen und auf keinen Fall wollte ich ihr atemberaubendes Lächeln verpassen, wenn ich plötzlich vor ihr stand.
Und dann entdeckte ich ein kanariengelbes Auto. Es war mein Taxi, das immer näher kam.
Wie von der Tarantel gestochen, sprang ich auf. Der Fahrer hielt direkt neben mir an. Ich öffnete die Tür und setzte mich auf den Beifahrersitz.
„Und wo soll es hingehen?“ Der Fahrer hatte sein graues Haar unter einer blauen Baseballkappe versteckt. Neugierig musterte er mich.
„Zur Saint Berkaine High School, bitte. “ Mit einer Hand stellte er das Taxameter an.
„Na, dann mal los.“
Ich wusste nicht, ob er das Wort an mich gerichtet oder ob er bloß mit sich selbst geredet hatte. Langsam fuhr er los. Er schien ein gemütlicher Typ zu sein, denn er ließ sich Zeit. Meiner Meinung nach zu viel. Ich war es nicht gewohnt von einer Person kutschiert zu werden, die sich an die gesetzlich vorgeschriebene Geschwindigkeit hielt.
„Ist es möglich, dass Sie etwas schneller fahren?“ Ich bemühte mich, meine Stimme nicht allzu scharf klingen zu lassen.
„Dass kann ich leider nicht machen. Ich muss mich nun mal an die Gesetze halten, wie jeder andere auch. Wo kämen wir denn hin, wenn jeder Mensch auf dieser Welt machen würde, was er wollte?“ Genervt verdrehte ich die Augen. Auf einen Weltverbesserer und Moralapostel konnte ich getrost verzichten.
„Warum haben Sie es denn so eilig, junger Mann? Haben Sie etwa verschlafen?“ Vergnügt gluckste er.
Ich warf ihm einen bösen Blick zu, doch er schien ihn nicht bemerkt zu haben, denn er redete fröhlich weiter, ohne meine Antwort abzuwarten. Nicht, dass ich ihm geantwortet hätte, aber er konnte zumindest höflich bleiben, wenn er mich schon mit seiner Frage belästigte.
„Man sollte im Leben immer pünktlich sein, dann erspart man sich viel Ärger.“ Mit einem wissenden Blick durchbohrte er mich.
„Konzentrieren Sie sich lieber auf die Straße. Ich kann mir Schöneres vorstellen, als in einem Taxi zu sterben.“ Mein Ton war kalt und arrogant. Hoffentlich hielt ihn meine Stimmung davon ab mich weiter mit Ratschlägen zu bombardieren.
„Tschuldigung“, murmelte er und schaute wieder auf die Straße vor ihm.
Der Rest der Fahrt verlief ruhig. Der Fahrer wagte es nicht, mich ein weiteres Mal anzusprechen und dass war gut für mich und vor allem für ihn. Vor dem Haupteingang der High School blieb er stehen.
„Das macht dann 15$.“ Er schaute mich nicht an, sondern starrte weiter auf die Straße. Aus meiner Hosentasche kramte ich einen 20$ Schein und klatschte ihn auf das Armaturenbrett.
„Stimmt so“, knurrte ich und stieg aus. Ich hasste Leute, die mir durch ihre pure Anwesenheit auf die Nerven gingen und mir lästig wurden. Ich war heilfroh wieder allein zu sein.
Schnellen Schrittes ging ich zum Haupteingang der Schule, die aus mehreren Gebäudekomplexen zusammengesetzt war. Die Fassade bestand aus roten Backsteinen und das flache Dach war mit schwarzer Pappe ausgelegt. Ich betrat den tristen Korridor, in dem sich nur wenige Schüler befanden. Entweder war Mittagspause und alle anderen saßen in der Cafeteria oder es war noch Unterricht.
Intuitiv machte ich mich auf den Weg zur Cafeteria. Da ich keine Lust auf weitere Unterhaltungen hatte, fragte ich niemandem nach dem Weg, sondern vertraute auf meinen Instinkt. Ich ging nach links und kam an vielen leeren Klassenräumen vorbei. Die Luft war stickig und ein undefinierbarer Geruch stieg mir in die Nase. Ich schlug die Richtung, aus der der Duft kam, ein. Möglicherweise kam er aus der Cafeteria. Und tatsächlich stand ich wenige Meter weiter vor dem Eingang.
An der Schwingtür war der Essensplan von dieser Woche angebracht.
Mit einer Hand drückte ich einen Flügel der Tür auf und betrat den riesengroßen, hallenähnlichen Raum.
Mindestens 70 Tische standen verteilt auf einem gräulichen Linoleumboden, der mit verschiedenen Flecken und Kratzern übersäht war. Die viereckigen kleinen Fenster ließen nur wenig vom hellen Sonnenlicht herein und tauchten den Raum in ein dämmriges Licht.
Ein Haufen Schüler tummelten sich an der Essensausgabe und warteten auf einen befüllten Teller. Diejenigen, die ihr Essen schon bekommen hatten, saßen an den Tischen und redeten wild durcheinander. Die Geräuschkulisse war unerträglich. Ich hoffte Holly schnell zu finden, denn ich fühlte mich unbehaglich und fehl am Platz. Ich ließ meinen Blick durch den Raum schweifen, doch ich konnte sie nirgends entdecken.
Frustriert und wütend auf die Masse an Menschen ballte ich meine Hände zu Fäusten und biss mir kräftig auf die Unterlippe. Ein braunhaariges Mädchen, das an mir vorbeiging, sah mich aus ängstlichen Augen an.
Ganz ruhig, James. Reiß dich zusammen. Meine innere Stimme brachte mich wieder zur Vernunft. Ich lockerte meine Muskeln und entspannte mich.
Geräuschlos stellte ich mich neben die Theke, an der man die dreckigen Tabletts abgeben konnte. Irgendwann musste Holly ja hier auftauchen und dann würde ich sie endlich wieder sehen. Ich konnte es kaum erwarten.
Mein Herz pochte unnatürlich schnell und laut. Ich lehnte mich gegen die Wand hinter mir und beobachtete die Schüler, die ihre mehr oder weniger beladenen Tabletts zurückgaben. Gerade stand dort ein fülliger Junge, der mir auf unerklärlicherweise bekannt vorkam. Ich konnte mir nicht erklären, wo ich ihm schon einmal begegnet sein war.
Als er mich bemerkte, verschwand das Lächeln, das sein Gesicht vorher geziert hatte und sah mich verwundert an. Kannte er mich oder fand er es bloß merkwürdig, dass ich an der Rückgabe herumlungerte? Ich starrte ihn unentwegt an, ohne ein einziges Mal zu blinzeln, bis jemand anderes meine Aufmerksamkeit erregte.
Hinter zwei Jungs, die sich mitten in der Cafeteria unterhielten und herzhaft lachten, trat ein zierliches Mädchen mit weichen Gesichtszügen, schwarzen langen Haaren, welche sie zu einem Zopf, der nach vorne fiel, geflochten hatte und strahlend blauen Augen hervor. Es war Holly.
Sie sah einfach bezaubernd aus in ihrer verwaschenen Jeans und ihrer kurzärmligen, taupefarbenen Bluse. Wie eine Elfe durchschritt sie den Raum und steuerte auf den dicklichen Jungen zu. Jetzt wusste ich, woher ich ihn kannte. Als ich mich mit Holly auf dem Schulparkplatz unterhalten hatte, war er dazugekommen und hatte sich eingemischt.
Mich schien sie nicht gesehen zu haben. Der Junge sah noch immer zu mir herüber und achtete gar nicht auf Holly, die sich neben ihn gestellt hatte. Mit einem amüsierten Lächeln wedelte sie mit einer Hand vor seinen Augen, um seine Aufmerksamkeit zu erlangen. Als er aber nicht darauf reagierte, stemmte sie empört die Hände in die Hüften und folgte seinem Blick.
Und dann ging alles ganz schnell. Von einer Sekunde auf die Andere sprühten ihre Augen vor Begeisterung und Leidenschaft. Ihr glückliches Lächeln ließ den düsteren Raum regelrecht erstrahlen.
Sie ließ ihren Rucksack unachtsam auf den Boden fallen und stürmte auf mich zu.
Ich schenkte ihr ein schiefes Lächeln und stieß mich von der Wand ab. Meine Überraschung war gelungen. Ungebremst sprang sie in meine Arme und schlang ihre kurzen Beine um meine Hüften. Ich hielt sie fest und drückte sie fest an mich.
Das Blut rauschte blitzschnell durch meinen Körper und mein Herz schmerzte vor Freude. Holly atmete unregelmäßig neben meinem linken Ohr. Ihr Haar verströmte einen süßlichen Duft, den ich gierig aufsog. Als ob wir aneinander gewachsen wären, standen wir in der Cafeteria und ließen uns nicht mehr los. Die Welt stand still.
„Ich habe dich so vermisst, James“, hauchte sie mir ins Ohr und kitzelte meinen Nacken.
„Ich weiß, darum bin ich ja hier. Ich konnte es nicht ertragen, dich so traurig am Telefon zu hören.“ Sie zog ihren Kopf zurück und sah mich an. In ihren Augen sammelten sich Tränen.
„Versprich mir, dass du mich nie wieder so lange alleine lässt, ohne ein Lebenszeichen von dir.“ Ihre Stimme war ernst und ich konnte den ganzen Schmerz, den sie in den letzten zwei Wochen erlitten hatte, heraushören.
„Es tut mir leid. Ich verspreche, nein, ich schwöre dir, dass ich dich nicht mehr verlassen werde. Mein Leben lang.“ Mein Versprechen brachte Holly wieder zum Lachen.
„Das nehme ich wörtlich“, entgegnete sie glücklich und küsste mich.
Als sich unsere Lippen nach so langer Zeit wieder berührten, jagte ein heftiger elektrischer Impuls, wie ein Blitz, durch meinen Körper. Es war ein überwältigendes Gefühl. Urplötzlich erklang jedoch ein nerviges, hohes Schrillen, das die ganze Stimmung zerstörte. Holly unterbrach den Kuss und stöhnte.
„Der Unterricht geht weiter“, schmollte sie und machte ein unglückliches Gesicht.
„Dann will ich dich nicht aufhalten“, meinte ich und setzte sie auf den Boden ab.
„Keine Sorge, ich warte an deinem schmutzigen Ford auf dich“, versprach ich grinsend, um sie aufzumuntern.
„Er ist nicht dreckig“, giftete Holly zurück, doch ich konnte die Erleichterung in ihren Augen erkennen, da sie wusste, dass ich auf sie warten würde. Ich zog eine Augenbraue hoch.
„Also ist der eingetrocknete und verkrustete Dreck an deinem sonst blütenweißen Wagen nur pure Einbildung.“ Frech streckte sie mir die Zunge heraus und ging an mir vorbei. Ich packte sie jedoch am Handgelenk, wirbelte sie so plötzlich herum, dass sie gar keine Chance hatte zu reagieren oder zu protestieren, und küsste sie.
Am Liebsten wäre ich mit ihr irgendwo hingegangen, wo wir für uns sein konnten, aber ich wusste, dass die Schule wichtig für sie war.
Kurz biss ich ihr in die Unterlippe, bevor ich mich nur widerwillig von ihr löste. Sie versetzte mir einen schwachen Stoß gegen die Brust.
„Beherrsch dich, sonst beiße ich zurück. Ich kann nämlich auch anders“, warnte sie mich und blickte mich herausfordernd, ja schon beinahe provokant an.
„Davon bin ich überzeugt“, antwortete ich und fuhr ihr liebevoll über den Kopf.
„Dann pass lieber auf.“ Drohend zeigte Holly mit dem Finger, während sie sich nach hinten bewegte. Ich folgte ihr, schließlich ließ ich mich nicht so einfach abwimmeln. Ich suchte ihren Blick.
„Nach deinem starken Schlag muss ich diese Drohung wohl ernst nehmen“, neckte ich sie. Ich schnappte mir ihren Zopf und warf ihn hinter ihre Schulter. Demonstrativ legte sie ihn wieder an seinen vorigen Platz und drehte sich um.
„Ignorierst du mich jetzt?“ Augenblicklich brach ich in schallendes Gelächter aus, aber ich lachte nicht über sie, ich war bloß so unendlich froh und unbeschwert.
„Nein, aber ich muss wirklich los. Außerdem habe ich eh keine Chance gegen dich.“ Sie schaute über ihre Schulter und zwinkerte mir zu.
„Tja, Einsicht ist der Weg zur Besserung.“
„Werd jetzt nicht frech, blöder Idiot.“ Das war ihr letzter Kommentar, ehe sie aus meinem Blickfeld verschwand.
Sogleich legte sich ein dunkler Schatten über meine Stimmung. Ich fühlte mich, als ob der Schatten mir mein Glücksgefühl heraussaugte. Geknickt trottete ich nach draußen und schlug den Weg zum Parkplatz ein. Die vielen Autos der Schüler standen in mehreren Reihen. Es dauerte nicht lange, bis mir Hollys eigentlich weißer Ford ins Auge fiel. Er stand ziemlich schräg eingeparkt zwischen einem grauen VW und einem bordeauxfarbenen Chevrolet.
Das Auto sah noch schlimmer aus, als ich es in Erinnerung hatte. An den Reifen haftete dunkle Erde und die Windschutzscheibe war übersäht mit trockenen Blättern und Vogelkot.
Ich stellte mich neben den Wagen, denn ich wagte es nicht das Schicksal herauszufordern und mich gegen die Karosserie zu lehnen.
Jetzt hieß es warten, dabei wusste ich nicht, wie lange.
Egal, ich würde ewig hier stehen bleiben, nur, um Hollys engelsgleiches Antlitz bewundern zu können.
Um halb vier, drei Stunden nach meiner Ankunft, stürmte eine Schülermasse aus dem Eingang und lief zu den Autos. In meiner Wartezeit hatte sich eine dichte Wolkendecke zwischen Sonne und Erde geschoben und ließ keine warmen Strahlen hindurch. Ich fand, dass der Wetterwechsel ziemlich gut zu meiner umgeschlagenen Stimmung passte.
Aufmerksam schaute ich in die Masse, auf der Suche nach Holly. Nach einer gefühlten Ewigkeit sah ich sie aus der Schule auf mich zulaufen, mit dem gleichen Elan, wie in der Cafeteria.
„Da bist du ja.“ Aus großen Augen sah sie mich an. Ich nahm ihren rechten Hand und gab ihr einen Handkuss. Ihre Wangen zierte ein blasses Rosa.
„Ich habe dir doch gesagt, dass ich hier auf dich warte. Hattest du etwa Angst, dass ich mein Versprechen nicht halten würde?“ Unsicher zuckte sie mit den Achseln.
„Ich werde dich nicht mehr enttäuschen, Holly.“ Sanft legte ich einen Arm um ihre Schultern und zog sie an mich.
„Du hast mich nicht enttäuscht.“ Als ich sie ansah, wurde mir bewusst, dass sie es ernst meinte.
„Willst du mit zu mir nach Hause kommen?“ Erwartungsvoll blickte Holly von unten zu mir herauf.
„Klar.“ Ich zeigte mein breitestes Lächeln.
„Du kannst aber nicht lange bleiben. Meine Eltern kommen in zwei Stunden von der Arbeit.“ Sie zückte ihren Autoschlüssel und öffnete die Türen. Ich stieg ein.
Von drinnen sah ich, wie sie ihren Rucksack vom Rücken gleiten ließ und ihn auf die Rückbank pfefferte.
Holly setzte sich hinters Steuer und fuhr langsam zurück. Verbissen und konzentriert guckte sie in den Innenspiegel und dann in den Außenspiegel. Immer und immer wieder.
„Wenn du besser eingeparkt hättest, dann wären wir schon längst draußen.“
„SCH, ich brauche jetzt Ruhe.“ Ich musste mir das Lachen verkneifen. Auf ihrer Stirn bildeten sich tiefe Falten.
In diesem Moment fand ich sie niedlich und wunderschön. Nach fünf Minuten hatte sie den Ford aus der Parklücke befreit und fuhr auf die Hauptstraße.
„Darf ich jetzt wieder mit dir reden?“ Ich setzte mich an die äußerste rechte Kante des Sitzes und drehte mich in ihre Richtung.
Sie nickte.
„Warum darf ich deine Eltern eigentlich nicht kennenlernen? Ich kann sehr charmant sein, wenn ich will.“ Hollys Blick schweifte zu mir. Ihr Gesicht wurde erneut rot.
„Ich weiß“, murmelte sie verlegen.
„Es wäre keine so gute Idee. Meine Eltern sind sehr schwierig, besonders beim Thema Jungs.“
„Das ist doch normal, oder?“
„Ja, schon.“
„Aber?“, harkte ich sofort nach.
„Aber ich will nicht, dass du dich unwohl fühlst. Mein Dad ist gut darin ungebetene Gäste zu vergraulen. Und Jungs, die Interesse an mir haben, sind nun mal ungebetene Gäste. Außerdem hat er nicht gerade eine gute Meinung über dich, weil er mich am Abend unseres Dates abholen musste und ich ihm gesagt habe, dass du ohne mich gefahren bist. Ich habe ihm zwar erklärt, dass dies meine eigene Entscheidung war, aber er hat vermutet, dass du mir irgendwas Schlimmes angetan hast.“
„Verstehe und ich dachte schon, dass es an mir und meinem Job liegt.“
Ich bereute meine Worte bereits, da hatte ich kaum den Mund geschlossen. Holly zuckte erschrocken zusammen und der Wagen bekam einen Rechtsdrall, doch sie hatte sich schnell wieder unter Kontrolle.
„Sorry“, nuschelte ich kleinlaut.
Mir war bewusst, dass ich einen Fehler begangen hatte.
„Kein Problem. Ich habe mich für dich entschieden und beschlossen deinen Beruf zu akzeptieren, egal, was ich darüber denke. Er gehört nun mal zu dir und daran kann ich nichts ändern.“ Ich spürte einen schmerzhaften Stich in meinem Herzen.
Holly hatte mich nicht mit ihren Worten verletzt, sondern mit dem Klang ihrer tieftraurigen und bitteren Stimme. Es war nicht zu überhören, dass sie mich dafür hasste, dass ich meinen Beruf nicht aufgab, obwohl sie mich regelrecht angefleht hatte es zu tun. Wenn sie nur wüsste, wie sehr sie meine Ansichten zum Killerdasein  ins Wanken gebracht hatte.
Ein unangenehmes Schweigen entstand zwischen uns. Ich schaute nach draußen. Der Himmel zog sich weiter zu und verdrängte das helle Sonnenlicht. Irgendwann schaltete Holly die Scheinwerfer ein, um besser sehen zu können. Wir bogen in die Walnut Street ein und blieben vor Hollys Haus stehen.
Wortlos beugte sie sich nach hinten und versuchte ihren Rucksack von der Rückbank zu fischen. Ich nutzte diesen Moment und rückte nahe an sie heran. Ich legte meine linke Hand auf ihre Rechte. Sie war warm und weich. Mich traf ein scheuer Blick.
„Ich werde versuchen mit all meiner Macht ein besserer Mensch zu werden, der dir vielleicht ein klein wenig ebenbürtig ist.“ Ich erkannte einen Anflug eines Lächelns auf ihrem Gesicht.
„Danke.“ Holly strich mir mit ihren Fingern zärtlich über den Unterarm. Abrupt zog sie jedoch ihre Hand zurück. Erschrocken starrte sie auf meine Abschürfungen. Na toll, jetzt musste ich ihr wohl erklären, was passiert war und dabei wollte ich sie doch von meiner schrecklichen Welt fernhalten.
„James, was hast du gemacht?“
Besorgt drehte sie meinen Arm hin und her.
„Das ist eine lange Geschichte, Holly, und glaub mir, diese Geschichte willst du nicht hören.“ Mit einem vielsagenden Blick durchbohrte ich mit meinen grauen Augen ihr strahlendes Blau.
Sie sah zwar unzufrieden aus, aber sie fragte nicht weiter nach. Ich ging davon aus, dass sie genau wusste, um welches Thema ich einen Bogen machte.
Um Holly abzulenken und sie auf andere Gedanken zu bringen, zog ich sie impulsiv an mich heran und küsste sie leidenschaftlich. Die Hitze im Auto stieg augenblicklich an und trieb mir den Schweiß auf die Stirn. Holly griff mir in die Haare und intensivierte den Kuss. Mein Puls beschleunigte sich und ließ mein Herz gegen die Rippen schlagen.
Ich bekam kaum noch Luft, doch mir war es scheißegal. Man konnte mich nur noch mit Gewalt von Holly trennen. Dieser Moment schien ewig anzuhalten. Irgendwann unterbrach sie jedoch den Kuss und rang hörbar nach Atem. Ihre Wangen glühten und in ihren Augen funkelte es.
„Lass uns reingehen.“ Sie löste sich aus meinem Griff und stieg aus. Ich folgte ihr und gemeinsam gingen wir in das kleine Haus.
Bisher war ich nur zweimal hier gewesen und dass nicht sehr lange. Außerdem verband ich mit meinem letzten Besuch schlechte Erinnerungen.
Holly befreite sich derweil von ihrem Mantel und ging in das Zimmer, das links von ihr lag. Ich ging ihr hinterher und betrat die Küche, in die sie verschwunden war. Es war ein mittelgroßer breiter Raum, der in Brauntönen gehalten war. An der Fensterfront stand ein Tisch und an der gegenüberliegenden Seite befand sich die Küchenzeile. Holly kramte in den obersten Regalen. Vermutlich suchte sie etwas.
Ich trat lautlos in die Küche, legte den Kopf zur Seite und beobachtete sie. Holly stand auf Zehenspitzen und streckte sich der Länge nach. Mit der rechten Hand versuchte sie ein Glas zu erreichen, doch sie berührte es nur mit den Fingerspitzen und schob es immer weiter nach hinten. Ich meinte ein „Verdammt“ zu hören. Amüsiert grinste ich. Egal, wie süß ihre Hilflosigkeit auch war, ich musste ihr helfen.
Ich ging zu Holly herüber, ging in die Knie, schlang die Arme um ihre Oberschenkel und hob sie nach oben. Ruckartig drehte sie ihren Kopf zu mir. Ihr Gesicht zeigte ihre ganze Überraschung.
„Was soll denn das?“, fragte sie empört.
„Ich helfe dir.“ Beleidigt schob sie die Unterlippe vor. Schnell schnappte sie sich zwei Gläser.
„Du kannst mich jetzt runterlassen.“ An Hollys Ton merkte ich, dass sie nicht begeistert von meiner Aktion war. Möglicherweise fühlte sie sich von mir erniedrigt und sie glaubte, dass ich mich über ihre Körpergröße lustig machte.
„Ich hätte das genauso gut auch ohne deine Hilfe geschafft.“
Wütend stampfte sie zum Kühlschrank und holte eine Flasche Saft, welchen sie auf die Gläser verteilte. Derweil setzte ich mich rücklings auf einen der vier Stühle am Esstisch.
„Dass sehe ich aber anders.“
„Ach, was für eine Überraschung“, sagte sie sarkastisch und stellte mir ein Glas mit voller Kraft unter die Nase, sodass eine beträchtliche Menge Saft überschwappte.
„Danke“, entgegnete ich freundlich und ließ mich nicht von ihrer miesen Stimmung aus der Ruhe bringen. Holly setzte sich mir gegenüber und nahm einen großen Schluck.
„Musst du immer so zickig sein?“ Ihr Blick war provozierend.
„Ja, bei dir bin ich automatisch zickig. Du forderst es nun mal ständig heraus.“
„Warum denn das? Bin ich so unausstehlich?“
„Du bist nicht unausstehlich, sondern anstrengend und schwer umgänglich“, antwortete sie mir direkt und schonungslos.
„Gut. Da ich nun weiß, wie ich auf dich wirke, versuche ich mich dir zu liebe zu bessern“, meinte ich mit einem dicken Grinsen auf den Lippen.
„Ha, ha, ha, sei einmal ernst.“ Ich schüttelte bloß den Kopf. Wie konnte man nur so uneinsichtig sein?
Ich versuchte sie aufzumuntern und die läppischen zwei Stunden, die sie uns gegeben hatte, zu genießen und sie war versessen darauf mich schlecht zu machen. Mir reichte es.
Mit einem Mal schoss ich in die Höhe und ging zu Holly. Sie schaute mich unsicher an, denn sie wusste nicht, was ich vorhatte. Ich schnappte mir die Lehne ihres Stuhls und zog ihn weit vom Tisch weg.
„Was ist denn nun wieder los?“ Vor Panik weiteten sich ihre Augen. Anstatt zu antworten, schob ich den linken Arm unter ihre Beine und den Rechten unter ihre Achseln. Ohne große Anstrengung hob ich sie hoch.
Ängstlich legte Holly ihre Arme un meinen Nacken und klammerte sich fest. Ich hatte vor in ihr Zimmer zu gehen, doch ich hatte keinen blassen Schimmer, wo es sich befand.
Auf gut Glück stieg ich die Treppe hinauf in den ersten Stock. Es führten drei Türen zu anderen Zimmer. Eine davon stand ein paar Zentimeter offen, sodass ich lilafarbene Wände und einen weißen Schreibtisch sehen konnte. Das musste Hollys Zimmer sein. Wie nach der Hochzeit trug ich sie über die Schwelle. Genauso hatte ich mir ihr Zimmer vorgestellt: fröhlich, mädchenhaft und verspielt.
Das Einzige, was mit meinen Vorstellungen nicht übereinstimmte, war das heillose Chaos, das hier herrschte. Der Schreibtisch war überladen mit Büchern, losen Blättern, einer leeren Chipstüte und mit getragenen Klamotten.
Auch auf dem Boden lagen zerknitterte T-Shirts und zwei Hosen. Es führte eine regelrechte Klamottenspur durch ihr Zimmer. Kein Wunder, dass sie sich über meine ordentliche Wohnung beschwert hatte.
Ich stieg über die Sachen hinweg und legte sie sanft auf das noch nicht gemachte Bett.
„Was machen wir denn hier?“ Sie war perplex.
„Die gemeinsame Zeit auskosten und nicht mit Streitereien verschwenden.“ Ich legte mich neben sie und schaute sie von der Seite her an. Holly drehte ihren Kopf.
„Tschuldigung. Es war blöd von mir mich so aufzuregen, für nichts und wieder nichts.“ Sie schmiegte sich an mich und vergrub ihr Gesicht in meinem Hemd. Ich gab ihr einen flüchtigen Kuss auf die Stirn und legte einen Arm um sie.
„Ich liebe dich“ sagte ich.
„Ich liebe dich auch und deswegen möchte ich wissen, woher die Verletzungen an deinen Armen stammen. Du brauchst mich nicht zu schonen, indem du mir alles verschweigst. Erzähl es mir, bitte.“
Hollys Stimme wurde durch mein Hemd gedämpft. Sie hob den Kopf und sah mich flehend an. Ich stöhnte und wunderte mich über ihre Sturheit. Wenn sie mich so ansah, konnte ich ihr einfach nichts abschlagen.
„Na gut, du bekommst die Kurzfassung.“
Vorsichtig setzte ich mich auf, robbte zum Kopfende des Bettes und lehne mich gegen das harte, weiße Holz. Holly ließ mich keine Sekunde aus den Augen. Sie richtete sich auf und legte sich neben mich, aber den Kopf drehte sie zum Fußende. Die Füße drückte sie gegen die Wand und winkelte die Beine an. Ich lächelte augenblicklich.
„Was ist denn das für eine neumodische Sitzposition?“
„Tja, das ist meine kreative Art dir zuzuhören.“
„Sehr kreativ, da muss ich dir zustimmen.“ Ernst sah sie mir entgegen.
„Bitte lenk nicht ab, James. Ich bestehe darauf, dass du mir alles erzählst und nicht bloß die Kurzfassung.“
Ein dicker grober Kloß entstand in meinem Hals und erschwerte es mir zu schlucken. Wie wird Holly reagieren, wenn sie erfährt, dass ich heute einen Reverend schwer verletzt habe? Mir blieb nichts anderes übrig, als es ihr zu beichten. Sie würde nicht locker lassen, bis sie alles wusste.
„Ich hatte heute Nacht, gemeinsam mit einem Kollegen, einen Auftrag. Ich kam zu spät und schon haben die typischen Streitereien zwischen mir und Mickey, so heißt der Typ, mit dem ich unterwegs war, angefangen. Bevor wir losgefahren sind, hat er mich über unsere Zielperson informiert. Er heißt Jonathan King und ist Reverend in einer kleinen Kirche.“
Ich machte eine Pause, um Holly Zeit zu geben ihre Gedanken und Gefühle zu ordnen. Unentwegt sah sie mich aus ausdruckslosen Augen an. Hart schluckte ich, bevor ich fortfuhr.
„Ich bin mit meinem Motorrad und er mit seinem Porsche gefahren. Als ich wenige Meter vor ihm war, hat er mich am Hinterreifen erwischt und ich bin mitsamt meines Motorrads über den Asphalt geschlittert. Die Resultate meines Unfalls hast du bereits gesehen, aber es ist nur ein kleiner Teil. Beinahe an allen Körperstellen habe ich diese hässlichen Abschürfungen.“
„Das muss ja höllisch wehtun.“ Ich vernahm einen Anflug von Mitleid in Hollys Stimme.
„Ach, ich hab schon Schlimmeres erlebt.“ Ich zuckte belanglos mit den Achseln.
„Und was ist dann passiert?“ Leicht verzog ich das Gesicht.
Ich hatte die winzige Hoffnung gehegt, dass Holly die Geschichte über meine Verletzungen ausreichen würde. Tja, Fehlanzeige.
„Als ich auf der Straße lag, ist Mickey abgehauen. Irgendwann ist dieser Idiot zurückgekommen und wollte mir tatsächlich einreden, dass er nicht bemerkt hat, dass er mich angefahren hat. Das hab ich ihm von Anfang an nicht abgekauft. Na ja, dann hab ich meiner Wut freien Lauf gelassen.“ Ich ging nicht näher auf meinen Ausraster ein. Für mich war Mickey nicht der Rede wert. Holly bohrte auch nicht weiter nach.
„In der Kirche ist uns dann der Reverend begegnet. Ich habe mich die ganze Nacht schlecht und unwohl gefühlt. Und als ich diesen Mann sah, da hatte ich das Bedürfnis ihn vor der kommenden Gefahr, die von Mickey und mir ausging, zu warnen und ihm das Leben zu retten, aber ich konnte es einfach nicht.
Mickey legte derweil schon richtig los und wollte, dass ich ihm helfe. Mein Zögern hat ihn stutzig gemacht und er hat mich ständig im Auge behalten. Die Zweifel in mir wuchsen stetig an und irgendwann habe ich einfach die Kirche verlassen. Mir war es egal, was für Ärger ich kriegen würde. Ich bereue meine Entscheidung nicht, denn es war richtig von mir sich herauszuhalten. Dennoch hätte ich viel mehr für den Reverend tun müssen. Zwar habe ich ihn nicht getötet, aber ich war der Einzige, der Mickey hätte aufhalten können.“
Mein schlechtes Gewissen kehrte zurück und drückte mir schwer aufs Gemüt. Holly hatte mir stumm zugehört. Nun setzte sie sich auf und umarmte mich. Die Nähe tat mir gut und ich fühlte mich besser.
„Ich bin stolz auf dich“, flüsterte sie mir zu und küsste mich auf den Hals.
Sie setzte sich neben mich und lehnte sich gegen meine rechte Körperseite. Ihren Arm schlang sie um meinen Bauch und presste sich an mich. Ich neigte meinen Kopf zur Seite und legte ihn auf Hollys Kopf.
„Du musst nicht stolz auf mich sein. Ich habe alles vermasselt. Verdammt, ich hatte die Chance mich zu bessern; mein starres Ausführen der Aufträge zu durchbrechen und ein Menschenleben zu retten, aber ich war zu egoistisch und feige.“
Meine Hände fingen unkontrollierbar an zu zittern.
„Ich bin an allem Schuld. Ich habe dich mit hineingerissen. Wenn ich dir nicht von meinem Beruf erzählt hätte, dann bestünde nicht die Gefahr, dass herauskommt, dass ich dich eingeweiht habe, die Killer dich finden und genauso töten, wie mich. Ich könnte mir niemals verzeihen, wenn dir etwas zustößt.“
Ich hasste mich dafür, dass ich Holly in Gefahr gebracht hatte.
„Wie sollten sie denn erfahren, dass ich alles weiß?“ Sie versuchte ihre Stimme gefasst klingen zu lassen, doch ich konnte ihre Angst deutlich heraushören.
„Wenn mir aus Versehen etwas herausrutscht.“ Holly hob den Kopf und sah mich direkt an. Ihre Pupillen huschten nervös hin und her.
„Ich weiß genau, dass du niemals deinen Kollegen von mir erzählen würdest. Ich vertraue dir.“ Holly schenkte mir ein aufmunterndes Lächeln. Wieso hatte sie mehr Vertrauen in mich, als ich selbst?
„Du würdest es auf keinen Fall riskieren, dass mir etwas passiert, aber du musst auch an dich selbst denken. Du wärst genauso in Gefahr, wie ich und ich könnte es nicht ertragen, wenn dir etwas geschieht. Ich könnte nicht ohne dich leben.“
Ihre Stimme war zum Ende hin brüchig geworden. Sanft nahm ich ihr Gesicht in meine Hände und zog sie nah an mich heran, sodass nur wenige Millimeter unsere Gesichter voneinander trennten.
„Bitte hör mir jetzt genau zu, Holly. Auch wenn mir etwas zustoßen und ich schlimmsten Falls sterben sollte, du tust niemals etwas Unüberlegtes oder Dummes. Mir zuliebe.“
Einzelne, kleine Tränen rollten ihre Wangen hinab.
Sie wich meinem eindringlichen Blick demonstrativ aus.
„Versprich es mir, Holly.“ Sie verschränkte die Arme vor der Brust.
„Ja, ich verspreche es“, gab sie mit großem Widerwillen nach.
Ihr Versprechen konnte mich nicht wirklich überzeugen und beruhigen, aber ich ließ das Thema erstmal auf sich beruhen.
Um die angespannte Stimmung aufzulockern, kitzelte ich sie, ohne Vorwarnung, am Bauch und an den Hüften. Laut prustete sie los. Ihr herzhaftes Lachen erfüllte das ganze Zimmer und klang wie Musik in meinen Ohren.
Sie kippte nach hinten und landete mit den Rücken auf dem Bett. Sie versuchte angestrengt meine Hände abzuwehren, doch ich war stärker, als sie.
„Lass das, James.“ Holly rang laut hörbar nach Luft. Sie lachte noch immer. Als sich ihr Kopf knallrot färbte, ließ ich von ihr ab.
„Danke.“ Grinsend lag sie vor mir, mit zerzausten Haaren und nach Luft schnappend. Dann packte sie mich grob am Hemd und zog mich zu sich heran, um mich zu küssen. Sie schmeckte unheimlich gut. Es war eine Mischung aus Erdbeere und Vanille. Um mich herum verschwamm alles. Meine Gedanken und mein Puls rasten um die Wette.
Mein Herz drohte vor Glück in tausend Stücke zu zerspringen.
Leider fand dieser Moment ein abruptes Ende. Ich hörte eine tiefe Stimme, die nach Holly rief. Mir war der Mensch, wer auch immer er sein mochte, völlig egal, doch sie schubste mich eiskalt zur Seite.
Der Stoß wäre ja nicht so schlimm gewesen, wenn ich auf dem Bett gelandet wäre, aber ich rollte über die Bettkante und kam hart auf dem Parkett auf. Ein stechender Schmerz fuhr durch meinen Rücken.
„Es tut mir so leid, James. Ist alles in Ordnung?“ Holly tauchte über mir auf und musterte mich besorgt.
„Es ist nichts passiert, keine Sorge.“ Langsam setzte ich mich auf. Der Schmerz entfaltete seine volle Pracht. Er war doch schlimmer, als ich gedacht hatte. Die Haut meines Rückens brannte unangenehm und ich vermutete, dass es an meinen Abschürfungen lag.
„Warum hast du mich geschubst?“ Unverständlich sah ich sie an.
„Aus Panik. Mein Dad hat mich gerufen und ich dachte, dass er gleich in mein Zimmer kommen würde.“
„Holly, bist du in deinem Zimmer?“ Man konnte schwere Schritte auf der Treppe hören. Blitzschnell zuckte ihr Kopf zur Tür. Ihre Augen waren vor Entsetzen weit aufgerissen.
„Verschwinde in den Schrank.“
„Wie bitte?“ Ich war fassungslos. Das konnte doch unmöglich ihr Ernst sein.
„Du hast gehört, was ich gesagt habe.“
„Ja, aber ich frage mich, ob du das tatsächlich ernst meinst.“
„Natürlich, ich habe dir doch erklärt, warum ich nicht möchte, dass du meine Eltern kennenlernst.“
Ihre Miene war ernst. Genervt stand ich auf. Holly eilte an mir vorbei und öffnete den Kleiderschrank.
„Hoffentlich hast du jetzt ein schlechtes Gewissen, weil du einen verletzten Mann in einen engen, dunklen Schrank sperrst.“
„Ja, ja. Steig rein.“ Ich stellte mich zwischen die Kleiderbügel, auf die sie ihre Hosen gehängt hatte. Sie schloss die Tür und dann wurde es dunkel. Kaum hatte sie mich versteckt, als ich hörte, wie die Tür geöffnet wurde.
„Warum antwortest du mir nicht, wenn ich dich rufe?“ Die Stimme war dumpf und rau.
„Ich war im Badezimmer. Ich habe dich erst gehört, als du im Flur warst.“ Ich hörte ein unzufriedenes Grummeln.
„Deine Mom und ich sind gerade nach Hause gekommen. Da keiner von uns Lust hat zu kochen, haben wir Pizza bestellt. Ich wollte dich nur zum Essen holen.“
„Ach so. Geh du doch schon nach unten, ich komme in zwei Minuten nach.“ Holly sprach hektisch und klang sehr nervös.
Ihr Vater schien jedoch nichts zu bemerken, denn ich hörte wenige Augenblicke später, wie er das Zimmer verließ. Sofort schlug ich die Schranktür auf.
„Dass war ja ein schöner Ausflug“, äußerte ich sarkastisch und ging zu Holly, die mitten im Raum stand.
„Ich weiß, dass es eine blöde Idee war, aber mir ist auf die Schnelle nichts Besseres eingefallen.“ Peinlich berührt biss sie sich auf die Unterlippe.
„Ist schon vergessen.“ Traurig blickte sie mich an.
„Ich muss runter gehen und zu Abend essen, aber ich bleibe nicht lange unten. Ich sage einfach, dass ich Magenschmerzen habe. Wenn alles gut geht, bin ich in zehn Minuten wieder bei dir.“ Sie sprach schnell und leise.
„Dass ist nicht nötig.“
„Was ist nicht nötig?“
„Du musst deine Eltern nicht wegen mir belügen. Du solltest Zeit mit ihnen verbringen. Ich laufe dir schon nicht weg. Wenn du zurückkommst, bin ich immer noch da.“
„Aber ich will mit dir zusammen sein“, schmollte Holly. Dann nahm sie meine rechte Hand und spielte mit meinen Fingern.
„Dass weiß ich doch, aber deine Familie ist auch wichtig. Ich würde alles tun, um nur noch einen Tag mit meinen Eltern verbringen zu dürfen.“
Ich versuchte neutral zu klingen, doch ich konnte meine Trauer nur schwerlichst verbergen. Holly schaute mir in die Augen und lächelte.
„Du hast recht. Ich habe in letzter Zeit nur sehr wenig mit meinen Eltern gesprochen.“
„Dann geh runter. Ich werde mir schon irgendwie die Zeit vertreiben.“ Holly ging zur Tür und drehte sich noch mal zu mir um.
„Na gut, aber schnüffle hier nicht rum.“
„Dass wäre mir im Traum nicht eingefallen.“ Ich grinste verwegen.
Bevor sie das Zimmer verließ hauchte sie mir ein „Ich liebe dich“ entgegen.

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beta
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