Seelenfeuer


Kapitel 16

Seelenfeuer


Sherry war außer sich vor Rührung, als wir heute Morgen miteinander telefonierten. Sie hatte sich ganz jung und begeistert angehört. Das hatte mir wieder einmal auf wundersame Weise klargemacht, dass es richtig war, dass nun ich statt ihrer in der Villa wohnte.

Meine Familie war heute Morgen abgereist, sodass ich trotz der kleinen Party gestern Abend, die wir in der Villa zu Ehren Lenas veranstaltet hatten, früh aufstand, um sie auf dem Hauptbahnhof zu verabschieden.

Noch dazu hatte Lenas Auszug angestanden. Wir hatten alle fleißig Kofferpacken geholfen, damit sie diese traurige Tätigkeit nicht alleine verrichten musste. Sie hatte ihr Ausscheiden tapfer hingenommen und war erhobenen Hauptes und mit einem Lächeln auf dem Gesicht aus der Villa gezogen.

Gegen eins kam ich das erste Mal an diesem Tag dazu, etwas zu essen. Ich schmierte mir hektisch zwei Brote und schaltete dann mit fahrigen Fingern den Fernseher ein, da ich mich danach sehnte, den gestrigen Abend aus den Augen einer Außenstehenden betrachten zu können. Verzweifelt zappte ich durch die Kanäle, da erklang hinter mir Damiens Stimme. „Du kommst zu spät. Es ist schon vorbei.“

Ich drehte mich enttäuscht zu ihm um. „Das darf doch nicht wahr sein. Ich wollte deinen Auftritt sehen. Gestern habe ich kaum etwas davon mitbekommen.“

Eine Reihe von Gefühlen spielt sich auf seinem Gesicht ab – Überraschen, Verwirrung und Freude – ehe es wieder ausdruckslos wie vorher wurde. Er veränderte sich mit jedem Tag mehr zu einem ernsten erwachsenen Mann und diese Veränderung erinnerte mich so sehr an Sherry, dass ich begann, mir ernsthafte Sorgen zu machen. „Hast du etwas davon gesehen?“

„Nur die Entscheidung.“, erwiderte er.

Warum sah er mich nicht mehr an? Ich wollte ihn fragen, ob es sehr krass rüber gekommen ist, wie ich zu ihm auf die Bühne gestürmt bin, doch etwas in seinem Blick hielt mich davon ab und ließ es mir kurzzeitig völlig egal werden. „Geht es dir nicht gut?“

Er schien zu überlegen und dann etwas sagen zu wollen, um schließlich nur den Kopf zu schütteln. Dann setzte er mir ein völlig fremdes Lächeln auf. „Alles bestens. Ich habe gestern gesehen, dass du mit Sascha raus bist.“

Irgendwie fühlte ich mich seltsam ertappt bei seinen Worten und rechtfertigte mich sofort: „Nein, so kannst du das nicht sagen. Ich hatte vor, etwas allein zu sein, darum bin ich auch nicht zu dir gekommen. Er hatte wohl dasselbe vor und wir sind uns draußen begegnet.“

„Na, das ist doch gut, oder nicht?“

„Ja!“ Ich wusste nicht, was mich plötzlich so wütend werden ließ. Vielleicht seine gespielte Fröhlichkeit. „Ich habe keine Lust, darüber zu reden.“

Er setzte sich auf die Lehne der Couch. Warum war seine Gegenwart plötzlich so aufreibend für mich? „Okay, willst du vielleicht darüber reden, warum du so wütend bist? War etwas mit deiner Mutter?“

Ich schüttelte den Kopf und beruhigte mich langsam. „Nein, oder vielleicht doch. Ich muss mir langsam eingestehen, dass ich über sie und Lilly lange unbegründet sehr böse Gedanken gehegt habe. Das ist eine bittere Pille. Ich habe mich gern als das arme Opfer betrachtet, aber in Wirklichkeit bin ich genauso schuldig wie sie.“

„Es geht doch nicht um Schuld, Fay, sondern viel mehr darum, dass du das einsiehst. Weißt du eigentlich, wie erwachsen du klingst?“

„Ich bin erwachsen, Damien!“, erwiderte ich ungeduldig und mit einer neuerlichen Spur von Ärger in der Stimme.

„Andere in deinem Alter reden ganz anders, das habe ich gemeint.“, sagte er, in einem Versuch, mich zu besänftigen, was kläglich misslang. Ich fragte mich, ob er absichtlich mit seinen Worten diese Altersbarriere zwischen uns schuf, über die wir nie gesprochen hatten - schließlich waren es nur vier Jahre. Alles war plötzlich so verkrampft und entsetzt bemerkte ich, wie mir die Tränen in die Augen schossen, sodass ich mich schnell von ihm abwandte.

„Weinst du jetzt etwa?“

„Nein.“, sagte ich ärgerlich und versuchte verzweifelt, meine Tränen wegzublinzeln, was lediglich zur Folge hatte, dass sie mir über die Wangen rollten.

„Fay, habe ich dich zum Weinen gebracht?“

Ich merkte, dass er näher rückte. Ich rückte ärgerlich noch weiter weg. „Es geht nicht um dich!“ Lügnerin, Lügnerin, Lügnerin! Warum kann ich nicht mehr ehrlich zu ihm sein?

Doch auch ohne meine Ehrlichkeit, hatte ich das seltsame Gefühl, dass er ganz genau wusste, dass es doch um ihn ging. Was ihn zu verwirren schien, das sah ich ihm an, als ich mich ihm zuwandte.


Damien:


Immer wenn ich mit uns abschloss, zog sie so etwas ab! Sie fühlte es auch, da war ich mir ganz sicher. Das waren nicht Saschas Tränen, sondern meine, die da ihre Wangen herunter rollten. Warum wollte sie das nicht wahrhaben? Warum ängstigte sie das so? Ob es etwas geändert hätte, wenn ich ihr meine Gefühle gestanden hätte? Wahrscheinlich schon, aber ich war so verunsichert, dass ich mich nur weiter wie der beste Freund verhielt und begann, sie durchzukitzeln, was eigentlich mehr eine billige Masche war, sie berühren zu können als der Versuch, sie zu trösten. Trotzdem gelang mir beides. Schon bald waren ihre Tränen getrocknet und sie lachte aus vollem Halse, während ich ihre Arme über ihrem Kopf festhielt.

Da bemerkten wir beide, dass ich keine Hand mehr freihatte, sie zu kitzeln. Dennoch verweilte ich über sie gebeugt und hielt sie fest. Es war wieder wie ein Sog und erneut schoss ich all meine guten Vorsätze in den Wind. Ich brauchte diese Lippen auf meinem Mund. Gerade suchte ich nach der Zustimmung in ihrem Blick, als uns ein Kamerablitz in helles Licht tauchte. „Bitte lächeln.“

Ich sprang wie von der Tarantel gestochen von ihr herunter und sie setzte sich in demselben Tempo auf. Ihre Wangen waren tief rot und ich dachte noch, dass sie wunderschön war, bevor ich Nicolás anging: „Wieso zum Teufel fotografierst du das?“

Er zuckte lediglich die Achseln und war wie immer die Ruhe selbst. „Weil es ein Bild für die Götter war. Ich habe beschlossen, unseren Aufenthalt hier zu dokumentieren und für die Nachwelt festzuhalten. Und ich würde sagen, das ist mal ein gelungener Auftakt.“

„Du hast doch nicht vor, das der Zeitung zu geben!“, sagte Fay entsetzt und mit flehendem Blick. Ich fragte mich, warum ihr Atem so schwer ging.

„Hm, ich weiß nicht.“, sagte Nicolás und ich wusste, dass er sie nur aufziehen wollte. Sie sprang voll darauf an. „Bitte, Nicolás! Das kannst du doch nicht machen. Was wirft das für ein Licht auf uns?“

Er wurde ernst und sah kurz zu mir herüber als er fragte: „Das richtige?“

„Es war nicht das, wonach es aussah!“, brüllte Fay verzweifelt, währenddessen wurde mir die Groteskheit der Situation bewusst, sodass ich geistesgegenwärtig dazwischen ging: „Er zieht dich nur auf, Fay. Er weiß sicher, dass ich dich nur durchgekitzelt habe, nicht war?“

„Ja, sicher.“ Seine Stimme tropfte vor Ironie, doch dann wandte er sich versöhnlicher an Fay. „Du weißt, wie gerne ich dich aufziehe. Von mir erfährt keiner etwas, was auch immer das eben gewesen sein mag.“

Das schien sie keinesfalls zu beruhigen. Mich beschlich das Gefühl, dass er die Situation in vollen Zügen genoss. „Was soll das denn heißen? Denkst du etwa, es läuft etwas zwischen uns? Glaubst du diesen Pressefritzen?“

„Ich weiß nicht, Fay, glaubst du ihnen?“

„Es reicht!“, ging ich dazwischen als ich sah, dass die Frage sie völlig überforderte. Gleichzeitig war ich mir sicher, dass sie sie nicht hätte klar beantworten können. Die Situation wurde noch unangenehmer als Sascha mit besorgter Miene den Raum betrat. Er sah von einem zum anderen bis sein Blick schließlich auf Fay hängen blieb. „Was ist denn bei euch los?“

„Die Gemüter sind etwas erhitzt, schätze ich.“, sagte Nicolás locker und ich hätte ihm den Hals dafür umdrehen können. Umso froher war ich, als er endlich den Raum verließ.

„Er kann echt anstrengend sein, oder?“, sagte Sascha. Mir war klar , dass er krampfhaft versuchte, die Situation aufzulockern. Die Luft war zum schneiden dick. Fay stand kerzengerade da und ihrer Haltung sah man deutlich an, wie angespannt sie war.

„Ich habe gerade das Thema für die nächste Liveshow erfahren. Das dürfte vor allem dich interessieren.“, wandte Sascha sich wieder ihr zu.

Sie schien sich endlich etwas zu entspannen. „Ach ja? Hast du auch vor, es mir zu sagen?“

Er lachte. Ich hatte das Gefühl, dass zwischen den beiden etwas passiert war. Oder gerade passierte. Ich fühlte mich wie ein Außenseiter zwischen zweien, die einen Insider-Witz machten. „Love-Songs. Das passt doch perfekt zu unserem Battle.“

Auch sie lachte. „Du meinst, deinen Bestechungsversuch.“

Jetzt wandte er sich wieder mir zu und sein Lächeln schwand, als er meine steinerne Miene bemerkte. „Außerdem haben wir gerade erfahren, dass wir morgen alle ein Interview für die Bravo geben sollen.“

„Toll.“, brachte ich hervor.

Er zögerte und schien noch etwas sagen zu wollen, warf dann einen Blick zu Fay, überlegte es sich aber anders, ehe er aus dem Raum ging und uns in unangenehmem Schweigen zurückließ.


Fay:


Am Morgen unseres Interviews erwachten meine Zimmergenossinnen und ich sehr früh. Alina tappte verschlafen in eines der vier Bäder, während Nici und ich uns noch nicht ganz dazu aufraffen konnten. Stattdessen nutzten wir die Gunst der Stunde, dass wir mal wieder allein waren. „Wie läuft es denn so zwischen Nicolás und dir?“

„Einfach traumhaft!“, erwiderte sie mit glitzernden Augen. „Und es wird nie langweilig mit ihm.“

Ich dachte voller Boshaftigkeit an die gestrige Szene zurück und erwiderte bitter: „Ja, das kann ich mir denken.“

Sie setzte sich auf und sah mich fragend an. „Stimmt etwas nicht?“

Ich zuckte die Achseln und begann, ihr alles zu erzählen. Es dauerte, ehe sie etwas dazu sagte. Ich sah ihr an, dass sie ihre Worte sorgfältig abwog. „Fay, bist du nie auf den Gedanken gekommen, dass Damien mehr von dir wollen könnte als Freundschaft?“

„So ein Quatsch!“, widersprach ich heftig, während wildes Verlangen nach ihm mir die Kehle zuschnürte. Ich drohte, an der Lüge zu ersticken. „Das ist völlig abwegig.“

„Du musst aber zugeben, dass das nicht ganz aus der Luft gegriffen ist. Ihr habt euch doch letztens geküsst… was hatte das dann zu bedeuten?“

„Keine Ahnung.“, sagte ich hilflos. „Wir waren beide froh, dass ich wieder da war...“

Nici lachte. „Das waren wir alle, trotzdem haben wir dich nicht leidenschaftlich hinter der Villa geküsst.“

Die Beweislast wurde erdrückend. Ich muss es so ausdrücken, denn ich fühlte mich tatsächlich wie in einem Verhör. Auf mein betroffenes Schweigen hin sagte sie versöhnlich: „Du musst ja nicht darüber reden, wenn du nicht willst. Tut mir leid, wenn ich dich bedrängt habe, vielleicht sehe ich das auch alles ganz falsch. Ich habe ja auch bemerkt, dass du und Sascha euch ein bisschen näher gekommen seid.“

Darauf sprang ich dankbar an. „Ja, nicht wahr? Wir wollen die Woche zusammen einen Kaffee trinken gehen.“

Und ich erzählte ihr von unserer Begegnung vor der Entscheidungsshow. Sie hörte wie immer mit beiden Ohren zu und spielte die Begeisterte, doch ich wurde das Gefühl nicht los, dass sie immer noch über die Sache mit Damien nachdachte. Und ich konnte mir partout nicht erklären, was mich so sehr daran störte.


Ich war gerade dabei, mir die Haare zu trocknen, als aus den Lautsprechern des kleinen Badezimmer-Radios I Love Rock´n Roll herausschallte. Und sei es nun meiner Schwärmerei für Sascha, oder meiner Ausgelassenheit wegen meines neuen Status als angehender Stern am Pophimmel geschuldet – ich begann lautstark in meinen Fön hinein zu singen, während ich mit nassen Haaren und nur in BH und Leggins bekleidet durch das ganze Bad tanzte.

„Wie ich sehe, bist du noch nicht ganz fertig.”

Zu Tode erschrocken drehte ich mich voller Grauen um. Sascha stand breit grinsend mit verschränkten Armen in der Tür. „I-ich bin gleich soweit.“

Er ging gekonnt über die Peinlichkeit und die Tatsache hinweg, dass ich noch halbnackt war: „Wieso singst du nicht mal eine Rocknummer? Das passt genauso zu dir wie die Balladen. Wenn nicht sogar noch mehr. Denk mal drüber nach.“

Damit war er wieder verschwunden und ich konnte mich ganz darauf konzentrieren, im Erdboden zu versinken.

Als wir schon mit den anderen zusammen auf der Couch im Studio saßen, war ich noch immer nicht in der Lage, ihn ansehen und mich auf die Worte der Reporterin konzentrieren zu können, die unsympathisch und aufgesetzt wirkte. Über ihre spitze Brille schien sie jeden Einzelnen von uns mit ihren Blicken zu röntgen. Ich wusste gleich, dass dieses Interview für uns alle unangenehm werden sollte.

„Mein Name ist Monika. Wer ihr seid, weiß ich bereits. Ich rede nicht lange um den heißen Brei herum, wir haben nicht viel Zeit.“ Wir warfen uns vielsagende Blicke zu, während wir alle denselben Gedanken zu hegen schienen: Die bekommt nichts aus mir heraus!

Doch sie machte ihre Sache besser als gedacht. Ihre Blicke waren messerscharf. Sie schien schon alles über uns zu wissen. Jede Antwort drehte sie in ein falsches Licht und entlockte uns unsere tiefsten Geheimnisse, während wir ihr zu widersprechen versuchten. Niemand kam gegen sie an.

„Sicher ist euch klar, was eure Fans am meisten interessiert.“, sagte sie und machte sich eifrig Notizen, obwohl niemand etwas sagte. Dann fuhr sie fort, ohne eine Antwort von uns abzuwarten. „Euer Liebesleben natürlich.“

Es folgten zehn langweilige Minuten, in denen sie sich nur mit Marc und Victoria beschäftigte, während wir anderen uns in trügerischer Sicherheit wogen. Doch als Nicolás und Nici sich unbeobachtet fühlten und einander kurz bei den Händen fassten, nahm sie die beiden sofort ins Visier. „Auch ihr habt euer Glück miteinander gefunden, wie ich höre.“

„Nun, das ist ja kein Geheimnis.“, sagte Nicolás locker und ich wusste, dass diese Antwort die Reporterin zur Weißglut brachte, da sie ihr journalistisches Können infrage stellte. „Du warst sicher schon vor Nici verliebt.“

„Nein.“, erwiderte Nicolás mit harmloser Miene und ich konnte wirklich nicht einschätzen, ob er uns alle auf den Arm nahm. Er war fünfundzwanzig Jahre alt. Ich begriff zu diesem Zeitpunkt noch nicht, dass Verliebtsein nicht viel mit der wirklichen Liebe zu tun hat.

Die Reporterin stieß ein verächtliches Zischen aus, ehe sie sich wieder zusammenriss und nachhakte: „Das ist doch nicht dein Ernst, oder?“

„Warum sollte ich lügen? Ich hatte schon Beziehungen, aber ich liebe dich, habe ich erst zu einer Person gesagt.“ Dabei warf er Nici einen so zärtlichen Blick zu, dass es mich vor Neid und Freude auf die Freundin beinahe in die Knie zwang.

Dass Damien diesen Blick von mir bemerkte, nahm ich erst zur Kenntnis, als die Reporterin sich uns zuwandte, als sie sah, wie er mich ansah. „Fay, jetzt sag du mir auch noch, dass Damien dein erster Freund ist!“

Ihre Augen glitzerten vor journalistischem Ehrgeiz und ich hatte ehrliche Angst vor ihr. „Wir sind kein Paar!“

„Wollte ihr es geheim halten? Oder warum leugnet ihr das vehement, obwohl sämtliche Zeugenaussagen und Bilder das Gegenteil beweisen?“

„Sind wir hier vor Gericht?“, fragte Damien wütend, ohne näher auf ihre Fragen einzugehen.

Sie wandte sich ihm mit einem zuckersüßen Lächeln zu, das etwas sehr Gefährliches an sich hatte. „Mein Lieber, lass dir gesagt sein, eine öffentliche Person zu sein heißt, sein Innerstes komplett nach Außen zu stülpen. Wenn ihr es uns nicht von selbst sagt, werden wir es herausfinden und können – bis es soweit ist – nur raten.“

Das war ganz offenkundig die Androhung einer hässlichen Lügengeschichte. Wir wussten vor Empörung nicht, was wir sagen sollten. Am liebsten wäre ich aufgestanden und einfach gegangen.

„Dann belassen wir es eben dabei!“, sagte sie, um Beherrschung bemüht und wandte sich Sascha zu. „Du bist ja zurzeit Single. Was würdest du sagen, auf welchen Typ Frau du stehst.“

Sascha schien ehrlich überfordert und seine Antwort kam zögerlich. „Das kann ich so genau nicht festlegen. Auf jeden Fall muss sie Humor haben und für jeden Spaß zu haben sein. Na und wie viele Männer mag ich kleine, feenhafte Frauen, die sich selbst nicht zu ernst nehmen.“

Bildete ich es mir nur ein oder schwenkte der Blick der Reporterin bei diesen Worten wirklich überrascht zu mir herüber? Schnell senkte ich den Blick, meine Wangen brannten und ich fühlte mich seltsam durchschaut.

„Danke für das offene Interview.“, sagte sich eine gefühlte Ewigkeit später. Dabei tropfte ihre Stimme vor Ironie. Mir fuhr unwillkürlich ein Schauer über den Rücken, als sie sich erhob und jedem von uns eine ihrer kalten Hände zur Verabschiedung hinhielt. Unser erstes Interview für eine große Zeitung hatten wir uns sicher alle anders vorgestellt.


Wieder zurück in der Villa, beschlossen Nici und ich, die Gunst der Stunde zu nutzen, dass alle noch wild über das Interview redeten, um das erste Mal den Whirlpool im Wintergarten für uns zu beanspruchen.

In freudiger Erwartung schnappten wir uns Handtücher, zogen unsere Bikinis an und schlichen wie Diebe ins Untergeschoss. Während Nici die Abdeckung zur Seite stellte, holte ich uns noch eine Flasche Sekt und zwei Gläser. Als wir schließlich so im Pool saßen, fühlten wir uns wirklich wie Stars.

„Ich komme mir vor wie eines der billigen Showgirls, die sich in Musik-Videos an die Kerle klammern.“, sagte Nici lachend und sank seufzend noch tiefer in das prickelnde, heiße Nass.

Ich hatte genüsslich die Augen geschlossen und sagte: „Mir egal. Nach diesem Horror-Interview haben wir es uns verdient, einen auf Tussen zu machen. Ich freue mich schon drauf, es gedruckt vor mir zu haben – Fay, die Lügnerin. Nachts verführt sie heimlich ihren besten Freund.“

„Du hast es echt drauf, einem den entspanntesten Moment kaputt zu machen.“, erwiderte Nici .Doch als ich ein Auge aufschlug, um zu sehen, wie wütend sie wirklich war, stellte ich belustigt fest, dass sie die Lider geschlossen hatte. Ihr zweites Glas war halb leer. „Weißt du, was es für Schlagzeilen gäbe, wenn wir betrunken im Jacuzzi ersaufen?“

Sie schlug die Augen auf und prustete los, ehe sie mir feierlich zuprostete: „Mit dir allemal gern.“

„Ich fühle mich geehrt.“ Die Tatsache, dass wir uns schon so nahe standen und gerade so entspannt waren, ließ mich meiner natürlichen Neugier folgen: „Nici? Bist du schon einmal richtig verletzt worden?“

„Du bekommst nicht genug von dem Interview, oder?“, lachte sie, ehe sie seufzte: „Ja, bin ich. Wer ist das nicht? Und du?“

„Ich habe es nie soweit kommen lassen.“, erwiderte ich automatisch. Aber dann ließ ich den Schmerz zu und sagte die Wahrheit: „Okay, das war gelogen. Vor vier Jahren hat mir mein erster Freund das Herz gebrochen, ich kann es nicht anders ausdrücken. Noch heute würde ich ihn als die Liebe meines Lebens bezeichnen. Und ich weiß, er hat mich nicht absichtlich verletzt. Er war ein guter Kerl, aber es hat mich zerfetzt. Seit dem habe ich nie wieder so gefühlt wie ich für ihn gefühlt habe. Vielleicht wird ein Teil von mir ja für immer ihm gehören...“

„Das ist schrecklich traurig, Fay.“, sagte Nici anklagend und ihre Augen glänzten, was mich rührte. Gleichzeitig verfluchte ich mich dafür, das Thema angeschnitten zu haben. Etwas, von dem ich geglaubt hatte, es längst überwunden zu haben, stieg mir die Kehle hoch, sodass ich hastig versuchte, die Leichtigkeit zurück zu bringen, indem ich abwinkte und erwiderte: „Jetzt hör schon auf.“

„Und was fühlst du für Sascha?“, wollte sie dann wissen. Ich zuckte die Achseln. „Das habe ich mich schon oft gefragt. Definitiv nicht dasselbe wie damals.“

„Tja, die Liebe kann man eben nicht erklären oder analysieren, lassen wir das also. Kommt Zeit, kommt Rat. Und wenn der Richtige kommt, wirst du es wissen.“

Just in diesem Augenblick betrat Damien den Raum, mich überlief eine Gänsehaut von Kopf bis Fuß. „Ist es sehr aufdringlich, wenn ich mich zu euch setze? Trinkt ihr etwa Sekt???“

Nici grinste breit und schämte sich kein bisschen, als sie erwiderte: „Gieß uns schon nach und dann hüpf rein.“

Damien schüttelte mit dem Kopf, tat aber wie ihm geheißen, ehe er zu uns ins Wasser stieg. Ich konzentrierte mich tunlichst darauf, nicht auf seinen nackten Oberkörper zu starren, was schwierig war, da er sich direkt an mich wandte. Der Sekt tat sein Übriges zu meinem Gedankenkarussell. „Und, was glaubst du, wie das Interview für uns gelaufen ist?“

„Nicht gut, deshalb betrinken wir uns ja. Wir hoffen, im Whirlpool zu ertrinken.“, entfuhr es mir, was ihn herzlich lachen ließ.

Als Nicolás sich ebenfalls zu uns gesellte, drängte Damien unter Nicis lautstarkem Protest, die beiden Turteltauben allein zu lassen und zog mich schließlich aus dem Pool.

„Wer zuerst in meinem Zimmer ist!“, sagte er und rannte ohne jedes weitere Wort los.

„He!“, brüllte ich, während ich mich an seine Fersen heftete und mein Handtuch achtlos am Pool liegen ließ. „Das ist nicht fair! Und was will ich in deinem Zimmer?“

Wir kamen vor lauter Lachen kaum voran, da unser Rennen wirklich grotesk aussah. Wir rutschten mit unseren nassen, nackten Füßen ständig auf den Fliesen aus. Ich war sicher, dass sich einer von uns noch den Hals dabei brechen würde. Doch ich war zu betrunken, als dass es mich gekümmert hätte.

Triumphierend kam ich irgendwie als Erste in Damiens Zimmer an, während von ihm keine Spur mehr zu sehen war. Ich rief siegessicher: „Erste!“ Dann bemerkte ich Sascha und mir fiel zu spät ein, dass dies hier ja auch sein Zimmer war. „Oh hi…“

„Macht ihr eine Modenschau oder so etwas?“, fragte er und sah mich verlegen an.

„Nein, tut mir leid.“, sagte ich nur und starrte ihn ratlos an.

„Bist du betrunken??“

„Ein bisschen.“, gab ich zu und musste grinsen, während ich mich krampfhaft daran zu erinnern versuchte, was ich in seinem Zimmer verloren hatte. Er überbrückte das peinliche Schweigen, indem er mir ein Handtuch zuwarf und sagte: „Du wirst dich noch erkälten. Ich will unseren kleinen Wettbewerb Samstag schließlich nicht mit unlauteren Mitteln gewinnen.“

Comments

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    Was für eine unsympathische Jornalisten, aber wahrscheinlich müssen die so sein und als Gegensatz die Wärme im Jacuzzi. Echt gut, ich frag mich nur was Damien macht, wenn er fest stellt das Sascha in seinem Zimmer ist. XD

  • Author Portrait

    oh, die kalte Realität... toll, wie du ihr gleich das warme Jacuzzi gegenüberstellst!

beta
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