Eine halbe Stunde vor Schluss, fingen alle fünf anwesenden Mitarbeiter, mich eingeschlossen, an, Klarschiff zu machen. Lizzy und Maggie, die beiden Studentinnen, die Ware verräumt hatten, steckten die Cuttermesser in ihre Schürzen und fingen an, sich tuschelnd ins Mitarbeiterbüro zu verkrümeln. Der Rest von uns, ich, die am Gemüsestand Dienst hatte und Rentnern beim Abfüllen und Verpacken ihrer Kilowaren half, Macintosh, der seit einer Woche stellvertretender Supermarktleiter in Filmore´s Supermarket war, und natürlich Brad an der Kasse, wir drei machten uns ebenfalls daran, den Spätkunden so langsam Feierabend zu signalisieren. Ich klappte meinen Stuhl zusammen und schaltete die Werbeschriften und -preise aus. Als ich zur Kasse herüber guckte, kassierte Brad gerade ein Ehepaar, das lautstark nach Last-Minute-Weihnachts-Shopper rief. Zwischen zwei Artikeln ihres gigantischen Feiertagseinkaufes, sah Brad kurz auf, unsere Blicke trafen sich und ich freute mich wie ein Honigkuchenpferd, als seine ernsten großen Augen plötzlich von einem Kranz aus Lachfalten umrahmt wurden.
Dass zwischen Brad und mir was lief, wussten alle, nur wir beide nicht. Das heißt, eigentlich taten wir das schon, aber bisher hatte keiner von uns beiden irgendwas in diese Richtung unternommen. Außer Lächeln und die Nähe des Anderen suchen, war da nichts Nennenswertes passiert. Maggie, die keinen Hehl aus ihren Gefühlen für Brad machte, konnte das gar nicht verstehen. „Wenn ich auf der Stelle trete, dann ist das was Anderes, meine Liebe ist unerwidert, aber bei dir macht das so was von keinen Sinn. Du stehst auf ihn und er offensichtlich auf dich. Also worauf wartet ihr?“ Und dann hatte sie eine gigantische rosa Kaugummiblase vor meinem Gesicht zerplatzen lassen.
Nicht, dass ich es mir nicht wünschte, aber irgendetwas an Brads Verhalten hielt mich zurück, als wäre er noch nicht bereit für mehr – vielleicht bildete ich mir das auch nur ein, vielleicht lag es aus seiner Sicht auch genauso an mir – und es gab Tage, da wollte ich ihn am liebsten bei den Schultern packen und ihn fragen, was er dachte; warum er mich nicht küsste oder mich einlud oder irgendwas. Aber ich tat es nicht, und er genauso. Heute war Weihnachten und wir würden es nicht zusammen verbringen. Etwas frustrierend war es ja schon.
Ich wischte die Theke aus, als ich eine mir nur allzu bekannte Stimme vernahm, die von der Kasse her zu mir hinüber getragen wurde, und ich war wenig überrascht Matthew Gordon zu sehen, in seiner Bomberjacke und den kurzen Haaren und mit diesem coolen, selbstgerechten Gesichtsausdruck. Keine Ahnung, warum er und Brad befreundet waren, Brad war mit so vielen befreundet, aber Matthew kam mir nicht ganz sauber vor – was durch die Tatsache nur verstärkt wurde, dass er jedes Mal, wenn er Mrs. Filmores Laden betrat, sich nahm, was er wollte, ohne dafür zu bezahlen. Er und ich hatten deswegen einen kleinen Zwist laufen. Brad sagte nichts dazu, obwohl er keineswegs ein Schwächling war; wenn ich ihn darauf ansprach, meinte er nur, er bezahle es für Matthew, was ich aber noch weniger hinnehmen konnte. Deswegen hatte ich es mir in den letzten zwei Wochen zur Aufgabe gemacht, mich selbst für den Frieden und die Gerechtigkeit in diesem Supermarkt einzusetzen. Normalerweise hätte ein Typ wie Matthew jemanden wie mich mit der bloßen Hand zerquetscht, aber aus irgendeinem Grund, gab er mir das Geld für den Schokoriegel, die Cola oder die Chipstüte ohne auch nur aufzumucken.
Es war jetzt zehn vor sechs und gerade war kein Kunde mehr an der Kasse. Ich sah zu, wie Brad und Matthew quatschend Richtung Süßigkeiten verschwanden. Typisch. Ich gab dem vorbei hetzenden Macintosh die Restekiste mit, und ging ihnen dann betont langsam nach. Ein vertrautes Spiel. Brad sah bereits zu mir, als ich um die Ecke kam. Schwer zu sagen, ob er genervt war, Matthew jedenfalls grinste abgewandt, während er gemächlich eine Packung Schokoladencroissants öffnete und sich eins davon in den Mund schob. Mich ignorierte er zunächst gekonnt. Er hielt Brad die Tüte hin, dieser lehnte dankend ab, und schließlich wedelte Matthew mir mit der offenen Packung vor dem Gesicht herum. „Auch was, Lloyd?“
„Nein, danke“, antwortete auch ich, selbst wenn ich eigentlich etwas ganz Anderes sagen wollte.
„Also wegen Montag, gehst du oder nicht?“, versuchte Brad abzulenken. Ich sah kurz zu ihm, fixierte aber hauptsächlich seinen ach so tollen Freund.
„Nee. Wollte nur, dass du Bescheid weißt. Aber ich bin aus der Sache raus.“ Brad schien das gar nicht zu gefallen. „Matt, wenn du echt denkst ...“ Dann schien er sich wieder darauf zu besinnen, dass ich ja auch noch da war, jetzt sogar mit gespitzten Ohren, und seufzte stattdessen. „Also gut. Ich werde jedenfalls gehen.“
„Da werden sich die Carlisles aber freuen“, schloss Matthew lächelnd das Thema ab. „Und was habt ihr heute noch so geplant? Irgendeine kleine Weihnachtsfete?“
„Mal sehen“, meinte Brad und mit einem Mal setzten sich die beiden in Bewegung zurück zur Kasse. Ich folgte. Brad drehte seinen Kopf zu mir. „Oder hast du was gehört, Joanna?“
„Nö, Mrs. Filmore hat vor lauter Urlaubsstress wohl ganz vergessen, irgendwas zu organisieren. Und Mac scheint dafür eh noch keinen Kopf zu haben“, antwortete ich ohne dabei Matthew aus den Augen zu lassen. Er hatte bereits den gesamten Tüteninhalt vernichtet und die Verpackung in einen der Mülleimer an meinem Gemüsestand entsorgt. Sich keiner Schuld bewusst steckte er die Hände in die Taschen seiner Jacke und hielt meinem auffordernden Blick stand.
„Und die gute Mrs. Filmore ist jetzt irgendwo auf den Bahamas, oder was?“, fragte er mich.
„So ungefähr, sie verbringt die Feiertage mit der neuen Familie ihrer Tochter, in Miami.“ Er nickte, auch wenn es ihn eigentlich nicht wirklich interessierte.
Im selben Moment kamen Lizzy und Maggie aus dem Lager getanzt und stellten eine CD-Anlage und einen Picknickkorb auf einen zum Tisch umfunktionierten Pappkarton. „Frohe Weihnachten, ihr Trantüten!“, rief Maggie. Macintosh stellte einige Klappstühle daneben. Unter seiner Brille trug er das perfekte Pokerface.
„Mac?“, fragte ich verdutzt. „Wusstest du davon, war das geplant?“
„Natürlich, ich bin stellvertretender Supermarktleiter.“
„Das war meine Idee, also stehle mir ja nicht die Lorbeeren, Chef“, lenkte Maggie ein. „Noch Kunden da?“ Brad und ich sahen uns an und zuckten gleichzeitig mit den Achseln. Lizzy seufzte. „Ich schau nach, sind ja noch drei Minuten.“
„Macintosh, hilf mir mal mit dem Lametta. Und wo ist hier eigentlich die nächste Steckdose?“, plapperte Maggie wild. „Wir brauchen Musik!“
„Na seht ihr, da habt ihr´s ja doch noch ganz nett. Ich zieh dann weiter, Alter.“
„Alles klar.“ Brad und Matthew tauschten einen kurzen Handschlag und Matthew ging nach draußen zu seinem Wagen. Brad sah ihm einige Sekunden nach und sah aus, als würde er mit sich kämpfen. Dann schüttelte er alles ab und ging hinter die Kasse. „Noch eine Minute.“
Das war mein Stichwort. Matthew stand ans Auto gelehnt und rauchte. Er hatte auf mich gewartet.
„Du gibst wohl nie auf“, blies er mir mit einer Ladung Qualm ins Gesicht. Ich schüttelte den Kopf und schlang mir die Arme um den Oberkörper. Es hatte zwar noch nicht geschneit, aber die Kälte machte da keinen Unterschied. „Na gut, wie viel schulde ich dir denn heute?“
„Ein Dollar neunundneunzig.“
„Uh, die Preise steigen“, witzelte er. „Ich hoffe du kannst wechseln. Oder brauchst du Kleingeld?“
„Ist egal.“ Ich sah zu, wie er langsam Münze um Münze abzählte, und mir schließlich die geschlossene Faust hinhielt.
„Bitte sehr.“ Er würde die Münzen natürlich nicht einfach so in meine Hand fallen lassen, ich musste seine Faust öffnen, das kannte ich schon. Es war so schneidend kalt, dass ich nicht mal wütend war oder ihn anmotzte. Ich wollte bloß das Geld und wieder hinein zu Brad gehen. Also zog ich seine gelockerten Finger auf und sammelte es heraus. Da schnappte die Falle zu und er hielt mich fest. Ich blickte in seine Augen und war überrascht, wie nah unsere Gesichter auf einmal waren. Er sagte nichts, sah mich nur mit diesem undeutbaren Blick an. Als er seine Lippen auf meine legte, hielt ich den Atem an, um dem Rauch auszuweichen. Es entging ihm nicht, dass ich mich versteift hatte. Als er mich losließ, sagte er immer noch nichts. Auch als ich wieder hineinging: nichts.
Nachdem sich die automatische Tür hinter mir geschlossen hatte, blickte ich direkt in die blauen, traurigen Augen Brads. Er lächelte mich vage an und ich ging schnurstracks zu ihm hinter die Kasse. „Hier, eins neunundneunzig. Du kennst die Nummer.“ Brad nickte und sortierte das Münzgeld ein. Ich wagte einen Blick an ihm vorbei. Matthews Wagen war weg. Plötzlich entspannte sich mein Körper wieder und ich lehnte mich erschöpft an den Tresen, während Brad abrechnete.
Da hatten wir den Salat. Weil er nicht in die Gänge kam, küsste ich an Weihnachten seinen Freund. Brad, worauf wartest du? Was denkst du?
„Abgeschlossen?“, rief Lizzy durch den Raum. Macintosh nickte und nahm das Bargeld in den hinteren Raum. „Na, dann, Par-tay!“
Maggie drehte die Musik voll auf, eine CD mit alten Weihnachtspophits, und sie und Lizzy fingen an wie wilde Collegegirls zu tanzen, was sie ja auch waren. Brad und ich beobachteten zunächst das bunte Treiben, dann ging ich zum Futtertisch und füllte mir ein Glas mit kaltem Weihnachtspunsch. Ich wusste, ohne mich umzusehen, dass Brad mir auf den Fuß folgte und direkt hinter mir war.
„Frohe Weihnachten!“, rief ich über den Lärm hinweg, stieß mit der Luft an. Macintosh war zurückgekommen und wurde von Lizzy und Maggie zu einem zwanglosen Tänzchen genötigt. Ich musste grinsen und konnte nicht anders, als Brads Reaktion auszuspähen. Umso überraschter war ich, als ich gerade noch sah, wie er in den Mitarbeiterraum verschwand. Unbemerkt lief ich ihm nach und fand ihn schließlich mit dem Rücken zu mir am Fenster stehen.
„Sieht nach Schnee aus, oder?“
„Schneit aber nicht“, gab ich zurück.
„Noch nicht.“
Ich wartete darauf, dass er sich umdrehte, aber er tat es nicht. „Brad, alles okay? Ist es wegen Matthew?“ Ich machte einige Schritte auf ihn zu.
„Nichts, es ist nichts“, sagte er leise.
Das – genau mit dieser Abwehr hielt er mich zurück, ließ mich nicht an ihn heran, wollte ganz für sich alleine sein. Vielleicht war mein Fehler bisher gewesen, dass ich ihn einfach habe machen lassen; vielleicht musste ich von uns beiden in die Offensive gehen, damit wir endlich weiterkamen.
„Brad.“ Ich legte eine Hand auf seinen Rücken, unter der Windweste, die er trug, spürte ich, wie er sich langsam entspannte und wieder zu atmen begann. Vorsichtig schob ich mich neben ihn und sein Arm legte sich wie von selbst um meinen Oberkörper, ebenso wie ich meine Arme fest um seine Taille schlang und zu ihm hoch blickte.
„Ach, Joanna“, sagte er und bedachte mich mit einem sanften Blick. Mit der freien Hand kämmte er durch mein dunkles Haar.
„Weißt du noch, als ich hier angefangen habe?“, fragte ich. „Ich wollte schon nach drei Tagen wieder kündigen.“
„Echt?“ Er musterte mich erstaunt. „Du hast von Anfang an so tough gewirkt.“
„Von außen betrachtet vielleicht. Greg, Macintoshs Vorgänger, hat mich dauernd angemotzt, und ich hatte wahnsinnig hohe Differenzen in der Kasse.“
„Hat doch jeder.“
„Ich weiß, aber wie das halt so ist, wenn man etwas Neues versucht, man weiß einfach noch zu sehr, wie es vorher war und lässt sich am liebsten eine kleine Hintertür offen.“
„Bis man sich daran gewöhnt hat.“
„Und gemerkt hat, dass es halb so wild ist.“ Ich senkte den Blick. „Und man die Vorzüge erkannt hat.“
Brad lächelte. „Als da wären?“
„Zehn-Prozent-Mitarbeiter-Rabatt, außerdem die beste Chefin, die man sich vorstellen kann. Und: du.“
Ich spürte seinen warmen Atem auf meinem Gesicht. „An dritter Stelle, wenigstens weiß ich jetzt, wer meine Rivalen sind.“
Ich lachte. Und wagte es wieder, ihm in die Augen zu sehen, welche nunmehr strahlende blaue Himmel waren. Ich betrachtete seine blasse, leicht rosafarbene Haut, seine strinlangen, ins Gesicht gekämmten braunen Haare, seine wunderschönen Augen, umrahmt von blonden Wimpern – und fühlte, dass wir heute zumindest ein kleines Stückchen weitergekommen waren.
Die Weihnachtsfeier ging bald zu Ende. Die meiste Zeit hatten Brad und ich hinter dem Kassentresen verbracht, dicht beieinander an die Wand gelehnt, und die Anderen beobachtet. Wir hatten den gleichen Nachhauseweg und liefen hinterher wie immer gemeinsam die dunklen Straßen hinunter. Nach zwei Blocks nahm Brad von sich aus meine Hand in seine und lächelte mich an. So schön es auch war, mit jedem vorbeifahrenden Auto häuften sich die Fragen in mir.
„Brad, worüber haben du und Matthew vorhin gesprochen?“ Er antwortete nicht. „Dann sag mir wenigstens, warum, du solche Angst vor ihm hast.“
„Ich hab keine Angst vor ihm. Nur weil ich ihm ab und zu was spendiere ...“, verteidigte er sich sogleich.
„Ach, so nennt man das also“, meinte ich sarkastisch.
„Er ist ein alter Kumpel.“
„In seiner Gegenwart hältst du dich mit allem zurück. Er benimmt sich wie ein Arsch und du sagst nichts, selbst wenn es dich deinen Job kosten könnte.“
„Wie gesagt, wir geben uns ab und zu einen aus.“ Thema beendet.
„Aber Brad, ich merk doch, dass da was nicht stimmt.“
Brad seufzte, ließ meine Hand los und beschleunigte minimal seinen Gang. „Joanna, bitte, der Abend war so schön.“
Fassungslos blieb ich stehen und wurde jetzt richtig wütend. „Ach ja, für dich vielleicht! Willst du wissen, was bei mir los war?“ Brad drehte sich zu mir um und blieb ebenfalls wie angewurzelt stehen. „Matthew hat mich geküsst. Das wird von meiner Seite aus nie wieder passieren, aber ich frage mich so langsam, ob du dich nicht deswegen so auffällig zurückgehalten hast. Er steht auf mich und deswegen hast du nichts mehr zu melden. Da ist meine Vermutung doch berechtigt, dass du Schiss vor ihm hast. Hat er irgendwas gegen dich in der Hand? Du bist doch sonst keiner, der sich duckt.“
„Joanna, jetzt ist aber gut. Es tut mir leid, dass du heute offenbar ungewollt von deinem Erzfeind geküsst worden bist.“
Ich schnaubte. „Erzfeind?“
„Aber mit meinen Gefühlen hat das überhaupt nichts zu tun. Ich brauche halt länger, um mir meine einzugestehen. Jetzt hab ich es endlich und du machst mir nur Vorwürfe.“
Ich schüttelte den Kopf. „Stuss! Weißt du, je mehr du versuchst dich rauszureden, desto klarer wird mir, wie recht ich haben muss.“
„Joanna, lass es!“, fuhr er mich an.
„Nein, ich will sicher sein, dass Matthew mich nie wieder anfasst. Wirst du mich vor ihm beschützen? Wirst du ihm überhaupt von uns erzählen?“
„Ja, das werde ich.“
„Irgendwas geht da vor sich und ich ertrage diese Ungerechtigkeit nicht, dass du vor ihm her kriechen musst“, fügte ich erklärend hinzu.
„Ich krieche nicht, Robin. Kümmere dich einfach um deine Angelegenheiten. Bis vor drei Monaten kannten wir uns noch nicht mal.“
Ich hielt den Atem an. „Und?“
„Du weißt gar nichts über mich.“
Ich spürte, wie in mir die Tränen hochstiegen. „Es fühlt sich aber nicht so an.“ Und damit war meine Offensive fallen gelassen. Brad schien das zu spüren; er kam wieder auf mich zu und schloss mich in seine Arme. Eine Weile standen wir eng umschlungen da. Keiner sagte etwas, nur unsere im Gleichtakt schlagenden Herzen waren zu hören und ich wünschte mir mehr als jemals zuvor, dass er mich endlich küsste.
„Ich will mich nicht mit dir streiten“, sagte er. „Nicht heute. Deal?“
Ich nickte schuldbewusst. „Deal.“
An der großen Kreuzung trennten sich unsere Wege und wir würden uns erst Neujahr wieder sehen. Brad war wieder ein wenig von mir abgerückt und ich war schuld, weil ich einfach nicht meine Klappe halten und glücklich sein konnte. Aber wie sollte ich es auch mit dieser Situation? Ich hatte das Gefühl, als würde Brad mir immer noch nicht ganz und gar gehören, als wäre das Bestehen oder überhaupt der Beginn unserer Beziehung abhängig von Matthew Gordon.

Am Montag, dem 27. Dezember, hatte ich endgültig die Nase voll von Collegevorbereitungsbüchern und verließ gegen zehn Uhr das Haus meiner Eltern. Ich nahm mir vor, bei Brad vorbeizugehen und mich bei ihm zu entschuldigen. Als ich klingelte, öffnete er selbst. Er schien jedoch wenig begeistert, mich zu sehen.
„Hi“, sagte ich verlegen. „Darf ich reinkommen?“
„Das ist gerade ganz schlecht. Wir müssen gleich los“, erklärte er. Wie aufs Stichwort bemerkte ich, dass er in feiner Kleidung steckte, weißes Hemd, Krawatte, schwarze Hose, gute Schuhe. So bekam man ihn im Supermarkt nie zu sehen.
„Ach so, schlechtes Timing, was?“ Ich lächelte ihn an. Lass jetzt nicht locker, rief eine Stimme in mir. „Wo geht ihr denn hin? So formell?“
Widerstrebend sah Brad mich unter zusammengezogenen Brauen an. „Zu einer Beerdigung … eine Bekannte der Familie.“
Dazu wusste ich nun gar nichts zu erwidern. „Oh. Das tut mir leid.“
„Danke, wir sind schon spät dran. Komm doch um drei Uhr wieder.“ Und dann sah ich zum ersten Mal seit drei Tagen wieder sein wunderschönes Lächeln samt Lachfalten um die Augen herum. Damit konnte er mich abspeisen. „Also gut.“
Ich saß schon um halb drei auf seiner Veranda und wartete gespannt. Als ein Auto vorfuhr, waren es zu meiner Enttäuschung nicht die Lamelles, sondern Matthew Gordon. Bei dessen Anblick zog sich alles in mir zusammen.
„Wen haben wir denn da? Ist das der neue Wachhund? Bitte nicht beißen“, scherzte er, während er so langsam wie möglich hinaufgeschlendert kam und mich dabei keine Sekunde aus den Augen ließ.
„Brad und seine Mutter sind nicht da“, sagte ich schnell. Er lehnte sich lässig gegen das Treppengeländer.
„Und du wartest hier auf deinen Prinzen?“
„Brad ist nicht mein Prinz.“
„Wer ist dann dein Prinz?“
„Niemand. Ich bin keine Sieben mehr.“ Ich wich seinem Blick aus und blickte in die Ferne. „Und warum bist du hier?“
„Aus dem selben Grund wie du. Obwohl, eher weniger. Ich möchte einfach nur einen guten Freund besuchen.“
Da konnte ich nicht mehr an mich halten. „Lass Brad in Ruhe.“
„Wie bitte?“, fragte er verdutzt, so als hätte er mir so viel Kombinationsfähigkeit gar nicht zugetraut.
„Du weißt genau, was ich meine. Lass ihn in Ruhe. Ich weiß vielleicht nicht, was zwischen euch abgeht, aber eins weiß ich: du hältst ihn flach und das geht nur, weil du irgendwas gegen ihn in der Hand hast. Lass ihn gefälligst in Frieden. Das ist feige.“
„Wahnsinn, Joanna Lloyd hat gesprochen.“ Er schüttelte fassungslos den Kopf. „Da ist ja tatsächlich was unter der hübschen Haarpracht versteckt. Das muss ich Brad erzählen, das glaubt er mir nie.“
„Joanna?“, hörte ich Brad von der Einfahrt zu uns herüberrufen. Er kam in seinem schwarzen Anzug zu uns herübergejoggt. „Alles in Ordnung? Matt, was machst du denn hier?“
„Sehen, wie´s dir geht, ob ich dich irgendwie aufbauen muss, wie´s gute Freunde eben so tun. Deine kleine JoJo hier hat mir nur ein paar ihrer interessanten Ansichten mitgeteilt. Zwischen euch ist´s richtig ernst, oder? Geht´s so richtig heiß her? Na, Braddi? Heißt es nicht, so wie man hinterm Steuer ist, so ist man auch in der Liebe? Was wäre das demnach? Fahrlässig und gefährlich?“ Er lachte hässlich. „Glückwunsch, Leute. Meinen Segen habt ihr!“ Matthew klopfte Brad mit einem schmierigen Lächeln auf die Schulter und schlenderte dann wieder runter zu seinem Wagen. Im Vorbeigehen grüßte er Brads Mutter, die ihn strengen Blickes passierte.
„Brad“, sagte Mrs. Lamelle. „Was tut dieser Junge hier? Ausgerechnet heute.“
„Nichts, Mom, es ist alles unter Kontrolle.“ Bevor sie noch etwas hinzufügen konnte, schob er mich als Bestechungsversuch vor. „Das ist Joanna Lloyd. Wir kennen uns von der Arbeit.“
Brads Mutter war eine hübsche und herzliche Frau, die mich sofort zu ihnen zum Essen einlud. Es war köstlich und wir unterhielten uns über meine bevorstehenden Abschlussprüfungen und über Brads erste Erfahrungen auf dem College. Anschließend gingen wir hoch in sein Zimmer. Ich blieb unschlüssig im Raum stehen, sah ihm dabei zu, wie er sein Bett von Klamotten und anderem Kram befreite und setzte mich schließlich neben ihn auf das mir zugewiesene Fleckchen Matratze. Verlegen betrachtete er sein Zimmer, versuchte sich vorzustellen, wie es durch die Augen eines Fremden wirken musste. Er konnte ja nicht wissen, dass ich momentan überhaupt keinen Sinn dafür hatte.
„Gemütlich.“ Kurz und knapp auf den Punkt gebracht. Das half Brad sichtlich, sich ein wenig zu lockern.
„Weswegen bist du eigentlich hergekommen?“, fragte er schließlich.
„Ich wollte mich wegen Weihnachten entschuldigen“, leierte ich nur so herunter, denn etwas Anderes brannte mir auf der Zunge. „War es das, was Matthew dir am 24. gesagt hat? Diese Beerdigung, wo er nicht hingehen wollte?“ Die Erinnerung rollte über ihn hinweg. Brad schloss die Augen, machte sie langsam wieder auf und nickte schließlich. Ich tastete nach seiner Hand, um ihm zu zeigen, dass ich auf seiner Seite stand. „Und was meinte er mit fahrlässig und gefährlich?“
„Joanna ...“
„Bitte, Brad, du kannst es mir erzählen. Ich sehe doch, dass es dich belastet. Vertrau mir.“ Er atmete tief ein. Als ich schon dachte, dass er gar nicht mehr ausatmen wollte, stieß er die Luft plötzlich wie einen Schrei aus und Tränen rollten über seine Wange. Erschrocken umfasste ich sein Gesicht und lehnte meine Stirn stützend gegen seine. Er hielt die Augen fest verschlossen, und schluchzte unterdrückt. „Gott, alles ist gut, ich bin ja da“, flüsterte ich.
In diesem Moment ließ er alle Barrikaden fallen, lehnte sich an mich und hielt nichts zurück, er zeigte mir seinen ganzen Schmerz und gab mir gleichzeitig die Chance, ihn zu lindern. „Joanna, Joanna“, brachte er erstickt hervor. „Frag nicht nach, bitte.“ Gleichzeitig presste er sich eng an mich.
„Ich muss, kannst du das nicht verstehen?“
Wir schwiegen eine Weile. Saßen einfach so da, während Brad sich langsam wieder beruhigte. Schließlich blieben nur noch einzelne rote Flecken in seinem Gesicht zurück, über die ich liebevoll strich.
Brad sah zum Fenster hinaus. „Hast du jemals was richtig Dummes gemacht, Joanna? Ich schon. Ich habe sogar etwas sehr Schlimmes getan.“ Er hielt inne. Sammelte Kraft. Für mich. Als er endlich weitersprach, tat er dies so schnell und hastig, dass ich mich anstrengen musste, jedes Wort zu verstehen. „Matthew und ich sind letztes Jahr zu Silvester über die Landstraße gebrettert, ich saß am Steuer. Wir haben getrunken, Matthew hatte sogar irgendein Zeug dabei, von dem ich high wie nie wurde. Eigentlich durfte ich den Wagen noch gar nicht haben, ich sollte ihn erst nach meinem Schulabschluss kriegen. Aber er stand schon in unserer Garage.“ Er schloss kurz die Augen und atmete tief ein, bevor er fortfuhr. „Kurz vor Mitternacht passierte es. Ihr Name – ihr Name war Linda Carlisle, ich habe sie nicht gekannt, aber meine Mutter kannte ihre Mutter vom College. Linda war gerade auf dem Weg zu ihrer Familie gewesen.“ Plötzlich wandte er mir wieder das Gesicht zu und sprach langsam und deutlich, so als könnte ich nicht verstehen. „Ich habe sie umgebracht, ich habe Linda Carlisle auf dem Gewissen.“ Ich runzelte die Stirn. „Wir rasten direkt in ihren Wagen. Sie starb sofort – und ich überlebte.“
„Brad“, ich suchte nach Worten, „das ist … schrecklich.“
„Ich habe vom Gericht gemilderte Umstände bekommen, die ganzen Sommerferien hinweg habe ich Sozialstunden abgeleistet.“ Er stieß ein irres Lachen aus. „Sozialstunden für einen Mord.“
„Es war ein Unfall“, erinnerte ich ihn.
„Joanna, hätte ich nicht getrunken, hätte ich mich nicht volllaufen lassen, mein Gott, wäre ich zu Hause bei meiner Mutter geblieben und hätte wie alle Anderen Silvester gefeiert, dann würde Linda noch leben. Ich habe aus Dummheit ein Leben beendet. Es lag in meiner Macht und ich ließ sie sterben.“
„Brad, wenn du das so siehst, okay – aber es bringt nichts, einem Ereignis nachzutrauern. Es ist Vergangenheit. Es darf dein weiteres Leben nicht bestimmen.“
„Hast du das aus einem Philosophie-Essay?“, fragte er ungläubig. „Du würdest anders denken, wenn du sie gekannt hättest; wenn es nicht sie, sondern deine Mutter gewesen wäre, deine Schwester, deine beste Freundin.“
Ich nickte. „Vielleicht. Aber ich kannte sie nicht. Ich kann nicht die Schlacht eines anderen kämpfen. Das ist sinnlos. Ich kenne nur dich. Nur du bist mir in diesem Moment wichtig. Du hast ein gutes Herz, das ist alles, was zählt.“
„Was bringt einem ein gutes Herz … Du siehst ja wo es mich dennoch hingeführt hat. Auch ein gutes Herz kann skrupellos töten.“
„Du hast das ja nicht gewollt. Außerdem warst du nicht alleine schuld. Matthew scheint es verdammt gut zu gehen, obwohl er bestimmt einen ziemlich großen Anteil dazu beigetragen hat.“
„Er hat mich ja nicht dazu gezwungen, die Drogen zu nehmen oder den Wagen zu fahren“, sagte Brad barsch, stand auf und ging ein paar Schritte zum Fenster.
„Bitte, wir wissen doch alle, wie das läuft. Hör endlich auf, diesen Mistkerl zu verteidigen! Das klingt für mich, als hätte er sich fein aus der Affäre gezogen und dir die ganze Schuld in die Schuhe geschoben, hab ich nicht recht?“ Plötzlich ergab alles einen Sinn. „Jetzt verstehe ich erst, er trichtert dir die volle Ladung Schuldgefühle ein, deswegen hat er dich so unter Kontrolle. Was hat er vor Gericht erzählt?“
„Das ist doch unwichtig“, wehrte Brad ab.
Ich war ebenfalls aufgestanden, ich wollte ihm ins Gesicht sehen. „Der Arsch kann dir gar nichts. Er hat genauso schuld am Unfall.“
„Sie haben ihn gar nicht erwischt. Ich war bewusstlos, aber er konnte noch vorm Eintreffen der Polizei verschwinden. Er wollte Hilfe rufen.“
Ich starrte ihn fassungslos an. „Wie bitte? Und, kam Hilfe?“
„Die Polizei kam ja fast sofort, da war das nicht mehr nötig.“
Ich schnalzte mit der Zunge. „Natürlich. Und weiß die Polizei, dass er dabei war?“
Brad schwieg kurz. „Ich wollte ihn nicht verraten. Sie hatten nur mich ...“
„Brad!“, rief ich empört. „Wie kann man nur so blöd sein!“
„Er war zu dem Zeitpunkt schon auf Bewährung. Es war das Beste so ...“
„Für wen? Für ihn? Und jetzt erdreistet er sich auch noch, dir alleinige Schuldgefühle einzureden und dich wie Dreck zu behandeln?“ Ich war so wütend, dass ich am liebsten Matthews Wagen zerschlagen hätte, und ihn gleich mit. „Brad, du musst es der Polizei sagen. Der Mistkerl braucht seine gerechte Strafe, sonst lässt er dich nie in Ruhe. Der hat deine Gutmütigkeit lange genug ausgenutzt.“
Brad packte mich bei den Schultern. „Joanna, versprich mir, dass du es niemanden erzählst. Überlass das bitte mir, es ist meine Sache.“
„Brad, sei doch nicht so dumm“, flehte ich.
„Bitte, geh jetzt, ich bin erschöpft.“ Er schob mich zur Zimmertür.
„Ich hab dich eigentlich nicht für so feige gehalten. Du bist ein Feigling, Brad Lamelle.“
Er ignorierte mich. „Wir sehen uns Neujahr.“
Ich qualmte vor Wut und Hilflosigkeit ob dieser großen Ungerechtigkeit. Brad war so ein guter Kerl und das Arschloch Matthew hatte ihn ganz in seiner Gewalt. Und so lange das so war, konnten wir nicht zusammen sein. Man konnte es also reinen Eigennutz nennen, als ich im Telefonbuch nach den Gordons suchte und Matthew am Apparat zu einem Treffpunkt hin beorderte.

Misstrauisch trat er um sechs Uhr auf den Spielplatz. Ich saß auf einem der Steine, erhob mich aber, als ich ihn sah. Für das, was jetzt kam, musste ich gefährlich und stark aussehen.
„Romantisch.“
„Ich will, dass du dich bei der Polizei stellst.“
„Wie bitte?“
„Du hast mich schon verstanden, ob du es tust oder ich, das kommt beides im Endeffekt aufs Gleiche heraus. Aber ich überlasse dir gerne die Gelegenheit, wenigstens ein bisschen Schneid zu beweisen.“
„Du kleine Schlampe. Was soll ich denn deiner Meinung nach den Bullen erzählen?“, fragte er obercool.
„Dass du bei dem Unfall dabei warst und die Mitschuld am Tod von dem Mädchen trägst.“
Er zeigte mir einen Vogel. „Was für ein Unfall?“
„Tu es oder ich tue es. Das wäre alles. Danke, dass du gekommen bist.“ Damit stolzierte ich selbstbewusst an ihm vorbei und wollte mich vom Acker machen, doch er hielt mich zurück.
Sein Griff um meinen Oberarm war schmerzhaft; als er sprach, peitschte mir ein ekliger Marihuanagestank ins Gesicht. „Wir sind noch nicht fertig. Ich fahre dich nach Hause.“
„Lass mich los!“, schrie ich, doch er zerrte mich ohne mit der Wimper zu zucken in seinen Wagen und verriegelte von innen die Türen.
„Wollen wir doch mal sehen, wie cool du noch bist, wenn ich mit dir fertig bin. Ich hoffe Brad nimmt es mir nicht übel, aber der Gute kann mir aus irgendeinem Grund einfach nichts abschlagen.“
„Du Arschloch, lass mich gehen!“, brüllte ich und schlug um mich.
„Erst, wenn du deine Lektion gelernt hast. Verleumdung ist nicht gerade ein Freundschaftsakt!“
Ich wollte mich wehren, aber es war einfach zu wenig Platz in diesem grässlichen Auto. Er packte meine Arme und drehte sie mir schmerzvoll auf den Rücken, sodass mein Gesicht in die Sitzpolster gedrückt wurde. Mit seinem gesamten Körpergewicht machte er mich dingfest. Mein Herz hämmerte wild vor Angst in meiner Brust; mein gesamter Körper fühlte sich an, wie ein kalter Stein. Heißer Atem an meinem Ohr. „Wenn du zur Polizei gehst, dann schwöre ich dir, werde ich dich noch viel härter drannehmen. Man muss schließlich seine Grenzen kennen.“
Ich hörte ein erbärmliches Wimmern und brauchte eine Weile, bis ich verstand, dass es von mir stammte. Er zerrte an meiner Kleidung, mein Kopf war wie benebelt von der dicken, schneidenden Luft im Auto. Ich wollte hier raus oder auf der Stelle sterben.
Und mit einem Mal war es vorbei. Sein Griff, sein Gewicht, alles ließ von mir ab; eiskalte Luft verwandelte sich in meinen Atem. Die Polizisten führten ihn ab, fragten, ob es mir gut ginge, ich nickte, brachte keinen Ton heraus, ließ mich von ihnen ins Krankenhaus bringen, anschließend nach Hause.
Am nächsten Tag brachte mich meine Mutter auf meinen Wunsch zur Polizeiwache, wo ich Anzeige erstattete und gegen Matthew alles aussagte, was ich wusste. Er bekam eine Haftstrafe. Das war alles, was ich wollte.
Als ich im Foyer meine Jacke anzog, stand Brad plötzlich vor mir. Ich habe das für dich getan, wollte ich sagen, brachte aber keinen Ton heraus. Wir sahen uns einfach nur an. Nun war es an ihm, eine Entscheidung zu treffen. Ich hatte getan, was getan werden musste.
„Du bist wahnsinnig“, stellte er mit todernstem Gesichtsausdruck fest. Ich zuckte mit den Schultern. „Er hätte dich fast … woher wusstest du, dass die Polizei rechtzeitig kommen würde?“
„Ich habe sie vorher angerufen. Ich hab gesagt, dass Junkies auf dem Spielplatz Randale machen. Mit verstellter Stimme und falschem Namen.“
Der Ausdruck in seinen blauen Augen wechselte von wütend zu erstaunt. „Alles nur, um ihn in den Knast zu bringen?“
„Alles nur, damit ein feiges Arschloch seine gerechte Strafe kriegt und nicht mehr auf Kosten anderer mit allem davonkommt“, erklärte ich. „Oder macht es dir was aus, weil du jetzt wieder zur Polizei gerufen wurdest? Oder vielleicht auch weil Matthew dir so viel bedeutet?“
Brad betrachtete mich von Kopf bis Fuß und sah aus, als fehlten ihm die Worte. Als er mir schließlich wieder in die Augen sah, hielt ich den Atem an.
„Danke.“ Und dann ging er weiter zu dem Polizisten, der ihn bereits erwartete.
Zwei Tage vergingen und ich hörte nichts von Brad. Ich zog mich von allen zurück, ließ meine Familie in Feiertagsstimmung verweilen und blieb alleine mit den schrecklichen Bildern in meinem Kopf. So stark, wie ich mich nach Matthews Verhaftung auch gefühlt hatte, so elendig war mir in Wirklichkeit zumute. Da konnte mich auch der frisch gefallene Schnee draußen vor meinem Fenster nicht aufmuntern. Ich war bereit gewesen, mich für Brad aufzuopfern. In meiner Wut auf Matthew hatte es auf mich als das einzig Richtige gewirkt. Im Auto jedoch überkamen mich ganz kurz ernsthafte Zweifel, ob es das auch wirklich wert gewesen war. Und am aller meisten quälte mich nun die Ungewissheit, wie die Antwort darauf ausfallen würde.

Die Schule fing wieder an und damit auch die Nachmittagsschichten in Filmore´s Supermarket. Es hatte sich herumgesprochen und es war seltsam, mit welchen Blicken mich alle bedachten. Gesprächsthema und Zentralpunkt ihrer Wut waren glücklicherweise Matthew, ich war nur das Opfer. Auch Mrs. Filmore fasste mich mit Samthandschuhen an und ließ sich gleichzeitig über Matthew aus. Das alles interessierte mich jedoch nicht. Diesen Teil wollte ich am liebsten vergessen.
Ich füllte Ware auf, bis Brads Schicht endlich anfing. Als es endlich so weit war, konnte ich den Blick nicht von ihm lassen, sog alles in mir auf, jede noch so kleine Kleinigkeit, alles war an ihm besonders und ich spürte so etwas wie Gewissheit, dass ich nie von ihm genug bekommen würde. Er sprach kurz mit Mrs. Filmore und ging dann an mir vorbei in den Mitarbeiterraum, nicht jedoch ohne mir vorher mit den Augen zu bedeuten, dass ich ihm folgen sollte.
Er lehnte am Tisch und blickte mir lächelnd entgegen. „Frohes neues Jahr.“
„Frohes neues“, erwiderte ich. „Wie geht’s dir?“
„Mir? Ich bin leicht enttäuscht von der heimischen Justiz. Wieder nur eine Geldstrafe und Sozialstunden. Aber viel wichtiger ist doch, wie es dir in den letzten Tagen ergangen ist.“ Er streckte die Arme nach mir aus und schloss sie erst wieder, als ich mich an ihn gekuschelt hatte. „Ich habe dich nicht vor ihm beschützt, wie du es vorausgesagt hast.“
„Du bist nicht an allem auf der Welt schuld“, murmelte ich. „Du hattest keine Ahnung, was ich vorhatte.“
„Ich hätte es ahnen können. Joanna Lloyd kann bei Ungerechtigkeit in ihrer Umgebung nicht einfach tatenlos wegsehen.“
Ich hob den Kopf, um ihm in die Augen zu sehen. „Ich habe das nur für dich getan.“
Brad beugte sich vor und streifte ganz sanft meine Lippen mit seinen. „Dann versprich mir nur eins, tu so etwas nie wieder für mich.“
„Ich verspreche es.“ Und dann küsste er mich.

Endlich.

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