Self-destruct personality

Ich stehe vor ihm. Nur wenige Zentimeter trennen uns voneinander. Wie gerne ich sie jetzt überbrücken würde. Die Luft zwischen uns scheint zu flimmern.
Aus meinem Haar lösen sich einzelne kalte Tropfen und fallen zu Boden, wo sie eine kleine Pfütze um meine Füße bilden.
Ashley mustert mich mit einem Blick, den ich zuvor noch nie an ihm gesehen habe und folglich auch nicht zu deuten vermag. Das kalte Wasser perlt von meiner Haut ab und sickert langsam in das Handtuch, das ich mir in die Hüften geschlungen habe. Ashs Blick streift den Verband auf meinem Arm, dann sieht er mich an. Ich weiß, was er denkt. Er kann nicht verstehen, warum ich mich verletzt habe. Warum ich versucht habe mich umzubringen.
Ich kann die Fragen förmlich hören, die ihm auf der Zunge liegen und die er mir gleich an den Kopf werfen will. Doch ich will sie nicht hören. Es gibt ohnehin nur eine Antwort auf all diese Fragen.
Und die fängt mit "Ich" an und endet mit "dich".
Aber das kann ich ihm unmöglich sagen. Noch nicht. Vielleicht irgendwann.
In ungefähr einer gefühlten Million Jahren.

Ich weiche seinem Blick aus und schiebe mich an ihm vorbei Richtung Bett, auf dem ich meinen Koffer abgestellt habe. Ich spüre förmlich wie seine Augen Löcher in meinen Rücken brennen. Weil er endlich wissen will, was mit mir los ist.

Ich ziehe den Reißverschluss des Koffers auf und beginne darin nach etwas Trockenem zum Anziehen zu suchen. Ich entscheide mich schließlich für ein schwarzes T-Shirt und eine schwarze, zerlöcherte Jeans. Und ich ignoriere Ashley gekonnt.

Erst als ich beginnen will mich umzuziehen, bitte ich ihn sich kurz umzudrehen, damit ich mir meine Boxershorts überziehen kann. Gehorsam dreht er sich zur Wand.

"Du kannst wieder schauen.", sage ich, während ich mir meine Hose anziehe.
Ash dreht sich zu mir um und beobachtet mich. Und schweigt. Und das macht mich beinahe verrückt.
Jetzt will ich doch wissen, was in seinem hübschen Kopf vor sich geht. Ich zittere immer noch vor Kälte und brauche daher beim Überziehen des T-Shirts etwas länger als sonst. Ash bemerkt das wohl. Er kommt auf mich zu und mustert mich besorgt.

"Andy, ist alles in Ordnung? Du zitterst ja.", stellt er fest und streckt mir seine Hand entgegen um mich zu berühren.
Erschrocken weiche ich zurück und plumpse auf mein Bett. Ash kommt noch näher und steht nun direkt vor mir.
"Andy, hast du Angst vor mir?"
Seine Stimme vibriert leicht und lässt mich ahnen, dass er die Frage ernst meint. Ich schüttle den Kopf und schaue weiter ängstlich zu ihm auf. Ich habe Angst. Nicht vor Ash, nicht direkt.
Aber vor seiner Reaktion, falls er herausfindet, was ich für ihn empfinde.

"Vor was dann?"
Ash hat sich vor mir auf den Boden gehockt und hat mir seine Hände auf die Knie gelegt. Ich reagiere nicht auf seine Frage und starre nur erschrocken auf seine Hände, die so angenehm warm auf meinen Knien ruhen.
"Andy?"
Ash hat seine rechte Hand gehoben und streicht damit sanft über meine Wange.
"Ich will doch nicht, dass du Angst hast.", flüstert er und ich schmelze beinahe dahin.
Das Kribbeln in meinem Bauch bringt mich um.

Und plötzlich bekomme ich wieder Panik. Ich muss hier weg! Ich kann nicht länger in Ashs Nähe bleiben.

Ich stehe auf und will an Ash vorbei aus dem Zimmer, aber an der Türe hält mich eine Hand zurück, die sich um mein Handgelenk geschlungen hat.
"Andy, bitte. Lauf nicht schon wieder weg."
Ashs Bitte klingt schon fast flehentlich.
Vorsichtig drehe ich mich zu ihm um. Warum schmerzt es nur so sehr ihn anzusehen?
Ich will das nicht mehr! Warum begreift das denn niemand?!

Tränen haben sich in meinen Augen gebildet und laufen warm und feucht über meine Wangen hinab. Mein Gegenüber verschwimmt vor meiner Sicht.
"Bitte, lass mich gehen, Ash. Bitte.", schluchze ich.
Ich starte einen schwachen Versuch mich aus seinem Griff zu befreien, aber zwecklos.

Dann spüre ich zwei starke Arme, die sich um meinen Oberkörper schlingen. Und da sacke ich komplett zusammen. Aber er hält mich fest. Streicht mir beruhigend über den Rücken.
Ich habe meinen Kopf in seine Halsbeuge gelegt und schluchze hemmungslos vor mich hin.
Ich spüre sein Kinn auf meinem Kopf. Spüre seine Hand, die mir vorsichtig mein noch immer feuchtes Haar aus der Stirn streicht.

Nach einiger Zeit habe ich mich einigermaßen beruhigt und atme schwer, aber immerhin, ich heule nicht mehr. Ich halte meine Augen noch geschlossen und inhaliere Ashs berauschenden Duft. Und da ist dieses Kribbeln wieder. Vorsichtig löse ich mich von meinem besten Freund und sehe ihn an.

"Warum?", flüstert er.
Ich drehe meinen Kopf, sodass ich Ash in die Augen sehen kann. Dem Mann, den ich liebe.
"Warum.hast du dich verletzt?", fragt er erneut.
"Ich... ich kann es dir nicht sagen.", murmle ich.
"Andy ich will die Wahrheit wissen."
"Aber, wenn ich dir die Wahrheit doch nicht sagen kann! Warum willst du das denn nicht verstehen?!", schreie ich ihn an.
Unglauben spiegelt sich in seinem Gesicht.
"Ich dachte, wir könnten uns alles erzählen?"
"Das aber eben nicht!", herrsche ich ihn an und drehe mich um.
Stürme aus dem Zimmer.

Ich renne den Flur entlang. Ich höre Ashs Rufe hinter mir. Er ruft nach mir. Ich fühle mich schrecklich. Ich habe meinen besten Freund angeschrien, ohne Grund.

Und dann sehe ich das offene Fenster am Ende des Ganges. Es ruft ebenfalls nach mir. Und mein Herz schreit nach Erlösung. Vorsichtig klettere ich auf das Fenstersims. Tief unter mir sehe ich Autos. Menschen hasten vorbei. Ich frage mich, wie es wohl wäre, hinunterzuspringen. Ob es wohl sehr schmerzt, wenn ich auf der Straße aufkomme?
Wohl nicht, schließlich überlebt niemand den Sturz auf Asphalt aus dem zehnten Stockwerk.

Plötzlich packt mich jemand von hinten um meine Hüften und zieht mich vom Fenster weg.
Drückt mich gegen die Wand, damit ich mich nicht wehren kann, was ich versuche. Irgendwann gebe ich es auf.
Es hat ohnehin keinen Sinn.
Er spürt es wohl, denn der Griff lockert sich, sodass ich mich umdrehen kann und direkt in Ashs warme braune Augen blicke, die mit Tränen gefüllt sind.
Er lässt mich los.
"Warum, Andy? Warum willst du dich unbedingt umbringen? Wieso versuchst du krampfhaft, dich zu verletzen? Ist das Leben in deinen Sugen denn gar nichts wert? Wir leben doch nur einmal. Bitte hör auf dich töten zu wollen. Du verletzt nicht nur dich damit. Du verletzt andere. Du verletzt mich."

Das ist zu viel für mich.
Ich breche zusammen und bleibe weinend auf dem Boden liegen.
Aber Ash ist bei mir.
Ich bin nicht alleine.

Comments

beta
Fairy Dust

Navigation

Languages

Social Media