Sechs Monate später

Silvia war im Mutterschutz und sah beinahe so aus, als hätte sie einen Medizinball geschluckt. Schade war, dass sie kaum eine Freundin hatte, die sie regelmäßig sah. Die Mädels von damals aus dem Internat waren alle in ziemlicher Entfernung angesiedelt, mit den Freundinnen aus der Schulzeit hatte sie schon lange keinen Kontakt mehr, weil man sich nicht mehr sah, seit  sie ins Internat gekommen war. Immerhin war sie schon sechsundzwanzig. Sie hatte zwar mit einer Kollegin zusammen, begonnen, ins Fitnesstudio zu gehen, aber seit sie schwanger war, sah sie auch die kaum mehr. Gut, Lisa rief ein, zwei mal in der Woche an und erkundigte sich nach ihrem Befinden, aber Silvia war klar, dass sie bei der Geburt alleine sein würde. Manchmal wünschte sie sich, sie hätte sich mit Gerhard nie gestritten und er wäre noch am Leben...

Den Berechnungen ihres Arztes zu Folge hatte sie noch vier Tage bis zur Niederkunft. Kritisch stand sie vor dem großen Spiegel. Dort wo man sonst ihre Beckenknochen fühlen konnte hatten sich über Nacht zwei kleine Dehnstreifen gebildet. "Oh nein!" rief sie enttäuscht aus. "Ich hab dich doch die ganze Zeit brav eingecremt, du dummer Bauch! Wieso tust du mir das an?" Sie hoffte, dass sie nicht noch größer würden. Wie fast alle Frauen fasste sie  diese kleinen Geweberisse als großen Makel auf. Ihr Bauch war wirklich riesengroß geworden. Sie konnte sich gar nicht vorstellen, dass der jemals wieder auf seine normale Größe schrumpfen könnte... Oh, Gott, was war das denn? Fruchtwasser? Ihre Schenkel waren plötzlich triefnass und nun erst spürte sie die Nässe vom Slip bis zum Boden. Sie rief die Rettung und wurde innerhalb Minuten abgeholt. Ihre Sachen hatte sie schon vor Wochen vorbereitet, um jederzeit startbereit zu sein. Da lag sie nun im Rettungswagen und sah an die Fahrzeugdecke. Der Fahrer bemühte sich, möglichst sanfte Manöver zu fahren, damit sie nicht so durchgeschüttelt würde. Man hatte sie ja nicht anschnallen können, an die Trage. Ihr Blick fixierte die Deckenlampe. Sie brauchte einen Fixpunkt zum Ansehen, damit ihr nicht schlecht wurde. Die letzten Monate gingen durch ihren Kopf... Sie hatte nicht eine Sekunde daran gedacht, das Kind nicht auszutragen. Auch in ihrer Lage! Das Kind war ihr vom ersten Augenblick an heilig gewesen! Sie hatte bei jeder Untersuchung Wert darauf gelegt, dass man ihr nicht sagte, ob es ein Junge oder ein Mädchen sei. Es würde ein Kind eben. IHR Kind! Die ersten drei Monate hatte sie sich fast jeden Tag übergeben, doch jetzt schien sich ihr Körper daran gewöhnt zu haben für zwei zu sorgen...

Der Sani und der Zivildiener waren sehr lieb. Als sie Silvia in die Frauenstation brachten redeten sie beruhigend auf sie ein. Während der Zivildiener die Anmeldung erledigte, blieb der Sanitäter bei ihr. "Keine Angst! Ich bleibe bei ihnen, bis sie von einem Doktor oder einer Hebamme hier abgeholt werden. Ich lasse sie nicht alleine hier rumstehen! Gehts ihnen gut? Ist noch alles in Ordnung bei ihnen?" Silvia nickte.

Eine junge Frau erschien mit zwei Mädchen, möglicherweise In der Ausbildung befindlichen Hebammen. "Guten Tag! Ich bin Susanne Scheller, diplomierte Hebamme. Wir bringen sie jetzt in den Kreißsaal und werden sie untersuchen. Haben sie keine Angst, sie sind bei uns in guten Händen!" Silvia mußte sich auf ein Krankenbett legen und wurde zur Untersuchung geschoben. Eine Doppeltür ging automatisch auf, Silvia wurde hindurch geschoben. Bevor sie sich wieder schloss, sah sie noch die beiden Sanis, die sie gefahren hatten, mit den Daumen nach oben zeigend. "Alles Gute!" rief der Zivi ihr noch nach...
       

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