Sechstes Lied - Verrat

Nach einem flüchtigen Blick zu Jeyla nahm der Kommandant die Papiere entgegen. Er bedeutete Menélos, zu bleiben. "Jeyla, berichte ihm, wovon du mir erzählt hast." befahl er seiner Gefangenen und brach das Siegel der als höchst dringlich markierten Depesche aus dem Kommandozentrum der koordinierten kaiserlichen Streitkräfte.

An die kaisertreuen Einheiten

*

Die nördliche dritte Armee

unter General Sigurd

ist der Meuterei und des

Hochverrats schuldig und

hiermit zum Feind des Reiches

erklärt.

-

Widerrechtlich hat sich

der Verräter Sigurd in

Freienberg zum König

der nördlichen Provinzen

Freienberg, Sartun und

Zorsburg krönen lassen.

-

Alle nördlichen Einheiten

haben sich unverzüglich

in Grauensteyn zu versammeln,

um besagte Gebiete zurück

zu erobern und die Abtrünnigen

zu vernichten.

Kommando führt General Aedyl.


Gezeichnet

Kriegsminister Radian

Entsetzt starrte Fyorr auf das Papier in seiner Hand. Sein Blick wanderte zu Jeyla, die noch immer in Ketten Menélos Bericht erstattet hatte und nun schweigend und nervös der weiteren Geschehnisse harrte.

Fyorr reichte seinem Ersten Offizier die Nachricht und wartete ab, bis Menélos schließlich bleich zu ihm aufsah.

"Das..." stammelte er.

Fyorr nickte. "Deswegen sind wir hier. Jeyla spricht wahr. Sigurd wusste, dass die schwarze Kompanie dem Kaiser nie die Treue brechen würde. Diese angebliche Rebellion auf Osinys war ein Vorwand, um uns aus dem Weg zu haben!"

Menélos ballte die Fäuste zusammen. "Dieser Bastard!"

"Aye. Dafür wird er bluten, das schwöre ich bei Edda und allen Racheengeln!"

"Dann also auf nach Grauensteyn?" fragte Menélos.

"Ja. Wir brechen sofort auf." Fyorr überlegte kurz, und fügte hinzu: "Sobald dieser elende Sturm vorüber ist.".

Sein Stellvertreter salutierte und verließ eilig das Zelt, nicht ohne Jeyla entschuldigend zugenickt zu haben.

Fyorr erhob sich von seiner Pritsche und ging zu seiner Gefangenen hinüber. Sie zuckte zusammen, als er sich zu ihr hinunter beugte. Und sah überrascht, wie der riesige Mann die Schellen um ihre Handgelenke aufschloss.

"Ich muss mich bei dir entschuldigen. Du hast die Wahrheit gesagt. Osinys ist unschuldig. Meine Kompanie... wir sind unter falschem Vorwand hier her geschickt worden. Ich kann dein Volk nur um Vergebung für eure Toten bitten."

Überrascht und schon fast schockiert bemerkte sie die ehrliche Trauer in den Augen des Mannes. Wieso machte es ihm nun auf einmal etwas aus?

Sie schluckte. "Ich muss schon sagen. Ich hatte gedacht, ich würde als eure Hure enden."

Entrüstet erhob sich Fyorr und starrte sie wütend und verletzt zugleich an. "Was glaubst du eigentlich, bin ich? Ein ehrloser Bastard?"

Irritiert von seinem Ausbruch rappelte sie sich hoch und wich vor ihm zurück. "Aber ihr habt all diese Menschen abgeschlachtet! Was hätte ich denn anderes erwarten sollen?" stammelte sie, verängstigt von dem Zorn des Hünen.

"Im Krieg muss manches eben getan werden! Aber ich würde nie einen Unschuldigen töten, oder einer Frau meinen Willen aufzwingen! Meine Männer und ich sind Krieger, keine Bestien! Wir lieben die Schlacht, ja. Aber wir haben verdammt noch mal auch einen Kodex! Ein Mann hat schließlich auch seine Ehre."

Er funkelte sie an.

Jeyla wusste nicht, wie sie darauf reagieren sollte. Alles an diesem Fyorr schrie nach unzivilisierter Wildheit. Dass unter dieser stacheligen Schale ein guter Kern steckte, hätte sie nie erwartet.

"Ich..." Sie ging einen Schritt auf ihn zu und hob entschuldigend die Hände." Ich wusste nicht..."

Er schnitt ihr mit einer herrischen Geste das Wort ab.

"Das ist nicht von Belang. Aber ich und meine Kompanie - Wir werden unsere Blutschuld bei deinem Volk begleichen. Sigurd wird büßen für seinen Verrat an der schwarzen Kompanie und dem Kaiser. Und er wird mit Blut bezahlen, für die Toten, die seinen Machenschaften auf Osinys zum Opfer gefallen sind. Das schwöre ich bei meiner Ehre!"

Er nickte ihr zu. "Hab keine Angst. Solange der Kaiser den Rest der Armee zusammenhält, kann sich Osinys darauf verlassen, gerächt zu werden."

Jeyla sah perplex auf den Rücken des Mannes, der sich von ihr abgewandt hatte, um nun die kaiserliche Botschaft zu lesen. Wer hätte gedacht, dass er in ihren Augen so schnell von einem Feind zu einem Freund hätte werden können. Auch er und seine Männer waren die Opfer in diesem Spiel der Mächtigen. Das Massaker von Osinys hatte die Ehre dieser Krieger besudelt, und nun brannten sie genau wie ihr Volk auf Rache. Allerdings konnten diese Soldaten im Gegensatz zu den armen Menschen der Insel tatsächlich etwas ausrichten. Sie hatten Waffen, waren erfahrene Kämpfer und hatten viele Verbündete. Fyorr hatte Recht. Solange die kaiserliche Armee unter einem Banner vereint blieb und die Treueschwüre auf den Herrscher im weißen Turm die Generäle davon abhielten, es Sigurd nach zu machen, würde Osinys seine Rache bekommen.

Auch wenn ihre Rächer seltsamerweise diejenigen sein würden, die auf den ersten Blick die Verursacher des ganzen Leids waren.

Sie legte den Kopf schief, als sie bemerkte, wie Fyorrs Schultern abgesackt waren. Wortlos ließ er sie zurück, als er mit hängendem Kopf das Zelt verließ.

Die kaiserliche Botschaft lag zerknüllt auf dem Boden.

Kurz zögerte sie, bevor sie sich nach dem Papier bückte und die Nachricht las.


Der Kaiser ist tot.

Der weiße Turm gefallen.

Hiermit erklären sich die

Südlande für unabhängig.

Heil General Asuna!

Heil König Asuna!

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