Schreckliche Träume

Minutenlang kämpfte ich gegen den Griff meines Onkels an und brüllte wutentbrannt herum. Vergessen war mein Versprechen, dass ich mich ruhig verhalten wollte. Zornestränen quollen aus meinen Augen und klatschten auf den Boden.
„Beruhigen Sie sich, Miss Dugan.“ Die Stimme des Arztes bebte über meinen Kopf hinweg. Wie auf Knopfdruck verharrte ich in meiner Position, als sei ich in Stein verwandelt worden.
Mein Gesicht war nass von den unzähligen Tränen und meine Knie schlotterten. Mein rasender Herzschlag pochte mir unangenehm in den Ohren und meine Pupillen huschten aufgeregt hin und her.
Obwohl ich mich abgeregt hatte, kam mein Onkel gar nicht auf die Idee, mich loszulassen. Ich hatte sogar das Gefühl, dass er noch fester zupackte. Vermutlich hatte er Angst, dass ich erneut durchdrehte.
„Sie sollten zurück in ihr Zimmer gehen und etwas schlafen“, riet mir der Arzt. Er kam zu mir.
„Ich will nicht gehen und ich will auch nicht schlafen“, protestierte ich.
„Ich will bei James bleiben.“ Olivia und Jamie tauschten Blicke aus, die ich nicht deuten konnte. Der Arzt legte den Kopf leicht schräg und musterte mich nachdenklich. Ich konnte es hinter seiner Stirn rattern hören.
„Ich mache Ihnen einen Vorschlag, Miss Dugan.“ Er stellte sich neben meinen Onkel und schaute diesen eindringlich an.
Der Blick veranlasste Jamie die Hände von meinen Armen zu nehmen und einen Schritt zurückzutreten.
„Ich erlaube Ihnen noch eine Stunde hier zu bleiben.“ Ich fing an zu grinsen. „Aber wenn ich Sie hole, dann müssen Sie mit mir mitkommen“, schloss er im ernsten Ton an. Seine Miene zeigte eine Mischung aus Strenge und Besorgnis.
Mir blieb nichts anderes übrig, als ihm mein Versprechen zu geben. Ich war gespannt, ob ich dies genauso wenig halten würde, wie das Erste.
„Ich werde mitkommen“, entgegnete ich, ohne ihn anzusehen.
„Gut“, murmelte er. „Lassen Sie uns gehen“, sagte er an Olivia und Jamie gewandt.
„Aber Sie…Sie…“, stotterte mein Onkel zornig. Seine Reaktion überraschte mich nicht. Er wollte mich mit allen Mitteln von James fernhalten, sogar jetzt.
„Wir geben Ihr die Zeit“, meinte der Arzt gelassen und achtete gar nicht auf die Stimmung meines Onkels. Dieser schien noch etwas sagen zu wollen, blieb aber stumm. Der Arzt ging hinaus. Olivia und Jamie folgten ihm etwas widerwillig.
Als die Tür ins Schloss fiel, eilte ich zum Stuhl und setzte mich hin. In der ganzen Zeit hatte sich nichts verändert. James wirkte auf mich wie eine unbewegliche, leblose Statue. Auf einen Schlag fühlte ich mich schlecht, weil er hier lag und um sein Leben kämpfte, während ich mit zwei gebrochenen Fingern davongekommen war. Ich müsste auf der Intensivstation liegen und mit Hilfe einer Maschine atmen. Ich müsste an seiner Stelle sein.
Verzweifelt schluchzte ich und brach wieder in Tränen aus.
Mein Körper bebte und ich bekam kaum noch Luft. Ohne darüber nachzudenken, nahm ich James´ linke Hand und hielt sie fest.
Da seine Haut bleich war, hatte ich geglaubt, dass er sich kalt anfühlen würde, doch er war warm. Es war ein unbeschreibliches Gefühl seine Wärme und Nähe zu spüren. Mit meinem Daumen strich ich ihm zärtlich über den Handrücken. Dann legte ich meinen Oberkörper aufs Bett und atmete erleichtert aus. Ich war bei James. Ich berührte ihn und er lebte.

Ein undefinierbares Geräusch weckte mich. Verschlafen rieb ich mir die Augen und setzte mich auf. In meinem Zimmer war es stockdunkel. Das Einzige, was ein schwaches, grünliches Leuchten ausstrahlte, war mein digitaler Wecker, der halb drei anzeigte. Ich gähnte. Was war das für Geräusch, das mich aus dem Schlaf gerissen hatte?
Vielleicht war es meine Mom, die sich unten noch ein Glas Wasser holte oder auch mein Dad, der mal wieder etwas suchte. Genau, so musste es sein. Müde ließ ich mich wieder zurück in meine Kissen fallen und versuchte einzuschlafen.
Ich war im Begriff ins Land der Träume zu sinken, da hörte ich einen markerschütternden Schrei. Erschrocken fuhr ich in die Höhe und hielt die Luft an. Mom, schoss es mir panisch durch den Kopf.
Hektisch befreite ich mich von der schweren Decke und rannte in den Flur. Dort fiel mir direkt die geöffnete Schlafzimmertür meiner Eltern auf. Das waren die Killer.
Sie waren hier um meine Eltern und mich zu töten, denn James hatte sein Versprechen gebrochen und seinen Kollegen von mir erzählt.
Schockiert riss ich die Augen auf. Ich konnte nicht zulassen, dass meinen Eltern etwas passierte, nur, weil ich so naiv gewesen war und James vertraut hatte. Ich atmete ein letztes Mal tief durch, bevor ich den Flur entlanglief.
Plötzlich wurde es dunkel und still um mich herum. Dieser Zustand hielt jedoch nicht lange an. Ehe ich mich versah, saß ich vor dem leblosen und blutbefleckten Körper meines geliebten Dads. In meinen Armen hielt ich meine Mom, die einen Nervenzusammenbruch erlitt. Sie weinte und war nicht mehr bei Sinnen. Ich traute mich nicht meinen Dad länger anzusehen, denn ich wusste, dass ich dann meinen Verstand verlieren würde. Der beißende Gestank seines Blutes war für mich bereits schlimm genug.
Laute Stimmen erregten meine Aufmerksamkeit. Ich schaute nach oben und sah James. Mit seinen kalten, grauen Augen betrachtete er mich eingehend, als mache er sich Sorgen um mich. Innerlich schäumte ich vor Wut und Hass. Ich schämte mich dafür, dass ich einem Verräter und Mörder vertraut und ihn geliebt hatte. Böse funkelte ich ihn an.
„Ich hasse dich, James. Ich hasse dich. Ich hasse dich“, schrie ich so laut und hoch, dass mir die Stimme versagte. Meine Wut brachte die Killer zum Lachen und James zum Verzweifeln. In seinen Augen spiegelten sich die Schmerzen wieder, die meine Worte in ihm auslösten. Ich hatte kein Mitleid mit ihm, denn seine Schmerzen waren im Vergleich zu meinen nur ein Witz.
Ehe ich mich weiter in meinen Hass hineinsteigern konnte, vergrub sich eine Hand in meinen Haaren und zerrte mich von meinen Eltern weg. Das Brennen meiner Kopfhaut war unerträglich. Ich vergoss bittere Tränen vor Trauer, Schmerz und panischer Angst. Ich streckte die Arme nach meinen Eltern aus, doch ich konnte sie nicht erreichen. Aus meiner Kehle drangen erstickende Schreie, die im höhnischen Gelächter der Killer untergingen. Ich wollte zurück. Ich musste zurück, um meine Mom zu beschützen. Ich…
Urplötzlich verschwand die Hand aus meinen Haaren und die höllischen Schmerzen ebbten langsam ab. Eilig krabbelte ich zu meiner Mom zurück und versuchte sie mit aller Macht zu trösten, als ein dunkler Schatten sich über mein Gesicht legte. Vor mir und meiner Mom hatte sich eine große Person aufgebaut. Verängstigt schaute ich nach oben. Es war Patton.
Vergnügt grinste er breit, als er eine silberne, blitzende Waffe zückte und eiskalt auf die Stirn meiner Mom zielte. Hart schluckte ich. Nein, dass darf nicht sein, dachte ich und sprang auf. Ich stellte mich schützend vor meine Mom und sah Patton entschlossen an. Er würde meine Mom nicht töten, dafür würde ich sorgen.
„Du bist ja richtig mutig, Süße“, tadelte er mich und ließ die Waffe sinken. Dabei strahlten seine blauen Augen unheimlich hell. Er sah schaurig aus.
„Du tust meiner Mom nichts, sonst…“
„Sonst was?“, fragte er und streichelte mir über den linken Arm. Ich bekam eine Gänsehaut.
„Sonst bringe ich dich um“, zischte ich und zog meinen Arm ruckartig weg. Patton fing an zu kichern. Bei einem Mann von seiner Statur und Größe wirkte dieses Gekicher albern und unpassend.
„Du weißt gar nicht, was es heißt, einen Menschen zu töten, also würde ich soetwas nicht leichtfertig äußern“, belehrte er mich und trat an mich heran. Mit seiner freien rechten Hand fasste er in meinen Nacken. Meine Muskeln verkrampften sich. Er drückte so fest zu, dass ich meinen Kopf nicht mehr bewegen konnte.
„Außerdem hast du ein viel zu gutes Herz, Süße“, sprudelte es aus ihm heraus, ehe er ganz nahe an mich herantrat und mit seiner Zunge über meinen Hals leckte. Der Ekel, der mich befiel, brachte mich beinahe dazu, mich zu übergeben.
„Du schmeckst unverschämt gut“, sagte er und schmunzelte. Sein heißer Atem auf meiner Haut war einfach widerlich. Patton küsste mich hinters Ohr, bevor er meinen Nacken losließ und mich mit seinem Arm gegen die nächste Wand beförderte. Mit einem lauten Krachen stürzte ich zu Boden und schlug mir die Knie auf. Der Schmerz kam schnell und hart, aber das interessierte mich nicht, denn ich musste zu meiner Mom. Ich musste sie…
Peng. Ein ohrenbetäubender Knall durchbrach die Stille. Patton hatte abgedrückt. Er hatte tatsächlich abgedrückt. Meine Mom saß unverändert vor meinem Dad, nur klaffte in ihrer Stirn jetzt ein Loch, aus dem Blut hervorquoll. Das tiefrote Blut lief ihr übers Gesicht und tropfte auf den Körper meines Dads. Dann, von einer Sekunde auf die Andere, kippte sie nach vorne.
„MOOOOMMM!!!!!!!“
Schweißgebadet wachte ich im Krankenhaus auf. Meine Atmung war unregelmäßig und mein Herz raste. Das war bloß ein Traum gewesen. Ein schrecklicher Albtraum, der leider der Realität entsprach.
Ich setzte mich auf und klemmte mir die nassen Haare hinter die Ohren. Ich stellte fest, dass ich mich wieder in meinem Krankenzimmer befand. Ich war verwirrt. Was war passiert? Wieso war ich nicht bei James?
Ich wollte zurück zu ihm. Mir war es egal, dass die Uhr an der Wand halb fünf in der Nacht anzeigte. Ich kämpfte mich aus dem Bett und war beinahe schon an der Tür angelangt, als ich es mir doch anders überlegte. Ich wollte nicht noch mehr Ärger machen.
Außerdem fand ich es vernünftiger James erstmal für ein paar Stunden in Ruhe zu lassen. Ich hatte bereits genug Lärm in seinem Zimmer veranstaltet, wofür ich mir immer noch Vorwürfe machte. Ich seufzte. Ich ging zurück und setzte mich aufs Bett.
Die Matratze ächzte unter meinem Gewicht. Ich ließ meine Beine baumeln und starrte gelangweilt in die Luft. Jetzt hieß es warten. Warten darauf, dass ich zu James gehen und ihn wiedersehen durfte.

Die nächsten drei Stunden krochen im Schneckentempo dahin. Ich saß die ganze Zeit auf dem unbequemen Bett und dachte über alles Mögliche nach. Meine Gedanken kreisten um meinen Traum, um James, aber auch um unsere Gefangenschaft.
Ich führte mir den Tod meiner Eltern, das Bild von James an der Beatmungsmaschine und die Qualen, die uns die Killer angetan hatten vor Augen. Die Erinnerungen waren ohne Ausnahme schmerzhaft. Sehr schmerzhaft. Vor allem die Gedanken an meine Eltern zogen mich runter. Ich hatte lange nicht mehr an sie gedacht, geschweige denn ihr Grab besucht. Ich bekam Gewissensbisse und fühlte mich wie die schrecklichste Tochter der Welt.
Ich hätte meine Eltern öfters besuchen müssen, statt mit meinen Freunden ins Kino zu gehen oder mit James knutschend im Auto zu sitzen. Ich wurde wütend auf mich selbst und ballte automatisch die Hände zu Fäusten. Ich nahm mir vor zum Grab meiner Eltern zu gehen, sobald James wieder auf den Beinen war. Wie zur eigenen Bestätigung nickte ich. So würde ich es machen.
Ich würde…
Brutal wurde ich aus meinen Gedanken gerissen, als Olivia und Jamie, ohne anzuklopfen, hereinkamen. Ich fand ihr Verhalten unverschämt. Die Wut, die ich eben noch auf mich selbst gehabt hatte, sprang sofort auf die Beiden über. Diese setzten sich ohne ein Wort. Sie hatten mich nicht einmal angesehen.
Olivia machte sich auf meinem Bett breit und mein Onkel nahm mit dem Plastikstuhl vorlieb. Ich brauchte nicht zu fragen, warum sie schlecht gelaunt war, denn ich kannte den Grund genau: die Verlobung mit James. Selbst Olivia schien diese Nachricht nicht in Begeisterungsstürme zu versetzen. Natürlich, denn für die Beiden war ich zum Heiraten viel zu jung und mein Onkel war sicherlich noch gegen die Tatsache, dass James der Typ war, der mir einen Antrag gemacht hatte. Der Junge, den er abgrundtief hasste.
Instinktiv schob ich zornig meine Augenbrauen zusammen, als Olivia mich besorgt musterte. Ich wurde misstrauisch.
„Geht es dir gut, Holly?“ Ihre Sorge kam mir falsch und gespielt vor. Sogleich war ich auf 180.
„Mir geht es gut“, raunte ich, wobei ich meine Wut gerade noch im Zaum halten konnte. „Mir geht es gut, weil ich bei James gewesen bin“, fuhr ich mit einem provozierenden Grinsen im Gesicht fort. Ich wusste, dass dieser Satz sie zur Weißglut bringen würde. Und tatsächlich wanderten Olivias Mundwinkel nach unten.
„Was James angeht…“, fing sie unsicher an, doch ich ließ sie nicht weiterreden.
„Fang ja nicht an mir Vorwürfe zu machen, weil ich seinen Antrag angenommen habe oder James anzugreifen, weil er mich gefragt hat. Du hast kein Recht dazu“, blaffte ich sie an. Olivia klappte die Kinnlade herunter.
„Versuch nicht mir das mit James auszureden, so, wie Jamie. Vor allem nicht jetzt, wo James schwerverletzt auf der Intensivstation liegt“, warf ich ihr vor und verschränkte die Arme vor der Brust. Olivia schien perplex und nicht zu wissen, was sie darauf entgegnen sollte.
„Sei nicht so frech, Holly“, wies mich mein Onkel zurecht. Wieder einmal mischte er sich in ein Gespräch ein, was ihn nichts anging.
„Wir wollen nur das Beste für dich, darum solltest du noch einmal gründlich über diese Verlobung nachdenken. Es ist unvernünftig in deinem Alter schon an eine Hochzeit zu denken, besonders mit einem Jungen, den du nicht mal ein Jahr lang kennst“, wetterte er ungehalten. Er war vom Stuhl aufgesprungen und sah mich eindringlich an, als würde ich dadurch meine Meinung ändern.
Wieso taten sie das? Warum wollten sie meine Entscheidung nicht akzeptieren?
„Ich werde mich bestimmt nicht vor euch rechtfertigen“, platzte es mir heraus. „Ich bin alt genug, um meine eigenen Entscheidungen zu treffen, auch wenn ihr das nicht glauben wollt. Ihr seht in mir nur ein kleines, naives Mädchen, das sein Leben nicht alleine führen kann, doch ihr seid im Unrecht. Ich liebe James über alles und ich werde ihn auch heiraten, nur nicht jetzt. Wenn ihr mich mal gefragt, statt angeschrien hättet, dann wüsstet ihr, dass ich vorhabe erst in ein paar Jahren zu heiraten. Aber wahrscheinlich ist euch das auch egal. Für euch zählt bloß, dass ich mich von James fernhalte, weil ihr ihn hasst. Wie schön, dass meine Familie hinter mir steht.“
Nach meinem Vortrag war meine Kehle ausgetrocknet und schrie nach Wasser. Derweil schienen Olivia und Jamie wie festgefroren zu sein. Keiner von ihnen bewegte sich. Mit glasigen Augen stierten sie mich an. Auf mich wirkten sie wie Geister, die hier waren, um mich in ihre unheimliche und grausige Welt zu entführen.
Nach einer gefühlten Ewigkeit, voller Schweigen und vorwurfsvollen Blicken, fand Olivia ihre Stimme wieder, auch wenn diese zitterte.
„Holly, wir wollten dich doch nicht kritisieren“, verteidigte sie sich und berührte mich flüchtig an der linken, verbundenen Hand. „Ich habe rein gar nichts gegen James. Wirklich nicht“, versicherte sie mir leise, nachdem ich sie skeptisch beäugt hatte. Dabei hob sie die Hände, als wolle sie sich ergeben.
„Mir ist bewusst, dass Jamie keine Sympathien für deinen Freund hegt, aber ich mag James. Ehrlich“, meinte sie und legte besonderen Wert darauf, dass Jamie nichts von unserer Unterhaltung mitbekam.
„Aber warum bist du dann gegen die Verlobung?“, wunderte ich mich und spürte, wie die Wut in mir zusammenschrumpfte.
„Ich bin gegen die Verlobung, weil ich Angst habe, dass alles viel zu schnell geht, Holly.“ Sie strich mir liebevoll über den Kopf und ähnelte meiner Mom in diesem Moment so sehr, dass ich schlucken und einen Heulkrampf unterdrücken musste.
„Du und James solltet es langsam angehen lassen. Ihr habt doch genug Zeit“, sagte sie und lächelte mich warm an.
„Das weiß ich. Darum will ich ihn doch erst später heiraten“, wiederholte ich mit erstickender Stimme. Sie musste mich einfach verstehen. Zumindest sie.
Olivias Lächeln wurde noch ein bisschen breiter und die kleinen Fältchen um ihren Mund konnte ich deutlich erkennen.
„Dann bin ich ja beruhigt.“ Sie zwinkerte mir zu. „Ich war im ersten Moment nur etwas geschockt, als du sagtest, dass du bereits mit ihm verlobt seihst“, erklärte sie mir und strich mir über die Wange.
„Also ist es okay für dich?“, bohrte ich sicherheitshalber nach. Als sie „Ja“ sagte, fiel ich ihr in die Arme und flüsterte ihr ein „Danke“ ins Ohr. Olivia war doch auf meiner Seite. Wenigstens eine.
„Jamie wird sich auch noch einkriegen“, versuchte sie mich aufzumuntern, aber wir beide wussten genau, dass Jamie James niemals akzeptieren würde. Er hasste und misstraute meinem Freund. Die Tatsache, dass mein eigener Onkel James aus meinem Leben haben wollte, machte mich immer noch traurig.
Ich zwang mich zu einem kurzen Lächeln, was wohl mehr als gequält aussehen musste.
„Wie bin ich eigentlich wieder hierher gekommen?“, fragte ich, um ein anderes Thema anzuschneiden.
„Nach einer Stunde ist Dr. Williams in James´ Zimmer gegangen, um dich zu holen, aber du warst eingeschlafen.“ Ich bin eingeschlafen?
„Dein Onkel hat dich dann hierher getragen.“ Flüchtig schaute ich zu Jamie herüber. Dieser saß gedankenverloren auf dem Stuhl und achtete gar nicht auf mich oder seine Frau.
„Hat der Arzt noch irgendetwas über James gesagt?“ Ich hoffte, dass sich sein Zustand verbessert hatte, sodass er die Beatmungsmaschine nicht mehr benötigte, doch Olivia schüttelte den Kopf.
„Leider hat er nichts gesagt“, erwiderte sie und sah mich mitleidig an. „Aber ich bin mir sicher, dass es ihm bald wieder gut geht.“ Ich war Olivia dankbar, dass sie mich beruhigen wollte.
„Du hast Recht. James schafft das schon“, stimmte ich ihr zu. Natürlich schafft er das, schließlich ist er James Roddick. Wer außer ihm sollte das überleben?
„Willst du vielleicht etwas essen, Holly?“ Olivia betrachtete besorgt meine blasse Haut. „Als das Frühstück gekommen ist, hast du geschlafen. Darum habe ich der Krankenschwester gesagt, dass ich ihr später Bescheid sage, wenn du wach bist. Dann bringt sie dir was zu essen.“ Eigentlich hatte ich keinen Hunger, aber Olivia sah mich dermaßen streng an, dass ich nicht nein sagen konnte.
„Ich würde gerne etwas essen“, antwortete ich emotionslos und lehnte mich in meinem Bett zurück. Ich spürte die kleinen, kratzigen Kissen in meinem Rücken.
„Ich werde der Schwester dann mal Bescheid geben.“ Olivia erhob sich. „Ich bin gleich wieder da“, verkündete sie, ehe sie den Raum verließ. Dann war Totenstille.
Mein Onkel sah aus dem Fenster und sprach kein einziges Wort mit mir. Wenn ich ehrlich war, dann war mir dies eindeutig lieber, als erneut mit ihm über das Thema James zu diskutieren. Ich beschloss noch ein wenig zu dösen, bevor ich mir das widerliche Krankenhausessen Olivia zuliebe rein zwingen musste. Ich schloss die Augen und überraschenderweise dauerte es keine zwei Minuten, bis ich in einen tiefen Schlaf fiel.

Zusammengekauert saß ich in einem kleinen, fensterlosen Raum. Auf dem grauen Boden befand sich eine riesige, bestialisch stinkende Blutlache. Das Blut musste schon etwas älter sein, denn es fing bereits an zu gerinnen. Wenn ich genauer hinsah, dann konnte ich eine Fliege entdecken, die um die Lache flog, um sich den besten Landeplatz auszusuchen. Dann schien sie ihre Wahl getroffen zu haben, denn sie setzte sich mitten ins Blut und ließ ihren winzigen Rüssel darüber schweben.
Bei diesem Anblick wurde mir noch übler, als mir durch den Gestank eh schon war. Ich schlug eine Hand vor den Mund, damit ich mich nicht übergab. Ich wusste, dass ich in Ophelias Haus war. Ich wusste, dass dieses Blut von James stammte. Was hatten diese Monster ihm bloß angetan? Wo war er jetzt? Lebte er noch? Die Ungewissheit machte mich fast verrückt. Ich hatte das Gefühl von Innen aufgefressen zu werden. Was konnte ich nur tun? Würde ich jemals aus diesem Raum herauskommen? Unendlich viele Fragen schossen mir durch den Kopf, als plötzlich die Tür geöffnet wurde.
Klack. Klack. Ich hörte Ophelia zuerst, bevor ich sie sah. Mein Herzschlag setzte aus und wie auf Knopfdruck fing mein Körper an zu zittern. Ophelia betrat mit fließenden Bewegungen den Raum. Ihre langen Haare, die sie offen trug, wippten bei jedem Schritt mit.
Ihren perfekt geformten Körper bekleidete ein kurzes, dunkelblaues Bustierkleid, bei dem oben ihr roter Spitzen-BH hervorblitzte. Es war so eng, dass ich sehen konnte, dass sie kein Höschen drunter trug. Mit ihrem typischen zuckersüßen Lächeln kam sie zu mir geschlendert. Ihre Füße steckten in Peep-Toes, die von silbernem Glitter übersäht waren. Im kalten, unnatürlichen Licht der Deckenleuchte funkelten die Schuhe, als bestünden sie aus abertausenden Sternen.
Mit ihren vollen Lippen formte sie ein tonloses Hi. Galant warf sie sich die dunkelbraunen Haare über die Schultern, als sie sich vor mich hockte. Ihre Haut verströmte einen blumigen Duft, der mir den Verstand vernebelte und mich all meiner Sinne beraubte. Ich glaubte an ihrem Duft zu ersticken, dennoch konnte ich nicht aufhören ihn gierig aufzusaugen. Es war ein Teufelskreis.
„Ich bin hier, um dich abzuholen“, flötete sie fröhlich und entblößte erneut ihre strahlend weißen Zähne. Ich hatte keine Ahnung, was das genau zu bedeuten hatte, aber eins wusste ich: ich würde Schmerzen ertragen müssen. Kaum war diese Tatsache zu mir durchgedrungen, da packte mich Ophelia am Handgelenk und bohrte mir ihre Fingernägel tief ins Fleisch. Scharf sog ich die Luft zwischen den Zähnen ein. Meine Haut fühlte sich an, als verbrenne sie. Ophelia schleifte mich durch die Blutlache bis zum Flur. An meinen Stiefeln klebte das Blut, das teilweise bereits braun geworden war. Als ich zu Boden schaute entdeckte ich eine Spur aus Blut, die ich hinterließ.
Ophelia setzte ihren Weg fort und zerrte mich grob und ohne Rücksicht auf Verluste durch den langen Flur. Ihr war es gleichgültig, dass ich zweimal umknickte und beinahe ungebremst auf den harten Parkett aufgeschlagen wäre. Immer dann, wenn ich sie auf irgendeine Weise am Weitergehen hinderte, sah sie mich hasserfüllt an und drohte mir mich auf der Stelle zu töten. Mir blieb also nichts anderes übrig, als ihr Folge zu leisten.
Die ganze Zeit malte ich mir innerlich die schlimmsten Szenarien aus, was sie mit mir anstellen würde, bevor sie mich umbrachte. Aber es kam ganz anders, als erwartet. Sie brachte mich in ihr Schlafzimmer. Dort befand sich Patton, der auf dem Bett Platz genommen hatte. Als Ophelia eintrat und mich losließ, da grinste er schelmisch und zwinkerte mir vielsagend zu. Ophelia verdrehte die Augen.
„Hier hast du sie, Massey“, meinte sie schroff und verzog ihr hübsches Gesicht. Ihr schien es sehr zu missfallen, den Laufburschen für ihren Kollegen zu spielen.
„Danke, meine Liebe“, neckte er sie. Dann stand er auf und verbeugte sich, wobei er ein freches Grinsen nicht unterdrücken konnte.
„Dreckiger, perverser Bastard“, nuschelte sie und warf Patton einen abwertenden Blick zu, ehe sie auf dem Absatz kehrt machte und hinaus stöckelte. Das Zuschlagen der Tür besiegelte mein Schicksal.
Starr, wie eine Salzsäule, blieb ich an Ort und Stelle stehen. Unentwegt warf ich panische Blicke zur Tür, aus der Ophelia verschwunden war. Ich wusste genau, dass sie verschlossen war.
„Wieso kommst du nicht zu mir, meine Schöne?“, ertönte Pattons tiefe Stimme. Ich antwortete ihm nicht.
Auf einmal bemerkte ich, dass er sich vom Bett erhob und mit festen Schritten auf mich zukam. Als uns nur noch mickrige fünf Zentimeter trennten, blieb er stehen und schaute auf mich herunter. Unsanft umfasste er mit einer seiner Pranken mein Kinn und zwang mich dazu ihn anzusehen.
„Es ist unhöflich eine Frage nicht zu beantworten“, brachte er betrübt hervor. Dann griff er sich meine Haare und zog sie nach hinten. Vor Schmerz jaulte ich.
„Weißt du das denn nicht?“, fragte er mich, als sei ich ein dummes, kleines Mädchen. Mit seinen blauen Augen stierte er mich an. Sogleich stellten sich meine Nackenhaare auf.
Patton wartete nicht auf meine Antwort. Stattdessen umklammerte er mit seinen muskulösen Armen meine Taille und hob mich mit einer unglaublichen Leichtigkeit in die Höhe, sodass ich keinen Boden mehr unter meinen Füßen spürte.
Nachdem ich mich in seinem Griff nicht mehr frei bewegen konnte, schwappte eine Welle aus Angst und Panik über mich hinweg. Meine Lage schien ihn zu amüsieren, denn er lachte aus vollem Hals.
„Du brauchst keine Angst zu haben, Süße. Wir werden viel Spaß miteinander haben“, meinte er und leckte sich genüsslich über die Lippen. So langsam dämmerte mir, was er mit mir vorhatte. Jetzt konnte ich mir auch erklären, weshalb Ophelia ihren Kollegen als pervers bezeichnet hatte. Mit all meiner Kraft strampelte ich mit den Beinen und schlug um mich. Ich musste ihn treffen und verletzen, damit er mich losließ. Wenn ich mich nicht befreien konnte, dann würde er mich…
Weiter konnte und wollte ich nicht denken. Was er sich gewaltsam von mir holen wollte, war einfach zu grausam, widerlich und unmenschlich. Alles in mir sträubte sich dagegen. Ich durfte nicht aufgeben. Ich durfte es nicht so weit kommen lassen. Ich durfte ihm seinen Willen nicht lassen.
Noch ehe ich überhaupt irgendetwas gegen Patton ausrichten konnte, ging dieser zurück und warf mich aufs Bett. Mit einem dumpfen Krachen kam ich auf. Die Matratze federte mich ab und verhinderte Schlimmeres. Dennoch war der Aufprall dermaßen hart, dass mir der Kopf schwirrte und sich vor meinen Augen alles drehte.
Obwohl meine Sicht verklärt war, sah ich Patton, der mit den Knien aufs Bett stieg. Mit Vergnügen öffnete er seinen Gürtel und den Reißverschluss seiner Hose.
„Nein“, stieß ich erschrocken aus. Auf allen Vieren kroch ich Richtung Kopfende; weg von ihm, doch dort kam ich nie an. Patton umfasste meinen rechten Knöchel, zog mich mit einem Ruck zurück und drehte mich blitzschnell auf den Rücken.
„So einfach mache ich es dir nicht“, versprach er mir mit einem hinterhältigen Grinsen im Gesicht.
„Ich auch nicht“, keuchte ich und trat nach ihm. Mit voller Wucht traf ich ihn einmal an der linken Schulter und am Brustkorb. Kurz taumelte er, sodass ich hoffte, dass Patton nach hinten kippte und auf den Boden fiel, aber das Schicksal meinte es nicht gut mit mir. Der blonde Killer fand sein Gleichgewicht wieder und wandte sich erneut an mich.
„Das war aber ganz schön ungezogen, Süße“, brachte er verärgert hervor. Zwei Sekunden später wurde seine Miene jedoch überfreundlich.
„Aber da steh ich drauf“, stieß er hervor und starrte mich lüstern an. Angewidert verzog ich das Gesicht. Dieser Mistkerl war einfach abartig.
Als er sich nach vorne beugte und mir so nahe kam, dass sich unsere Lippen beinahe berührten, da presste ich meine Hände gegen seinen Oberkörper und drückte ihn von mir weg. Spöttisch lachte er.
„Netter Versuch“, zog er mich auf, ehe er mir in die Haare griff und einzelne Strähnen durch seine dicken Finger gleiten ließ. Unter seinen Berührungen erschauderte ich.
Nach einiger Zeit ließ er von meinen Haaren ab und legte sich auf mich. Sein Gewicht, das auf mir lastete, drückte mich tiefer in die Matratze hinein. Ich versuchte mich zu wehren; mich weiter gegen ihn zu behaupten, doch meine Kräfte schwanden und ließen dann endgültig nach. Er war einfach viel zu stark. Stille Tränen rannen über meinen Wangen, die durch meine Anstrengung heiß geworden waren.
„Du musst doch nicht traurig sein“, hauchte er mir ins Ohr und wischte mir die Tränen weg. Ich schlug nach ihm und spuckte ihm ins Gesicht.
„Pack mich nicht an“, brüllte ich und spuckte ihm ein weiteres Mal ins Gesicht. Mein Speichel lief seinen Hals herunter. Mit seiner rechten Hand entfernte er meine Spucke und schaute mich zornig an.
In seinen Augen flammte der Wahnsinn. Ohne zu zögern schlug er mir mit der linken Faust mitten ins Gesicht. Ein stechender Schmerz explodierte unter meiner Haut. Das Blut spritzte aus meiner Nase und sammelte sich in meinen Mundwinkeln. Unzählige Blutspritzer bedeckten Pattons Gesicht und seine Haare.
„Tu das nie wieder“, ermahnte er mich barsch, wobei es für mich so klang, als sei er meilenweit entfernt. Vor meinen Augen tanzten die Sterne. Daher bekam ich bloß am Rande mit, wie er meinen Pullover gewaltsam zerriss und mir die Hose runterzog. Als ich nur noch in Unterwäsche unter ihm lag, blitzten seine Augen gierig. Dann fing er an mich zu küssen und zu begrabschen. Ich schrie, weil dies das Einzige war, wozu ich in diesem Augenblick noch fähig war.
„Ich liebe es dich schreien zu hören, Süße“, brach es erfreut aus ihm heraus. Daraufhin kam der Moment, vor dem ich mich so sehr gefürchtet hatte. Patton fummelte an seiner Hose herum, bevor er mir den Slip auszog. Meine Muskeln verkrampften sich und ich schloss die Augen…

Panisch schnappte ich nach Luft und schlug meine Fingernägel in die dünne Matratze. Mein ganzer Körper hatte sich aufgeheizt und war von Schweiß übersät. Meine Kehle war wie zugeschnürt.
Unbeholfen setzte ich mich auf und versuchte verzweifelt Sauerstoff in meine Lunge zu bekommen. Ich zitterte heftig und mir war speiübel. Dieser Albtraum war so realistisch gewesen, dass ich jetzt noch Angst hatte und Pattons Körper auf meinem spürte. Ich fühlte seine Lippen, seinen Atem auf meiner Haut und seine rauen Hände, die mich überall anfassten.
„Was ist los mit dir, Holly?“ Die Stimme meines Onkels drang an meine Ohren, aber seine Worte waren für mich unwirklich. In meinem Kopf herrschte Leere, die es mir unmöglich machte seine Frage richtig zu verstehen.
„Holly!“ Ich reagierte nicht. Stattdessen verließ ich rasend schnell das Bett, hastete ins angrenzende Bad und übergab mich ins Waschbecken. Weiter hatte ich es nicht mehr geschafft.
Aus meinem Mund kam bloß Magensäure, da ich seit etlichen Stunden nichts mehr gegessen hatte. Ich konnte regelrecht spüren, wie mir die ekelhaft schmeckende Säure meine Speiseröhre verätzte. Nach drei Minuten war alles vorbei. Geschwächt stützte ich mich mit beiden Händen am Rand des Waschbeckens auf. Als ich in den Spiegel schaute, der über dem Becken hing, bekam ich einen Schock. Meine Haut war schneeweiß und meine, vom Schweiß, feuchten Haare hingen mir wirr im Gesicht. Meine Lippen waren knallrot und bluteten leicht. Ich musste mir sie im Schlaf aufgebissen haben.
Mit bebender rechter Hand, die nicht unter meiner Kontrolle zu stehen schien, strich ich mir die Haare nach hinten. Obwohl mein Magen völlig leer war, war mir immer noch schlecht. Plötzlich klopfte es an der Tür.
„Darf ich reinkommen?“ Mein Onkel klang besorgt. Eigentlich war er der Letzte, den ich jetzt sehen wollte, aber ich brachte es einfach nicht übers Herz ihn wegzuschicken.
„Ja“, brummte ich und wendete mich von meinem Spiegelbild ab. Die Tür wurde einen spaltbreit geöffnet und mein Onkel steckte seinen Kopf ins Zimmer.
„Geht es dir gut?“, fragte er zögerlich. Vermutlich hatte er Angst, dass ich ihn wieder ankeifte.
„Nein“, antwortete ich ehrlich und schüttelte zaghaft den Kopf. Ich war den Tränen nahe. Jamie trat ein und nahm mich in den Arm.
„Soll ich vielleicht einen Arzt rufen?“
„Das ist nicht nötig, Jamie“, entgegnete ich und verbarg mein Gesicht in seinem Pullover.
„Ich…ich wollte mich für mein Verhalten entschuldigen. Ich hätte niemals so schlecht über James reden sollen. Zumindest nicht, wenn er schwerverletzt im Krankenhaus liegt.“ Auch wenn seine letzte Aussage wieder einmal zeigte, wie wenig er von James hielt, musste ich dennoch grinsen. Er hatte sich bei mir entschuldigt, obwohl ich wusste, wie schwer ihm dies gefallen sein musste.
„Ich verzeihe dir“, murmelte ich und sah ihn von unten her an. Ich seufzte.
„Ich wünschte nur, dass es James endlich besser gehen würde.“ Meine Stimme wurde brüchig. Ich konnte nicht weitersprechen, weil ich nicht wieder anfangen wollte zu heulen. Und ich würde definitiv heulen, wenn ich weiterhin an James dachte.
„Das wird schon“, sagte er. Diesen und andere Sätze hatte ich in den letzten Stunden so oft gehört, dass sie für mich abgedroschen klangen und keine Bedeutung mehr hatten. Trotzdem war ich ihm für seine Unterstützung unglaublich dankbar.
„Ich hoffe du hast Recht“, murmelte ich und löste mich aus seiner Umarmung. Ich wollte in mein Zimmer zurückgehen, doch meine Knie zitterten so stark, dass ich keinen einzigen Schritt machen konnte. Mein Onkel schien mein Unwohlsein zu bemerken, denn er hielt mich auf einmal fest und stützte mich.
„Ich bringe dich jetzt erstmal in dein Bett und dann hole ich einen Arzt“, bestimmte er und begleitete mich zurück. Langsam schlurfte ich neben Jamie her, bis wir das Bett erreicht hatten. Mit einem Handgriff half er mir auf die Matratze.
„Leg dich hin und ruh dich aus“, befahl er. Dann, nach einem letzten strengen Blick, verließ er das Zimmer.

Die dünne, kratzige Bettdecke war fest um meinen Körper geschlungen. Das hatte ich Olivia zu verdanken. Seitdem Dr. Travis, der Arzt dessen Namen mir nicht eingefallen war, hier gewesen und mich noch einmal durchgecheckt hatte, versuchte sie mich mit allen Mitteln in meinem Bett zu behalten.
Dr. Travis hatte mich nach meinem Befinden gefragt. Nachdem ich zugegeben hatte, dass ich mich übergeben hatte, hatte er vermutet, dass meine Übelkeit von meiner Gehirnerschütterung herrührte. Deshalb hatte er mir für die nächsten Stunden strikte Betttruhe verordnet.
Mir gefiel das gar nicht, denn ich hatte vorgehabt James zu besuchen, doch davon hatte mir der Arzt abgeraten. Wenn es nach mir gegangen wäre, dann hätte ich nicht auf den Arzt gehört, aber leider nahmen Jamie und Olivia die Bettruhe sehr ernst und ließen mich nicht mehr aus den Augen.
Selbst, wenn ich auf die Toilette ging, wurde ich jedes Mal von Olivia begleitet. Beide befürchteten, dass ich mich wieder übergeben würde oder das ich sogar umkippen könnte.
Ich hasste es, wie ein kleines Kind behandelt zu werden, das keine eigenen Entscheidungen treffen konnte. Ich war erwachsen. Ich konnte selbst über mein Leben bestimmen.
„Ich will zu James“, sagte ich das zehnte Mal innerhalb einer halben Stunde. Olivias Miene war verständnisvoll, aber ich konnte auch erkennen, dass sie leicht genervt war.
„Du weißt, dass das nicht geht.“ Sie lächelte mich an, was mich beinahe wahnsinnig machte.
„Gönn James und dir ein bisschen Ruhe“, meinte sie immer noch lächelnd und drückte mir eine Scheibe Brot mit einer komisch aussehenden Salami in die Hand, welche sie von dem Essenstablett, das eine Krankenschwester vor zwanzig Minuten gebracht hatte, genommen hatte.
Angewidert rümpfte ich die Nase und drehte mich weg.
„Sei vernünftig und iss etwas, Holly“, flehte sie mich verzweifelt an. Penetrant hielt sie mir das Brot unter die Nase. Also wenn mir vorher nicht schlecht war, dann änderte sich das jetzt schlagartig durch die ekelige Wurst.
„Ich will nichts essen. Vor allem nichts, das in diesem Krankenhaus zubereitet worden ist“, giftete ich und schob ihre Hand weg. Überfordert schaute sie zu ihrem Mann.
„Jetzt sag doch auch mal was, Jamie“, wendete sie sich hilfesuchend an meinen Onkel. Dieser zog bloß die Schultern nach oben und winkte ab.
„Sie wird schon essen, wenn sie Hunger hat“, sagte er und behandelte mich endlich wie eine Erwachsene.
Olivia schob die Augenbrauen zusammen und schnaubte verärgert. Sie gab auf und pfefferte das Brot aufs Tablett.
„Fein“, murrte sie. Dann entfernte sie sich vom Bett und stellte sich mit verschränkten Armen ans Fenster. Genervt verdrehte ich die Augen.
Man kann es auch übertreiben, dachte ich und seufzte. Ich wollte so schnell, wie möglich, hier raus, um James zu sehen. Unentwegt kreisten meine Gedanken um meinen Freund. Ich fragte mich, wie es ihm ging und ob er diese schreckliche Maschine noch zum Atmen brauchte.
Wie würde sein Gesundheitszustand nach der Beatmung sein? Würde er wieder völlig gesund werden?

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