Seine Traumfrau 04. April 2016

Als er auf der Terrasse des Café "La Lorraine" die roten Erdbeeren auf seinem Stück Torte betrachtete, wurde ihm klar, dass der Frühling jetzt nicht mehr aufzuhalten war. Den Schatten, den er und sein Stuhl auf die Terrasse warfen, war kaum mehr größer als er selbst, so hoch hatte die Sonne den Himmel schon erklommen. Die rosa blühenden Pflaumenbäume an der Straße erinnerten ihn an die Bettwäsche seiner einst so geliebten Freundin, und die Vögel, die vergnügt zwischen den Ästen zwitscherten, ließen ihn etwas traurig werden. Dennoch waren die Sonnenstrahlen so intensiv, dass sie geradezu durch seine Brust hindurch schossen und jene welke Traurigkeit vergangener Tage so schnell wieder erstickten, wie sie aufgekommen war. 

Er war der Einzige auf der Terrasse und saß allein an einem kleinen Tisch. Auf dem Tisch selbst waren nur seine Tasse Espresso und sein Stück Erdbeertorte, das auf einem weißen Teller mit silberner Gravur "La Lorraine - seit 1891" serviert worden war. Das beigelegte Kuchengäbelchen glitzerte in der Frühlingssonne, genauso wie die Gravur und der Kaffeelöffel auch.
Im Kaffeelöffel spiegelte sich die Silhouette einer schönen Frau und er sah sich um zu erkennen wo sie herkam. Das gleichmäßige Geräusch ihrer hohen Absätze verriet sie. Von der Straße kommend ging sie entschlossen über die Terrasse, er kannte sie nicht, aber er war sich sicher, dass sie geradewegs auf seinen Tisch zuging. Alle anderen Tische wären frei gewesen,  sie hätte sich überall hinsetzen können, doch es täuschte nichts darüber hinweg: sie kam direkt auf ihn zu. 

Er hatte sie lange angestarrt, was ihm erst auffiel, als sie schon ein leichtes Schmunzeln im Gesicht trug. Es war ihm etwas unangenehm und er wusste nicht recht wie er sich verhalten solle. Frauen die so sexy aussahen schüchterten in immer etwas ein, noch schlimmer war es, wenn eine solche Frau auf ihn zukam.
Die Brünette kam immer näher, und er fragte sich ob er sie nicht vielleicht doch irgendwoher kannte, oder sie ihn...
Dem war nicht so. Er hatte sie nie zuvor gesehen. Unsicher versuchte er so unauffällig wie möglich an ihr hoch zu sehen, was ihn nur noch mehr einschüchterte. Um nicht einfach so blöd herum zu sitzen, stocherte er mit seiner Gabel in der Erdbeertorte. Die Erdbeersahne war so rosa wie die Bettwäsche seiner einst so geliebten Freundin.

Sein Puls beschleunigte sich immer mehr. Die schlanke Frau war nur noch einen Schritt von seinem Tisch entfernt und seine Gedanken fuhren Achterbahn. "Sie wird sich jetzt nicht wirklich zu mir setzen! Warum sollte sich eine fremde hübsche Frau einfach neben mich setzen?", dachte er  aufgeregt und versuchte so normal wie möglich zu wirken. Die Frau griff nach der Stuhllehne des neben ihm stehenden Stuhles und schob diesen etwas zurück, hing ihre schicke Handtasche über die Lehne und setzte sich elegant hin. Sie blickte ihm direkt in die Augen, woraufhin ihm der Atem stockte. Sie wartete nicht lange und fing an zu sprechen "Vous avez l'air surpris Monsieur", sagte sie und wirkte so unglaublich selbstsicher dabei, dass es ihm für einige Sekunden die Sprache verschlug. Erst jetzt bemerkte er wie schön ihre Lippen waren.
auf ihre Frage herrschte Stille. Bis er sein Verstand sein rasendes Herz wieder unter Kontrolle bringen konnte und er seinen Mund öffnen konnte, vergingen einige lange Sekunden. 
"J'avoue que ce n'est pas si quotidien que ça, qu'une femme comme vous me tient compagnie" sagte er, und versuchte so souverän wie möglich zu reagieren. Sein vorgetäuschtes Selbstbewusstsein verschwand aber schon in der nächste Sekunde als ihm die Frau auf deutsch antwortete: "Sie haben einen lustigen Akzent", sagte sie und musste etwas lachen. Er war derart überwältigt, wie diese Frau mit Fremden sprach, dass er eine ungeheure Kraft in ihren Augen sah. In ihren Augen sah er pures Glück und ihr Anblick ließ sein Herz aufflammen. Warum, wusster er nicht , aber es war wie ein Stichfeuer, tausend mal wärmer als die Sonnenstrahlen der Frühlingssonne. "Sie haben mich wohl enttarnt, Madame", sagte er und klang dabei, als hätte er gerade eine Partie Schach verloren. "Ist heute mein Glückstag, oder können sie mir erklären warum sich eine so wunderschöne Frau sonst an meinen Tisch setzt?", fragte er charmant und konnte die Situation noch immer nicht begreifen. "Ich hasse Komplimente, dass müssten sie eigentlich wissen", sagte sie mit einer klangvollen Stimme. "Ich kenne sie seit 40 Sekunden!" , antwortete er komplett irritiert und versuchte sich krampfhaft zu erinnern, ob er diese Frau irgendwann einmal begegnet war. Ihm fiel nichts ein. Überhaupt hatte er in seinem Leben noch nie eine derartige Situation erlebt. Er wollte fragen woher sie sich denn kennen, doch sie ließ ihm keine Zeit seine Worte zu sprechen. "Haben sie Lust mit mir in den Park zu gehen? Für ihre Figur wäre es sowieso besser, die Erdbeertorte stehen zu lassen!", sagte sie ironisch und stand von ihrem Stuhl auf. Sie sah ihn mit diesem "nun-komm-schon"-Blick an und zog ihre Sonnenbrille auf, durch die das Feuer ihrer Augen aber geradezu hindurch brannte.
Dass sie ihn gerade beleidigt hatte, bemerkte er gar nicht und versuchte weiterhin den Mann zu spielen. 
"Ich hätte ihnen zwar gerade einen Kaffee angeboten, aber dafür bin ich jetzt wohl zu spät dran". Er  legte ein paar Münzen neben den Teller, und trauerte jetzt schon dem halb aufgegessenen Stück Erdbeertorte hinterher.
In dieser so unbeschreiblichen Situation schossen ihm viel zu viele Gedanken durch den Kopf und ließen seine Sicherungen geradezu durchbrennen. Er war sich sicher diese Frau erst seit einer Minute zu kennen. Er hätte schwören können, sie auf der Terrasse das erste Mal gesehen zu haben.
Als er aufstand und ihre rosa Bluse sah, zweifelte nicht mehr daran, dass seine neue Traumfrau vor ihm stand.
Ihre Bluse war so rosa wie die Bettwäsche seiner einst geliebten Freundin.

- Lukas Schmitz-Eßer-           

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