Sommergewitter

 

 

Wie der Mächtige im stetigen Kampf zwischen der eigenen, alles zu verschlingen drohenden, Gier und dem lästigen Gewissen, das ihm das Wohl seiner Untertanen ins Gedächtnis ruft, seine Wahl fällen muss, so neigte sich der sterbende Tag innerlich entzweigerissen der Erholung versprechenden Nacht entgegen. Gen Westen glühte der mächtige Feuerball ein letztes Mal in tiefem Orange, als wolle er dem Höllenfeuer stumme Konkurrenz bieten, und tauchte die ewig weiten Felder unter sich in verlockend bezauberndes Gold. Im Nordosten des Landes hingegen begannen zunächst dunkelgraue bis hin zu tiefschwarzen Wolken eine schwerbewaffnete Armee im Schutze ihrer Mauern zu versammeln, während der Rest der Wesen ihren sehnsüchtigen Blick der Schönheit der Sonne zuwandten.

 

Doch schon bald begann sich die, nun scheinbar unbezwingbare, Festung aus Wolkentürmen zu erheben, nachdem sie sich über lange Zeit an der Schwüle der Sommertage genährt hatte. Zunächst ging nur ein sanfter Wind durch Wiesen, Wald und Felder. Ein sanftes aber stetiges Flüstern wie gesenkte Stimmen, die die Imperfektion der anderen verspotten, um die eigene nicht betrachten zu müssen. Ein stetiges Flüstern, das von Sekunde zu Sekunde weiter anschwoll, bis schließlich beinahe orkanartige Böen schreiend das einrissen, was nach dem letzten Unwetter mühsam hatte erneut errichtet werden müssen.

 

Grelle Blitze zuckten über den, in Schwarz getauchten, Himmel, verblendeten gänzlich das, was wir naiv die Realität nennen, waren gefolgt von explosionsartigem Donner, der alle Sinne lähmte und zum Stillschweigen zwang, indem er die Ohren betäubte und damit der Zunge ihren Nutzen nahm. Begleitet wurde das grausame Spektakel von abertausenden von bleischweren Regentropfen, die sich über das Land ergossen wie Pfeile über das Heer vor den Toren eins so viel mächtigeren Königreiches. Ein Ohmen von Verzweiflung, Hass und dem Tod der Hoffnung schenkenden Träumerei.

 

 

Eine vereinzelte Träne rann über ihr blasses Gesicht, als Jane sich in ihrem Schreibtischstuhl zurücklehnte, ihren, von tobenden Gedanken schweren, Kopf in den Nacken fallen ließ und mit leerem Blick an die Decke starrte, als könnte diese ihr eine tröstende Antwort geben auf eine Frage, die Jane selbst nicht einmal kannte.

 

Im klar blassblau erleuchteten Lichtpegel ihrer Schreibtischlampe lag ein schneeweißes Blatt Papier eingezäunt von einer Vielzahl Bleistifte, Feinliner und bestimmter Filzstifte, die ihr ein halbes Vermögen gekostet hatten. Und allesamt starrten sie sie unverhohlen mit ihren gierigen Augen an, deren fordernden Erwartungen sie alle schon um ein vielfaches enttäuscht hatte und, wenn sie einmal den Mut hatte, eine Wahrheit über sich selbst zu sprechen, wahrscheinlich auch noch um ein Vielfaches enttäuschen würde. Denn außerhalb des schön anmutenden Lichts, war der, im Halbdunkel liegende Fußboden, von elendig zerrissenen Skizzen erfüllt, die im Sturm ihr Leben gelassen hatten.


Doch der Sturm bringt auch Hoffnung, versuchte sie sich zu erklären. Er reißt das Leben in Stücke, aber bringt den Neuanfang, entwurzelt Bäume, aber schenkt Fruchtbarkeit. Der Sturm ist nicht nur schlecht, sagt sie sich, der Sturm bringt Hoffnung.

Comments

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    Wow, wirklich Hut ab vor diesem einigartigen Gedicht!!

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    Junge, Junge... das kann was!

  • Author Portrait

    Wirklich episch! Du bist echt gut darin, den Himmel zu beschreiben! 5/5 :D

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