Schwarze Federn V

Ich sah mich um. Das Kloster ragte hinter mir auf. Es gerade jetzt zu verlassen, bereitete mir Unbehagen, aber Selinia hatte mir glaubhaft versichert, dass wir reden mussten, und dass wir dazu, außer Hörweite jeder Kreatur verschwinden musste, die an meiner Zimmertür lauschen konnte.
›Wenn irgendjemand erfährt, dass du Karon freigelassen hast, dann werden sie so lange Jagd auf ihn machen, bis kein Haus mehr steht, und er tot ist, oder niemand mehr da, der ihn jagen kann.‹
Die Worte der Düsterfee kratzten an meinem Bewusstsein. Ich verstand sie, und dennoch barg sich in ihnen eine unausgesprochene Wahrheit. Sorge. Nicht nur um die Welt, auch um den Mann hinter dieser dunklen Prophezeiung. Ich streckte meine Gedanken aus, bis sie Selinias berührten, und konzentrierte mich darauf, irgendetwas zu finden, das mir verraten konnte, ob sie den Dämon kannte, von dem sie so feindselig sprach. Und tatsächlich - ganz tief in ihrem Kopf versteckt, fand ich eine blasse Erinnerung an eine Zeit, in der dort, wo nun Hass und Sorge lagen, friedliche, freundschaftliche Gefühle gewesen sein mussten. Ich schüttelte diese Wahrheit ab und warf einen Blick zur Seite.
Im Profil wirkte Selinia unglaublich zerbrechlich. Feen waren von Natur aus zarte Geschöpfe, hinter deren langen schmalen Fingern, zierlichen Körpern und schlanken Armen, sich jedoch erstaunliche Kräfte versteckten. Ich wollte sie nicht zum Feind haben. Und doch stand mir genau das nun möglicherweise bevor. Wenn ich tatsächlich das große Unheil auf meine Welt, Theremal, losgelassen hatte, gab es keinen Grund für sie, nicht mein Feind zu sein.
»Hast du sie gekannt?«, fragte ich dann, nachdem wir endlich ausreichend Abstand zwischen uns und die hohen Mauern gebracht hatten. »Meine Mutter, meine ich.«
Sie schüttelte den Kopf. »Nein, nicht wirklich. Aber ich weiß natürlich, welches Opfer sie gebracht hat, um Karon zu retten.«
»Um ihn..« Ich seufzte. »Ich dachte, es ginge dabei um den Schutz aller Wesen. Was habe ich nicht verstanden?«
»Deine Mutter und Karon verband schon immer eine besondere Freundschaft. Sie war eine starke, junge Frau. Unberechenbar und sehr klug. Karon schätzt diese Eigenschaften an Menschen, und als sie ihm das erste Mal über den Weg lief, erkannte er ihren Wert. Sie wurden Freunde, und als deine Mutter erkrankte, setzte er seine Macht ein, um sie zu heilen.« Ihr Blick fuhr in meine Richtung. Sie errötete. »Du weißt doch, dass deine Mutter sehr krank gewesen ist, oder? Sie lag über viele Jahre hinweg im Sterben und verdankte es Karons Zauber, dass sie viel länger leben durfte, als ihr vom Schicksal zugedacht war.«
»Nein«, entgegnete ich. »Das wusste ich nicht. Langsam glaube ich, ich weiß gar nichts mehr.«
»Das tut mir leid. Aber die Mönche hielten es für wichtig, dich von der Vergangenheit fernzuhalten, damit du fernab dieser Geschichten dein eigenes Leben führen kannst. Sie wollten dich beschützen.«
»Wenn meine Mutter und Karon Freunde waren - was ist dann geschehen?«
»Karon verliebte sich in die falsche Frau. Er machte die Bekanntschaft einer Rabenhexe und schenkte ihr sein Herz. Auch sie war schwer vom Leben gezeichnet. Sie verdrehte ihm den Kopf und labte sich an seiner Stärke.« Ihr Blick ließ meinen los und richtete sich auf den Pfad zu unseren Füßen. »Er hat es zu spät erkannt und sich immer tiefer und tiefer in diese Liebe verstrickt, bis von ihm nicht mehr viel übrig war.«
Ich glaubte ihr, und doch wusste ich genau, was ich gesehen hatte.
Blinzelnd hob ich meinen Blick der Sonne entgegen. Es war Spätsommer, warm und feucht. Die Luft schwirrte, obwohl es der Sonne selbst nur selten gelang, sich zwischen den dicken Wolken hindurchzukämpfen. Die Luft war aufgeheizt und es roch nach Gewitter.
Ich mochte es, wenn der Himmel grollte und Blitz und Donner Theremal aus ihrem Winterschlaf rissen. Diese Welt bedeutete alles für mich, und doch wusste ich, wenn sie nicht ab und zu durch irgendetwas wachgerüttelt wurde, würde sie früher oder später einfach sanft entschlafen.
»Und du?« Ich versuchte zu lächeln, aber es wollte mir nicht gelingen. »Woher kennst du ihn?«
»Wir sind uns damals begegnet, als er Syra das erste Mal davongelaufen ist. Wir begegneten einander in einem Dorf. Er rannte in mich hinein, und als ich aufsah, wusste ich, dass er etwas Besonderes ist. Er entschuldigte sich, half mir auf, und irgendwie mochte ich, was ich sah. Wir kamen ins Gespräch. Es dauerte Stunden, und er erzählte mir alles. Von der Frau, die er unendlich liebte, doch deren Nähe etwas Dunkles in ihm wachrüttelte und er glaubte fest daran, dass auch sie sich an ihm vergiften würde. Deshalb war er gegangen und suchte seinen Frieden in der Welt. Er brauchte eine Ewigkeit, um sich zu dem zu entwickeln, was er letztendlich geworden ist. Ich mochte ihn, und ich wusste, auch er konnte mich gut leiden. Ich dachte, ich gewinne durch unsere Freundschaft einen starken Verbündeten. Aber in Wahrheit habe ich, als er fiel, nur meinen Glauben in das Schicksal verloren.« Sie zuckte an meiner Seite die Achseln und erwiderte mein erzwungenes Lächeln träge. »Vielleicht hätte ich die Zukunft damals ändern können, wenn ich wahrhaftig erkannt hätte, wie schlecht es um ihn stand. Aber er tröstete mich und versprach, bis zum letzten Atemzug zu kämpfen. Und ich war jung, töricht, und glaubte ihm.«
»Wieso gibt es keine Legenden über ihn, keine Geschichten?«
»In Legenden leben die Dinge weiter. Es gibt Menschen, die an ihre Wahrheit glauben. Karon und seine Geschichte allerdings sollten von der Welt vergessen werden. Die Erinnerung an ihn und das Unheil, das er heraufbeschworen hat, sollte in Vergessenheit geraten und an Bedeutung verlieren.«
Vergessen werden. Ein trauriges, unwürdiges Schicksal. Ich versuchte, mir den Augenblick in Erinnerung zu rufen, als der Dämon sein Federkleid abstreifte und die Welt erstmals wieder durch Menschenaugen sah. In dieser Höhle hatte ich den Wert dieses Moments verkannt, jetzt jedoch, bedeutete er alles. Ich hatte geglaubt, Schwäche, Wirrung, Verblendung in seinen Bewegungen und seinen Augen zu sehen, aber ich hatte mich geirrt. Was ich dort tatsächlich vorgefunden hatte, war Erstaunen. Das Erstaunen eines Mannes, der aus einem furchtbaren Albtraum aufwachte und erkannte, dass plötzlich ein Leben vor ihm lag.
Doch woher nahm ich die Sicherheit, dass mich meine Sinne nicht täuschten?
»Wie dem auch sei«, fuhr die Fee langsam fort. »Deine Mutter und Karon waren durch eine Freundschaft verbunden, die man vielerorts nicht verstand. Dein Vater neidete ihnen ihr Vertrautheit, und die Menschen in ihrer Nähe glaubten, sie würde ihren Mann hintergehen. Deiner Mutter war gleich, was die Welt von ihr dachte. Für sie zählte nur, was sie mit eigenen Augen sehen konnte. Und sie sah etwas Gutes in Karon. Als er sich nach Jahrhunderten in Syras Diensten zum ersten Mal wirklich aus ihrem Bann befreien konnte, rettete er sich zu ihr. Er erzählte ihr von den grausamen Dingen, die er getan hatte, von der Macht dieses finsteren Zaubers und dem Dunkel, das ihm den Atem raubt. Deine Mutter nahm alle Kraft zusammen und vollführte einen letzten Zauber. Sie gab ihm die Gestalt eines Raben und band ihn mit einer magischen Kette in dieser Höhle fest. Zu seinem Schutz und zu dem Theremals. Deine Mutter schenkte uns Frieden und Freiheit. So jedenfalls heißt erzählt man es sich. Ich kann dir allerdings nicht sagen, wieviel Wahrheit in diesen Legenden steckt, denn leider gibt es niemanden mehr, den man fragen könnte.«
»Und.. Syra?«
»Kann diese Höhle nicht betreten. Nur dem, der den Bann brechen kann, ist der Zutritt erlaubt.«
»Wieso konnte ich dann hinein? Ich habe keine Ahnung von Bannzaubern und Flüchen. In meinem ganzen Leben habe ich noch niemals irgendetwas Magisches vollbracht.«
Selinia schmunzelte. »Das musst du auch nicht. Ich glaube, da deine Mutter diesen Bann wirkte, und du ihr Blut in dir trägst, ist es ganz normal, dass du diese Höhle betreten konntest. Zauber sind nicht immer so aussichtslos, wie sie erscheinen, verstehst du? Und jetzt..« Sie blieb stehen, schloss die Augen und lauschte dem leisen Singsang des Windes. »Jetzt ist Karon wieder da. Und er wird sich schon sehr bald auf die Suche nach dir machen.«
»Das ist Wahnsinn!«, zischte ich. »Wieso sollte er das glauben?«
»Weil sich ein Ertrinkender an jedem Grashalm festhalten wird, um nicht unterzugehen. Du hast ihn befreit. Er wird sich fragen, ob du noch mehr für ihn tun kannst.«
Sie schaute mich an und ich begriff, dass sie voller Sorge war. Was, wenn sie recht hatte? Was, wenn der Dämon tatsächlich auf der Suche nach mir war? Konnte er mich finden? Selbst hier, in dieser Einöde? War ich noch sicher? »Was kann ich tun?«
»Ich weiß es nicht«, erwiderte Selinia. Ihr Gesicht nahm traurige Züge an. »Ich wünschte, ich wüsste es, aber ich weiß es nicht.«
Ich musste es noch einmal versuchen. Ein letztes Mal. »Was, wenn du dich irrst? Wenn sich etwas geändert hat? Was, wenn-«
Ein Donnergrollen unterbrach mich. Ich hob den Blick und sah, wie sich in Unwetter zusammenbraute. Dicke, dunkle Wolken schoben sich vor die Sonne und ließen es im Bruchteil eines Augenblicks dunkler werden. Die Wand aus schwarzem Dunst bewegte sich schnell. Zu schnell.
»Was..«, setzte ich an, hob die Hand und wollte meine Augen abschirmen, als mich die ersten Regentropfen trafen.
Wie dünne Schnüre fielen einzelne Tropfen vom Himmel, verdichteten sich zu einem Netz aus Wasser und, ehe ich mich versah, goss es in Strömen. Das leise Prasseln von Wassertropfen auf Geröll und Steinen riss meine Gedanken ins diesseits zurück. Ich blinzelte. Regenwasser brannte in meinen Augen.
»Wir sollten umkehren.« Selinia warf einen Blick auf das Kloster zurück. »Dieses Unwetter-«
Es donnerte. Zwischen den Wolken zuckte ein Blitz hervor, schlängelte sich zur Erde hinab und dort, wo er auf den Boden traf, erhellte sein gleißendes Licht für einen Augenblick die Konturen eines großen Raben, der auf einem großen losgelösten Felsbrocken hockte und mit ausgebreiteten Schwingen gegen den Sturm anzukämpfen versuchte, der ihm entgegenschlug.
»Selinia!«, wollte ich ausrufen, aber die Worte kamen dünner über meine Lippen, als ich angenommen hatte. Sie glichen einem Hauchen, das vom Wind fast vollständig verschlungen wurde.
Dennoch fuhr die Düsterfee mit einem Ruck herum und richtete den Blick auf den großen, schwarzen Vogel vor uns. In diesem Augenblick spürte ich ein Stechen in ihrer Brust. Mit der Wucht eines Hammerhiebes drängten sich mit ihre Gefühle auf. Sorge. Kummer. Angst. Schmerz. Eine Explosion von Emotionen, so stark, dass sie unmöglich menschlich sein konnten. Ich blinzelte, streckte die Hand aus, tastete nach ihren Fingern, und als ich sie berührte, erkannte ich, dass die Gefühle nicht ihr gehörten. Sie gehörten ihm. Dem Dämon. Er lud mich ein in sein Bewusstsein. Sein Blick richtete sich auf mich. Er kreischte zweimal, spreizte die Schwingen noch weiter und senkte den Kopf, als wollte er einen Angriff starten. Doch in seinem Inneren regten sich andere, stärkere Gefühle. Ich tauchte in seinen Geist ein und suchte nach dem Zorn, nach der Finsternis und der Feindseligkeit, die ihm Selinia angedichtet hatte, aber von alledem war nichts zu spüren. Stattdessen erweckte etwas Anderes meine Aufmerksamkeit: Unruhe. Der Raben war unruhig. Er tänzelte von einem Fuß auf den anderen, öffnete den Schnabel, kreischte, als wollte er uns eine Warnung zukommen lassen, ohne sich zu erkennen zu geben. Er kreischte wieder, neigte den Kopf zur Seite, taxierte mich aus seinen unwirklich grünen Augen. Erst dann spreizte er die Flügel, schlug damit und war mit mehreren kräftigen Schlägen in den Himmel aufgestiegen. Sein Kreischen hallte durch das Tosen des Unwetters, dann war er fort.
»Selinia..«, murmelte ich, drückte ihre Finger fester.
Sie packte mich. »Los«, befahl sie eisern. »Wir gehen zurück. Sofort!«
Energisch zerrte sie mich herum, in Richtung Kloster. Mein Blick fiel auf die Silhouette des Gebäudes - und da stand er. Zwischen uns und der rettenden Heimat hatte sich Karon in seiner menschlichen Gestalt manifestiert. Ein Hauch von schwarzem Rauch umgab seinen Körper noch, dem seine Rabengestalt geworden war. Sein schwarzer Umhang wehte um ihn herum, wie die Rabenschwingen zuvor. Er trug keine Schuhe. Seine Füße waren dreckig. Aber er schien dort angekommen zu sein, wo er hinwollte.
Ein Klumpen Eis schob sich meine Kehle hinab und sorgte dafür, dass mein Magen sich hektisch zusammenballte. Übelkeit stieg in mir auf, als, synchron zu meinem Schrecken, die Kälte durch meine Venen krabbelte. Ich wankte, wusste, dass mich nur Selinias Hand davon abhielt, mich loszureißen und loszurennen. Doch wohin? Und wie sollte ich vor einem Dämon weglaufen, der mich am einsamsten Ort der Welt in kürzester Zeit ausfindig gemacht hatte?
Er bewegte sich. Mit schweren Schritten kam er auf mich zu. Schritt. Sein Umhang wehte, bauschte sich auf, peitschte gegen seine Beine. Schritt. Das halblange, leicht gewellte dunkelbraune, fast schwarze Haar wehte ihm in einzelnen in sich gedrehten Strähnen ins Gesicht. Schritt. Er kam näher. Ich sah seine Augen die meinen suchen, finden und fixieren. Zwischen uns gab es ein magisches Band. Etwas, das mich davon abhielt, loszustürmen. Etwas, das ihn davor warnte, die Hand gegen mich zu erheben. Wir wussten es. Beide. Wir spürten es. Die Macht, die uns wie ein Blitz durchzuckte.
»Erias«, hörte ich Selinia murmeln. »Bleib hinter mir. Ich bitte dich, sei klug!«
Aber Karon wollte mir nichts tun. Ich wusste es längst. An der Schnittstelle unserer Gedanken und Gefühle hatte mich seine Botschaft längst erreicht. Ich ließ ihn näherkommen. So nahe, bis ich sehen konnte, wie sich etwas Finsteres in seinem Blick bewegte. Der Dämon musterte erst mich, dann Selinia. Wehmut trat in seine Augen, aber er versuchte erst gar nicht, sich zu rechtfertigen.
»Karon«, knurrte die Düsterfee aufgebracht. Ihre Hände ballten sich zu Fäusten. »Du darfst nicht hier sein! Verschwinde, solange du kannst, wenn dir dein Leben noch irgendwas-«
Mit einer Geste brachte er sie zum Schweigen. Er hob die Hand und ich fühlte, wie Selinias Griff nachließ. Ihre Finger wurden in meinen schlaff und ich konnte sie gerade noch rechtzeitig an mich ziehen, um zu verhindern, dass sie bewusstlos zu Boden fiel. Erschrocken hievte ich sie in meine Arme, klammerte mich an ihr fest und wich einen Schritt vor dem Wesen zurück. Karon seufzte. Er ließ die Hand sinken, schaute mich wortlos an, als wollte er nun meine Gedanken lesen und schüttelte dann fast gereizt den Kopf.
»Was hast du mit ihr gemacht?«, flüsterte ich ihm zu. »Was..«
»Ich habe keine Zeit, eine Querdenkerin von der Wahrheit meiner Worte zu überzeugen«, gab der Dämon barsch zurück. »Erias, in Kürze wird es hier nur so vor Syras Kriegern wimmeln. Wir müssen sofort von hier verschwinden.«
Mein Blick flog über ihn hinweg und streifte das Kloster. Ich spürte, die Wahrheit in seiner Stimme. Aber wohin sollte ich gehen? Dieser Ort war mein Zuhause. Meine Heimat.
»Entweder«, durchbrach er meine Gedanken kühl, »du kommst freiwillig mit mir, oder du teilst ihr Schicksal.« Er deutete ein Nicken auf das Mädchen in meinen Armen an. »Entscheide dich.«
»Kannst du mir, jetzt und hier, dein Wort geben, dass weder ihr, noch mir, durch deine Hand Leid widerfahren wird?«, rief ich ihm zu, umklammerte Selinia fester. Ich spürte, dass sein Inneres noch kälter wurde.
Aber er nickte. »Ich gebe dir mein Wort darauf.« Seine Hand streckte sich mir entgegen. »Du hast mein Leben gerettet«, sagte er zu mir. »Jetzt rette ich deines. Aber du musst mir vertrauen.«
Ohne darüber nachzudenken, schaltete ich meine Bedenken ab. Ich spürte, dass er in Sorge war. Dass sein Inneres eiskalt loderte und er in seinem Kopf schon auf einen Kampf vorbereitet war, den er führen musste, wenn ich mich weigerte, ihn zu begleiten.
»In Ordnung«, raunte ich ihm zu. Er nickte, überwand die letzten Schritte zwischen uns und hievte Selinia aus meinen Armen. Ich sah ihm zu und fühlte mich plötzlich, als wäre mir etwas weggenommen worden, dessen Wert ich gerade erst kennenlernte.
»Was wird aus ihr?«, murmelte ich. Ich wagte nicht, ihm in die stechend grünen Augen zu sehen.
»Sie wird mit uns gehen.«
Seine Worte klangen nüchtern, aber als er den Blick über ihre leblose Gestalt schweifen ließ, fühlte ich deutlich einen nostalgischen Schmerz in seiner Brust aufwallen. Sie kannten einander. Und auch, wenn sie Jahre voneinander trennten, gab es dennoch etwas, das sie miteinander verband. Unsichtbar. Lautlos. Aber es war da.
Ich nickte wieder, diesmal verhalten. Aus heiterem Himmel schulterte der Dämon die Düsterfee wie einen plumpen Sack Kartoffeln, umklammerte ihre Beine mit seinem rechten Arm und schob mir seine linke Hand entgegen. Was erwartete er? Dass ich einschlagen würde? Durfte ich? Ging ich einen Pakt mir ihm ein, wenn ich sein und mein Wort mit einem Handschlag besiegelte?
Zitternd hob ich die Hand, doch ich wagte nicht, seine Finger zu berühren. In diesem Moment vernahm ich ein tiefes Schnauben, gefolgt von Donnergrollen. Ich drehte mich zur Seite und sah die Reiter kommen, von denen Karon gesprochen hatte. Auf wilden Pferden mit wallenden Mähnen rauschten sie am Kloster vorbei und polterten auf uns zu. Nur eine Minute, vielleicht weniger, und sie wären hier. Vor meinem geistigen Auge sah ich die Hölle losbrechen. Meine Emotionen wollten sich mit Karons verbinden, aber ich stieß auf nichts anderes als Finsternis in ihm.
Er nahm mir diese Entscheidung ab, griff zu und umschlang meine Hand mit seinen kühlen Fingern. Energisch zog er an mir, als wollte er mich zu sich zerren. Ich taumelte vor, spürte ein kleines Reißen in meiner Seele, und als ich erschrocken zu ihm aufsah, hatte sich die Welt um uns herum verändert. Einfach so. Die Felsen waren einer moosbewachsenen Lichtung gewichen; die Bergspitzen in der Ferne einem Meer aus Bäumen, so hoch, dass ich ihr Ende kaum erkennen konnte. Zwischen ihren prachtvollen Kronen schimmerten einzelne, goldene Sonnenstrahlen hindurch. Die Zweige und Äste verschluckten sie auf ihrem Weg zum Grund. Jeder Windhauch, der in ihrem Blätterdach raschelte, erzeugte wunderschöne Lichtreflexe auf dem feuchten Waldboden. Um uns herum herrschte Stille. Nur der Wald, das Knistern der Blätter, das Pfeifen des Windes und das Knarzen der Baumstämme war zu hören. Sonst nichts.
Ich blinzelte. Konnte das wahr sein? Sofort tastete ich nach meinem Herz. Das Reißen, das ich in meinem Inneren verspürt hatte, als Karon mich aus der Wirklichkeit gerissen und in diese surreale Welt geschmissen hatte, kam mir in den Sinn. Seine dämonische Macht hatte mich berührt. War ich dadurch verdorben? Verloren? Was war mit mir geschehen?
Langsam schaute ich zu ihm auf und bemerkte ein kleines, überhebliches Grinsen, das seine Mundwinkel anheben wollte. Ich versuchte, in seinen Augen zu lesen, doch kaum, dass ich meine Konzentration in seine Richtung schickte, vernahm ich einen tiefen, dumpfen, knurrenden Laut aus dem Dickicht des Waldes.

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beta
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