Station 3 Zimmer 14

Ella

Die nächsten Wochen verliefen überwiegend gleich, ich arbeitete im Krankenhaus besuchte Alexander, unterhielt mich mit Mary oder Karl. Freunde hatte ich noch nicht gefunden aber in ein paar Wochen würde die Uni beginnen und dann fand ich sicher ein paar nette Leute. Ich war nicht so der Typ der los zog und im Handumdrehen eine Horde Menschen um sich schärft, ich war eher so der Buchtyp. Dad war in den letzten Wochen ganze zwei Tage zu Hause gewesen, die verbrachten wir zusammen um uns besser kennenzulernen, ich glaube es läuft ganz gut zwischen uns. Wie jeden Tag nach meiner Schicht ging ich zu Alexander, außer mir hatte ihn in dieser Zeit niemand sonst besucht. Nachdem ich frische Blumen in die Vase gestellt hatte, setzte mich wie immer auf den Stuhl neben seinem Bett und strich im die Locken aus der Stirn, das tat ich seit einigen Tagen, warum wusste ich selbst nicht aber es fühlt sich richtig an, ich fühlte mich ihm dadurch etwas näher. Ich mochte ihn, dabei hatte ich gar keine Ahnung wer er eigentlich war. Wie er war! Ich erzählte ihm wie mein Tag gelaufen war, auch das tat ich seit einiger Zeit, weil ich das Gefühl hatte er sollte etwas mehr über mich und mein Leben erfahren. Nachdem ich ihm von dem grandiosen Frühstück das Mary mir heute früh servierte erzählt hatte und das mein Dad am Wochenende kommen würde nahm ich das Buch zur Hand und begann zu lesen, Heute würden wir Romeo und Julia abschließen und dann sollte ich mir Gedanken darüber machen was ich ihm als nächstes vorlesen könnte. Der Herr der Ringe, Harry Potter oder doch eher etwas von Steven King, das werde ich wohl spontan entscheiden wo nach mir er Sinn steht. Ich mochte eher romantische Sachen, aber ich denke das er dies eher nicht so bevorzugte, er sah nicht einmal so aus als würde er sich überhaupt für Bücher interessieren. Comics, ja die würden zu ihm passen aber die konnte man wirklich schlecht vorlesen.

Ich war völlig vertieft in das Buch, es war einfach schrecklich das diese Beiden Liebenden nicht zu einander fanden, ob es heute noch ähnliche Beziehungen gab, wo die Vorstellung ohne einander zu leben so unvorstellbar war, das man lieber gar nicht mehr lebt? Ich hatte das Buch schon so oft gelesen du doch nahm es mich immer wieder mit. Ich sah zu Alexander, er war sicher jemand der einem das Herz brechen konnte und es danach unmöglich war es zu reparieren. Er war einer dieser Typen vor denen dich deine Mum warnt und du trotzdem blindlinks in die Katastrophe stolperst. Als Mädchen brauchte man solche Erfahrungen um die Guten von den Idioten unterscheiden zu können, das hatte meine Mutter immer gesagt. Ich bemerkte das er sich unruhig im Bett bewegte, ich legte das Buch zur Seite und sah ihn mit zusammengezogenen Augenbrauen an, ich strich ihm beruhigend über die Stirn, in diesem Moment schlug er die Augen auf und sah mich verwirrt an, bevor seine Augen wieder zu fielen und seine Augenlider zu zucken begannen. Alexander?" flüsterte ich, er schlug die Augen erneut auf ich sah in seine verschleierten blauen Augen. Sie waren noch schöner als ich dachte und sie waren gefährlich. Oh mein Gott, er war wach! Ich starrte ihn einfach nur an, unfähig etwas zu sagen. Wehmut überkam mich, denn jetzt hatte ich keinen Grund mehr hier her zu kommen. Wem sollte ich jetzt erzählen wie es mir ging, was ich fühlte, was ich dachte? Ich liebte es ihm alles erzählen zu können, in seiner Nähe zu sein, ihn berühren zu können, er war mir inzwischen so vertraut geworden und jetzt war er plötzlich real. Entsetzt darüber das ich mich nicht freute das er aufgewacht war, stand ich auf und rannte aus dem Zimmer ohne ein weiteres Wort und ohne einen weiteren Blick auf ihn zu werfen. Ich war wirklich ein schlechter Mensch. Auf dem Flur rannte ich direkt in Hilde hinein, die mich erstaunt ansah Was ist denn passiert, Ella?" fragte sie, ich sah sie an und versuchte meine Gedanken in eine sinnvolle Reihenfolge zu bekommen. Alexander, er ist wach!" Hilde drehte sich auf dem Absatz und eilte in das Zimmer von Alexander, ich hätte nie erwartet das sie so eine Geschwindigkeit an den Tag legen könnte. Ich sah ihr nach, hin und her gerissen ob ich ihr folgen sollte oder nicht. Als meine Schockstarre sich löste und meine Beine wieder ihren Dienst aufnahmen verließ ich das Krankenhaus, stieg in die nächste U-Bahn und fuhr zur Villa. Ich hätte da bleiben können, ihm sagen können das ich die letzten Wochen bei ihm gewesen war. Doch mich hatte der Mut verlassen, was wenn er sauer gewesen wäre? Immerhin war ich in seine Privatsphäre eingedrungen. Was wenn er ein Arschloch war und hätte damit meine Illusion von ihm zerstört, die ich mir in den letzten Wochen mühsam aufgebaut hatte. Oh nein das wollte ich nicht, ich wollte mir die letzten Wochen bewahren, also lief ich lieber davon.

Die nächsten drei Tage hatte ich frei und sah mir die Stadt an um auf andere Gedanken zu kommen, anschließend startete ich einen Soapmarathon um mich von Alexander und den Geschehnissen der letzten Wochen abzulenken. Ich verlängerte mit der Ausrede ich wäre krank auf eine Woche und ging dann wieder zur Arbeit ins Krankenhaus und hoffte einen großen Bogen um Alexanders Zimmer machen zu können, vielleicht könnte Heute jemand anderes die Essensausgabe übernehmen. Ich schaffte es wirklich mich weitestgehend rar zu machen. Später in meiner Pause erzählte mir Hilde das Alexander vollständig aufgewacht sei und bereits verlegt wurde. Wenn er weitere Fortschritte machen würde, könnte er in ein paar Tagen zur Reha fahren. Ich freute mich und war gleichzeitig traurig das ich ihn nun nicht mehr sehen würde. Nicht das ich vorgehabt hätte auf ihn zu zugehen, aber die Vorstellung es nicht mehr zu können, wenn ich den Mut dazu finden würde, gefiel mir nicht. Ich mochte die kleine Blase in der wir waren, auch wenn ich immer befürchtete das sie irgendwann mit einem lauten Knall platzen könnte. Es war absurd zu glauben, das er sich an mich erinnert und sich auf die Suche nach mir machen würde um mit mir befreundet zu sein. Ein kleiner Teil von mir hatte das allerdings gehofft, Hilde stupste mich an bist du noch da?" fragte sie Ähm... ja, das ist toll" sagte ich um einen begeisterten Ton bemüht. Er ist auf Station 3 Zimmer 14" lächelte sie mich an und verschwand dann den Gang entlang. Was sollte ich mit dieser Information jetzt anfangen? Ich kann doch nicht einfach zu ihm gehen, was soll ich denn sagen Hallo ich bin Ella, du kennst mich nicht aber ich bin die diejenige, die dir die letzten drei Wochen Romeo und Julia vorgelesen hat". Wie albern ist das denn, da hält er mich doch gleich für verrückt und ruft den Sicherheitsdienst! Ich werde nicht zu ihm gehen und mich zum Trottel machen. Den Rest des Tages verbrachte ich damit mich abzulenken und nicht an Alexander zu denken, was mir mäßig gelang.

Zu Hause gab Mary ihr Bestes mich mit tollem Essen aufzuheitern, wenn sie weiter so gut kochte tauschte ich meine Kleidergröße bald gegen die nächst Größere, aber das war mir im Moment auch herzlich egal, zum Nachtisch holte ich mir eine Packung Schokoladeneis und einen großen Löffel und verzog mich in meinen privaten Teil des Hauses. In Selbstmitleid zu zerfließen hielt ich für eine super Idee, ich würde Massen an Schokoladeneis essen und mir Pretty Women anschauen. Zwei Stunden später saß ich heulend auf den Sofa und erklärte meine Situation für ausweglos. Ich würde Alexander nie wieder sehen und würde mich damit abfinden müssen, das mein Prinz auf dem weißen Pferd oder wie in Julia Roberts Fall mit der weißen Limousine nicht kommen würde um mich zu retten. Es war wirklich zum verzweifeln ich wollte nicht mehr an ihn denken und doch kreisten meine Gedanken ständig um Alexander und seine tiefblauen Augen. Wie ist es möglich zu jemanden eine so enge Bindung aufzubauen, obwohl man doch gar nichts von ihm wusste. Alexander White hatte mich gebrandmarkt und ich hatte keine Ahnung wie er das geschafft hatte, ein Blick in diese tiefblauen Augen hatten gereicht um mich tief mit sich zu ziehen. Etwas dunkles lag in ihnen und ich war irgendwie froh das ich diese Seite von ihm niemals zu Gesicht bekommen würde.



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