Steve

Jedes mal wenn ich sie ansehe wird mir ganz anders. Mein Herz beginnt zu rasen, in meinem Bauch flattern 1000 Schmetterlinge, durch meine Venen rast ein unbeschreibliches Glücksgefühl. Doch trotz diesen starken Gefühlen wenn ich sie sehe, macht mir meine Schüchternheit jedes mal ein Strich durch die Rechnung. Selbst wenn sie mir Hallo sagt, bringe ich nicht mehr als ein stottern zustande, was das fragen nach einem Date ziemlich erschwert beziehungsweise unmöglich macht.
Daran muss ich denken,als ich auf die leere Seite meines Matheheftes starre, wo Gleichungen stehen sollten. Aber die leeren Kästchen auf der leeren Seite sprechen eine andere Sprache. Gleichungen intressieren mich nicht die Bohne, ich brauche eine Lösung, wie ich sie fragen kann, ob sie mit mir einen Kaffee trinken gehen will, ohne das ich direkt vor ihr stehe, weil das in einem desaster enden würde. Aber es muss eine möglichkeit geben, wie ich sie trotzdem fragen kann,nur welche? Resigniert lege ich den Stift auf das Pult und nehme mein Handy aus der Tasche. Mein Freund Benni hat mir eine SMS geschrieben, in der er fragt,ob ich die Mathehausaufgaben schon gelöst habe. "Nein sorry"antworte ich und lege das Handy  auf mein Pult, das Sekunden später vibriert. "Wie du hast sie noch nicht gelöst? Bist du krank oder lebensmüde?"schreibt Benni. "Kann mich nicht konzentrieren. Mach endlich deine Hausaufgaben selber. Bye."schreibe ich und lasse mein Handy in der Tasche verschwinden. Ich habe endlich eine Weg gefunden, wie ich sie fragen kann. Aber bevor ich anfangen kann meine Idee umzusetzen, erinnern mich Schritte auf der Treppe daran, das ich Hausaufgaben machen sollte. Ich schreibe die Gleichung ab und kritzle einen erfunden Lösungsweg hin. Kaum habe ich irgendeine Zahl als Lösung hingeschrieben, kommt meine Mutter rein, die kontrolliert will, wie weit ich mit den Hausaufgaben bin. «Kommst du voran?»fragt sie forsch. Ich nicke und beuge mich weit über das Heft, um die Sicht darauf zu versperren. Aber meine Mutter kennt diese Körperhaltung und möchte nun erst recht mein Heft sehen, was ich unmissverständlich ihrer Miene ablesen kann. Widerwillig und gefasst auf eine Standpauke rücke ich das Heft raus. Meine Mutter sieht sich die Gleichung an und setzt eine fragende Miene auf.«Kannst du mir mal erklären was du hier gemacht hast? Die Gleichung stimmt hinten und vorne nicht. »sagt meine Mutter. «Ähm keine Ahnung vielleicht bin ich verrutscht.»antworte ich und hoffe, dass meine Mutter diese Ausrede schluckt. Aber meine Mutter wäre nicht meine Mutter, wenn sie nicht mehr an meinen Hausaufgaben auszusetzen hätte. «Wieso hast du erst eine Aufgabe gelöst, du bist schon 30 Minuten dran.»fragt sie forsch. In dem Moment, in der ich die nächste Ausrede bringen will, vibriert mein Handy, was für meine Mutter erklärung genug ist.«Gib mir dein Handy du kannst es wieder haben wenn du mit den Hausaufgaben fertig bist.»sagt sie. Ich gebe ihr das Handy und atme erleichtert aus, als sie aus meinem Zimmer geht. Ich warte, bis ich in der Küche das klappern von Töpfen höre,bevor ich mich in das Arbeitszimmer meines Vaters schleiche und einen Stapel Briefpapier hole. Zurück in meinem Zimmer schiebe ich das Matheheft auf die Seite und nehme ein Briefpapier. Ich nehme meinen Kugelschreiber in die Hand und schreibe "Liebe Alice" dann halte ich inne. Wie soll ich ihr erklären was ich fühle, ohne kitschig zu wirken oder sie fragen ob sie mit mir Kaffee trinken gehen will, ohne plump zu wirken? Etliche Versuche später bin ich genauso weit wie am Anfang. Ich kann das was ich fühle und den Wunsch für ein Date einfach nicht in Worte fassen. In diesem Moment wünschte ich mein Handy bei mir zu haben. Benni, ein gnadenloser Frauenaufreiserwürde bestimmt wissen wie ich diesen Brief am besten schreibe. Ich seufze und beschliesse einfach das zu schreiben was ich fühle. Als ich fertig bin lese ich das geschriebene nocheinmal durch:"Liebe Alice. Wenn ich dich ansehe wird mir ganz anders. Meine Beine werden weich, in meinem Magen flattern 1000 Schmetterlinge bersuscht von deinem Anblick. Leider bin ich so schüchtern, dass ich dir das nicht persönlich sagen kann und  dich auch nicht persönlich fragen kann, ob du mit mir am Mittwochnachmitrag nach der Schule einen Kaffee mit mir trinken gehen willst. Ich würde mich sehr freuen dich näher kennenzulernen und meine Schüchternheit dir gegenüber abzulegen. Gib mir doch per SMS bescheid wie du dich entschieden hast. Meine Nummer ist 0758004567.
Ich hoffe bald von dir zu hören
Steve"
Ich falte den Brief zusammen und schiebe ihn in einen Briefumschlag, auf dem ich ihren Namen schreibe. Ich gehe nach unten, ziehe meine Jacke an und rufe in die Küche:«Bin gleich wieder da.»Ohne auf eine Antwort zu warten trete ich in die kühle, dunkle Nacht. Schneeflocken fallen sanft auf meine Haare und meine Jacke. Ich ziehe die Kapuze hoch und mache mich mit grossen Schritten auf den Weg zu Alices Haus, das nur 5 Minuten von mir entfernt ist.
Je näher ich ihrem Haus komme, desto langsamer werden meine Schritte, kurz vor ihrem Haus bleibe ich stehen. Soll ich es wirklich wagen? Was, wenn das ein riesen Desaster wird und alle über mich lachen? Aber wenn ich es nicht tue, verpasse ich nicht eine Chance? 
Ich atme tief durch und ganz nach dem Motto, wer nicht wagt der nicht gewinnt werfe ich den Brief ein. 
Ich drehe mich um und gehe nachhause,wo mich eine verärgete Mutter und Mathehausaufgaben erwarten.

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