Schiffbrüchig

                                                         ***Keeda***

Verwirrt öffnete Keeda ihre roten Augen, und blickte verständnislos in den leeren Himmel. Ihr Verstand war in den ersten Momenten nicht in der Lage all die Eindrücke zu verarbeiten und zu einem vollständigem Bild zusammen zufügen. Schwerfällig richtete sie sich auf, wobei ein schneidender Schmerz sie zusammenzucken ließ.
Ihr Verstand war wie benebelt, während sie sich in ihrer Umgebung umblickte. Überall um sie herum, waren teils zertrümmerte Kisten und bewegungslose Körper verstreut. Es roch nach salzigem Seetang und das Geschrei der Möwen und das Zersplittern der runden Holzfässer, die von den Wellen an die Klippen geschleudert wurden, drangen nur gedämpft zu ihr durch.
Ihr Blick blieb an dem Schiffswrack hängen, welches langsam am Horizont versank. Die Fluten löschten bereits das brennende Holz und der Himmel wurde von schwarzen Rauchsäulen zerrissen.
Langsam und bruchstückhaft kamen Keedas Erinnerungen zurück. Bevor sie aufgewacht war, war auch sie an Bord eines Schiffes und auf dem Weg nach Neverwinter, dem letzten freien Königreich, gewesen, doch sie konnte sich weder an einen Angriff noch daran erinnern an Land geschwommen zu sein.  Sie war hier um ...

"Den Göttern sei Dank! So wie sich der Drachenlich auf das Schiff gestürzt hat, habe ich schon befürchtet, dass es wohl niemand überlebt hat!" Ein junger Mann tauchte wie aus dem Nichts vor Keeda auf und tastete sie nach Verletzungen ab. Sie fauchte leise und wich einen Schritt zurück. Der junge Mann errötete und hob abwehrend die Hände, als er ihren zornigen Gesichtsausdruck sah.

"Mir geht es gut", knurrte sie und ließ den Fremden keinen Moment aus den Augen. Er war hager, fast schmächtig und für ihren Geschmack zu distanzlos.

"Was führt euch in diesen unruhigen Zeiten nach Neverwinter?", fragte er in einem Versuch ihr Gemüt durch einen Themenwechsel zu beruhigen.

"Was geht Euch das an?"

Er zuckte bei ihren unwirschen Worten zurück, und Keeda konnte einen Anflug von Angst in seinen arglosen Augen entdecken. Zweifellos dachte er an die zahlreichen und blutigen Geschichten, die man über ihr Volk erzählte. Er lächelte sie unsicher an und versuchte seine Angst zu überspielen.

"Tut mir Leid, ich wollte Euch nicht aushorchen, nur ist momentan keine gute Zeit um hierher zu reisen. Mein Name ist im übrigen Wilfred. Ich bin ein Gefreiter des Lords von Neverwinter.

Euch ist sicher nicht entgangen, dass Neverwinter angegriffen wird. Die Nekromantin Valindra und ihre Legionen an Untoten sind vor der Stadt, sie stehen kurz davor unsere Mauern zu überrennen. "

Keeda nickte nachdenklich, sie wusste wie es um Neverwinter und den Krieg mit Valindra stand. Die Nekromantin versuchte schon seit Jahren den Lord in die Knie zu zwingen, doch Neverwinter hatte bisher all ihren Angriffen standgehalten, doch wenn sie hier, so nah vor den Stadtmauern, von einem Drachenlich angegriffen worden war, stand es um die Hauptstadt Neverwinters schlimmer als sie angenommen hatte.

Wilfred räusperte sich vernehmlich und riss Keeda ein weiteres Mal aus ihren Gedanken. Genervt wandte sie sich wieder dem Menschen zu und folgte seinem Blick an sich hinunter. Ihre Ausrüstung war in einem erbärmlichen Zustand. Feuer und Fluten hatten ihr das meiste vom Körper gerissen oder versenkt, sodass sie nur noch eine dünne, zerrissene Leinenbluse und eine ebenso zerrissene, braune Stoffhose trug. Beides war vom Salzwasser durchweicht und klebte an ihrer obsidianfarbenen Haut.

"Sucht im Strandgut entlang der Küste nach eurer Ausrüstung, es wäre momentan keine gute Idee sich unbewaffnet auf den Weg zu machen", nach kurzem Zögern fügte er noch hinzu, "Kommt den Hügel hinauf zum Lager, wenn Ihr fertig seid. Wir haben ein warmes Feuer und Ihr werdet Euch gleich viel besser fühlen, wenn Ihr erst einmal trocken seid." Mit diesen Worten wandte er sich von Keeda ab und suchte den Strand weiter nach Überlebenden ab.

Die Dunkelelfin verfolgte seine kleiner werdende Gestalt noch einige Augenblicke, bevor sie sich aufrichtete und seinen Ratschlag befolgte. Hoffentlich hatte sie Glück, und ihre Ausrüstung war in einer der Kisten an Land gespült worden.


Den Blick nach unten gerichtet wanderte sie am Strand entlang, wenn sie richtig lag musste sie an einem der Strände der Neverwinterfelder sein, in der Nähe der Südmauer der Stadt und weit entfernt von ihrer Heimat der Schwertküste.

Nach und nach brach sie jede der Kisten auf, die auf dem Sand verstreut lagen, und durchstöberte ihren Inhalt. Manchmal hielt sie kurz inne, unsicher ob sie den Plunder nicht doch gebrauchen konnte, doch keiner der Gegenstände die sie fand, waren für sie von Nutzen. So zum Beispiel ein massiver Eisenhelm, der sie in einem Kampf nur schwerfällig machen würde oder eine Halbmaske, deren Sinn sie noch nie verstanden hatte.

Mittlerweile hatte Wilfred noch mehr Überlebende mobilisiert, die wie sie das Strandgut durchstöberten. Unwillkürlich beschleunigte sie ihre Schritte und beobachtete misstrauisch die Fremden. Ihr Blick blieb an einem Zwergen hängen der sich strahlend den Eisenhelm aufsetzte, den sie zuvor achtlos beiseite geworfen hatte. Er trug zu ihrer Verwunderung, und im Gegensatz zu allen anderen Zwergen, denen sie bisher begegnet war, keinen Bart und zeigte zumindest den Ansatz einen breiten Halses.

Keeda war so in ihre Beobachtungen vertieft, dass sie laut fluchend über einen der regungslosen Körper stolperte. Wütend drehte sie sich zu der jungen Frau um, deren roten Haare wie ein Fächer unter ihr ausgebreitet waren, und wollte schon ihre Taschen nach ein paar Münzen durchstöbern, als ihr das krampfhafte Heben und Senken ihrer Brust auffiel.

Sie lebte. Noch.

Zarra stand bewegungslos da und beobachtete den Todeskampf der Frau. Sie wollte schon genervt die Hand heben, um Wilfred herbei zu rufen, doch da hustete die Frau schon einen Schwall Salzwasser auf den Sand. Von dem Geräusch alarmiert eilte Wilfred in ihre Richtung und ließ sich neben der Frau auf die Knie sinken, um ihren Kopf zu stützen.

Keeda wandte sich von den beiden ohne zurück zublicken ab und setzte ihre Suche weiter fort. Sie wäre vor Freude fast in die Luft gesprungen, als sie die halb unter zersplittertem Holz versteckte Kiste mit dem grünen Zeichen des Silvanus fand. Ungeduldig zerrte sie die Holzreste beiseite und stemmte den Deckel der Kiste auf.

Sie entspannte sich augenblicklich, als sie sich den Bogen über den Rücken hängte und fuhr bedächtig über das dunkle, teils verschrammte Holz. In der Kiste fand sie auch andere nützliche Rüstungsteile, die ihrem Kampfstil entsprachen. Doch so sehr sie auch suchte, ein Beil oder wenigstens einen kleinen Dolch konnte sie nicht darin entdecken. Wehmütig strich sie über die Stelle an ihrer Hüfte wo für gewöhnlich ihre eigene Waffe hing.

Missmutig warf sie wieder einen Blick zurück und beäugte die anderen Schiffbrüchigen. Ob einer von ihnen ...?

Keeda schüttelte bestimmt den Kopf, um den Gedanken zu vertreiben bevor er Gestalt annehmen konnte und blickte erneut zu dem Zwergen, der sich auf seinen kurzen Beinen einen Hügel hinauf quälte. Sicher lief er in Richtung des Lagers, von dem Wilfred bereits erzählt hatte.

Keeda seufzte wehmütig und sah ein letztes Mal den Strand entlang, bevor sie ihm den Hang hinauf folgte.

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