Schwarze Federn IV

Karon ließ sich im Schatten eines Baumes in den Staub sinken. Die Nachwehen des Zaubers nagten noch immer an ihm. Er lehnte den Kopf zurück, donnerte ihn mit sanftem Druck zweimal an den Baumstamm und schloss seufzend die Augen.
Sein Körper rumorte. Alles in ihm drängte danach, diese Gestalt zu verlassen, wieder zum Tier zu werden, alle Gefühle, Instinkte und Gedanken abzuschalten und frei zu sein. Endlich. Nach all den Jahren zum ersten Mal frei.
Mit dem Schließen seiner Augenlider strömte sein Geist ungehindert durch seinen Körper. Weder die Umgebung, die Bilder auf seiner Netzhaut, noch die Geräusche, die Klänge der Natur und das Pochen seines eigenen Herzens, hinderten ihn nun noch daran, seine fleischliche Hülle als das wahrzunehmen, was sie letztendlich war: ein Gefängnis. Eine Maske. Eine Illusion. So lange fremd und fern geworden, dass er diesen Körper nun wie Mauern spürte, die seinen Geist gefangen hielten.
Gedanken kochten in ihm hoch. Gefühle bahnten sich einen Weg ins Freie. Er öffnete die Lippen und ließ sie in Form winziger, abgehackter Atemzüge, entweichen.
Eine Last von unschätzbaren Ausmaßen fiel von ihm ab und erleichterte seine Seele um ein Dutzend furchtbare Gedanken, die ihm nun erspart blieben. Er öffnete die Augen wieder, richtete den Blick dem Himmel entgegen, der sich strahlend blau und nur vereinzelt mit Sorgen bedeckt, über ihm dahinzog. Seine Augen brannten. Die letzten Jahre, eingesperrt in dieser Höhle, in Schatten und Nacht, hatten sie empfindlich werden lassen. Es grenzte an ein Wunder, dass seine Rabenaugen nicht vollständig erblindet waren. Wieso hatte ihm Inadette das angetan?
Erias. Karon rief sich den Namen des Jungen, der ihn gerettet hatte, ins Gedächtnis. Der Junge, der einen mächtigen, fast unüberwindbaren Zauber durch seine bloße Anwesenheit gebrochen hatte. Inadettes Sohn. Ihr Erbe.
Im Kopf des Dämons rumorte ein eiskalter Sturm. ›Whyndrir‹, ermahnte er sich selbst. ›Beruhige dich! Kämpfe! Mit aller Macht, solange du musst.‹
Wenn nötig, auf ewig. Karons Muskeln und Sehnen waren angespannt unter seiner dünnen Haut. Er fühlte sich gläsern, durchsichtig. Wie ein Glaskörper, in den Jedermann hineinsehen konnte. Erias konnte es. Spielend leicht war es dem Jungen gelungen, durch seine Schutzwälle hindurchzudringen und seinen geschwächten Zustand für einen Blick in seine Rabenseele auszunutzen. Was mochte er gesehen haben? Den Winter? Die schneidende Kälte, die einst zwar seine Rettung war, nun jedoch sein Ende bedeutete? War es dem Jungen gelungen, seine Zweifel zu erkennen? Die Furcht vor einem Leben in der Außenwelt?
Wusste er von Syra und ihrem Einfluss auf ihn?
Wie von selbst senkte sich der Blick des Dämons. Er hielt die Knie angewinkelt, bettete seine eng aneinandergelegten Unterarme darauf und konzentrierte sich auf das Symbol, das jeweils auf den Außenseiten dieser prangte und aneinandergehalten die Form eines Raben mit gespreizten Schwingen ergab. Eine mit schwarzer Tinte in seine Haut gestochene Erinnerung an die dunkelste Epoche seines Lebens. Der, in der er nicht Herr seiner Sinne und Gedanken war. Sie erinnerten ihn an Syra. Dazu da, ihn ein Leben lang daran zu erinnern, zu welcher Stärke und welcher Schwäche sein Geist fähig war.
Er hob die rechte Hand, zog damit die feinen Linien der linken Rabenschwinge nach und - empfand gar nichts. Dort, wo einst der Bann in seinem Bewusstsein gesessen und ihn eingekerkert hatte, herrschte nun Frieden in seinem Kopf. Die Stimmen, die Gedanken, die fremde Sorgen und Flüsterstimmen dieses gräulichen Fluchs waren verschwunden. Er hatte die Gewalt über seinen Körper schon vor Jahren zurückerlangt, und niemandem davon erzählen können. Niemandem. Nicht einmal Inadette, die damals entschieden hatte, keinerlei Risiko einzugehen. Gleich nachdem sein Whyndir-Ritual vollzogen war, hatte sie den Fluch über seinen geschwächten Leib gesprochen, ihn in einen Raben verwandelt und in der Höhle eingesperrt. Er hatte es nicht wahrhaben wollen, aber sie war diesen Schritt aus Liebe gegangen. Aus Liebe zu ihrem Mann, ihrem Sohn, einem teuren Freund und ihrem Volk. Sie hatte ihn aus der Schusslinie gezogen, und der Welt die Möglichkeit gegeben, zur Ruhe zu kommen.
Karons Gedanken verdichteten sich. All die Gedankenstränge, zu denen sein Rabenkopf nicht fähig gewesen war, machten ihm nun das Leben schwer. Er atmete sie ein und aus, konzentrierte sich auf die letzten Fetzen des Bannes in seiner Seele und suchte nach Syras Nähe. War sie noch dort?
Noch immer ein trügerischer Teil seines Wesens? Oder war es ihm gelungen, sie für immer aus seinem Bewusstsein auszusperren? Hatte er sie letztendlich doch aller Macht über ihn und sein Leben beraubt und das Königreich und Theremal vielleicht gerettet?
Karon war nie ein Held gewesen, und der Gedanke, vielleicht viele unschuldige Leben gerettet zu haben, bewegte ihn nicht annähernd so sehr, wie er es hätte tun sollen. Aber er gab ihm auf seine eigene Art und Weise Mut, nach vorne zu blicken. Mut, sich nicht einschüchtern zu lassen, nicht umzukehren oder wegzulaufen. Er erinnerte ihn daran, dass unter seiner Magie, unter dem verborgenen, dunklen Wesen, noch immer Regungen und Gefühle steckten, die eingerostet, aber nie gebrochen waren. Nichts und niemand hatten ihn je brechen können. Nur der Bann. Und dieser schien ein für alle Male von ihm abgefallen zu sein.
Karon hob den Blick. Dicht unter den Wolken segelten zwei ausgewachsene Regenbogenvögel mit ihrem Jungen durch die Luft. Ihr bunter Schweif wehte im Wind. Sie waren frei, flogen frei. Sie waren glücklich. Und er war es auch. Das letzte Mal, als er einen Regenbogenvogel gesehen hatte, lag Jahre zurück. In der Zwischenzeit hätte er ihren Wert auch nicht zu schätzen gewusst. Jetzt jedoch erinnerten sie ihn daran, wie froh er sein konnte, endlich wieder sein eigener Herr zu sein.
Syra war fort. Sein Kopf war leer. Seine Gedanken gehörten wieder ihm allein, und niemals wieder, würde ein anderes Wesen dort zu Hause sein. Ein langgezogener Atemzug befreite ihn von seinem Elend. Er sog den Duft der Wirklichkeit ein, atmete den Hauch des Lebens. Die Erde unter ihm war trocken. Ihr Leben verging. Er jedoch hatte Jahr um Jahr ohne Nahrung, Freunde und Emotionen von ihr gezehrt. Es war Zeit, ihr etwas zurückzugeben, aber anstatt seine Schuld abzutragen, musste er noch einmal alles von ihr nehmen, seine Wunden und Blessuren heilen, und sich einem Feind stellen, vor dem er eigentlich fliehen sollte. Seine Hände fielen von seinen Knien herab. Sie gruben sich rechts und links neben ihm in den staubtrockenen Grund.
Leben, dachte er, und warf einen Blick auf die Stiefel, die er trug. Sein Leben und das der Erde. Jetzt und für immer untrennbar aneinander gebunden. Das war der Preis für seine eigene Freiheit. Langsam beugte er sich vor, packte erst den linken, dann den rechten Stiefel und zog sie aus. Seine Zehen gruben sich in den weichen Grund. Niemals mehr wollte er Schuhe zwischen sich und der lebensspendenden Erde fühlen. Niemals mehr durch eine Sohle von dieser Kraft getrennt sein.
Er konzentrierte sich auf einen Punkt in seiner Vergangenheit. Den, als er das letzte Mal irgendetwas aus freiem Willen getan hatte, und landete wieder und wieder bei Inadette und ihrem freundlichen Angebot, ihm zur Seite zu stehen. In seiner dunkelsten Stunde war sie ihm Freundin, Lehrerin und Zuhörer gewesen. Und nun war ihr Sohn dort draußen. Und er war möglicherweise aus Unachtsamkeit in einen schlummernden Krieg gelaufen, und hatte dessen Feuer neu entfacht.
Karons mentale Verbindung zu Syra war gerissen. Irgendwann, irgendwo, hatte sie aufgehört zu existieren, sodass es ihm jetzt unmöglich war, herauszufinden, ob sie bereits von seiner Befreiung wusste. Wusste sie, dass er nicht nur verschwunden war, sondern auch einen Weg gefunden hatte, ihren Bann abzustreifen und sich selbst zu befreien? Wusste sie davon, dass er ein grausames, altes Ritual vollzogen und sich mit Leib und Seele der Natur verschrieben hatte, nur um ihre Fesseln abzustreifen? Oder glaubte sie daran, dass er irgendwann zu ihr zurückkehren würde?
Karons Gedanken verwandelten sich in unebene Ströme. Er versuchte, sie auszusperren, aber sie ließen es nicht zu. Die Energie, die durch die Erde in seine Hände und seinen Körper floss, weckte Erinnerungen in ihm und ließ seine verlorene Stärke zurückkehren. In seinen Fingerspitzen knisterte die Magie, die so viele unschuldige Wesen das Leben gekostet hatten. Sie war noch immer dort und fühlte sich klarer und reiner an, als je zuvor.
Whyndrir. Dieses kleine Wort hämmerte an die Grenzen seines Verstandes. Erdgebunden. Für immer. Wenn das allein der Preis dafür war, dass er wieder Herr über sein Denken und Handeln war, so war er jederzeit bereit, ihn zu zahlen.
Unter seinen Fingerspitzen fühlte er, wie sich Würmer und Larven durch das Erdreich gruben. Er spürte ihre Gegenwart, ihren Atem in der Erde, ihr Leben. Und sie fühlten ihn.
Erias. Langsam kehrten die Erinnerungen des Dämons immer klarer und energischer zurück. Inadettes Sohn hatte sich unbewusst in eine schwelende Fehde eingemischt. Wusste er denn nicht, wem er dort unten die Freiheit geschenkt hatte? Und hätte er ihm auch dann das Leben geschenkt, wenn er von Karons Vergangenheit gewusst hätte?
Wenn Syra wusste, dass Karon befreit worden war, dass es jemanden gab, der seinen Fluch gebrochen hatte, dann bestanden keine Zweifel daran, dass sie alles tun würde, um diesen Jemand aufzuspüren und in ihren Bann zu ziehen. Und sollte ihr Plan misslingen, dann würde sich Erias wünschen, sie hätte ihm den Tod geschenkt. So oder so, dies war der Punkt, an dem der Dämon eine Entscheidung treffen musste. War er bereit dazu, seine neugewonnene Freiheit aufs Spiel zu setzen, um sich der Frau, die ihm eins alles bedeutet hatte, entgegenzustellen, nur um ein Kind zu retten, das möglicherweise keinerlei magische Begabung besaß? Oder fügte er sich dem Schicksal und ließ die Götter entscheiden, ob Erias würdig genug war, um dieses Leben bestreiten zu dürfen?
Sein Gewissen meldete sich. Inadettes Sohn war mehr als irgendein Kind. Er war die letzte Verbindung zur Außenwelt. Das letzte Tor zur Freiheit. Eine atmende Verbindung mit dem Leben, das er einst geführt hatte.
›Und du hast ihr dein Wort gegeben‹, meldete sich eine leise, entschiedene Stimme in seinem Kopf zu Wort.
Ja, das hatte er. Als er am Ende seiner Kräfte zu Inadette geflohen war, hatte sie ihm ihre Hilfe zugesichert, wenn er bis zu dessen Tode ein Auge auf ihr ungeborenes Kind werfen würde. Und aus reiner Verzweiflung hatte er ihr sein Wort gegeben. Damals war Karon nicht klar gewesen, wie weitreichend diese Entscheidung war, doch nun, an diesem Baum sitzend und auf sein Leben herabblickend, verstand er plötzlich, wie sehr diese Entscheidung mit dem Überleben des Jungen verwurzelt war.
Wieso hatte der Junge die Macht besessen, den Zauber seiner Mutter zu brechen? Hatte sie vor ihrem Tode etwas an ihn weitergegeben? Kannte er seine Macht? War er sich seiner Bedeutung bewusst?
Als Karon bemerkte, dass seine Entscheidung längst gefallen war, blickte er sich um. Dort, wo seine Finger in den Grund eingesunken waren, hatte sich die Erde in trockenen, bröseligen Stein verwandelt. Das Leben, das er in der Erde wahrgenommen hatte, schwand dahin. Die Würmer wurden träge, die Larven vertrockneten. Er absorbierte die Energie dieses Elements ohne Reue, und spürte, wie sie in jede Zelle seines Körpers eindrang. Magie kribbelte in seinen Fingerspitzen.
›Rette den Jungen‹, befahl die Stimme, und der Whyndrir stand auf, um zu gehorchen.

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