Siebtes Lied - Die Toten wollen Rache

Jeyla wusste nicht, wie sie mit ihrer plötzlichen Freiheit umgehen sollte. Gerade noch hatte sie durchaus um ihr Leben fürchten müssen, und nur durch unfassbares Glück hatte sich die Situation zu ihren Gunsten entwickelt. Dieser Fyorr mochte ein grausamer Krieger sein, der auch vor den abscheulichsten Taten nicht zurückschreckte, solange es nur seinen Zielen diente. Aber andererseits schien er dennoch ein Gefühl für Ehre zu haben.

Niemanden im Lager schien es zu interessieren, was sie trieb, und die Soldaten waren ohnehin zu sehr damit beschäftigt, die Sturmschäden zu reparieren. Der heftige Wind hatte sich zu einer beständigen steifen Brise beruhigt und die Männer sammelten verwehte Gegenstände ein oder reparierten die beschädigten Zelte. Niemand schenkte ihr wirklich Beachtung, und sie hätte einfach aus dem Lager spazieren können. Dennoch hielt sie etwas zurück.

Der Kommandant und seine Offiziere hatten sich zurückgezogen, und sie wusste, dass sie hier noch eine Aufgabe zu erfüllen hatte. Allein die Götter wussten, was passieren mochte, wenn sie diese Angelegenheit Fyorr allein überlassen würde. Sie war die Stimme ihres Volkes und durfte sich nicht aus ihrer Verantwortung stehlen. Die schwarze Kompanie hatte das Blut vieler Unschuldiger an ihren Händen. Osinys war nicht sonderlich groß. Viele der Geschlachteten hatte sie gekannt. Einige waren gute Freunde gewesen. Sie hatte eine Pflicht zu erfüllen und würde Schande über ihre Familie bringen und die Toten entehren, wenn sie sich jetzt ihrer Verantwortung nicht stellen würde.

Entschlossen wanderte sie durch die Zeltreihen und suchte nach dem stämmigen Hauptmann, der sie einfach ohne ein Wort in seinem Zelt zurückgelassen hatte. Einige der Soldaten hatten sie bemerkt, aber die selbstbewusste Art, wie die Fremde durch ihre Reihen ging, sprach für sich und schien auszustrahlen, dass sie sich mit Fug und Recht hier aufhielt. Jedenfalls hielt sie niemand auf.

Schließlich entdeckte sie den Gesuchten im Halbschatten eines großen Zeltes, dessen Planen hochgeklappt waren, inmitten einiger Männer, deren Rüstungen sich von denen der Soldaten unterschieden. Rote Helmbüsche und Umhänge wiesen die Soldaten als höherrangig aus, und scheinbar wurden sie gerade von ihrem Befehlshaber über die neuesten Entwicklungen in Kenntnis gesetzt.

Sie stiefelte direkt auf die Versammlung zu und wurde diesmal nun doch aufgehalten. Zwei Soldaten in Standarduniformen kreuzten ihre Speere und versperrten ihr den Weg zu Fyorr. Ihr lauter Protest erregte die Aufmerksamkeit des Kompanieführers und seine tiefe Stimme unterbrach das kleine Gerangel am Rand der Offiziersmesse.

"Frau, was tust du noch hier? Kehr zu deinem Volk zurück!"

Sie spuckte aus. "Das wäre Euch wohl recht, was? Ich lasse mich nicht einfach verscheuchen! Ich bin hier als Gesandte des Volks von Osinys, und wie ihr genau wisst, haben wir sehr wohl ein Mitspracherecht in dieser Angelegenheit! Auch, wenn Ihr uns aufgrund einer Intrige Dritter angegriffen habt, das Blut meines Volkes klebt an Euren Händen! Die Toten verlangen nach Rache!"

Ihr fordernder und selbstbewusster Blick schien Fyorr zu irritieren. "Du? Ein Weib? Was willst du schon beitragen zu unserem Rat? Mich wundert es immer noch, dass man dich überhaupt ausgewählt hat, um mit uns zu verhandeln."

Kopfschüttelnd legte er eine Hand auf die Schulter eines der Wachposten und fügte hinzu: "Meinetwegen, lasst sie passieren. Sie spricht wahr, ihr Volk hat jedes Recht, von uns gehört zu werden."

Dankbar nickte sie ihm zu und warf den beiden Wachen im Vorbeigehen einen fast kindisch feixenden Blick zu, als hätte sie in einem Streit unter kleinen Geschwistern von den Eltern Recht zugesprochen bekommen.

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