So beginnt es nun... (Prolog)

Silbern stieg der Mond über den Wipfeln des dunklen Waldes auf und ein milder Wind ließ das Blattwerk flüstern.

Mit einem melancholischen Blick betrachtete der Mann auf dem Hügel die Raben, die in den Nachthimmel aufstiegen und mit lautem Gekreisch davonzogen. Sie spürten seine Präsenz und flohen, wie immer.

Er neidete ihnen ihre Freiheit und doch machte es ihm nichts aus.

Dies war sein Wald und alle Lebewesen, die diesen bewohnten, nahmen Reißaus, wann immer sie ihn witterten. Und doch konnte er sich nicht über Mangel beklagen. Seine Jagdausbeute war stets mehr als genug für ihn.

Schließlich war er allein und hatte niemanden zu versorgen.

Die neugierige schwarze Katze, die sein einsames Heim mit ihm teilte, war clever und in der Lage, ihren Magen selbst zu füllen.

Seine scharfen Augen wanderten über die sanft wogenden Bäume in das seichte Tal, in dem noch immer wie leuchtende Farbkleckse die Lichter der kleinen Stadt Gatwick zu erkennen waren. Die Stadt war alt und hatte auch im 21. Jahrhundert noch immer einen verzauberten, mittelalterlichen Charme wegen seiner Straßen aus Kopfsteinpflaster und den alten, gut erhaltenen Fachwerkhäusern, dessen Fenster noch mit einst üblichen Bannsprüchen verziert waren.

Die Menschen dort waren einfach, bescheiden und freundlich. Streng gläubig und stolz auf ihre Legenden. Kauzige, eigenbrötlerische Engländer, die herzlich und gastfreundlich waren.

Doch von diesen einfachen Menschen wusste niemand, was sich in den dichten Wäldern rund um die Stadt wirklich verbarg. Die Bewohner dichteten dem Wald von jeher allerhand Schauermärchen an, sodass sich niemand in diesen traute, wenn es nicht unbedingt sein musste.

Die Jugendlichen Gatwicks legten sich gegenseitig Mutproben auf, die stets mit den Wäldern zu tun hatten. Nur wer es wagte, eine Nacht in der Finsternis der Bäume zu zelten, wurde von den Jugendlichen anerkannt.


Der junge Mann auf dem Hügel hatte Jahre, Jahrzehnte damit verbracht, die Eigenarten der Einwohner zu studieren und die Mutproben der Jugendlichen zu beobachten. Oftmals vertrieb er sich die Langeweile damit, diese bewusst zu erschrecken, indem er Tiere aufscheuchte, Vögel schreien ließ oder laut im Gehölz wütete.

Dies steigerte die Legenden um den Spuk im Wald noch mehr.

So modern die Zeiten auch geworden waren, Aberglaube war etwas, das niemals aussterben würde.

Doch es war nicht nur eine Frage des Zeitvertreibs, die Jugendlichen aus dem Wald zu vertreiben, sondern diente freilich auch seinem eigenen Schutz.

Er lebte in einem alten, vergessenen Forsthaus und konnte sich keine ungebetenen Gäste erlauben. Schließlich wusste niemand mehr von der Existenz seines kleinen Refugiums, hatte er dieses doch bereits erworben, lange bevor der älteste Einwohner Gatwicks geboren wurde.

Papiere darüber waren längst vernichtet, Pläne über das Haus und die Wälder gab es nicht.

Und nichts lag ihm ferner, als das auch nur einer der übereifrigen, nervigen und lauten Jugendlichen seiner Gier zum Opfer fiel. Obwohl es ihm oft danach gelüstete, weil die immer wieder auftretenden Mutproben an seinen Nerven zogen.


Ein vermisster Jugendlicher würde allerdings nur die Polizei auf den Plan rufen, diese würden mit Hunden kommen oder mit Männern den Wald durchkämmen und er konnte diese Menschen unmöglich alle töten, um sein Geheimnis zu wahren.

Er würde seine Zuflucht, die seit mehreren Dekaden seine Heimat war, verlassen müssen. Oder die Aktivitäten würden andere, Seinesgleichen, anziehen und Gatwick in einen Sturm aus Gewalt und Blut hineinziehen.

Das musste unter allen Umständen verhindert werden. Solange es noch ging. 

Die Menschen kümmerten ihn allgemein wenig, doch er hasste zuviel Aufruhr. Er liebte seine Einsamkeit, brachte sie ihm auch oft Langeweile und andere von seiner Art würden ihm nur auf die Nerven fallen.

Er hatte sich seit jeher aus den territorialen Machtkämpfen seiner Rasse heraus gehalten und so sollte es seiner Meinung nach auch bleiben. Er lebte nicht hier, weil eine Gemeinde mit wenigen tausend Menschen vor seiner Nase lag. Er lebte hier, weil er hier Frieden hatte.

Nach Jahrhunderten, die sein Herz und seine von Rachegelüsten gepeinigte Seele keine Ruhe fand, hatte er hier endlich einen Platz gefunden, der ihn befriedete.

An diesem Ort fühlte er sich wohl.

Und er würde kämpfen, um sich diesen Ort zu bewahren.


Wieder ließ er seinen Blick über sein “Reich” schweifen und stutzte, als er einen kurzen Lichtblitz in dem Dickicht des Waldes ausmachte. Ein feines, hochmütiges Lächeln schlich sich auf das gut geschnittene Gesicht des Mannes und er machte ein halb lachendes, halb spöttisches Geräusch.

Er kannte diese Lichtblitze, wusste genau, was es damit auf sich hatte, hatte er sie doch, seit der Sommer wieder Einzug hielt in Gatwick, in etlichen Nächten aufblitzen sehen.

Die Ursache dafür lag viele Kilometer von seinem Standort entfernt, noch am Waldrand, nahe der Stadt, doch der Verursacher zeigte keine Scheu, auch weiter in den Wald einzudringen.

»Nun, Junge. Was treibt dich diesmal um, dass es dich mitten in der Nacht in meinen Wald zieht?«, murmelte der junge Mann und zählte noch einige der Lichtblitze mit, bevor er den Blick abwandte und zu seinem Refugium zurückkehrte.

Der Junge war harmlos und würde niemals so tief in den Wald eindringen, um ihm gefährlich zu werden.

Und da das erste zarte Rosa der nahenden Dämmerung am Horizont zu erkennen war, nahm der junge Mann dies als Anlass, seine Ruhestätte aufzusuchen, um sich zu regenerieren.


Hätte er gewusst, was ihm die Zukunft und die Existenz des kleinen Herumtreibers bringen sollte, hätte es ihn sicherlich nicht so kalt gelassen...

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  • Author Portrait

    Sehr spannende, gut geschriebene Geschichte!

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Fairy Dust

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