Sommer 2005- The Fine Line Between Truth And Lies

Niemand ist glücklich ohne irgendeine Art von Wahnvorstellung. Selbsttäuschungen sind für unser Glück genau so wichtig wie die Realität.

             

                                                                                                          -Christian Nestell Bovee

 

Die Ampel wurde grün. Mehrere Autos fuhren an ihr vorbei und versperrten ihr die Sicht. Zerknirscht legte sie ihre Stirn in Falten. Sie war genervt von dem starken Verkehr zur Mittagszeit, der nicht abebben wollte und es ihr erschwerte sie im Auge zu behalten.

Es vergingen einige Minuten, bis sie endlich wieder einen barrierefreien Blick auf das Mädchen bekam.

Ophelia Cecilia Dahlia Monroe schob ihre Sonnenbrille auf ihre Nase und nahm sie genauer ins Visier. Sie saß auf der Terrasse eines Cafès und genoss die wärmenden Sonnenstrahlen auf ihrer hellen Haut.  

Das ist sie also: die kleine McDermott; Emilias Ein und Alles. Och, sie ist genauso zuckersüß, sympathisch und blond wie ihre Schwester. Ich gehe jede Wette ein, dass sie auch genauso naiv und vertrauenswürdig ist, wie sie. Die junge Killerin grinste teuflisch. Emilia glaubt schließlich, dass wir Freundinnen sind. Aus diesem Grund erzählt sie mir alles aus ihrem Privatleben und dazu gehört die kleine Lilly. Ihre blau-grünen Augen fixierten das Mädchen, das nur zwei Jahre jünger war, als sie selbst. Wie sie da sitzt, so niedlich und unschuldig. Schade, dass ich ihre heile Welt platzen lassen werde wie eine Seifenblase.

Die Brünette hatte einen Plan ausgeheckt. Sie wusste, dass die Schwestern heute verabredet waren, dies hatte Emilia ihr selbst gesagt, doch sie hatte keine Ahnung, dass Ophelia ihre Verspätung nutzen würde, um sich ein bisschen Spaß auf Kosten ihrer Kollegin zu erlauben. Du wirst sehen, was für einen Preis du für dein blindes Vertrauen bezahlst, Blondie. Ich werde deiner kleinen Schwester aufzeigen, was für ein Monster du bist. Ich lasse deine jahrelangen Lügen auffliegen und sehe begeistert dabei zu, wie deine Familie zugrunde geht.

Emilias Schwester schaute gerade besorgt auf ihre Uhr und warf anschließend einen Blick Richtung Straße. Das ist der perfekte Moment für meinen Auftritt.

Ophelia Monroe setzte sich in Bewegung. Heute trug sie einen dünnen Pullover in Cerise, dazu passende Kniestrümpfe und eine hellbeige Shorts. Mit diesem Outfit sah sie aus wie eine waschechte Studentin, was ihrem Zweck diente, Lilly eine Rolle vorzuspielen. Mit großen Schritten näherte sie sich der Blondine, die an ihrem Glas Wasser nippte und nervös wirkte.

Als sie an ihrem Tisch ankam, setzte sie die Sonnenbrille ab und sprach sie direkt an.

„Entschuldige, aber bist du Lilly. Lilly McDermott?“

„Ähm…ja, wieso?“

„Ich bin Ophelia, eine Freundin deiner Schwester“, stellte sie sich vor und hielt ihr die rechte Hand hin. Zaghaft und etwas überrumpelt schüttelte Lilly diese. „Sie hat mich gebeten dir zu sagen, dass sie etwas später kommt, weil sie noch mit einem Dozenten über eine Hausarbeit sprechen muss.“

„Oh, okay“, lächelte sie deutlich beruhigter und zog ihre Hand zurück. „Ich hab mir schon Sorgen gemacht. Sonst ist Emilia immer überpünktlich.“

„Ja, ich kenne ihr Pflichtbewusstsein. Ich wünschte ich hätte die gleiche Disziplin, wie sie“, sagte sie bedauernd und lächelte peinlich berührt, als schäme sie sich tatsächlich.

„Ich weiß, wovon du sprichst. Unsere Eltern liegen mir ständig in den Ohren, dass ich mich mehr an Emilia orientieren sollte, was den Fleiß und sowas betrifft“, plapperte sie munter drauf los, als würden sie sich schon lange kennen. Ophelia nahm dies zum Anlass sich auf den Stuhl ihr gegenüber zu setzen und das Gespräch fortzuführen.

„Und stört dich das gar nicht? Ich meine, wenn ich eine Schwester hätte und meine Eltern würden mir solche Ansagen machen, dann wäre ich...“

„Genervt? Angepisst? Eifersüchtig?“, zählte sie auf und kicherte vergnügt. Die Brünette nickte bloß.

„Ach, meine Eltern sagen das, wenn ich die Schule ein bisschen schleifen lasse. Mit dem Vergleich mit meiner Schwester wollen sie mich nur motivieren.“ Ein fröhliches Lächeln breitete sich auf ihren fülligen Lippen aus.

„Offen gesagt ist Emilia mein Vorbild und ich wäre stolz, wenn ich einmal so werden würde, wie sie.“ Ophelia Monroe musste an sich halten, damit sie nicht in Gelächter verfiel. Wenn du wüsstest, was deine geliebte Schwester wirklich macht, Süße, dann würde dir das Lachen ganz schnell vergehen. Ein bitterer Ausdruck legte sich über ihr Gesicht. Sie sitzt nämlich nicht brav und strebsam im Hörsaal, sondern tötet Menschen.

„Ja, Emilia ist schon eine ganz besondere Frau“, meinte sie flüsternd und belegte Lilly mit einem vielsagenden Blick. Diese war sichtlich irritiert über ihren Tonfall und dem amüsierten Schmunzeln, das sie plötzlich aufgesetzt hatte.  

„Wer warst du noch mal?“, fragte sie sicherheitshalber nach, als ahne sie, dass Ophelia nicht das war, für die sie sich ausgab.

„Ich bin eine Freundin von Emilia und ihre Kollegin.“

„Kollegin? Das verstehe ich nicht. Sie hat doch gar keinen Job.“ Lilly tat ihr in diesem Moment fast schon leid.

„Ich wusste nicht, dass sie dir gar nichts gesagt hat“, äußerte sie entsetzt und schlug eine Hand vor den Mund. „Oh je, und jetzt habe ich es auch noch ausgeplaudert.“

„Aber warum hat sie mir nicht erzählt, dass sie neben ihrem Studium arbeitet? Ist ihr der Job etwa peinlich?“, wollte sie von ihr wissen. An ihrer brüchigen Stimme hörte sie, wie verletzt sie über Emilias Unehrlichkeit war. Die enge Schwesterbeziehung bekam die ersten Risse, aber das genügte Ophelia nicht. Sie wollte die Beziehung restlos zerstören.

„Es ist nichts peinliches, keine Sorge. Ich arbeite ja selbst in der Branche.“

„Was ist das für eine Branche? Ist es etwa was Kriminelles?“, fragte sie geschockt und rutschte aufgeregt auf ihrem Stuhl herum. Ophelia nahm behutsam ihre linke Hand, die auf dem Tisch lag, und streichelte sie. Umgehend wurde Lilly ruhiger und atmete tief durch. Ihre blauen Augen strotzten dennoch weiter vor Unsicherheit und Angst.

„Reg dich nicht auf, Lilly. Es ist alles gut.“ Mit einem strahlenden Lächeln wollte sie sie beruhigen und in Sicherheit wiegen, bevor sie ihr den Todesstoss versetzte.

„Emilia und ich haben Spaß an unserem Job und wir verdienen dabei nicht schlecht.“

„Das ist ja schön und gut, aber das hilft mir nicht weiter. Ich weiß immer noch nicht, was ihr macht“, wurde sie langsam hysterisch, denn sie sah sich in ihrer Vermutung bestätigt, dass sich ihre Schwester in kriminellen Kreisen bewegte. Armes, naives Mädchen. Das Vertrauen zu deiner Schwester ist erschüttert und nun suchst du verzweifelt Halt bei einer Fremden, von der du dich lieber fernhalten solltest.

Während Ophelia verzückt an ihre Hinterhältigkeiten dachte, musterte Lilly sie von oben bis unten. Sie inspizierte jedes Detail: ihre Kleidung, Fingernägel, Haare und ihr Make up. Das luxuriöse und aufgestylte Aussehen ihres Gegenübers brachte sie dazu die nächste Theorie aufzustellen.  

„Arbeitet ihr für einen Escortservice?“ Die Blondine biss sich auf die Unterlippe und sah sie eindringlich an, als hoffe sie auf ein Nein.

„Wie kommst du denn auf diese Idee?“

„Na ja, wegen deines Outfits“, entgegnete sie etwas zurückhaltend, wohl aus Angst, dass sie Ophelia damit beleidigte.

„Was ist mit meinem Outfit?“

„Es ist aufreizend, sexy und es sind Designermarken. So stelle ich mir eben eine Escortdame vor“, gab sie zu und strich sich verlegen das glänzende, blonde Haar hinter die Ohren.

„Emilia läuft aber nicht so herum, wie ich, oder?“

„Vielleicht zieht sie sich um, wenn sie…“

„Wenn sie einen Kunden hat?“ Die Killerin musste bei diesem Gedanken herzhaft lachen. Dein liebes Schwesterlein ist viel zu prüde für einen solchen Job. Doch komischerweise hat sie keinerlei Probleme damit für Geld zu töten. Das sind wirklich merkwürdige Moralvorstellungen…

„Bedeutet dein Lachen, dass ich falsch liege?“ Lillys hoffnungsvoller Unterton war kaum zu überhören.

„Traust du es Emilia wirklich zu, dass sie so etwas tut?“, war Ophelias Gegenfrage, die sie sogleich mit einem Kopfschütteln beantwortete.

„Nein, das sieht ihr nicht ähnlich.“ Das Erschießen von Menschen auch nicht, Süße, dachte sie zynisch und presste ihre Lippen zu einem dünnen Strich zusammen.

„Also ist es etwas anderes…“, sprach sie mehr zu sich selbst, als zu ihr. Die Dunkelhaarige genoss derweil die Verwirrung, die sie bei Lilly gestiftet hatte. Ihr Plan ging auf und das Chaos nahm seinen Lauf.

„Soll ich dir vielleicht einen Tipp geben?“

„Warum sagst du mir nicht einfach, was das für ein Job ist?“, kreischte sie auf einmal los und war einem Nervenzusammenbruch nahe. In ihren Augenwinkeln sammelten sich die ersten Tränen, die sie noch erfolgreich zurückhielt. Ophelia konnte es nicht verhindern, dass sie freudestrahlend lächelte. Jetzt habe ich dich da, wo ich dich haben wollte, Lilly McDermott. Du zweifelst an deiner Schwester und fragst dich, warum sie dich belogen hat. Du siehst sie jetzt anders, als vorher. Tja, kein Mensch ist perfekt, auch die liebe Emilia nicht. Diese Lektion wirst du heute lernen.

„Bevor ich dir verrate, welchen Job wir ausüben, möchte ich, dass du mir zwei Dinge versprichst.“ Ihre Worte erhöhten die Nervosität der Blondine, die anfing an ihren Nägeln zu kauen. Sie konnte sehen, wie es hinter ihrer Stirn zu rattern begann, als sie ihre Optionen abwog: auf ihre Forderung eingehen oder es riskieren, nie hinter das Geheimnis ihrer Schwester zu kommen, wenn sie sich weigerte.

„Na gut, was muss ich dir versprechen?“, gab sie ihrer Neugierde nach. Ophelia beugte sich über den Tisch, damit keiner die nächsten Teile ihres Gesprächs mitbekam.  

„Zum Ersten behältst du Stillschweigen darüber, was ich dir gleich sagen werde. Du wirst niemals jemandem davon erzählen, ist das klar?“ Lilly nickte eifrig und hing wie gebannt an ihren Lippen.

„Zum Zweiten wirst du mir jedes Wort glauben. Du wirst meine Glaubwürdigkeit keine Sekunde in Frage stellen.“ Ihr dünner Körper wurde von einem leichten Zittern infiziert, als sie ein weiteres mal nickte. Ihr wurde klar, dass es nun ernst wurde. Jetzt würde sie erfahren, was Emilia ihr die ganze Zeit über verschwiegen hatte.

„Deine Schwester arbeitet schon seit vier Jahren in unserem Metier. Und sie investiert mehr Zeit in ihre Arbeit, als in ihr Studium“, fing sie an und offenbarte ihr zunächst noch nicht, dass sie das Geschichtsstudium abgebrochen hatte. Dennoch wurden Lillys Augen vor Entsetzen riesengroß.

„Aber…aber Emilia ist nicht so. Sie würde nie ihr Studium für irgendeinen Job schleifen lassen.“

„Das ist nicht irgendein Job“, betonte sie mit eiserner und strenger Miene. Ihr Gegenüber musste hart schlucken, denn nun zeigte Ophelia Emilias kleiner Schwester ihr wahres Gesicht.

Die nette Freundin und Studentin verwandelte sich in die eiskalte Killerin, die sie in Wirklichkeit war.

„Für diesen besonderen, großartigen Beruf muss man geschaffen sein. Man braucht dazu Leidenschaft, Disziplin und Stärke.“ Ihre Stimme bebte vor Erregung. Lilly hingegen saß mit erbleichter Haut vor ihr und schien nicht zu wissen, ob sie etwas sagen sollte. Letztenendes ließ sie es und wartete darauf, dass Ophelia weitersprach.

„Und man muss…wie nenne ich das bloß…“, überlegte sie gespielt und hielt die Blondine weiter hin, denn nur zu gerne aalte sie sich in deren wachsender Enttäuschung und Aufregung.

„Ich formuliere es mal so: man muss psychisch einen Knacks weg haben, um für diesen Job geeignet zu sein.“

„Bitte was?!“, krächzte sie schrill und sah sie verstört an.

„Ich will damit sagen, dass wir alle einen gehörigen Knall haben, auch dein liebes Schwesterherz.“ Ihre Stimme wurde ernst, denn nun kam sie langsam, aber sicher, zum Kern ihres Gesprächs.

„Willst du mir etwa erzählen, dass Emilia verrückt ist?“, regte sie sich empört auf. „Was fällt dir ein, huh?“ Sie war im Begriff aufzuspringen und zu gehen, doch Ophelia machte eine besänftigende Geste und lächelte entschuldigend.

„Ich wollte weder deine Schwester, noch dich in irgendeiner Weise beleidigen. Ich habe nur versucht dich auf die Wahrheit vorzubereiten.“

„Dann rede doch endlich, verdammt! Ich will jetzt sofort die Wahrheit wissen! Es ist Schluss mit dem drum herum Gequatsche!“ Die Brünette war kurz davor euphorisch aufzuspringen und in die Hände zu klatschen, aber sie riss sich zusammen. Mein Ziel ist zum Greifen nahe. Nur noch wenige Augenblicke und Emilias enge Beziehung zu ihrer Schwester geht zu Grunde und ist Vergangenheit.  

„Na schön.“ Ophelia beugte sich weiter vor.

„Glaubst du stark genug zu sein, um das zu ertragen, was ich dir sagen werde, Lilly McDermott?“, flüsterte sie ihr ins Ohr. Sie nickte und schien sich innerlich gegen alle Eventualitäten zu wappnen. Tut mir leid, Süße, aber die Wahrheit übersteigt deine Vorstellungskraft bei Weitem. Dir wird im Traum nicht einfallen, dass deine Schwester ihre Seele verkauft hat.  

Ihre Nerven waren bis zum Zerreißen gespannt, als Ophelia ihren Mund öffnete und…

Ein sich wiederholendes Klingeln unterbrach abrupt die Stille und riss sie aus der aktuellen Situation. Ophelia fluchte innerlich, denn zu ihrem Unmut ließ sich die Blondine von diesem Geräusch ablenken. Sie griff in ihren geblümten Rucksack, die neben ihr stand, und zog ihr Handy hervor.

„Das ist Emilia“, murmelte sie geistesabwesend und starrte auf den Display. „Ich sollte dran gehen.“ Die Killerin hätte ihr am liebsten das Handy aus der Hand gerissen, denn dieser kleine Gegenstand zerstörte gerade alles, was sie sich in den vergangenen zwanzig Minuten erarbeitet hatte. Bevor sie intervenieren konnte, nahm Lilly den Anruf entgegen.

Sie hörte dem kurzen Gespräch nicht zu, da es sie nicht interessierte. Im Fokus stand ganz klar ihr Versagen; ihre unvollendete Gemeinheit gegenüber ihrer Kollegin. Ihre Gedanken kreisten unentwegt um ihren Misserfolg, bis Emilias Schwester auflegte und sich erhob.

„Ich muss gehen. Emilia möchte mich in der Stadt treffen“, äußerte sie kühl.

„Du willst tatsächlich verschwinden, bevor du weißt, was los ist?“

„Ich frage lieber meine Schwester danach.“ Dieser Satz war der Todesstoss für sie, denn sie wusste, dass Emilia sie mit ihrer mitfühlenden und sensiblen Art wieder einwickeln würde, ehe sie sie dann eiskalt belog, um ihren Arsch zu retten.

So musste Ophelia Monroe mitansehen, wie Lilly ihren Rucksack schulterte, fünf Dollar auf den Tisch legte und in der Menschenmenge verschwand.

 

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