Spannungen

Der Nebel war aufgezogen und es herrschte wieder ungetrübte Sicht über das Meer. Und doch war die Küste noch nirgendwo zu entdecken. Der Sturm musste sie weiter aufs Meer hinaus getrieben haben, als sie geglaubt hatten. Und auch die Sterne oder die Sonne blieben unter einer dicken Schicht grauer Wolken verborgen. Der Seegang war ruhig und es herrschte noch immer Flaute, weshalb die Mannschaft der Galeere Tag für Tag die Holme ins Wasser tauchte und das Schiff zum Horizont hin ruderte.
Gunnar rümpfte die Nase. Er hatte in seiner Zeit an Land fast vergessen, wie schlimm eine Galeere zu stinken begann, wenn man lange genug mit ihr unterwegs war. Trotz der Kälte an Bord war das Rudern so anstrengend, dass den Männern der Schweiß in Strömen über den Körper rann.
Doch trotz dieser Kraftanstrengung schien sich das Schiff keine Meile zu bewegen. Um das Deck herum bot sich Tag für Tag das gleiche Bild und die anfängliche Euphorie über den Aufbruch wich mürrischen Stimmen. Seit Tagen hatte niemand mehr Alvaró gesehen und die Mannschaft murrte über den faulen Kapitän, der sich in seiner Kajüte ausruhte, während sie unter Deck Knochenarbeit zu leisten hatten. Gunnar versuchte die erhitzten Gemüter so gut es ging zu kühlen, mit mäßigem Erfolg.
Bald zeigte sich ein weiteres Problem. Nachdem sie wochenlang bewegungslos auf dem Wasser gelegen hatten, war ein guter Teil ihrer Vorräte an Nahrung und Trinkwasser aufgebraucht. Und nun, da die Seemänner ihrer schweren Arbeit nachgingen, schrumpften die Vorräte umso schneller.
Als erstes ging der Rum zur Neige. Und bald begann die Mannschaft Nachts vor Kälte zu zittern und mit den Zähnen zu klappern. Natürlich hatte der Alkohol nicht wirklich warm gehalten, aber er hatte das Kälte- und Schmerzempfinden betäubt. Ohne das Feuerwasser wurde die Stimmung unter Deck noch gereizter und angespannter und Gunnar befiel die dunkle Vorahnung, dass diese Fahrt ein böses Ende nehmen würde, wenn sie nicht bald Land erreichten, oder Alvaró es zumindest schaffte die Männer etwas zu beruhigen. Er beschloss den Kapitän am nächsten Tag aus seiner Kajüte zu holen, doch jetzt hatte er Ruderdienst.
Vor und zurück, vor und zurück. Und dazu brennende Muskeln und schmerzende Gelenke. Das Rudern war eintönig und eine Schinderei sondergleichen und Gunnar dankte den Göttern, als in der Dämmerung schließlich der Schichtwechsel kam.  Völlig erschöpft ließ er sich auf sein Lager fallen und starrte an die Holzplanken an der Decke, bis der Kombüsenjunge kam und das Abendessen verteilte: eine dünne Brühe mit zähen Fleischbröckchen. Nicht sonderlich appetitlich, aber immerhin war sie heiß.
Das Schiff war noch immer erfüllt mit dem Ächzen und Stöhnen der Mannschaft, doch trotz dieser unangenehmen Geräuschkulisse schlief Gunnar bald fest ein. Die Erschöpfung war stärker als alles andere.
Er erwachte mitten in der Nacht, als er hektische Bewegungen neben sich wahrnahm. Er wollte sich aufsetzen, um in der Dunkelheit erkennen zu können was vor sich ging, doch er wurde sofort von zwei kräftigen Armen wieder auf seine Schlafstätte gedrückt. Er hörte das klacken eines Feuersteins. Jemand entzündete eine Öllampe und im warmen Lichtschein konnte er sehen, wie sich drei der Besatzungsmitglieder über ihn beugten. Einer von ihnen, der Schiffskoch, hatte ein Messer in der Hand, das im flackernden Licht der Lampe gefährlich blitzte.  Gunnars Herz raste. Musste er jetzt, nach all den Jahren auf See, bei einer Meuterei sterben?
Er wollte etwas sagen, doch sofort legte man ihm eine Hand auf den Mund und erstickte jeden Laut, der aus seiner Kehle kommen konnte. 
"Du sagst nichts. Wir reden jetzt, verstanden?" herrschte der Koch ihn an.
Gunnar nickte.
"Gut."
Die Hand wurde von Gunnars Gesicht genommen.
"Um kurz die Situation zu erklären: Die Mannschaft ist darin übereingekommen, dass auf dieser Galeere nicht mehr gerudert wird, bis sich Alvaró hier zeigt, und uns erklärt, was hier eigentlich vor sich geht."
Der Koch machte eine kurze Pause, dann sprach er weiter:
"Er schließt sich wochenlang in seiner Kajüte ein, niemand hat ihn herein oder heraus kommen sehen. Er scheint nicht einmal zu essen. Und wir, wir rudern einem Licht am Horizont hinterher, das nicht näher kommt. Wir wollen Erklärungen. Und deshalb wirst du, als Alvarós Vertrauter, jetzt in seine Kajüte gehen und nachsehen was hier los ist. Dann wird er sich hier vor uns erklären. Und wenn uns nicht gefällt, was er zu sagen hat, dann findet sich für euch beide sicherlich ein Platz am Mast dieser Galeere."
Gunnar wurde unsanft auf die Füße gezogen und in Richtung Kapitänskajüte geschleift. Er spürte das Messer des Kochs in seinem Rücken. Sein Herz pochte immer noch wie wild.
"Es ist nicht mehr lang bis zur Dämmerung. Bei Sonnenaufgang will ich euch beide an Deck sehen."
Mit diesen Worten drehten sich die drei Verschwörer um und gingen davon. Gunnars Herzschlag indes beruhigte sich wieder ein wenig. Er musste nur Alvaró aus seiner Kajüte holen und an Deck bringen. Dann würde sich schon alles aufklären, so hoffte er.
Unsicher klopfte er an die Tür. Drinnen regte sich nichts. Kein Laut, nicht einmal ein Rascheln von einer Bewegung. Gunnar klopfte erneut, diese Mal energischer. Erneut keine Reaktion. Und wieder erfasste Panik sein Herz. Er musste diese Tür aufbekommen, sein Leben hing doch daran! Wie von Sinnen begann er mit den Fäusten gegen das Holz zu trommeln, schlug sich die Hände blutig und sank schließlich entkräftet zu Boden. Nein, so durfte es nicht enden!
Er stand auf und warf sich, die Schulter voran, mit all seiner verbliebenen Kraft gegen die Tür. Das Holz knarzte, aber noch tat sich nichts. Er wiederholte die Prozedur, wieder und wieder, bis die Tür schließlich aus den Angeln brach und Gunnar ins innere der Kajüte taumelte.
Er richtete sich auf, und klopfte sich die Holzsplitter von der Kleidung. Die blutigen Hände würde er verbinden müssen, das würde beim Rudern sonst höllisch schmerzen. Aber zuerst musste er sehen, dass er den nächsten Tag unbeschadet überlebte. 
Alvaró saß auf seinem Stuhl und starrte ins Leere. vor ihm auf dem Tisch brannte flackernd eine Kerze. Mit schnellen Schritten ging Gunnar auf ihn zu, der Kapitän schien ihn nicht einmal zu bemerken. Kurz vor dem Arbeitstisch blieb Gunnar stehen und sah sich Alvaró an. Was sich ihm bot war ein erschreckender Anblick:
Der Kapitän war abgemagert, die Haut spannte sich pergamentartig über seine Knochen und seine Adern stachen hervor, wie fette, pulsierende Würmer. Sein dunkles Haar war von grauen Strähnen durchzogen, und er hatte so tiefe Augenringe, dass es aussah als wäre ihm Tinte aus den Augenhöhlen gelaufen. Sein schwerer Atem entwich zwischen den zerkauten und spröden Lippen stoßweise aus seinem Körper.
Gunnar legte Alvaró eine Hand auf die Stirn. Seine Haut war eiskalt, doch nun zeigte der Kapitän eine Regung. Er drehte den Kopf und schaute Gunnar an. Es schien sogar, als kehrte etwas Farbe in sein totenbleiches Gesicht zurück.
Er ließ etwas fallen, was mit einem leisen Klacken auf den Planken aufschlug.
"Wasser" krächzte der Kapitän, "bring mir einen Schluck Wasser."
Gunnar fand eine Karaffe mit Trinkwasser am Ende der Kajüte, die dort schon lange unberührt stehen musste, und flößte es Alvaró behutsam ein. Dann brachte er ihm noch etwas Brot, das er neben der Karaffe hatte liegen sehen und fütterte den Kapitän, der dabei merklich ein wenig Kraft zurück gewann.
Nachdem er dies getan hatte, nahm er den gebrechlichen, desorientierten Kapitän an die Hand und führte ihn durch die aufgebrochene Tür.
"Komm," sagte er, "es wird Zeit, dass du wieder an Deck gehst und die frische Seeluft spürst."

Comments

  • Author Portrait

    Ein gut geschriebenes Kapitel :) Aber wer sich freiwillig als Matrose auf einem Schiff mit einem unbekannten Ziel meldet, ist selbst Schuld wenn er am Ende unzufrieden ist. Ein bisschen Weitsicht sollte man schon beweisen und nicht am Ende den armen Gunnar für alles verantwortlich machen, der auch nicht mehr tun kann als den abgemargerten Kapitän vor die wartende Meute zu stellen. Ich lese sofort das nächste Kapitel! Bin gespannt ob Alvaro in seiner ZombieStarre bleibt und am Ende an den Mast gefesselt wird, oder ob und was er sagt. Und noch viel wichtiger, was ist das für eine Stimme in seinem Kopf und warum bringt sie ihn dazu auf ein Licht zuzufahren, welches nicht näher kommt? Wie auch immer, ich höre jetzt besser auf zu kommentieren, sonst verliere ich mich in Mutmaßungen und muss noch länger darauf warten weiter zu lesen. ich sag es wieder: Sehr gut geschriebenes Kapitel und sehr SEHR spannende und coole Story. LG, Polla :D

beta
Fairy Dust

Navigation

Languages

Social Media