Schwarze Federn I

Schwarze Federn I

In meinem Traum folgte ich schon seit Stunden einem Pfad, der mich an ein unbekanntes Ziel bringen sollte. Ich wusste nicht, was mich erwarten würde, und nichts hätte mich darauf vorbereiten können. Aber dass ich zu ihm hingelangen musste, stand außer Frage. Ich spürte sein Rufen und Flehen wie einen Zwang, dem ich mich nicht entziehen konnte. Nur deshalb quälte ich mich durch die Felsen und das Geröll, das dem Inneren einer Höhle ähnelte, die zur Hälfte unter Wasser stand.
Hin und wieder löste sich ein Tropfen von einem Stalaktit und stürzte sich in die Tiefe. Dem folgte ein kleines, unbedeutendes Platschen und hinterher nur noch Stille.
Ich hatte keine Ahnung, wieso es mich in meinen Träumen an diesen gottverlassenen Ort zog, aber sobald ich die Augen schloss, fand ich mich in dieser finsteren Gegend wieder, allein, und frierend. Es war kalt. Die Wände waren mit Wasser bedeckt, aber es hätte ebenso gut Eis sein können. Wenn ich atmete, stiegen große, formlose Dunstwolken vor mir auf und verloren sich wie auseinanderdriftende Gespenster in der Weite des Raums. Wieso war ich hier?
Nacht für Nacht drängte sich dieser Ort mit solcher Macht in mein Bewusstsein, dass ich glaubte, ihm niemals mehr entkommen zu können. Er rief mich, zog mich an, lockte mich her, und ich konnte nichts dagegen tun. In dieser Nacht jedoch war eines anders.
Bislang hatte ich mich nie bewegt. Ich war genau dort geblieben, wo ich erwachte. Heute aber war ich losgegangen. Vielleicht, so hoffte ich, würden diese Träume enden, sobald ich dorthin gelangt war, wo ich offensichtlich hinsollte. Ich hatte meine Sorgen über den Haufen geworfen, alle Ängste abgeschüttelt, und war losgelaufen. Irgendwohin.
Das wenige Licht, das in der Höhle existierte, reichte nicht aus, um weit zu schauen. Ich sah nur das vor mir, das ich auch berühren konnte. Der Boden war uneben, felsig, er machte es mir schwer, mich schnell zu bewegen. Ich legte eine Hand auf die Wand an meiner Seite und zog mich dann langsam an ihr entlang. Immer tiefer und tiefer hinein ins Herz dieser dunkelkalten Welt.
In meinem Kopf manifestierte sich eine Stimme. Das war nicht ungewöhnlich. Auf Grund meiner empathischen Fähigkeiten schnappte ich oft Gefühle und Gedanken von Menschen auf, die mir begegneten. Aber hier war niemand. In dieser Einöde gab es nur mich und einen Haufen Sorgen.
Jenseits dieses Traums besaß ich ein Leben, das gerade aus den Fugen geriet. Ich lebte in einem Kloster, gut behütet und bewacht von Mönchen und Düsterelfen. Sie hatten mich, nachdem mich mein Vater als Kleinkind verlassen hatte, aufgezogen und gut versorgt. Niemand aus meiner Familie war je zurückgekehrt, um mich zu holen, und seitdem war das Kloster mein Zuhause. In den ersten Monaten dort waren regelmäßig Briefe meines Vaters eingegangen. Mit der Zeit waren sie immer kürzer und wirrer geworden, und irgendwann kamen keine mehr. Die Mönche sagten mir, mein Vater sei im ewigen Eis einem Wesen zum Opfer gefallen, das aus der Finsternis stammte. Einem Schattengänger. Einem Dämonenwesen aus längst vergangenen Zeiten. Ich wusste nicht, ob es die Wahrheit war, oder ob sie mir diese Geschichten nur erzählten, um etwas anderes zu verschleiern. Aber ich spürte, ganz tief in mir, dass ich daran glauben wollte. Denn dieser Gedanke war wesentlich leichter zu ertragen als der, ungeliebt zurückgelassen worden zu sein. Über meine Mutter wusste ich nicht sehr viel. Die Mönche sprachen wenig und wenn, dann wusste ich nicht, wie viel ich von ihrem Gerede glauben konnte. Aber ich wusste, sie war früh verstorben. Die schemenhaften Erinnerungen, die ich an sie hatte, verblassten mit jedem verstrichenen Jahr ein klein wenig mehr.
Einsam fühlte ich mich deshalb nicht. Die Mönche und Feen hatten mir ein wundervolles Zuhause geschenkt. Sie waren meine Familie, meine Freunde und Lehrer geworden. Ich mochte das Leben hinter dicken Mauern, die mir Schutz boten und Raum zum Nachdenken gaben. Aber diese Zeit sollte nun ein Ende finden. Seit mir die Mönche offenbart hatten, dass ich schon bald das Kloster verlassen und an einen anderen Ort gehen würde, fühlte ich eine Leere in mir, für die es keine rationale Erklärung gab. Mit siebzehn Jahren war ich schon lange kein Kind mehr, aber ich fühlte mich weit entfernt davon, schon erwachsen zu sein. Mein ganzes Leben lang waren mir alle schweren Entscheidungen abgenommen worden. Ich musste nie lernen, für mich selbst zu sorgen und eigenständig zu sein. Plötzlich wusste ich, dass dieser Luxus schon bald ein Ende finden würde, und ich mich der kalten, nackten Realität stellen musste. Wieso also nicht mit meinen Träumen anfangen?
Ich trug nicht mehr die Kleider am Leib, in denen ich eingeschlafen war. Ein weites, weißes Hemd, eine Leinenhose, festes Schuhwerk und einen Mantel aus kratzigem Filzstoff. Dennoch fror ich. Die Kälte, die dieser Ort verströmte, kroch langsam meine Beine hinauf. Wie lange würde ich durchhalten können, ehe ich erfror, und was erwartete mich am Ende dieser dunklen Höhle? Gab es eine Wahrheit, der ich mich stellen musste, um mein Unterbewusstsein milde zu stimmen? Erwartete mich eine lang vergessene Wahrheit? Oder erwartete ich zu viel, und am Ende dieses Weges wartete rein gar nichts auf mich? War dies nur ein untrügliches Zeichen, was meine Zukunft mir bringen würde?
Ich hielt den Atem an, versuchte die Gedanken aus meinem Kopf zu verbannen und blinzelte in die Finsternis, die vor mir lag. War da ein Licht? Ganz nahe? Ein blauer Schimmer zog über die Wand und ich erhaschte einen flüchtigen Blick auf eine dünne Eisschicht, die sich am Gestein gebildet hatte. Das matte, saphirblaue Licht huschte weiter und ich folgte ihm langsam nach. Ich wusste nicht, dass es eine Bedeutung hatte, aber ich ahnte, dass es mir helfen würde, einen Weg aus diesem Traum herauszufinden. Normalerweise wäre ich längst aufgewacht. Meine Träume währten nie besonders lange. Sie endeten schnell und abrupt, und wenn ich aus ihnen erwachte, blieb nur ein unbeständiges Gefühl von Sorge und Zerrissenheit zurück. Aber diesmal dauerten meine Fantasien an.
Behutsam stieg ich über etwas hinweg, das im schwachen Schein durchaus die verknöcherte Wurzel eines toten Baumes hätte sein können und erstarrte, als ich ein seltsames Ding aufblitzen sah, das einen sich bewegenden, verzerrten Schatten warf. Ein Kreischen ertönte. Animalisch. Wild. Ich wich zurück, doch es gab nichts, wohinter ich mich verstecken konnte, außer der Dunkelheit selbst. Mit angehaltenem Atem lauerte ich. Ich sah, wie sich etwas bewegte.
Ein vertrautes Rascheln ertönte und entlockte mir ein erleichtertes Seufzen. Das Ungeheuer, zu dem meine Fantasie den Schatten gemacht hatte, schüttelte sich im Halbdunkel, bis eine einzelne rabenschwarze Feder hinabsank und beinahe bis vor meine Füße geweht wurde. Ein Rabe saß dort auf einem Stalagmit und blickte aus wissenden, giftgrünen Augen in meine Richtung. Kein Monster. Nur ein Vogel, der sich hierher verirrt hatte.
Langsam verließ ich meine Deckung, nahm noch einmal all meinen Mut zusammen und machte einen Schritt auf das Tier zu. Wieder kreischte der Vogel. Er spreizte die glänzenden, dunklen Schwingen und taxierte mich mit gierigen Blicken. Obwohl die Dunkelheit den größten Teil seines Körpers verbarg, sah ich deutlich, dass er überdurchschnittlich groß und von fast menschlicher Eleganz war. Sein Blick wirkte klug und wissend. Er betrachtete mich nicht nur, er analysierte mich. Und nach dem zweiten und dritten Schritt in seine Richtung bemerkte ich den Grund dafür, dass er bislang nicht fortgeflogen war.
Um sein rechtes Fußgelenk schmiegte sich ein winziger Ring aus Stahl, an dem eine lange, feine Silberschnur hing. Ihr Ende war in der Finsternis verborgen.
Der Vogel neigte den Kopf zur Seite, blinzelte. »Ich.. soll dich freilassen, oder?«, wisperte ich ihm zu. Konnte er mich überhaupt verstehen? Ein Vogel?
Er antwortete nicht, zwinkerte nur. Ich schaute mich um. Niemand außer uns war hier. War dieser eingesperrte Vogel der Grund dafür, dass mich mein Unterbewusstsein jede Nacht hierher führte?
Die Mönche hatten mich gelehrt, jedes Leben zu schätzen, wie klein es auch sein mochte. Durch ihre Verbundenheit mit der Natur hatte ich gelernt, dass ein Staubkorn, das auf der falsche Seite einer Waage niederging, das empfindliche Gleichgewicht der Welt zerstören konnte. Ebenso wie ein Stein. Wieso sollte es hierbei anders sein?
»Also gut«, murmelte ich vor mich hin, streckte die Hand aus und bereitete mich darauf vor, dass der Vogel mich angreifen würde. Ich spannte jeden Muskel an und behielt den langen, spitzen Schnabel im Auge. Aber alles, was der Rabe tat, war schauen. Seine Augen folgten jeder meiner Regungen.
Meine Finger streckten sich ihm entgegen. Er ging einen Schritt zur Seite, doch er hackte nicht nach mir, und wehrte sich auch dann nicht, als ich den Ring an seinem Fuß berührte.
Er war massiv, aus einem Stück geschweißt und nahtlos. Seltsame, fein gezeichnete Symbole waren ins Silber eingraviert. Ich konnte ihn unmöglich zerschlagen, ohne den Vogel zu verletzen. Deshalb beschloss ich, nicht den Ring, sondern die Kette zu zerreißen, nahm sie in beide Hände und trennte die Silberschnur mit einem einzigen Ruck. Ihr feines aber robustes Material schnitt in meine Finger. Ich spürte Blut aus zwei Schnitten auf der Innenfläche meiner Hände rinnen, doch der Schmerz war unecht und berührte mein Bewusstsein nur oberflächlich.
Sogleich bäumte sich das Federvieh auf, spreizte ein zweites Mal seine großen Schwingen und schlug damit. Einmal. Zweimal. Er erhob sich in die Lüfte und suchte sich einen sicheren Platz auf einem großen Felsvorsprung weniger als einen Meter über dem Grund.
Sein Kreischen hallte noch einen Augenblick in der Höhle nach, dann kehrte auch die Stille zurück. Ich hob den Blick und sah das Tier mit schräg geneigtem Kopf zu mir hinüberschauen. Nichts geschah.
Dann war er wohl nicht der Grund für mein Hiersein. Langsam drehte ich mich um, kniff die Augen zusammen und ließ den Blick schweifen. Was erwartete das Schicksal von mir? Dass ich einen Ausweg fand? Wieso wachte ich nicht auf? Wieso-
In diesem Moment wurde die Finsternis von einem smaragdgrünen Licht durchbrochen. Ein Schimmer, hoch oben, dort, wo der Rabe gesessen hatte, breitete sich wie ein explodierendes Sternenlicht aus und tauchte jede Mauer, jeden Stein und jede Wurzel in ein magisches, gleißendes Schimmern. Mit erhobenen Händen versuchte ich mein Gesicht abzuschirmen, doch die Neugier ließ mich immer wieder zwischen den Fingern hindurchblinzeln. Und dann, von einem Augenblick zum nächsten, saß dort kein Vogel mehr im Lichtkegel, sondern etwas anderes.
Die Konturen des Raben dehnten sich aus. Von seinen Flügeln fielen die Federn ab und rieselten lautlos zu Boden. Seine Gliedmaßen streckten sich, Haare sprossen ihm an Stelle von Federn, und als der Lichtschein allmählich verblasste, war aus dem Rabenkörper eine Menschengestalt geworden.
Ein Mann saß jetzt vornüber geneigt dort, wo eben noch ein Tier mit Federn und Klauen gehockt hatte.
Sein Brustkorb bewegte sich mit jedem Atemzug, der seine Lippen passierte. Sein Gesicht blieb mir verborgen, denn ein Schwall schulterlanger, dunkler Locken, die nicht minder rabenschwarz glänzten, wie die Federn zuvor, hingen ihm vor die Augen und ließen nur eine grobe Einschätzung seines Aussehens zu. Ich wusste insgeheim, dass dies der Zeitpunkt war, an dem ich Angst bekommen sollte.
Aber in meinem Traum fühlte ich mich seltsam sicher. Und ich wusste, dass ich diesen Mann kannte. Wir waren uns nie begegnet, und doch fühlte ich, dass er wusste, wer ich war, und auch ich ahnte insgeheim, was hinter seiner Fassade steckte. Eine geheimnisvolle Wahrheit wob ihr Netz um unsere Seelen.
»Bist du verletzt?«, flüsterte ich in seine Richtung. Ich streckte meine mentalen Fühler nach ihm aus, um eine Regung, einen Gedanken oder ein Gefühl aufzuschnappen, das mir helfen konnte, seine Absichten einzuschätzen, doch ich stieß auf eine unüberwindbare Mauer. Aus irgendeinem Grund war es mir nicht möglich, in seine Gedanken zu lauschen oder in seine Gefühlswelten einzutauchen. In meinem ganzen Leben war mir etwas Derartiges nie widerfahren. Es hatte nie jemanden gegeben, den ich nicht deuten konnte.
Der Namenlose bewegte sich, schien erst jetzt ganz langsam zu registrieren, dass er nicht alleine war, und drehte den Kopf in meine Richtung. Ich spürte seinen Blick, der langsam auf mir zum Erliegen kam. Das Grün, das ich in den Augen des Raben gesehen hatte, lag auch in seiner menschlichen Iris. Und doch war er irgendetwas anderes. Und kein Mensch.
»Ich glaube nicht«, erwiderte er schließlich und entwand mir sein Gesicht wieder. Leise klang seine Stimme, als hätte er mit den Jahren vergessen, wie man spricht, und musste sich erst langsam wieder daran erinnern, wie es sich anfühlte, Mensch zu sein. Jede Silbe schien gebrochen. Jeder Ton, als fühlte er sich unangenehm auf seiner Zunge an.
Der Fremde winkelte die Beine an, als wollte er ihre Tauglichkeit testen, streckte den rechten Fuß vor und ließ ihn von dem Vorsprung, auf dem er saß, zu Boden gleiten. Der zweite folgte. Er stand, schwankte einen Augenblick und musste sich mit einer Hand abstützen, um die ersten Schritte zu gehen. Ich sah ihm zu und hatte das Gefühl, einem Kind beim Laufenlernen zuzuschauen. Er bewegte sich fremdartig, kantig, und dennoch sah ich mit bloßem Auge, dass ihm normalerweise eine andere Anmut anhaften würde.
Unter dem langen schwarzen Mantel, zu dem die Rabenfedern geworden waren, lag seine Gestalt verborgen. Er rang mit sich, schlug eine Schlacht, die ich nicht sehen konnte. Aber der Mann, der sich vor meinen Augen schweigend in ein unbekanntes Leben zurückkämpfte, war noch vor wenigen Minuten ein Raubvogel gewesen, den irgendjemand an eine Kette gelegt hatte.
Mein Kopf warnte mich davor, diese Warnung zu missachten. Irgendjemand hatte offenbar unbedingt verhindern wollen, dass aus diesem Vogel jemals wieder ein menschliches Wesen wurde. Mein Herz jedoch fühlte etwas Anderes. Ich sah, wie dieser Fremde um all das kämpfte, was ihm abhandengekommen war und wusste instinktiv, dass es meine Pflicht war, ihm zu helfen. Wer oder was auch immer mich Nacht für Nacht in diese Höhle geschleift hatte, wollte, dass ich zusah, wie dieser Rabe ein Mensch wurde.
Mein Herz begann zu rasen, als ich den befreienden Schritt nach vorne wagte, die Finger ausstreckte und mir den Arm des Fremden über die Schulter legte. »Hier«, sagte ich sanft zu ihm, und lud mir einen Teil seines Gewichts auf, damit er ihn nicht tragen musste. »Ich kann helfen.«
Abrupt entwand mit der Fremde seinen Blick. In seinen dunklen Haaren hingen Federn. Eine von ihnen rieselte herab und landete vor seinen Füßen im Staub. »Helfen?«, fragte er mich, und klang dabei spöttisch unter seiner rauen Stimme. »Weißt du denn nicht, wer ich bin?«
Ich lauschte in mich hinein, dann in ihn. Doch dort, wo bei anderen Menschen starke Gefühle lauerten, zog durch sein Inneres ein eisiger Sturm, der jaulend alles unter sich begrub, was normalerweise zum Vorschein kommen wollte. Sein Seelenwinter blockierte mich abermals.
»Ich..«, setzte ich an, hielt jedoch inne, als mir bewusst wurde, dass ich tatsächlich nicht wusste, wen ich da vor mir hatte. War er verrückt? Böse? War er der Tod und deshalb dazu verbannt worden, sein Leben als Rabe, eingesperrt an diesem finsteren Ort zu verbringen? »Es spielt keine Rolle, wer du bist«, gab ich stattdessen zurück. Durch die Lehre der Mönche wusste ich, jedes Leben, ganz gleich, woher es stammte, wohin es ging oder welchem Zweck auch immer es dienen mochte, war heilig und wertvoll. Auch seines. »Lass mich helfen.«
Er nickte. Meine Antwort schien ihn zu verwirren, aber er ließ dennoch zu, dass ich ihn zu dem Felsvorsprung zurückführte und seinen Arm stützte, bis er wieder platzgenommen hatte. Dabei versuchte ich, einen Blick in sein Gesicht zu erhaschen, doch er bemühte sich sichtlich, mich nicht anzusehen.
»Wieso bist du hier?«, fuhr ich fort, merkte, wie meine eigene Stimme immer dünner wurde.
»Alles ist so.. anders«, erwiderte der Fremde langsam. »Nichts ist mehr so, wie es gewesen ist..«
Anders, als es Rabenaugen gesehen hatten. Er sprach es nicht aus, aber ich wusste genau, was er meinte. Er war in eine andere Form gezwungen und darin eingesperrt worden.
»Wer bist du?«
Unter den dunklen Locken sah ich, wie seine Lippen ein bitteres Lächeln formten. Sie waren schmal und schön, wie gezeichnet. »Du würdest mir nicht helfen, wenn du wüsstest, wer ich bin.«
»Was bist du?«, hakte ich nach. Außer dem Grund dafür, dass ich offenbar seinetwegen seit einer Ewigkeit in einem Traum gefangen war? »Wie ist dein Name?«
»Wenn ich das wüsste«, murmelte er und betrachtete seine Hände, als wären sie kleine Wunder, wenn sie sich bewegten.
Er seufzte tief, fuhr sich mit den Fingern durchs Haar und strich sich ein paar lose Strähnen aus der Stirn. Zwei daumendicke Zöpfe waren ins vordere Drittel seines Haars geflochten. Zum ersten Mal sah ich im Profil sein Gesicht. Seine Haut wirkte fahl wie Schnee, seine Augen waren groß und vom selben Grün, das schon die Rabenaugen einzigartig gemacht hatte. Er besaß breite, aber nicht buschige Brauen und ein schmales, längliches Gesicht mit markanten Wangenknochen, die vielleicht nicht so deutlich sichtbar gewesen wären, wenn er in der Vergangenheit besser gegessen hätte. Seine Augen standen leicht schräg, und da er sie schloss, als er meinen Blick spürte, erschienen kleine Sorgenfalten auf seiner makellosen Stirn. Seine Haut war fahl wie Mondlicht. »Ich muss gehen«, entschied er plötzlich, stand auf und verleitete mich dazu, einen Arm nach ihm auszustrecken. »In Kürze wird es hier nur so vor Schattengängern wimmeln.«
»Schattengänger?«, wiederholte ich stirnrunzelnd seine Worte. »Aber ich dachte..«
Was? Dass ich in meinem Traum nicht von Dingen überrascht werden konnte, die mir unbekannt waren? Dass ich gleich aufwachen und der Spuk vorüber sein würde?
Der Fremde hob das Haupt und sah mich zum ersten Mal mit seinen smaragdgrünen Augen wirklich an. Ich fühlte die Berührung seines Blickes wie einen Stich direkt in die Brust. »Du bist Inadettes Sohn«, sagte er plötzlich, als wäre ihm aus heiterem Himmel eingefallen, was er mir schon die ganze Zeit über hatte sagen wollen. Vom Scheitel bis zu den Zehen musterte er mich, kniff die Augen zusammen und atmete mehrmals hörbar ein und aus. Dann schnellte er vor, packte mit schier unglaublicher Kraft mein Handgelenk und zog mich so nahe, bis unsere Nasenspitzen einander fast berührten. »Wie ist dein Name, Junge?«
»Erias«, erwiderte ich murmelnd. Er ließ mich los, schien kurz nachzudenken und nickte dann.
»Inadette-«, setzte ich an, doch er winkte ab.
»Erias«, wiederholte er gedankenverloren meinen Namen. »Natürlich.. Du hast den Zauber aufgehoben, der mich hier gefangen hielt. Nur ein Nachfahre ihres Blutes wäre im Stande dazu, mich-«
Er blinzelte mir ins Gesicht. Ein seltsames Geräusch drang an mein Gehör.
Es klang wie Flügelschlagen, Rauschen, wie irrsinnig viele Schwingen, die gleichzeitig schlugen. Und sie bedeuteten etwas. Das konnte ich in seinen majestätischen grünen Augen erkennen. Behutsam und doch fest bettete er beide Hände an meine Schultern und befahl mir mit fester, drohender Stimme: »Hör mir zu: Uns bleibt keine Zeit. Du musst aufwachen. Gleich bricht hier die Hölle los. Hörst du? Wach auf!«

Der Rest des Traums hing wie ein Schleier über mir. Ich blickte stur in diese seltsamen Augen, bis sie verschwammen, immer heller und undurchsichtiger in einem Gewirr aus Nebelschwaden und Traumfetzen untergingen und ich letztendlich nur die Holzbalken der Decke über mir erkennen konnte. Blinzelnd schaute ich zu ihr auf und fragte mich, wohin das Echo meiner Gedanken wohl verschwunden war. Ich drehte mich auf die Seite, bettete den Kopf auf meinen Arm und zählte in Gedanken bis zehn. Ich war aufgewacht. Einfach so. Eben noch war ich in einer Höhle einem Fremden begegnet, der behauptete, irgendetwas über meine Mutter zu wissen, und im nächsten Augenblick lag ich wieder in meinem Bett, als wäre niemals irgendetwas von alledem wirklich geschehen.

Comments

beta
Fairy Dust

Navigation

Languages

Social Media