Scream

„Andy! Ashley! Kommt her, ich muss mit euch reden!“

Unser Manager packt Ash und mich, den Einen links, den Anderen rechts, und schleift uns in den Technikraum.
Kaum, dass die Türe hinter uns ins Schloss gefallen ist, schreit er auch schon los:

„Was fällt euch eigentlich ein!? Was glaubt ihr eigentlich, wer ihr seid, zum Teufel?! Hört auf, solche Lügen zu verbreiten!!! Das schadet dem Ruf der Band, mal ganz davon abgesehen, dass es echt widerlich und pervers wäre!“

Da breche ich in Tränen aus.
Das alles ist zu viel für mich.
Ich kann nicht mehr.
Ich will nicht mehr.
Ashley nimmt mich in den Arm.
Ich kralle mich in seine Lederjacke und schluchze hemmungslos gegen seine Brust.
„Es ist gut… alles in Ordnung, mein Engel.“
Er hat es schon wieder gesagt.
Und mein Herz schlägt höher.

Ash sieht unserem Manager direkt in die Augen.
Und seine Stimme ist ruhig:
„Das ist keine Lüge.“
Vier Wörter, die mir in diesem Moment mehr bedeuten als die gesamte Welt.
Und dann passiert etwas, das ganz untypisch für unseren Manager ist.
Er schreit nicht.
Schnappt nicht empört nach Luft.
Hält uns keinen Vortrag über die Konsequenzen.
Aber das was er sagt, schmerzt mehr, als alles, was mir bisher wiederfahren ist:
„Andrew, du weißt was der Arzt im Krankenhaus gesagt hat?! Ich habe dich da rausgeholt, aber ich…“
Er deutet auf sich selbst.
„Ich kann dich da auch wieder reinbringen. Ich kann dafür sorgen, dass du in eine Irrenanstalt eingewiesen wirst! Willst du das?!“

„Nein… ich… ich…“, stottere ich, doch er hört mir nicht zu.

„Gut. Ich organisiere ein Interview. Ein einziges Interview, in dem ihr bekanntgebt, dass das alles bloß Show war. Dass es nicht echt ist und dass ihr auf Frauen steht, denn alles andere…“
Er verzieht angewidert das Gesicht.
„Alles andere raubt der Band die weibliche Fangemeinde und ist pervers. Haben wir uns verstanden?!“

Er steht auf und geht zur Türe.

„Ach ja, und noch was: Ich will, dass das aufhört. Ihr gehört nicht zusammen. Nie! Verstanden?! Das gehört sich nicht unter Bandmitgliedern. Sollte ich euch in irgendeiner verdächtigen Position oder bei irgendwelchen Spielchen erwischen… na, ihr wisst schon. Heute von mir aus, aber ich will, dass morgen wieder alles beim Alten ist. Klar?!“

Damit knallt er die Türe hinter sich zu und lässt uns alleine.
Ich kann noch nicht einmal weinen, so fertig bin ich.
Ich sitze bloß da und starre an die Wand.
In mir schreit alles.
Und schmerzt.
Und sträubt sich.
Aber ich weiß, dass unser Manager recht hat.
Er hat die Macht, mich in eine Irrenanstalt einzuweisen und ich weiß, dass er es tun wird, falls ihm irgendetwas, was ich tue, gegen die Hutschnur läuft.

„Andy…“
Ashleys Hand streicht beruhigend über meinen Rücken.
Er will mich trösten.
Und ich wünschte, er könnte es.
Ich wünsche es mir so sehr, aber ich weiß, dass es nicht klappen kann.
Deshalb stehe ich auf und weiche vor ihm zurück.
„Nicht… bitte… ich will nicht, dass es noch schlimmer wird, als es ohnehin schon ist.“
„Andy…“
„Ich darf dich nie wieder berühren. Nie wieder ansehen. Nicht so, dass es auffällig wäre. Ich will das alles nicht mehr. Ich habe dich gerade gefunden, und es tut so weh. So weh…“

Schmerz.
Schmerz.
Schmerz.

Ich breche zusammen.
Blackout.

„Andy!“

Dunkelheit.

Stille.

Kälte.

Ich bin allein.

Allein.
Allein.
Allein.

„…Wir sind allein
Allein allein
Allein allein
Allein allein
Allein allein
We look into faces
Wait for a sign
Wir sind allein
Allein allein
Allein allein

A prisoner behind the walls
A heart away
Once to lead ours universe
Just a heart away
The time has come for us to laugh
A heart away
To celebrate our lonelyness

Wir sind allein
Allein allein…“, singt Felix Räuber (Polarkreis 18)

„…Oh, this is the end of everything that I´ve known
No way of knowing if I´ll ever be home
I don´t ever want to be alone, ALONE
Oh, and if I try to make it out of this town
No way of knowing if I´ll ever be found
I don´t ever want to be alone, ALONE…“
Ronnie Radke (Falling in Reverse)

Songs…
Zitate…
Gespräche…
Auftritte…
Schmerz…
Interviews…
Fans…
Hater…

Ich kann nicht mehr.

Schwarz…
Weiß…
Hell…
Dunkel…
Wasser…
Feuer…
Liebe…
Hass…
Ash…

Bitte.
Bitte, lasst mich gehen.
Ich habe genug.
Ich liebe ihn doch.
Ich liebe ihn so sehr…

Alles dreht sich.
Wie in einem Karussell.

Rot…
Blau…
Grün…
Gelb…
Blut…
Ruhe…
Hoffnung…
Vertrauen…

Nein. Nein.
„Neeeeeeeiiiiiii!!!“
Ich schreie.
Ich schreie, bis ich heiser bin.
Weil es so weh tut.
Weil ich mich für meine Gefühle hasse.
Weil ich das alles so satt habe.

Alles um mich ist verschwommen.
Meine geballte Faust trifft hart auf die Wand und hinterlässt eine Delle.
Meine Fingerknöchel bluten.
Es interessiert mich nicht.

„Andy… hör auf damit, dich zu verletzen.“

Erst jetzt nehme ich Ashs Stimme wahr.
Ganz dicht bei mir.
Ich lehne mich gegen ihn, weil ich umzukippen drohe.
Ich sehe alles verschwommen.
Kann nur noch fühlen.

Schmerz…
Liebe…
Ash…

Er hält mich fest.
Hat seine Arme von hinten um meinen Oberkörper geschlungen.
Sein Kopf ruht auf meiner Schulter.
Ich kann seinen heißen Atem an meiner Wange spüren.
Und ich genieße es, obwohl ich weiß, dass es das letzte Mal sein wird.
Nein… weil ich weiß, dass es das letzte Mal sein wird.

„Andy…“
Ashs Stimme nicht mehr als ein Flüstern.
„Ich liebe dich… und ich will nicht, dass es so endet. Wir finden einen Weg. Ich verspreche es dir.“
Und dieses Versprechen klingt so schön, dass ich einen Moment lang sogar daran glaube.

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