Schurke

Zuerst war dort nichts, nur die Stille in ihrem Kopf. Die Gedanken flossen dicht unter der Oberfläche ihres Bewusstseins, aber so wie man versuchen kann mit Händen nach schwimmenden Fischen zu greifen, so zerrannen auch diese Gedanken bei Berührung in ihren Händen, hinterließen zunächst nur Gefühle. Verwirrung. Angst. Ungewissheit. Zweifel. Aufregung. Freude. Es war kein klares Gefühl, nein gar eine Mischung aus allerlei Dingen, welche sich nicht eindeutig zuordnen ließen. Langsam kehrte das Denken in ihren Körper zurück. Wo war sie? Sie versuchte die Augen zu öffnen, doch es gelang ihr nicht. Schwer fühlte sich ihr Körper an, selbst die Augenlider bürdeten sich das Gewicht eines gut gefüllten Bierfasses auf.

Na gut, vielleicht kein Bierfass, aber gewiss doch ein Buch. Welch lächerlicher Gedanke, eigentlich war es völlig unwichtig und nichtig. Panik schlich sich in ihr Herz zurück, doch lange ließ sie dieses Gefühl der Ohnmacht nicht zu. Sie musste jetzt vernünftig sein. Innerlich biss sie die Zähne zusammen und ließ noch einmal Revue passieren was geschehen war. Irgendwo musste dort doch ein Hinweis sein auf ihre jetzige Lage. Sie war von zu Hause in die weite Welt hinaus gezogen, in das Abenteuer des Lebens, voller Frohlocken und fremdartigen Dingen die es zu entdecken galt. Makrand hatte sie erkundet, diese Welt voller exotischer Speisen und Wesen, voller wundersamer Dinge. Dann hatte sie.. dann hatte sie ihren Meister gesucht. Gesucht und Gefunden. Widerstreitende Gefühle machten sich in ihr breit. Er war es Schuld, dass sie nun.. was auch immer sie nun war – gefangen, verschleppt, verzaubert, was wusste sie schon?

Er musste es einfach Schuld sein, wer denn auch sonst? Er war direkt bei ihr gewesen und erst nach seiner Berührung hatte die Welt angefangen so verrückt zu spielen. Innerlich bebte sie vor einem sich nun ansammelnden Zorn, doch sie zwang sich wieder zur Ruhe. Angestrengt lauschte sie. Zunächst hörte sie nichts, nur das Wogen des Windes in der Ferne, wenn sie sich anstrengte das Rascheln der Bäume. Nach einiger Zeit hoffnungsvollen Wartens schlich sich dann das Zwitschern eines einzelnen Vogels ein, welches sogleich von den fröhlichen Lauten eines zweiten ergänzt wurde. In der Ferne klapperte ein Fensterladen, oder zumindest nahm sie an dass es einer war. Sie hörte ihr Herz schlagen, immer noch ein wenig zu schnell für ihren Geschmack und ihren gleichmäßigen Atem. Sie dehnte ihre Sinne vorsichtig über das Hören hinweg aus. Sie lag auf etwas Weichem und Warmen, vermutlich eine Matratze und war mit einer leichten Decke, welche durch die Bewegungslosigkeit wohl dennoch schwer auf ihr lastete, bis unter die Arme bedeckt. Warm war ihr. Nicht dieses wohlige warm, welches einen des Morgens empfängt, wenn man in einem Bett aus kuscheligen Gänsedaunen geschlafen hat, nein fast schon heiß, quälend und an ihr zehrend.

Ihr wurde der dünne Schweißfilm auf ihrer Haut gewahr und für einen Moment fragte sich ob sie wohl erkrankt war. Anzeichen hatte es dafür eigentlich keine gegeben. Doch wie sie noch so darüber nachdachte erklang ein Geräusch, der Gedanke an Krankheit verflog so schnell wie er gekommen war. Zunächst lies sich das Geräusch nicht eindeutig zuordnen, doch nach einem Moment des Lauschens war sie sich fast sicher, dass es wohl fließendes Wasser sein musste, vielleicht einer der Springbrunnen vor dem Haus, auch wenn das Ganze seltsam gedämpft klang, doch es erschien in weiter Ferne. Gar nicht in weiter Ferne war dann jedoch das Knarzen, welches eine vermutlich schon betagte Türe von sich gegeben hatte und ihr Herz machte einen erschrockenen Sprung. Stiefelschritte waren zu hören und sie kamen näher, wenn auch ganz langsam aber stetig. Sie hielt fast den Atem an als eine Stimme erklang – seine Stimme, die des Meisters. Es hatte nicht mehr den seltsam betörenden Effekt den es in ihrem verwirrten Wachtraum, wenn sie es denn so nennen wollte, gehabt hatte.

Doch auch jetzt sprang ihr kleines Herz vor Aufregung, in einer Mischung aus Wut und Angst, doch sie hielt es so weit in Zaum, dass sie den Worten zu lauschen vermochte. „Immer noch am Schlafen kleine Ilaya? Dann wird es wohl wieder Zeit.“ In der darauf folgenden Pause schossen ihr die Gedanken nur so durch den Kopf. Kleine Ilaya? Was erdreistete er sich? Und dazu dieser Ton, unerhört. Und Zeit? Wofür, was gedachte er zu tun, vor allem was hatte er bereits mit ihr angestellt? Er hatte 'wieder' gesagt, da war sie sich ganz sicher.

Sie hörte dass er wieder sprach, doch in ihrer Gedankenflut vermochte sie nicht seinen Worten zu lauschen und als sie sich selbst ausreichend gescholten hatte, dass dies nun wichtiger sei als alle möglichen, Schrecken erregenden Mutmaßungen, was ihr nun wohl bevorstand, da waren seine Worte bereits unwiderruflich verklungen und in ihr blieb nichts als ein seltsames Bedauern zurück. Dieses Bedauern wurde ihr jedoch urplötzlich wieder geraubt als sie ein leises Geräusch neben ihrem Kopf hörte und im nächsten Moment ihre Decke plötzlich weggezogen wurde. Sie wollte schreien vor Schreck, doch der Laut blieb ihr in der Kehle stecken.

Was bildete er sich ein? Doch für Empörung blieb ihr nicht viel Zeit. Voller Entsetzten spürte sie wie ihre Kleidung hochgeschoben wurde und ihr Körper der Luft um sie herum preisgegeben wurde. Das Kleidungsstück, anscheinend ein Nachthemd, wanderte zunächst über ihren Kopf und dann über ihre Arme und sie spürte dabei die rauen Hände welche ihren Oberkörper und Kopf zum Ausziehen leicht anhoben. Sie erschauderte unbewusst bei den Berührungen. Wie konnte er es wagen? Eine Mischung aus Verwirrung und Panik machte sich immer stärker in ihr breit.

Schon spürte sie wie etwas ihr Gesicht berührte, sich langsam an ihrem Hals herab auf ihren Oberkörper zubewegte. Bildete sie sich das ein oder umschmeichelte er gerade ihre Brüste. Sie spürte wie sie hochrot anlief. Das konnte er doch nicht tun! Sie verfluchte ihren Körper für jede mögliche Reaktion, welche er wohl zeigen mochte. Doch schon ging es weiter ihren Körper herab, in einer kreisenden Bewegung über ihren Bauch, den Bauchnabel herab. Immer weiter, bald war er wohl zwischen ihren Beinen angekommen. Sie hörte wie ihr Atem voller Panik schneller wurde.

Das konnte ihr Körper also..  aber sich bewegen nicht? Sie fluchte innerlich in Worten, bei denen selbst ihre Mutter errötet wäre. Er konnte doch nicht.. er durfte doch einfach nicht. Zorn schwoll in ihr an, mit aller Kraft stemmte sie sich gegen die unsichtbaren Fesseln, welchen ihren Körper hielten. Urplötzlich war sie frei und ihr Oberkörper schnellte nach oben. Ihre Augen flogen auf und sie war schon im Begriff nach ihm zu schlagen – als sie merkte, dass ihr eine ältere Dame mit Waschlappen gegenüber stand, welche sie sichtlich erschrocken anstarrte. Aller Zorn fiel von ihr ab. Wahrlich, welch furchterregender Schurke – sie ließ die Hand wieder sinken.

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