Still gestanden, Soldat!

An dieser Stelle sagen sicherlich viele 'Warum hast du dich denn nicht gegen deine Eltern zur Wehr gesetzt wie ein normaler Teenager?' Naja, auch das hat verschiedene Gründe.
Zum Einen habe ich mir immer geschworen das 'brave Kind' zu sein, weil mein älterer Bruder mir als abschreckendes Beispiel diente mit seinem 'frechen' Verhalten. Ich hatte wahrscheinlich mehr Angst vor meinem Vater, wenn er meinen Bruder angeschrien hat, als mein Bruder. Denn mein Vater ist ein Vulkan, der bei Kleinigkeiten ausbricht. Sag ein falsches Wort und dich erwartet erst ein Frontalschlag und dann der Kalte Krieg. Das hat man davon, wenn Papa Oberstleutnant der Bundeswehr ist. Still gestanden, Soldat!
Zum Anderen habe ich mich nie zur Wehr gesetzt, weil der einzige Rückhalt, den ich in diesem Augenblick hatte, nur ich selbst war. Ich hatte keine Freunde, die mir den Rücken stärkten oder zu denen ich abhauen konnte, wenn die Luft zu dünn wurde. Niemand, der zu mir stand, als 'bad ol' me' und der war eine grauenvolle Stütze. Denn er sagte stets 'Papa hat ja recht, warst ein böses Kind!'
Im Leben gibt es zwei Wege mit Konflikten umzugehen: Du kämpfst oder du rennst davon wie eine feige Sau! Logischerweise wählte ich in den meisten Fällen den Weg der feigen Sau und wurde dadurch zum Perfektionisten im Einstecken und Verdrängen.
Probleme? Welche Probleme? Alles geschluckt und im Hinterstübchen abgeladen, wo es fröhlich das Unterbewusstsein annagen durfte, um das Ego runterzudrücken.

Und so erkläre ich mir mittlerweile meine Anorexie. Ich hab mir selbst einfach nie viel Gewicht beigemessen. Wenn ich nicht viel wiege, fall ich nicht auf, gehe in der Masse unter, so wie es immer schon war und wie ich mich am 'wohlsten' gefühlt habe.
Und andererseits habe ich etwas für mich selbst. Etwas, was meine Eltern nicht unter Kontrolle haben. Was ich esse und wie viel, das hab immer ich entschieden. Was sollten sie auch tun? Mich an den Stuhl fesseln und zwangsernähren? Das schien ihnen dann doch eine Stufe zu hoch zu sein.
Es gab also eine kleine Parallelwelt außerhalb des goldenen Käfigs, die allein ich regieren konnte.
Es war ein stiller Protest, gegen meine Eltern und gegen die viel zu schnelle Welt da draußen. Ich wollte für mich sein und Ruhe von allem haben, was da draußen auf mich zurollte, fing es doch schon im eigenen Haus an.
Ich wollte immer einen Ort haben, an dem es hieß 'Vincent rules!', aber mittlerweile heißt es an diesem Ort nur 'Anorexia rules Vincent!', also habe ich, so ungern ich das zugebe, auch dort keine Kontrolle mehr. Denn wenn dein Gewissen dir mit dem Zeigefinger droht, sobald du nur ein Käsebrot anschaust, dann hast du definitiv ein Problem...

Comments

  • Author Portrait

    Das sollten viel mehr Menschen lesen ...

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