Schwarze Federn III

Ich hatte sie aufgehoben. Jede Einzelne. Und entsorgt.
Es war unmöglich, dass ich eine Feder übersehen hatte. Und dennoch war sie da. Provokant lag sie auf meinem schneeweißen Kopfkissen und verspottete mich mit ihrer finsteren Verheißung. Nein, ich war nicht abergläubisch, aber ich spürte, dass diese Feder und auch mein Traum nur Zeugen einer dunklen Zeit waren, die meine Zukunft überschatteten. Und ich-
Es klopfte. Entsetzt wich ich vor der Tür zurück, drehte den Kopf und spähte zu der Feder hinüber. Mehr als einmal zuckten meine Augen zwischen Tür und Feder hin und her, bis es mir gelang, mir vor Augen zu halten, was hier geschah: Der Anblick einer einzelnen, schwarzen Feder hatte mich so sehr aus der Bahn geworfen, dass kalter Schweiß an meinen Fingern klebte. Durfte ich zulassen, dass ein Zeichen über mein Leben bestimmte?
Ich wandte mich ab, trat die drei Schritte zur Tür zurück, die ich mich zuvor entfernt hatte, und öffnete sie. Wie ein dunkel gekleideter Blitz huschte eine schmale Gestalt an mir vorbei. Ich sah ihr blondes Haar wie einen Lichtstreif an mir vorüberziehen und war kurzzeitig so verblüfft, dass ich nichts anderes tun konnte, als die Tür zu schließen und mich zu Selinia umzudrehen.
»Was..«, setzte ich an, doch sie unterbrach mich mit einer herrischen Geste.
Von ihrer Zartheit und ihrem lieblichen Wesen war nicht viel geblieben. Harte Gesichtszüge zeichneten sie mit einer Stärke, die nicht zu ihrem Engelsgesicht passen wollte. Sie strich sich eine einzelne Strähne hinters Ohr und musterte mich mit einem Blick, so kalt wie Eis.
»Du darfst niemandem - niemandem, hörst du? - davon erzählen, was du in diesem Traum gesehen hast! Verstehst du mich? Wenn irgendjemand, ob Mensch, Fee, Baum oder Strauch, je erfährt, was du getan hast, dann ist Karon des Todes, und wir sind es auch.«
»Karon?« Nie zuvor hatte ich diesen Namen gehört und doch ließ das Echo seiner Aussprache ein Kribbeln auf meiner Zunge zurück. »Ich weiß nicht, was-«
»Ich spreche von dem Raben, dem du vergangene Nacht begegnet bist!«, zischte sie mir entgegen. »Sein Name ist Karon. Er ist ein Schattenblut, ein Dämon, und jedermann weiß, wer er ist, wenn er ihn sieht. Was hast du getan?«
»In meinem Traum?«
Ich war verwirrt. Wieso maß Selinia meinem Traum eine so hohe Bedeutung zu? Sie war aufgebracht. Bis in den letzten Winkel ihres Verstandes spürte ich, wie etwas in ihr tobte. Wie hatte sie unten so beherrscht und ruhig auf mich wirken können, wenn es doch so sehr in ihr brannte?
»Das war kein Traum«, begehrte sie auf. »Wie kann man so töricht sein? Sag mir, was du getan hast. Erzähl mir alles.«
Ich fuhr unter ihrem Zorn zusammen. »Ich war in dieser Höhle. Schon viele Male. Immer wenn ich einschlafe, erwache ich dort. Letzte Nacht bin ich losgelaufen und habe einen Raben gefunden. Er saß auf einem Felsen und um seinen Fuß war eine Kette gelegt. Ich habe sie losgerissen und er hat sich vor meinen Augen in einen Mann verwandelt.« Mein Atem stockte. Bilder fluteten mein Bewusstsein. Viel zu klar und zu wach, um nur in einem Traum stattgefunden zu haben. Zu detailliert für Einbildung. »Er sagte, er kennt meine Mutter und mich und, dass ich gehen muss, weil bald Schatten auftauchen würden. Und dann bin ich aufgewacht.«
»Manche Dinge«, erwiderte das Mädchen düster, »sind an die Kette gelegt, um für immer dort zu bleiben. Was hast du dir dabei gedacht?«
»Ich dachte, ich lasse einen Raben frei, den irgendjemand zum Sterben zurückgelassen hat. Ich.. ich wollte helfen.«
Ich wollte immer helfen. Das war meine größte Schwäche, und ich wusste, ich würde sie, ganz gleich, was es mich kosten würde, niemals ablegen können. Sie machte mich aus, zeichnete mein Wesen. Nur dank meiner Güte und meinem Wunsch, zu helfen und Dinge besser zu machen, war ich der, der ich bin.
Fassungslos sah sie mich an. Ihre Kiefer mahlten. »Weißt du denn gar nicht, was du getan hast?«
Verloren schüttelte ich den Kopf, versuchte mit den Händen zu erklären, wie machtlos ich mich fühlte - und es funktionierte. Selinia seufzte tief, hob eine Hand an die Stirn und stimmte in mein Kopfschütteln ein. »Karon«, sagte sie leise, »ist aus gutem Grund an diesem Ort gefangen gewesen. Er dient einer sehr grausamen Frau. Die Ära ihrer Macht konnte nur beendet werden, indem eine sehr tapfere Königin ihr Heer und ihr Leben gab, um sie voneinander zu trennen und den Dämon in einer Gestalt, in der er keinerlei Magie wirken kann, festzusetzen. Diese Bannung sollte für die Ewigkeit sein.«
Und ich hatte ihn freigelassen. Einfach so. Unwissend. Mein Magen krumpelte sich zu einem schwarzen Loch zusammen. Übelkeit stieg in mir auf und ließ die Farbe aus meinem Gesicht weichen. Ich senkte den Blick auf meine Hände, bemerkte, wie sie zitterten, und versuchte rasch, mich an irgendetwas festzuhalten. Dabei erschien ein Bild vor meinem inneren Auge. Der Rabenmann, schwach, entkräftet, kaum im Stande zu stehen oder zu gehen. Ich sah mich selbst auf ihn zustürzen, ihn packen und ihm dabei zu helfen, sich wieder hinzusetzen. Hatte ich in meinem Bestreben, ihm zu helfen, ein Ungeheuer auf die Welt losgelassen?
Ich rief mir seine Augen in Erinnerung. Seelenlose, tiefdunkle Spiegel. Grüne Ozeane voller Finsternis. Ich dachte an den Eissturm, den ich wahrgenommen hatte, als ich versuchte, seine Gedanken oder Gefühle zu deuten. Alles hätte mich davor warnen sollen, ihm zu nahe zu kommen. Aber wieso war er mir so vertraut, so gebrochen, so hilflos erschienen? Und wieso hatte er mich fortgeschickt, wissend, dass es gefährlich werden konnte, wenn ich blieb? Ich war mir sicher - nein, ich wusste mit absoluter Sicherheit - dass er mich aus dem Traum geschickt hatte, um mich zu beschützen. Würde ein Monster das für jemanden tun, den es gar nicht kannte? Und woher wusste er von meiner Mutter? Kannte er sie?
»Nein, ich..« Ich atmete tief durch. »Du musst dich irren. Ich war in einem Traum. Und bin dort einem Mann begegnet, der kaum die Kraft hatte, sich auf den Beinen zu halten. Er hat mir nichts getan. Und er wirkte auch nicht wie ein Ungeheuer. Er war.. besorgt. Wollte, dass ich gehe. Er-«
»Der Mann, den du beschreibst, ist schon vor vielen Jahren einem Fluch erlegen. Er ist tot. Es gibt nur noch das Monster. Syras Krieger, ihren Geliebten, ihren Dämon. Er hat dich getäuscht. Dich sehen lassen, was du sehen musstest, um ihm Glauben zu schenken. Karon ist..« Ihre Stimme versiegte. Ihr Blick brach. Ich schaute sie an und wusste plötzlich, dass sie ihn kannte. Mehr, als nur flüchtig. »Karon ist tot. Du hättest niemals in diese Höhle gehen dürfen. Die Mönche haben versprochen, dich zu beschützen. Sie gaben ihr Wort, dass sie dich fernhalten von alledem.«
Sie drehte sich um, murmelte irgendetwas vor sich hin und ging schnurstracks auf mein Bett zu. Als sie die Rabenfeder darauf liegen sah, erstarrte sie. Ganz langsam ging sie weiter, streckte die Hand danach aus, und als ihre Finger die Feder streiften, entzündete sich diese von selbst und verwandelte sich auf meinem Kopfkissen in ein winziges, dampfendes Häufchen Asche.«
Ihre Augen waren wässrig geworden. Sie biss sich auf die Unterlippe. Ich spürte, wie Unsicherheit und Wut, Sorge und Angst einander in ihrem Inneren ablösten. Wieder und wieder.
»Wer ist er?«, flüsterte ich leise.
»Ein Dämon«, entgegnete sie. Von ihrer Sorge spiegelte sich nichts in ihrer Stimme wieder. Sie wirkte fest, gefasst, eisern, rau. »Einer der Alten. Einer der Mächtigen.« Ihre Hände umklammerten ihre eigenen Oberarme. Als sie sich umdrehte, rieb sie darüber, als würde sie frieren. »Karon kennt viele Zauber, jede Art von Magie und es bedarf eines sehr großen Zaubers und großer Stärke, einen gegen ihn wenden zu wllen. Seine Magie ist alt. Sie stammt aus einer anderen Zeit und einer anderen Wirklichkeit.« Sie seufzte tief. »Ich kann nicht glauben, dass er zurück ist..«
»Aber du.. du kennst ihn. Wieso?«
»Ich kannte ihn vor seiner dunkelsten Zeit an Syras Seite. Damals, als er noch entschlossen gegen das Aufkeimen seiner dunklen Seite kämpfte. Ich lerne ihn zu einer Zeit kennen, in der seine Seele noch zu retten war und er selbst daran glaubte, siegen zu können. Seine starke, mediale Begabung hat ihn schon immer anfällig für das Flüstern in der Nacht und die Gedanken der Ewigkeit gemacht. Es war nur eine Frage der Zeit, bis sich sein Schicksal offenbaren würde. Aber er selbst glaubte, er könne diesen Kampf gewinnen.«
»Vielleicht konnte er«, setzte ich an, doch Selinias wütender Blick brachte mich zum Verstummen.
»Ich glaube nicht, Erias. Als ich Karon kennenlernte, war seine Seele schon verdorben. Er war von etwas Dunklem berührt, und als Syra ihn fand, wusste sie diesen Funken jederzeit für sich zu nutzen. Sie unterwarf ihn einem Bann, zwang das Dunkelste in ihm an die Oberfläche und bemächtigte sich seiner Kraft, seiner Stärke, seiner Seele für die dunkelsten Zauber, die man nur wirken kann. Er kennt sie alle. Du hast den Teufel freigelassen. Und jetzt wird er uns holen kommen. Uns alle. Einen nach dem anderen, bis niemand mehr übrig ist.«
Ich schluckte. Wie ein Kloß schob sich Furcht meine Kehle hinab. Das Atmen fiel mir plötzlich schwer und ich wusste, auch ohne seine Augen vergessen zu können, dass Selinia um die Winterseele wusste, die auch ich in ihm wahrgenommen hatte. Aber wieso hatte ich nicht gespürt, dass er gefährlich war? Wieso war er mir so hilflos, so gebrochen erschienen? Hatte ich mich so sehr von seinem Äußeren täuschen lassen?
»Wenn irgendjemand erfährt, dass du Karon freigelassen hast, dann werden sie so lange Jagd auf ihn machen, bis kein Haus mehr steht, und er tot ist, oder niemand mehr da, der ihn jagen kann.« Sie seufzte. »Ich weiß, was ich sagte. Es ist falsch, ihn frei herumlaufen zu lassen, aber er war mein Freund, und ich kann mir eine Welt nicht vorstellen, in der jemand nicht existieren kann, weil er für das Wohle aller sterben muss. Ich hoffe, er ist schlau und läuft so weit fort, dass weder Syra noch irgendjemand sonst ihn je finden werden.«

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