Sieben Tage

Dicke Wassertropfen prasselten auf die ausgetrocknete Erde, die die Feuchtigkeit dankbar aufsog. Erste Schirme wurden aufgespannt, um der Nässe zu trotzen. Ich hatte keinen Schirm. Der Baum, unter dem ich stand, schützte mich gut genug vor dem Regenschauer, der erst vor Kurzem eingesetzt hatte.
Auf dem Friedhof war es so ruhig, dass ich das Schluchzen der Trauergäste und das Gemurmel des Predigers hören konnte. Meine Augen wanderten wie von selbst zu Olivia und Jamie herüber, die sich gegenseitig stützen mussten. Zack, Vanessa und Daphne blickten mit blassen Gesichtern ins Leere, während Lindas blonde Locken heftig geschüttelt wurden, als sie in einen Heulkrampf verfiel.
Cassidy hingegen stierte auf Hollys weißen, reichlich geschmückten Sarg, der neben dem Grab ihrer Eltern aufgestellt war. Wie ein Sinnbild für Reinheit und unvergänglicher Schönheit ragte er aus dem tristen und düsteren Meer aus pechschwarzer Finsternis heraus.
Das erste Mal seit einer Woche spürte ich wieder etwas. Ich wusste nicht genau, was ich fühlte, aber es war besser, als diese ewige Leere.
Seit Holly gestorben war, wandelte ich wie eine menschliche Hülle auf der Erde, ohne Seele; ohne Gefühle.
Ich hatte das Wichtigste in meinem Leben verloren, doch bis heute wollte ich ihren Tod nicht wahrhaben. Noch immer hoffte ich, dass irgendjemand anderes in diesem Sarg lag und gleich beerdigt werden würde.
Aber die Erinnerungen an die schicksalhafte Nacht kamen in mir hoch, um mich erneut zu quälen.
Meine Wiederbelebung war trotz meiner Bemühungen erfolglos geblieben. Der Moment, als ich meine Hände von ihrer Brust genommen und Holly somit aufgegeben hatte, war unvorstellbar grausam gewesen. Ich wäre zusammengebrochen, wenn ich nicht daran gedacht hätte Holly aus meiner Wohnung zu schaffen.
Ich hatte mir die Tränen aus den Augen gewischt, bevor ich sie wie mechanisch hochgehoben und das Schlafzimmer verlassen hatte. Im Wohnzimmer hatte ich, nicht unweit von der zerstörten Tür, Brolin entdeckt. Ein Loch hatte in seiner Stirn geklafft. Meine Vermutung war, dass Patton ihn in seiner Raserei einfach erschossen hatte.
Mickey war überhaupt nicht mehr zu sehen gewesen. Er war wahrscheinlich geflohen.
Aber hatte mich das interessiert? Nein.
Teilnahmslos war ich an Brolins Leichnam vorbeigegangen und hatte meine Wohnung hinter mir gelassen. Dann hatte ich mich auf den Weg gemacht, um Holly nach Hause zu bringen.
Der Regen wurde stärker. Ein Rauschen legte sich auf meine Ohren, das durch Polizeisirenen unterbrochen wurde. Sie kamen wegen mir.
Wie erwartet hatte Linda die Polizei verständigt, da sie wusste, dass ich auf Hollys Beerdigung anwesend sein würde.
Die Sirenen wurden lauter. Dennoch blieb ich stehen und betrachtete den weißen Sarg.
„Ich liebe dich, Holly“, flüsterte ich.
Dann nahm ich die Beine in die Hand und rannte durch den strömenden Regen meiner Zukunft entgegen.
Eine Zukunft, die der Hölle gleichkam.

Comments

beta
Fairy Dust

Navigation

Languages

Social Media