Sommer 2005- Bad Blood

Die Freunde nennen sich aufrichtig, die Feinde sind es.
                                                                                                                 
                                                                                                     -Arthur Schopenhauer

Ihr linkes Bein wippte hektisch auf und ab, während sie auf ihre Armbanduhr schaute. Es sind schon zwanzig Minuten, dachte sie und steigerte sich weiter in ihre Ungeduld hinein.
Er wollte doch um fünf Uhr wieder hier sein. Wo bleibt er nur?
Emilia Sophia McDermott wartete auf die Rückkehr von William Cunningham. Ihr Boss hatte noch irgendeine Angelegenheit zu regeln, über die er mit ihr nicht hatte reden wollen. Also war er gegangen und ließ sie in seinem Büro warten. Dabei musste sie dringend mit ihm sprechen.
Entnervt stöhnte sie, bevor sie sich aus dem Ledersessel erhob und hektisch auf und ab lief. Ihr mintgrünes Kleid flatterte um ihre Knie, während sie angespannt und nervös an ihren Fingernägeln kaute; eine lästige Angewohnheit, die sie seit ihrer Kindheit nicht abschütteln konnte. Sogleich erinnerte sie sich daran, wie ihre Mutter Victoria sie deswegen immer wieder ermahnt hatte. Die blonde Killerin lächelte, denn ihre kleine Schwester hatte dieselbe Marotte.
Lilly.
Beim Gedanken an sie seufzte Emilia leise und schloss die Augen. Ihre Schwester war der Grund, warum sie zu William gegangen war. Sie war der Grund, warum sie mit ihm reden musste.
Ich will, dass du sofort hierher kommst! Ich muss dir unbedingt sagen, was Ophelia getan hat. Du musst erfahren, dass sie sich rücksichtslos in mein Privatleben; in mein Allerheiligstes eingemischt hat. Sie hat sich über meinen Wunsch, dass meine Familie aus meinem Beruf herausgehalten wird, hinweggesetzt und dafür soll sie hart bestraft werden. Sie soll die Konsequenzen zu spüren bekommen und lernen, dass sie nicht immer tun kann, was sie will.
Energisch nickte sie, als wolle sie ihre eigenen Worte bestätigen.
Diese niederträchtige Schlampe wird noch sehen, was es heißt, sich mit mir anzulegen und sich meiner kleinen Schwester zu nähern.  
„Mal wieder in Tagträume versunken, Emilia?“, fragte plötzlich eine ihr bekannte, melodische Stimme.
Die Blondine öffnete ihre Augen und entgegnete verärgert den Blick von Ophelia Monroe. Ihre Kollegin nahm gerade ihre große, schwarze Sonnenbrille ab und betrat das Büro. Bei jedem Schritt schwang der goldene Rosenkranz um ihren Hals hin und her. Passend zum sommerlichen Wetter trug sie einen kurzen, pfirsichfarbenen Blazer, dessen Ärmel sie hochgekrempelt hatte, und schwarze, ausgefranste Hotpants. Ihr Hass stieg bei ihrem Anblick ins Unermessliche. Sie hatte nicht erwartet die Brünette heute anzutreffen.
„Was willst du hier, Ophelia?“ Der Klang ihrer Stimme verriet ihren ganzen Zorn, der sich in wenigen Minuten in ihr aufgestaut hatte. Ihr Gegenüber überspielte die angespannte Situation mit einem umwerfenden Lächeln.
„William hat mich angerufen. Er hat einen neuen Auftrag für mich“, antwortete sie und stellte ihre Hermès Tasche neben dem massiven Schreibtisch ab.
„Aha“, brummte Emilia missmutig und versuchte ihre Kollegin zu ignorieren. Das war jedoch schwieriger, als gedacht, denn Ophelia kam zu ihr herübergeschlendert.
„Was ist los mit dir, Emilia?“ Ihre Frage überraschte sie nicht, schließlich hatten sie sich immer gut verstanden und jetzt wollte sie wissen, warum die blonde Killerin dermaßen schlecht gelaunt war.
Tut mir Leid, aber wir sind keine Freundinnen mehr, Miststück! Nicht, nachdem du dein Versprechen gebrochen und mit Lilly geredet hast. Ich werde nie wieder so dumm sein und dir vertrauen.
„Lass mich bloß in Ruhe“, fauchte sie und verschränkte die Arme vor der Brust. Gerne hätte sie Ophelia für ihren Verrat eine reingehauen, aber sie hielt ihren Hass und ihre Wut mit aller Macht im Zaum. Sie hielt es für vernünftiger William die Sache zu überlassen. Er sollte über ihre Strafe entscheiden.
„Was hast du denn für ein Problem?“
„Du bist mein Problem!“
„Wie bitte?!“, fragte sie und starrte sie entgeistert an. „Was habe ich dir denn getan, verdammt?“
„Es geht nicht um mich, sondern um meine Schwester.“ Emilias Antwort schien die Unklarheiten bei Ophelia zu beseitigen, denn auf einmal grinste sie süffisant. Die Blondine war im ersten Moment wie gelähmt, aber dann brannten bei ihr doch die Sicherungen durch.
„Du intrigantes Miststück“, zischte sie und schlug ihrer Gegnerin, ohne Vorwarnung, mit der geballten Faust ins Gesicht. Ophelias Kopf wurde zur Seite geworfen. Tiefrotes Blut spritzte wie sprühender Regen aus ihrer Nase und landete auf dem hellen Parkett. Emilia konnte ihren Erfolg jedoch nicht lange genießen, denn die dunkelhaarige Killerin setzte gleich zum Gegenangriff an. Sie trat ihr mit voller Wucht in den Magen und stieß anschließend den linken Ellbogen gegen ihren Unterkiefer. Emilia jaulte und taumelte nach hinten.
Sie schlug eine Hand vor den Mund, der sich warm und geschwollen anfühlte. Sie schmeckte frisches Blut, das keine Sekunde später durch ihre dünnen Finger sickerte. Auf Ophelias sinnlichen Lippen breitete sich ein triumphales Lächeln aus.
Dir wird das Lachen noch vergehen, dachte sie und attackierte ihre Kollegin erneut, doch diesmal war Ophelia vorbereitet. Gekonnt wehrte sie die ersten Schläge ab, bevor sie Emilia einen Tritt gegen den Brustkorb versetzte. Diese spürte, wie sich der Absatz des Schuhs schmerzhaft in ihre Haut bohrte.
„Du solltest niemals einen Kampf beginnen, den du nicht gewinnen kannst, Schätzchen“, tadelte die Brünette sie überheblich, während sie ihr Bein absetzte und Emilia abfällig musterte. Diese schnaubte zornig und stierte sie hasserfüllt an.
„Halt dein Maul!“, brüllte sie, was ihr verletzter Kiefer ihr mit stechenden Schmerzen dankte. Ophelia grinste hinterhältig, ehe sie erneut nach ihrer Kollegin trat. Diese wich im letzten Moment aus, umfasste mit beiden Händen ihren rechten Knöchel und schleuderte sie mit aller Kraft gegen die nächste Wand. Knochen knackten und Ophelia ließ ein wildes Knurren verlauten. Bevor sie angreifen konnte, griff Emilia in ihren Nacken und donnerte ihren Kopf mehrere Male gegen die Wand.
Rumpfs. Rumpfs. Rumpfs. Ein immer größer werdender Blutfleck war auf der Tapete zu sehen. Emilia grinste zufrieden.
Ich werde dich töten, du mieses Dreckstück. Sie war entschlossen Ophelia Monroe umzubringen. Gnadenlos würde sie ihrem Leben ein Ende bereiten, denn sie hatte Emilia hintergangen; hatte durch ihren Leichtsinn und ihre Gleichgültigkeit beinahe ihre kleine Schwester in diese furchtbare Welt hineingezogen. In diese Welt, in der sie lebte und Menschen für Geld ermordete. Emilia wollte sich nicht vorstellen, wie Lilly reagierte, wenn sie jemals die Wahrheit erfuhr.
Sie war so tief in Gedanken versunken, dass die blonde Killerin die Konzentration verlor und den Griff um den Nacken ihrer Gegnerin lockerte. Diese nutzte sogleich ihre Chance, indem sie ihr einen Tritt gegen das linke Knie versetzte, sich umdrehte und Emilia an die Wand presste. Nun war sie diejenige, die in der Falle steckte. Ophelia hatte die Oberhand.
Mit einer Hand umschloss sie Emilias Kehle und drückte zu. An ihrer Stirn klaffte, durch die Stöße gegen die Wand, eine Platzwunde, die ununterbrochen blutete.
„Du willst mich also töten, ja?“, kreischte sie wutentbrannt und durchbohrte sie mit einem eiskalten, grausamen Blick.
„Und das nur wegen deiner Schwester?“ Als sie Lilly ansprach, nahm ihr Zorn unvorstellbare Ausmaße an.
„Ich habe dir im Vertrauen erzählt, dass ich eine Schwester habe. Niemand, außer dir und William, weiß, dass Lilly existiert. Deshalb habe ich dich damals ausdrücklich darum gebeten, Stillschweigen zu bewahren“, krächzte sie atemlos, da von Sekunde zu Sekunde weniger Sauerstoff in ihre Luftröhre gelangte.
„Denn ich will nicht, dass sie erfährt, was ich…was ich…“, schluchzte die Blondine und kämpfte mit den Tränen.
„Was du bist?“, vollendete Ophelia ihren Satz. Emilia nickte eifrig, was ihr Gegenüber mit einem Schnauben kommentierte.
„Ich habe nie ein Wort über deine süße, kleine Schwester verloren. Also brauchst du keine Angst zu haben, dass sie herausfindet, dass du eine blutrünstige Killerin bist und nicht die brave Geschichtsstudentin, für die du dich ausgibst.“ Ihre Verachtung war nicht zu überhören.
Doch Emilia McDermott hatte keine Zeit sich aufzuregen, zu sehr war sie damit beschäftigt am Leben zu bleiben. Sie konnte kaum noch atmen. Sie wusste, dass sie sich befreien musste, wenn sie nicht sterben wollte.
Darum mobilisierte sie ihre verbliebenen Kräfte und verpasste Ophelia einen heftigen Kopfstoß. Es fühlte sich an, als ob ihr Schädel explodierte. Ihre Gegnerin ließ sie endlich los und stolperte zurück. Derweil sackte Emilia auf dem Parkett zusammen und hustete wie verrückt. Hitze stieg ihr in den Kopf und vernebelte ihren Verstand.
Aus den Augenwinkeln sah sie, wie die dunkelhaarige Killerin mit starkem Schwindel zu kämpfen hatte.
Obwohl Emilia sich noch nicht richtig erholt hatte, rappelte sie sich auf, ging auf Ophelia zu und stellte sich hinter sie. Dann packte sie sich ihre langen Haare und zog erbarmungslos ihren Kopf nach hinten.
„AHHHHHHHHH!!!“ Ihr schriller Schrei hallte an den hohen Wänden wieder. Die Blondine zog weiter, bis ihr Mund auf der Höhe von Ophelias linkem Ohr war.
„Ich weiß, dass du niemandem von Lilly erzählt hast“, zischte sie aggressiv. „Dafür hast du einen anderen Fehler begangen.“
„Wovon sprichst du, McDermott?“, fragte sie scheinheilig, während sie mit ihren Händen Emilias Oberarme umschloss und ihre manikürten Fingernägel in ihre Haut bohrte.
„Versuch nicht mir etwas vorzumachen, Schlampe.“ Sie ignorierte ihren eigenen Schmerz und das warme Blut, das ihre Arme entlanglief.
„Du hast mit meiner Schwester geredet. Du hast dich nicht von ihr ferngehalten. Und du bist Schuld daran, dass Lilly beinahe mein Geheimnis erfahren hätte.“ Mit einem Fuß trat Emilia ihr in die Kniekehle. Augenblicklich fiel sie nach vorne und schrammte mit den Knien über das Holz. Laute, angestrengte Atemzüge drangen an die Ohren der blonden Killerin.
„Du hast mein Vertrauen missbraucht, ist dir das klar, Miststück?“, schrie sie hysterisch. Wie im Wahn schlug sie auf ihre Gegnerin ein, als blinder Hass sie überwältigte. Blut spritzte durch die Luft und landete auf dem Boden, der naheliegenden Wand und Williams Schreibtisch.
Ophelia Monroe bekam einige Schläge ab, ehe sie ihre Hände nach oben nahm, sich Emilias rechten Arm schnappte und ihn ruckartig und blitzschnell verdrehte, sodass ein merkwürdiges, widerliches Knacken ertönte.
Die Blondine schrie wie am Spieß. Ein pochender, höllischer Schmerz schoss durch ihren Arm, bis in den Rücken. Dann nahm ihre Kollegin sie in den Schwitzkasten.
„Das ist kein Grund auszurasten und mich anzugreifen“, keuchte Ophelia.
„Und ob, schließlich geht es hier um meine Familie.“
„Familie wird überbewertet, Süße.“
„Das mag deine Meinung sein, aber nicht jeder hat eine Familie, die einen nie gewollt und geliebt hat, oder?“ Emilia wusste, dass sie die Brünette mit der Anspielung auf ihre Kindheit provozierte, aber in einem Kampf um Leben und Tod war ihr jedes Mittel recht, um ihre Gegnerin zu verletzen.
Und bereits einen Augenblick später wurde der Griff von Ophelia hart und unbarmherzig. Ihre Worte hatten sie getroffen, doch das würde sie niemals zugeben. Es strömte immer weniger Sauerstoff in ihre Lunge und die blonde Killerin spürte, wie sie schwächer wurde. Sie verfiel in Panik. Ihr letzter Versuch war ein kräftiger Tritt, der Ophelia zu Fall brachte.
Gemeinsam krachten sie auf das Parkett. Zu ihrem Pech hielt ihre Kollegin sie unverändert fest umklammert und drückte ihr die Luft ab. Emilias Schädel dröhnte und Schwärze trat vor ihre Augen. Eiskalter Schweiß rann von ihrer Stirn und benetzte ihre Haut. Verzweifelt versuchte sie sich zu befreien, doch Ophelias Hass und Zorn schienen ihr unmenschliche Kräfte zu verleihen. Plötzlich löste sie ihren Griff, aber nur, um ihre Hände seitlich an Emilias Kopf zu legen.
Nein. Nein. Nein!, dachte die Blondine entsetzt, als ihr klar wurde, was ihre Kollegin vorhatte.
Dieses Drecksstück will mir das Genick brechen.
Mit aller Macht hielt Emilia dagegen, damit die brünette Killerin keine Chance hatte, sie zu töten. Sie wand sich in ihrem Griff, doch Ophelia schlang ihre langen Beine um ihre Hüften und schränkte ihre Bewegungsfreiheit ein.
Ich muss sie aufhalten. Ich muss kämpfen, sonst bringt sie mich um.
Entschlossen umfasste sie die Handgelenke ihrer Kollegin und versenkte ihre Fingernägel tief in ihr Fleisch. Warmes Blut quoll hervor, lief über ihre Hände und tropfte auf ihr Kleid. Sie sah ihre einzige Chance gekommen. Mit verbliebener Kraft brach sie der Brünetten mit einer schnellen Bewegung das linke Handgelenk.
Über Ophelias Lippen kam ein markerschütternder Schrei. Aber sie schrie nicht vor Schmerz, sondern vor unvorstellbarem Zorn. Zu Emilias Glück lockerte ihre Gegnerin zeitgleich ihren Griff und sie konnte sich befreien. Erschöpft rollte sie sich von ihr herunter und blieb erstmal auf den Boden liegen. Ihr Herz pochte wie wild gegen ihre Brust.
Aber viel Zeit zum Verschnaufen war ihr nicht vergönnt. Ophelia tauchte in ihrem Sichtfeld auf und betrachtete sie mit einem unheimlichen und leeren Blick.
Dann hob sie wortlos ihr rechtes Bein und trat der blonden Killerin brutal gegen den Brustkorb. Emilia brüllte lauthals, als ihr die Luft mit einem Mal wegblieb und ein stechender, unerträglicher Schmerz sich in ihrer Brust ausbreitete. Mit Sicherheit war eine Rippe gebrochen, wenn nicht sogar mehr.
Sie wollte aufstehen, um so schnell wie möglich wieder kampfbereit zu sein, aber jede Bewegung und jeder Atemzug waren die reinste Qual.
Ophelia nutzte ihren Vorteil. Sie versetzte Emilias Kopf mehrere Tritte, bevor sie sie mit unglaublicher Leichtigkeit hochhob und über den Mahagonischreibtisch schleuderte. Blätter, eine Lampe und allerhand anderer Gegenstände fielen herunter und landeten, wie die Blondine, auf dem harten Boden.
Im ersten Moment spürte sie gar nichts und hatte keinerlei Orientierung, da sich alles vor ihren Augen drehte. Sie sah einen Strudel aus Licht und Schatten, der sie wahnsinnig machte. Doch auf einmal explodierte erneut ein heißer, höllischer Schmerz unter ihrem Brustkorb und ihr Schädel dröhnte.
Ohne es verhindern zu können, schossen ihr Tränen in die Augen; Tränen der Verzweiflung und des grenzenlosen Hasses. Das werde ich diesem Miststück heimzahlen. Ich werde…
Emilias Gedankengang wurde jäh abgebrochen, als sie Ophelias Schritte hörte, die sich ihr näherten. Keine fünf Sekunden später entdeckte sie ihre Kollegin, die sie herablassend beäugte.
„Weißt du eigentlich, wie erbärmlich du bist, Emilia?“, fragte sie und lehnte sich gegen den Schreibtisch. Die blonde Killerin entgegnete nichts. Sie brauchte ihre volle Konzentration, um gegen ihre Schmerzen anzukämpfen und neue Kräfte zu sammeln, die sie benötigte, um Ophelias nächsten Angriff abzuwehren.
„Du bist schwach und jämmerlich.“ Es folgte abfälliges, hohes Gelächter, was durch den ganzen Raum schallte. Emilia ballte die Hände zu Fäusten. Der Hohn der Brünetten war für sie nicht zu ertragen. Sie war so wütend, dass sie nicht merkte, wie sich ihre Fingernägel immer tiefer in ihre Handflächen bohrten.
Plötzlich verstummte Ophelias Lachen und sie setzte sich in Bewegung. Ihre blau-grünen Augen blitzten vor Aggression und Blutdurst.
„Und du willst mich töten?“, zog sie Emilia auf und blieb neben ihr stehen. Diese wusste genau, dass ihre Kollegin jeden Moment wieder auf sie losgehen konnte und das musste sie verhindern.
Hektisch versuchte sie sich einen Plan zu recht zu legen, aber sie hatte keine Einfälle. Ihr Kopf war völlig leer.
Scheiße. Scheiße. Scheiße, fluchte sie innerlich und wurde immer unruhiger. Während Panik sie überkam, grinste Ophelia teuflisch.
„Keine Sorge, Blondie. Du wirst keine Schmerzen mehr erleiden“, flüsterte sie in einem Ton, der ihr gar nicht gefiel.
„Denn ich bin gnädig und werde dich schnell und schmerzlos töten.“ Die blonde Killerin schnaubte, bevor sie die Zähne fletschte.
„Verschon mich mit deinem dümmlichen Gequatsche, Ophelia.“ Trotz ihrer misslichen Lage ließ sie sich nicht verspotten. Sie würde ihr schon zeigen, dass sie nicht so leicht zu töten war. Sie…
Auf einmal sah sie aus den Augenwinkeln einen Gegenstand, der ihre Aufmerksamkeit erregte. Es war ein spitzer Brieföffner aus Edelstahl, der nicht unweit von ihrem rechten Arm lag. Emilia bekam ein breites Lächeln zu Stande, denn nun war sie am Zug.
„Wenn heute jemand stirbt, dann du!!!“, schrie sie und setzte sich blitzschnell auf. Sie schnappte sich den Brieföffner und rammte ihn tief in Ophelias rechten Oberschenkel, bevor diese reagieren konnte. Die Blondine spürte, wie sich die Spitze ihren Weg durch das weiche Fleisch bahnte.
Ihrer Kollegin wich jegliche Farbe aus dem Gesicht. Mit entsetzter und schmerzverzerrter Miene starrte sie auf ihr rechtes Bein, an dem frisches Blut herunter lief. Emilia beeilte sich den Brieföffner wieder herauszuziehen. Anschließend quälte sie sich unter größter Anstrengung in einen festen Stand und ignorierte ihre heftigen Schmerzen, die sie an den Rand der Bewusstlosigkeit trieben.
Als sie Ophelia gegenüberstand, stach sie gnadenlos zu. Die Brünette drehte sich zur Seite, doch es war zu spät. Dieses Mal traf es ihre rechte Schulter.
„Du verfluchte Schlampe!“ Ihre hohe, schrille Stimme klingelte in Emilias Ohren.
„Dich mache ich fertig.“ Mit einem kräftigen Ruck zog sie den Brieföffner, ohne mit der Wimper zu zucken, aus ihrer Schulter und schritt mit dämonischem Blick auf die blonde Killerin zu.
Diese machte zwei Schritte nach hinten, ehe sie Ophelia den metallenen Gegenstand aus der Hand trat. Dabei verlor sie jedoch das Gleichgewicht und stürzte zu Boden. Als sie mit dem Oberkörper aufkam, wurde ein heftiger Schmerz unter ihrer Haut ausgelöst. Aber sie hatte nicht die Zeit, liegen zu bleiben, denn ihre Gegnerin wollte sich erneut den Brieföffner schnappen, der neben dem Schreibtisch gelandet war.
Hektisch rappelte Emilia sich auf und sprang zwischen Ophelia und der nützlichen Waffe, die über Triumph und Niederlage in diesem Kampf entscheiden konnte. Ihrer Kollegin entfleuchte ein überraschter Aufschrei, als sie plötzlich, wie aus dem Nichts, auftauchte, den Brieföffner in die Hand nahm und herumwirbelte. Die Blondine riss die Brünette mit gewaltiger Kraft zu Boden und versenkte die metallene Spitze in ihrem Bauch.
Ophelia riss die Augen weit auf.
„Was ist jetzt aus deinem Hochmut geworden, huh?“, höhnte sie und ergötzte sich an den Qualen ihrer Gegnerin, als sie den Brieföffner tiefer in deren Fleisch bohrte.
„Halt´s Maul, McDermott. Ich werde dich töten. TÖTEN.TÖTEN.TÖTEN“, brüllte sie hitzig, bevor sie ihr ins Gesicht spuckte und ihr einen Faustschlag versetzte. Blut schoss aus Emilias Nase und landete auf Ophelias weißem Top und ihrem Blazer, die bereits von ihrem eigenen Blut befleckt waren.
„Das wirst du bereuen.“ Sie zog den metallenen Gegenstand aus dem Körper ihrer Kollegin, aber nur, um ihn auf ihren Brustkorb herunterschnellen zu lassen.
Emilia hatte bereits den Tod von Ophelia vor Augen, als diese alles zunichte machte, indem sie mit beiden Händen die Handgelenke der blonden Killerin umfasste und festhielt. Mit enormer Kraft hinderte sie Emilia daran, ihr den Brieföffner ins Herz zu stoßen.
Laut schrie Emilia ihren Zorn und ihre Unzufriedenheit heraus, ehe sie die Spitze in Ophelias Hals stach.
„Ich schneide dir die Kehle durch, verdammte Schlampe“, zischte sie und begann zu schneiden. Emilia grinste diabolisch und ihre Augen sprühten vor Begeisterung, als tiefrotes Blut hervorquoll und ihre Kollegin qualvoll röchelte.
Die blonde Killerin war siegessicher. Endlich würde sie über Ophelia Monroe triumphieren. Endlich…
Ihre Gegnerin zog auf einmal ihre Hand, mit der sie den Brieföffner umschloss, von ihrem Hals weg und führte sie zu ihrem Mund. Ungläubig schaute sie dabei zu, wie die Brünette ihren rechten Zeigefinger zwischen ihre Zähne nahm und zubiss.
Schockiert ließ sie den Öffner fallen. Sie wollte schreien, aber sie konnte nicht. Der taube, heiße Schmerz raubte ihr die Sinne. Und es wurde noch schlimmer, als Ophelias Zähne immer tiefer in ihr Fleisch vordrangen, bis diese einen Knochen erreichten.
Diese Psychopathin will mir den Finger abbeißen, dachte Emilia fassungslos, während sie versuchte ihre Hand wegzuziehen und den Verlust ihres Fingers zu verhindern, aber ihre Kollegin ließ nicht locker. Schwalle von Blut ergossen sich über Emilias Hand und Ophelias Gesicht.
Der blonden Killerin wurde schwummrig und schwarz vor Augen. Nein, nein, nein. Verlier jetzt bloß nicht das Bewusstsein, ermahnte sie sich selbst und atmete tief durch. Ihr Körper hörte auf ihren energischen Befehl und ihre Sicht klärte sich wieder. Damit kehrte auch ihr Überlebenswille zurück. Mit ihrer freien linken Hand umfasste sie Ophelias Kehle und drückte unbarmherzig zu.
„Du entkommst mir nicht, Monroe“, keifte sie zornig. Ihre Schmerzen spürte sie gar nicht mehr. Es dauerte nur wenige Minuten, bis der Brünetten die Luft ausging, sie ihren Mund öffnete und Emilia endlich ihre Hand wiederhatte. Als sie anschließend ihren verstümmelten Finger betrachtete, brach sie fast in Tränen aus. Die Stelle, an der sich Ophelias Zähne zu Schaffen gemacht hatten, sah zerfleischt aus, als habe ein wildes Tier sie angegriffen. Knochen und Muskeln waren zu sehen und die Haut hing in Fetzen.
Das lautstarke Röcheln und Keuchen ihrer Kollegin beförderte sie zurück ins Hier und Jetzt. Beim Anblick ihres Fingers hatte sie beinahe vergessen, dass sie sie immer noch würgte.
Emilias Ziel, Ophelia zu töten, war zum Greifen nahe. Hektisch befeuchtete sie ihre trockenen Lippen, während sie mit glänzenden Augen dabei zusah, wie ihre Gegnerin schwächer wurde.
„Du stirbst, Ophelia“, wisperte die Blondine und grinste zufrieden. „Du bist…“
Sie konnte nicht weitersprechen, denn auf einmal beugte sich jemand über sie, umfasste brutal ihre Handgelenke und zog sie von ihrer Kollegin herunter. Emilia trat um sich, hörte aber auf, als sie ihren Boss vor sich sah.
„WAS ZUR HÖLLE GEHT HIER VOR?!“, donnerte er mit gewaltiger Stimme und schaute zwischen ihr und Ophelia hin und her. Dann fiel ihm die Blutmenge auf, die sich im gesamten Büro verteilte und an beiden Killerinnen haftete. In der Luft hing ein bestialischer Gestank nach Metall. Ihr wurde speiübel.
„Ich habe dich was gefragt?“ Trotz seiner zügellosen Wut antwortete Emilia ihm nicht. Sie war wie gelähmt.
„EMILIA!!!“
„Dieses irre Miststück hat mich angegriffen“, kam es plötzlich von ihrer Kollegin, die sich mit zittrigen Knien erhob. Williams Blick schnellte zu ihr.
„Was?!“
„Emilia war bereits hier, als ich gekommen bin. Sie hat sofort einen Streit angefangen und mich einfach angegriffen.“ Ophelia setzte eine Unschuldsmiene auf und bekam sogar ein paar Tränen zu Stande, die über ihre bleichen Wangen liefen und sich mit dem Blut, das ihr Gesicht befleckte, vermischten.
„Sie hätte mich getötet, wenn du sie nicht aufgehalten hättest, William“, brach es ängstlich, aber auch dankbar, aus ihr heraus. Der Blondine klappte die Kinnlade herunter.
Du kennst wohl keine Skrupel, oder? Mit allen Mitteln versucht du mich als Geisteskranke hinzustellen, während du das misshandelte Opfer spielt. Aber deine Schauspielkünste kannst du dir sparen. Niemand nimmt dir dein falsches Geheule ab. Doch da irrte sie sich.
Ihr Boss schien ihr die Lüge tatsächlich abzukaufen, denn er schüttelte fassungslos den Kopf und betrachtete eingehend ihre Verletzungen. Seine haselnussbraunen Augen fokussierten dabei jede Stichwunde, die sie der Brünetten zugefügt hatte. Das konnte sich Emilia nicht weiter ansehen. Ihr platzte der Kragen.
„Du hinterhältige, verlogene Drecksschlampe!“, kreischte sie schrill und riss ihre Hände los. Sie wollte sich erneut auf sie stürzen, aber William war schneller. Er packte sie bei den Schultern und stieß sie von Ophelia weg. Emilia strauchelte, fand im letzten Moment jedoch ihr Gleichgewicht wieder. Schwer atmend und mit dröhnendem Schädel lehnte sie sich an die Wand, die hinter ihr lag, und strich sich Strähnen ihres Haares aus dem Gesicht, die sich aus ihrem geflochtenen Zopf gelöst hatten. Nach dem Kampf gegen Ophelia sank das Adrenalin in ihrem Körper rapide ab. Jetzt spürte sie jeden Schlag, jeden Tritt und jede Verletzung, die sie diesem Miststück zu verdanken hatte.
„Erklär mir, warum du Ophelia angegriffen hast.“ William forderte eine Erklärung, natürlich. Er wollte wissen, warum seine beiden Auftragskillerinnen sich an die Gurgel gegangen waren und sein Büro in ein Schlachthaus verwandelt hatten.
„REDE!!!“ Der Geduldsfaden ihres Bosses war endgültig gerissen.
„Ophelia hat mich provoziert“, rechtfertigte sie sich und warf ihrer Kollegin, die ein triumphales Grinsen aufgesetzt hatte, einen dämonischen Blick zu. Ihr Grinsen verschwand jedoch und wurde durch eine angespannte Miene ersetzt, als William sich zu ihr umdrehte.
„Stimmt das?“ Die junge Killerin schnaubte empört und schob ihre schön geschwungenen Augenbrauen zusammen.
„Nein! Blondie übertreibt mal wieder.“
„Hör auf zu lügen und nenn mich nicht Blondie, Miststück.“
„Ich lüge ni…“
„SEID STILL!“, unterbrach William die Zickereien. „Mir ist es gleichgültig, wer hier wen aus welchen Gründen provoziert hat. Mich interessiert eher, dass ich wegen eurer unfassbaren Dummheit eine Menge Aufträge verliere.“
„Wieso denn das?“ Ophelias streitsüchtiger Ton regte ihren Boss nur noch mehr auf. Gelenkt von unbändigem Zorn hastete er zu der Brünetten und umfasste roh ihre Oberarme. Er nahm keine Rücksicht auf ihre Verletzungen, als er anfing sie heftig zu schütteln.
„Hälst du das etwa für ein Spiel? Glaubst du wirklich, dass ich eine von euch in diesem Zustand gebrauchen kann? SETZ DEINEN VERSTAND WIEDER EIN, OPHELIA!“
Zu Emilias Zufriedenheit wich ihrer Kollegin auch noch die letzte Farbe aus dem Gesicht, was sie, zusammen mit dem Blut, wie eine wandelnde Leiche aussehen ließ.
„Wie wollt ihr jetzt für mich arbeiten, huh?“
„Ich kann immer noch Aufträge erledigen. Ich kann immer noch töten. Auf mich kannst du dich verlassen, William“, versicherte Ophelia energisch ihrem Boss, der die junge Killerin ungläubig anstarrte.
Gerade öffnete er den Mund, um etwas zu erwidern, als sein Gegenüber plötzlich Blut spuckte. Instinktiv wich William nach hinten, um dem Schwall auszuweichen.
Auf Emilias Gesicht breitete sich augenblicklich ein gemeines, hinterhältiges Grinsen aus. Dieses fror jedoch ein, als sie selbst die Auswirkungen des Kampfes zu spüren bekam. Von einer Sekunde auf die Andere explodierte ein gewaltiger Schmerz in ihrem Brustkorb und unter ihrem Schädel, der sie in die Knie zwang und würgen ließ. Ihr Boss wirbelte herum.
„Was zum Teufel…“, fing er an, doch die Worte blieben ihm im Hals stecken, als er sah, wie auch Ophelia zusammenbrach.
Eine Minute verharrte er bewegungslos in seiner Position, bevor er blitzschnell sein Handy zückte und eine Nummer wählte. Emilia konnte sich denken, wen William in dieser Situation anrief: Peter Coleman, der Privatarzt, den er zur Behandlung seiner Mitarbeiter beschäftigte. Dank ihm mussten sie nie ins Krankenhaus und unangenehme Fragen beantworten, wenn sie bei einem Auftrag mal verletzt wurden. Peter bewahrte Stillschweigen, was William ihm mit sehr viel Geld entlohnte.
Er würde kommen und sie behandeln; er würde ihr Leben retten, aber leider auch das von Ophelia, wenn diese nicht schon tot war.
Automatisch schweifte ihr Blick zu ihrer Kollegin, die wenige Meter von ihr entfernt auf dem Boden lag. Im ersten Moment glaubte sie tatsächlich an ihren Erfolg, denn die Brünette bewegte sich nicht, aber auf einmal fuhr ein heftiges Zucken durch ihren schmalen Körper und sie hustete lautstark.
William telefonierte noch immer, als er sich neben Ophelia kniete und umständlich sein dunkelblaues Jackett auszog. Dieses faltete er ein paar Mal, ehe er es fest auf den Bauch seiner Mitarbeiterin drückte. Vermutlich versuchte er die Blutung zu stoppen, die Emilia Ophelia mit dem Brieföffner zugefügt hatte und allem Anschein nach die größten Probleme verursachte.
„Halt einfach die Klappe und komm hierher, Pete. VERDAMMT, ES IST DRINGEND!!!“, brüllte ihr Boss gestresst und beinahe panisch in sein Handy. Kein Wunder, schließlich war er im Begriff in einer Nacht seine beiden Auftragskillerinnen zu verlieren.

Emilia McDermott schloss die Augen und atmete kräftig ein und aus, doch das half nicht viel. Je mehr Zeit verstrich, desto schlechter ging es ihr. Sie wusste selbst nicht, wie sie die dumpfen, heftigen Schmerzen ertrug, die in Wellen über sie hinwegspülten. Aber vielleicht war es ihre Angst, das Bewusstsein zu verlieren und nie wieder aufzuwachen, die sie nicht aufgeben ließ.
„Scheiße, wo bleibt dieser verfluchte Wichser?“, erklang Williams aufgebrachte Stimme vom anderen Ende des Büros. Seit er das Telefonat vor einer Viertelstunde beendet hatte, fluchte er nur noch. Die Blondine war sich sicher, dass sein Verhalten nur auf eins zurückzuführen war: völlige Machtlosigkeit. Er, der Boss mehrerer Auftragskiller, hatte sonst alles unter Kontrolle und wusste, was zu tun war, doch in dieser Situation konnte er nicht viel tun. Er war auf Peter Coleman angewiesen, der sich eine Menge Zeit ließ.  
„Emilia!“ Sie schreckte kurz auf, als sie ihren Namen hörte.
„Ja?“, äußerte sie kraftlos und bemühte sich ihre Lider oben zu halten.
„Ich wollte nur wissen, ob du noch lebst.“
„Im Moment, ja. Nur weiß ich nicht, wie lange dieser Zustand noch anhält“, scherzte sie und fing an zu lachen, was ihre gebrochenen Rippen fast zum Zerbersten brachte.
„Kannst du mir mal verraten, warum du jetzt lachst? Das ist NICHT witzig!!!“ Emilia war klar, dass sie gut daran tat die Klappe zu halten, wenn ihr Boss dermaßen angepisst war, doch sie konnte nicht anders.
„Ich finde es witzig“, verkündete sie glucksend und schaute zu William herüber, der unverändert neben Ophelia saß und sie im Auge behielt.
„Versteh mich bitte nicht falsch. Ich lache nicht über dich. Ich freue mich nur. Ich wollte Ophelia töten und je länger wir auf Pete warten müssen, desto näher komme ich meinem Ziel.“ Nach diesen Worten sah er sie fassungslos an.  
„Ich verstehe das nicht. Warum bekämpft ihr euch? Warum wollt ihr euch töten? Das ist…“, er brach ab, als die Bürotür plötzlich aufflog und Peter Coleman hereinstürzte.
„ENDLICH!“ William sprang auf und eilte zu dem Arzt, der mitten im Raum stehen blieb und sich erstmal einen Überblick verschaffte.
„Warum hat das so lange gedauert?“
„Tut mir Leid, ich stand im Stau. Es ging nicht schneller“, erklärte er seine Verspätung und wischte sich mit einer Hand über das schweißnasse Gesicht.
„Verschon mich mit deinen Ausreden. Kümmere dich lieber um meine Killerinnen.“ Pete wirkte nach seiner Ansage genervt und wütend, aber er sagte nichts. Stattdessen ging er zu Emilia herüber, die ihm am Nächsten war, stellte seinen Arztkoffer ab und hockte sich neben sie.
„Erklär du mir lieber, was passiert ist. Hier sieht es ja aus wie nach einem Gemetzel.“
„Ophelia und ich haben gegeneinander gekämpft“, antwortete Emilia anstelle von ihrem Boss. „Wie du siehst, ist die Lage etwas eskaliert.“
„Etwas?“, fragte er entsetzt, während er mit einer kleinen Lampe ihre Augenreaktionen überprüfte. Die Blondine zuckte bloß gelassen mit den Achseln.
„Vergessen wir das. Kannst du mir sagen, wo du Schmerzen hast?“
„Ja, mein Kopf und meine Brust tun weh. Wahrscheinlich habe ich eine Gehirnerschütterung und ein paar gebrochene Rippen. Und dann ist da noch mein Finger…“
Sie hob ihre rechte Hand. Der gealterte Arzt riss beim Anblick ihres Zeigefingers die Augen auf.
„Was ist denn mit deinem Finger passiert?“
„Die dreckige Schlampe hat versucht ihn mir abzubeißen“, platzte es ungehalten aus ihr heraus.
„Ganz ruhig, Emilia. Versuch dich nicht aufzuregen, auch wenn´s schwer fällt“, bat er. Dabei strahlte er eine unglaubliche Ruhe aus, die sich umgehend auf sie übertrug. Sie spürte, wie ihre Wut in sich zusammenschrumpfte und ihr Puls sich normalisierte. Pete betastete mit höchster Vorsicht ihre Rippen, als auf einmal Williams aufgeregte Stimme erklang.
„PETE!!!“ Beim Klang seines Namens drehte er sich um, sodass sie einen guten Blick auf Ophelia bekam. Ihre Kollegin lag mit bebendem Körper in einer Blutlache, die sich unter ihr gebildet hatte.
Der Arzt ließ sofort von ihr ab und hechtete zu der Brünetten. Emilia blieb vor Fassungslosigkeit die Luft weg.  
„HÖR AUF!!! Hör auf ihr zu helfen und ihr Leben zu retten. Sie soll sterben. STERBEN!“, schrie sie wie von Sinnen, doch ihre Einwände fanden kein Gehör. Statt ihr zuzuhören, beugte sich Pete über Ophelia und fing an sie zu verarzten. Als die blonde Killerin sah, wie ihre Hoffnung auf Ophelias Tod zerstört wurde, sprang sie hektisch auf und rannte auf den Arzt zu; entschlossen ihn aufzuhalten. Ihre höllischen Schmerzen ignorierte sie.
Kurz vor ihrem Ziel wurde Emilia jedoch ein weiteres Mal von William gebremst. Er schlang seinen rechten Arm um ihre Taille und zerrte sie kurzerhand aus seinem Büro.
„Lass mich los, William! Lass mich sofort los!!!“, verlangte sie unter lautem Gebrüll und wand sich in seinem festen Griff, doch er ließ sie erst los, als er sie in das leerstehende Büro am Ende des Flures gebracht hatte. Hier roch es nach Schimmel und zentimeterhohem Staub, der seit Jahren auf den unbenutzten Möbeln lag.
„Was fällt dir ein mich einfach hierher zu bringen, huh? Kannst du mir das mal verraten?“ Die Blondine interessierte es nicht, dass ihr Boss vor ihr stand und sie ihm keinen Respekt zollte. Für sie hatte er eindeutig eine Grenze überschritten.
„Hüte deine Zunge, Emilia“, ermahnte er sie und bedachte sie mit einem strengen Blick. Nach diesen Worten hatte sie nur ein müdes Lächeln für ihn übrig.
„Das sagst du ausgerechnet mir, ja? Dann hast du Ophelia wohl noch nie zugehört.“
„Kannst du endlich deinen Hass und deine Wut gegen Ophelia in den Griff kriegen?“
„NEIN!!! Du weißt nicht, was zwischen uns beiden vorgefallen ist, also kannst du aufhören mir die Schuld zu geben.“
„Ich will dir nicht…“
„Natürlich willst du mir die Schuld geben, William. Natürlich bin ich diejenige, die den Kampf begonnen hat. Sie ist mal wieder die Unschuldige. Sie ist das Opfer“, spie sie ihm entgegen und verlor zunehmend die Kontrolle über sich.
„Sie ist dir schon immer wichtiger gewesen, als ich.“
„Das ist nicht wahr“, verteidigte er sich.
„Und warum kümmert sich Pete um sie und rettet ihr Leben, während ich, ebenfalls verletzt, hier mit dir stehe?“
Stille.
Williams Schweigen und seine angespannte Miene waren für sie bereits Antwort genug.
„Du stellst ihr Leben über meines. Da frage ich mich, wie viel Wert ich überhaupt für dich habe.“ Todernst sah sie ihrem Boss in die braunen Augen.
„Ich werde mit dir jetzt nicht diskutieren, Emilia. Nicht in deinem Zustand.“
„In meinem Zustand? IN MEINEM ZUSTAND?!“ Als sie das hörte, brach sie in schallendes, hysterisches Gelächter aus. Sie spürte, wie sich ihre Kopfschmerzen verschlimmerten und Hitze in ihr aufstieg. Vor ihren Augen drehte sich alles.
„Auf einmal kümmert dich meine Gesundheit, ja?“, sagte die blonde Killerin, nachdem sie sich wieder beruhigt hatte. „Mein Zustand ziehst du bloß vor, um mir auszuweichen, William. Du willst mir meine Fragen nicht beantworten, weil du ein Feigling bist.“ Augenblicklich entgleisten die Gesichtszüge ihres Bosses, was ihn grotesk aussehen ließ.
„Du hast anscheinend vergessen, wer vor dir steht, Emilia!!!“, schrie er und baute sich vor ihr auf.
„Das habe ich nicht vergessen, du selbstgefälliges, dreckiges Arschloch.“ Mutig reckte sie ihr Kinn, bereit sich mit ihrem Boss anzulegen.
„Du hast nicht das Recht so mit mir zu reden.“
„Und du hast nicht das Recht dich in unseren Streit einzumischen. Du hast nicht das Recht mich zu STOPPEN“, kreischte sie ungehalten. „Ich…“
Emilia brach ab, denn sie konnte nicht weitersprechen. Eiskalter Schweiß brach aus und legte sich auf ihre weiß gewordene Haut. Ein tauber, dröhnender Schmerz überwältigte sie und trieb sie zur Verzweiflung. Ohne etwas dagegen tun zu können, stiegen ihr heiße Tränen in die Augen und rannen ihre Wangen hinab.
„Emilia! EMILIA!!!“ Neben ihr fing William an zu brüllen, aber sie konnte ihn kaum verstehen. Als er sie roh an den Schultern packte, spürte sie, wie ihre Beine weich wurden. Keine Sekunde sackte sie vor ihm zusammen und verlor das Bewusstsein.

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