Stephen Kiel Eine Studie in Khaki Kapitel 4

Das Haus am Goldsteintalbach (Anreise)


Eines Abends trat Tea in die Bibliothek ein, als Stephen und ich über die Sinnhaftigkeit verschiedenster Heilpraktiken debattierten.

Ihre tiefblauen Augen waren ganz auf meinen Gesprächspartner gerichtet, leicht kaute sie auf ihrer Unterlippe, was ihr einen niedlichen, aber auch nervösen Eindruck verlieh.

"Also, darf ich erfahren was dich bedrückt, oder willst du mich weiter mustern?", versetzte Stephen, mit einem schelmischen Tonfall, ihren Gedanken neuen Antrieb.

"Stephen", stockend und seinen Namen wiederholend, nach den richtigen Worten suchenden, trug sie ihre Bitte vor, "Eine Freundin von Pia hat ein Problem."

"Du meinst nicht zufälligerweise Pia selbst, oder?" Entgegnete Stephen, der Pia zwar nicht hasste, aber keine große Sympathie für sie empfand. Was wohl auf Gegenseitigkeit beruht.

"Nein. Nicht eure Streitigkeiten. Es gab ein paar ungewöhnliche Ereignisse in einer Ferienwohnung. Und. Naja sie hat mit Pia geredet. Die mich darum gebeten hat, ihrer Freundin, mit deiner Hilfe, zu unterstützen."

"Warum fragt sie nicht selbst? Meine Nummer hat sie ja und wenn es um Unfreundlichkeiten geht, hat sie mir diese schneller geschrieben und gesendet, als ich denken kann. Aber was soll man von diesem Kleinkind erwarten." sagte Stephen resigniert, die Achsel zuckend.

Tea, welche den Zwist zwischen ihrer besten Freundin und Stephen schon seit sich beide kannten, ertragen musste, war über Stephens Reaktion nicht verwundert, aber sichtlich genervt. Falten, die darüber Zeugnis legten, begannen sich zu prägen. Ein Anblick den man diesem Kopf nicht zutraute, weshalb er auch umso effektvoller wirkte. Stephen nahm es gelassen, wobei er in meinem Beisein auch nie eine andere Erregungshaltung zeigte.

"Ist schon gut, Tea. Ich werde wo auch immer hin gehen. Du weißt ich kann einem guten Rätsel nicht widerstehen. Aber sag, weißt du mehr darüber?"

"Nicht viel, Pia wollte erst wissen ob du zusagst."

Die weitere Kommunikation beschränkte sich auf ein Augenrollen Stephens, der genau wusste, dass seine Widersacherin ihn damit ein Stück weit provozieren wollte. Denn so wusste er von dem Rätsel konnte aber sein Gehirn noch nicht mit Informationen füttern.

 

*

 

In der Kälte eines grauen Januartages, war der Sparziergang durch einen düsteren Wald noch weitaus unbehaglicher, als er für möglich zu halten sei. Die Bäume waren kahl und ragten wie grausame Hände aus dem Schnee überzogenen Waldboden. Auch wenn sie keine Blätter trugen, war es doch recht schummrig, was auch an den dunkeln Schneewolken lag, welche drückend auf dem frühjährlichen Himmel lasteten. Ab und an knirschte ein Zweig oder trockenes Blattgemisch unter den Schuhen von Stephen, Tea und mir. Fast bereute ich es die behagliche Bäckerstraße 21B mit der Kälte des Frostwaldes getauscht zu haben. Doch war der Anblick, der teilweise gefrorenen Goldsteinbachtümpel, und die gemeinsame Zeit mit meinen Mitbewohnern auch eine angenehme Abwechslung.

Tief sog Tea die kalte Luft ein.

"Brrrr, dass fühlt sich großartig an.", sagte sie leicht fröstelnd. Ihre Augen funkelten wie Schnee im Sonnenglanz und die Röte ihrer Wangen betonte diese noch in bezeichnender Weise. "Nichts übertrifft einen Sparziergang im Wald."

Auch wenn ich mich anfänglich beklagt hätte, so musste ich mich der Euphorie dieser jungen Frau anschließen. Generell hatte Teas Wesen etwas Mitreißendes, Entwaffnendes. Der Grund war dafür wohl ihr absolut herzliches Wesen, ihre Eigenart. So stimmte ich mit ein. Stephen schwieg und blickte immer wieder in das schwarze Dunkel des Wolkenhimmels.

Vielleicht hatte er damals eine Vorahnung, was passieren würde...

 

"Stephen?" sprach ich meinen Kompanien an.

Ein abwesendes Hmmm? Galt mir als Erwiderung.

"Hast du schon häufiger mit solchen Ereignissen zu tun gehabt. Wenn dieses Mädchen - ich vermied bewusst den Namen Pia - die Problematik einer Freundin an dich weitergeben lässt."

"Ich sehe dir nach, dass du Pia Groß nicht kennst. Sie gibt gerne ihre Angelegenheiten und Verantwortung an andere ab. Aber du hast wohl Recht mit der Annahme, dass es ein ungewöhnliches Ereignis sein muss, schließlich hat sie sich an mich und nicht an ihren Freund Leo gewendet. Der wohl auch in den meisten Problemen mehr als eine große Hilfe wäre. Also scheint es wohl ein Mysterium, welches detektivischer Arbeit bedarf, zu sein. Dazu ist Freund Leo zu unbedarft und phantasielos, in Schlussfolgerungen. Es wird daher noch Tagwerk für mich zu holen sein."

"Du warst als Detektiv schon häufiger tätig?" Entgegnete ich verwundert. Diese Wendung war trotz seiner Schlussfolgerungsgabe nicht für mich absehbar, schließlich lief neben mir ein junger Student, wie meine Wenigkeit.

"In der Oberstufe habe ich das ein oder andere Rätsel lösen dürfen. Und noch ein paar andere Geschichten, aber das hat wohl nichts mit dieser Angelegenheit zu tun. Jedoch erhielt mein Name dadurch ein wenig Bekanntheit, sodass ich von Zeit zu Zeit kleinere Aufträge annehme. Meist Freunde oder Bekannte von Tea, Leo oder Pia. Ich selbst habe sonst keine weiteren Freunde aus dieser Zeit."

Tea, welche dem Gespräch nur mit halbem Ohr gefolgt war, blieb wenige Schritte hinter uns zurück. Sie blickte angestrengt in den finsteren Wald.

"Seltsam.", sagte sie sich zu uns drehenden. "War da nicht gerade eine Person mit langem Haar im Wald?" Tea pausierte und führte fort, als wir beide, ihrer Sichtung noch keine passende Reaktion folgen ließen. "Eine große Person mit Pferdeschwanz. In einem weiten, schwarzen Mantel gehüllt. Vielleicht ein Mann, dass Gesicht war von einem Basecap verdeckt. Er stand hinten, bei den Bäumen."

"Ein Mann mit Pferdeschwanz?" Stephen blickte angestrengt in die Richtung, welche Tea gewissen hatte. Ein Blick, so stechend, dass man nur darauf wartete das Knacken des Holzes zu hören, welches den Blick versperrte. Doch vermochte keiner von uns, noch ein Mal einen Blick auf unsere Schattengestalt zu werfen.

"Mann. Pferdeschwanz. Schwarzer Mantel... Es klingelt, irgendwo ganz tief in mir..." murmelte Stephen vollkommen in Gedanken. Irgendwann hatte er doch mal was über einen Pferdeschwanzträger in Rambach gelesen, bloß wann? Seine Gedanken wurden erst von Tea wieder zerrissen:

"Sicher, dass es nicht aus deiner Jacke klingelt?"

In der Tat hatte Stephen das Klingeln seines Handys bisher vollkommen überhört. Der Anrufer, Leo, bedankte sich im Namen seiner Freundin, für Stephens Engagement und wünschte ihm Erfolg für die Ermittlung. Die kurze Unterredung war schnell beendet und von geringem Belang. Doch sollte sie Erwähnung finden...


*

 

Drei Gestalten waren durch seinen Wald gelaufen...

Ein Wortkarger, ein Geschwätziger und eine Frau.

Sie hatte ihn gesehen, nur kurz, aber sie plapperte es gleich weiter.

Der Wortkarge hatte einen gefährlichen Blick.

Der Geschwätzige war blind.

Drei Gestalten waren durch seinen Wald gelaufen...

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