Seifenblasen

Ich liebte Seifenblasen, als ich ein Kind war. Ich und mein Bruder hatten öfter mit Ihnen gespielt, als es Gras auf einer Wiese gab. Wir liefen und kletterten über die Dächer und Balkone unserer Stadt, fühlten wir der Wind durch unsere Haare wehte und tanzten zwischen diesen zarten, schimmernden Kugeln. Sie sahen aus, wie Glas, wenn sie durch die Gassen schwebten. Es hatte etwas magisches an sich. Etwas was uns aus unserer Welt riss und in eine neue, voller Träume führte. 
Wir hatten Hunger, niemals saubere Kleidung und hatten Angst vor den Gestalten, welche man Nachts in den Straßen beobachten konnte. Unsere Gesichter waren immer dreckig und unsere Knie immer blutig, wenn wir über die alten Häuser rannten. Die Seifenblasen aber, sie waren anders als alles in der realen Welt. Sie waren einfach wundervoll, so rein und leicht, so sorgenfrei schwebten sie einfach davon. Nichts band sie an uns, einen Ort oder die Erde. Aber wir konnten nie sehen, wo ihr Weg sie hinführte. 
Manchmal entwickelten wir Geschichten zu ihnen, wir erzählten sie unserer Mutter und sie lachte bei jedem einzelnen Wort was wir sagten.
Wir erzählten ihr von Eismagiern, die hoch oben, im Himmel zwischen den Wolken versteckt wohnten und Wasser und Schnee und Eis verwandelten. Wir erzählten ihnen von riesigen Füchsen mit drei Köpfen, die von Riesen als Haustiere gehalten wurden. Wir erzählten ihr von all den Sachen, von denen wir träumten, wenn wir aus dem Fenster schauten. Von Bergen, Flüssen, Schlössern und Tälen. Wir waren sorglos damals, wir hatten noch nichts von der realen Welt gesehen. Das hatte uns beide schwach gemacht.

Ich kann mich noch genau an den Tag erinnern, an dem es passiert ist. Eigentlich komisch, denn es war ein ganz normaler Tag und wir machten die Dinge die wir an ganz normalen Tagen taten. Na ja, fast. Ich war die Person, die vorschlag, statt in unserer Umgebung über die Dächer zu laufen, weiter zum stadtrand zu gehen. Wir hatten uns so viele Geschichten über die Welt außerhalb unserer Straße erzählt, jetzt wollte ich sie auch sehen. Zuerst lief es gut. Wir liefen immer geradeaus, um wieder zurück zu finden. Zuerst blieben die Häuser gleich. Sie standen dicht beieinander, waren gleich hoch und aus dem selben Stein gehauen wie unseres. Wie ich schon sagte: alles war normal.

Doch je weiter wir kamen, desto ärmer und ausgehungerter sahen die Leute aus, die wir trafen. Wir sahen krüppel auf den Straßen, bettelnd für eine Kupfermünze. Es war grauenvoll, aber wir blieben nie stehen, wir liefen immer weiter und weiter über die Dächer. Irgendwann begann die Armut auch Einfluss aus die Häuser zu nehmen, auf die wir liefen. Am Anfang waren es nur niedrigere Gebäude und hin und wieder konnte man ein leises Geräusch hören, wenn wir mit zu viel Schwung auf sie sprangen. Doch irgendwann bestanden die Dächer nur noch aus ein paar Lisen Steinen und Metallplatten. Wir waren leicht, jung und vor allem übermutig. Wir machten uns keine Gedanken über das, was passieren könnte.

Es war ein Fehler und ich war die erste die es bemerkte. Ich bemerkte wie die Dächer Dellen bekamen und sich gefährlich hin und her bewegten. Ich wollte umdrehen, doch mein Bruder hielt nichts davon.
"Komm schon, noch dieses eine Dach. Was soll schon passieren"

Ich tat nichts. Ich hätte schreien, ihn zur Seite stoßen oder einfach zurück zehren können. Doch ich tat es nicht. Ich sah einfach so zu, als das Dach einbrach und beobachtete wie er, wie in Zeitlupe, auf den Boden fiel. Seine Knochen wurden zersplittert, sein Fleisch zerquetscht und sein Genick gebrochen.

Und während er da lag, schwebten über ihn die Seifenblasen. Sie flogen zum Horizont. 

Comments

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    Ein schöner Auftakt :) ich bin jedenfalls sehr gespannt, was du aus diesem Projekt zaubern wirst :) ich wünsche dir viel Erfolg und bin jederzeit bereit dir mit Rat und Tat zur Seite zu stehen :) Alles Liebe, fia ♡

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    Ich wünsche dir viel Erfolg für dieses Unterfangen, und freue mich schon darauf dir am Ende das "A Million Words of Fiction" Achievement zu verleihen :3

  • Author Portrait

    Oh, da hast du dir ja etwas vorgenommen! Respekt! Die Geschichte oben hat mich berührt. Den krassen Widerspruch zwischen der Leichtigkeit und schillernden, aber kurzen Existenz der Seifenblasen zum scheinbar kargen, ärmlichen Alltag der Kinder schilderst du gekonnt. Unfassbar, wenn auch vorausgeahnt ab einem bestimmten Moment, das tragische Ende ...

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Fairy Dust

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