Stopp. Zurückspulen, bitte!

Das herausschießende Blut hatte alles in der Umgebung von oben bis unten vollgespritzt. Patton hatte das Meiste abbekommen. Seine Hose und sein Shirt waren ruiniert. Das strenge und markante Gesicht war von roten Sprenkeln übersäht. Angewidert musterte er die Tote vor sich, die Holly so viel bedeutete. Ich sah zu ihr herüber.
Ungehalten ließ sie einer Menge von Tränen freien Lauf und krallte sich mit ihren Fingern in ihren Haaren fest. Sie atmete so unregelmäßig und schnell, dass ich befürchtete, dass sie jeden Moment hyperventilierte. Der widerliche und beißende Gestank des Todes schwebte in der Luft und schnürte mir die Kehle zu.
„Holly“, hauchte ich und schleppte mich zu ihr. Als sie mich jedoch sah, kreischte sie panisch und wich soweit zurück, wie es die Räumlichkeiten zuließen.
„Verschwinde, lass mich in Ruhe.“ Ihre Stimme war hoch und kratzig. Mitten im Raum hielt ich inne. Ich ging nicht weiter, denn ich wollte sie nicht bedrängen oder ihr Angst einjagen.
„Das klingt nach Ärger im Paradies“, sagte Emilia schadenfroh und kam zu mir. Misstrauisch behielt ich sie im Blick. Unverschämt wuschelte sie mir durchs Haar.
Dann hockte sie sich neben mich und kam mit ihrem Mund ganz nah an mein rechtes Ohr.
„Ich glaube, dass du es jetzt bereust mir Vertrauen geschenkt zu haben, James. Tja, aber ich verspreche dir, lange wirst du nicht mehr zu leiden haben.“ Ihr warmer Atem kitzelte mich unangenehm im Nacken. Sie erhob sich und trat ein paar Schritte zurück. Ich fragte mich, was das sollte. Wollte sie mir meine Schuld einbläuen? Das brauchte sie nicht, denn sie war mir bereits bewusst.
Holly kauerte sich derweil wie ein Embryo zusammen und wiegte sich hin und her. Ich konnte sehen, was ich in wenigen Stunden angerichtet hatte. Ich hatte ihr fröhliches und sorgenloses Gemüt zerstört und meine Kollegen hatten zusätzlich darauf herumgetrampelt.
„Wann machen wir Roddick endlich kalt?“, jammerte Mickey plötzlich zähneknirschend.
Unruhig ging er im Zimmer auf und ab und warf mir verstohlene Blicke zu. Er wollte mich tot sehen.
„Hab Geduld, Mickey. Zuerst muss der miese Verräter sein zerbrechliches Püppchen töten.“ Unzufrieden nuschelte er etwas vor sich hin, bevor er sich neben Ophelia setzte. Sie hielt sich die ganze Zeit die verletzte Wange und blickte mies gelaunt drein.
Mickey nutzte seine Chance und versuchte so unauffällig, wie möglich, seinen Arm um ihre Schultern zu legen, doch sie rutschte ein Stück von ihm weg und lehnte sich an Navarros Oberkörper. Dieser saß tief in der grauen Couch und hatte seine Beine auf den kleinen Tisch vor ihm gelegt. Triumphierend lächelte er Mickey an und zog aus reinster Provokation Ophelia nahe an sich heran. Sauer wandte Mickey sich von ihnen ab.
Er musste sich, wie so oft, geschlagen geben.
„Und wann lassen wir ihn seine Tussi umbringen?“ Für ihn konnte es wohl nicht schnell genug gehen.
„Lassen wir ihm noch fünf Minuten. Er soll sehen, was er angerichtet hat und von Schuldgefühlen zerfressen werden.“ Emilia lachte höhnisch. Dann wurde es still, bis auf das leise Schluchzen von Holly. Das war also unsere Galgenfrist, fünf mickrige Minuten.
Gab es absolut nichts mehr, was ich tun konnte, um die Katastrophe abzuwenden? Als ich auf meinen geschundenen und geschwächten Körper blickte, schoss mir die Antwort auf meine Frage in den Kopf: nein.
Ich hatte es immer und immer wieder versucht, doch ich war jedes Mal knapp gescheitert.
Gott wollte, dass ich starb, aber wieso musste Holly auch dran glauben? Warum, warum, warum? Weil sie sich ich einen Killer verliebt hatte? Sollte sie wegen eines Fehlers mit ihrem Leben bezahlen? Natürlich nicht.
Sie hatte weder Schmerz noch Trauer verdient, aber beides musste sie nun durchleben. Ich musste zugeben, dass Gott die Strafen ziemlich unfair verteilte.

Nach meinem Gefühl war gerade mal eine Minute vergangen, als Ophelia und Navarro gleichzeitig aufstanden.
Beide hatten ein grausames Lächeln aufgesetzt, was nichts Gutes ahnen ließ. Ophelia tänzelte elfengleich zu Holly herüber. Dieser schien der kommende Untergang nicht bewusst zu sein oder ihr war es nach dem Tod ihrer Eltern egal, was mit ihr selbst geschah.
Ophelia umfasste ihre Handgelenke und zog sie ohne Gegenwehr ihrerseits zu mir. Direkt vor mir sackte sie beinahe leblos zusammen, nachdem Ophelia sie losgelassen hatte. Zur Sicherheit entfernte sie sich jedoch nicht weit von Holly. Navarro dagegen schritt auf mich zu, die silbern blitzende Waffe in der Hand.
Ein dunkler Schatten legte sich auf sein Gesicht und ließ ihn gespenstisch wirken. Hart schluckte ich, um den Kloß in meinem Hals loszuwerden. Jetzt wurde es ernst. Es gab keinen Ausweg aus diesem Albtraum. Holly saß so nah bei mir, dass ich ihre Wärme spüren und den Vanilleduft, den sie verströmte, riechen konnte. Den Kopf hielt sie gesenkt, sodass ich ihre blauen Augen nicht sehen konnte.
Der Drang sie zu küssen stieg in mir auf, aber ich war mir sicher, dass ein Kuss von mir jetzt das Letzte war, was sie wollte. Navarro hockte sich neben mich und warf seine schwarzen Haare zur Seite. Starr blickte ich geradeaus, denn wenn ich seine hässliche und abartige Visage sehen würde, dann würde ich ihm garantiert die Zähne raus geschlagen.
„Nun ist es soweit. Du weißt, was du zu tun hast, James.“ Der Blutgeruch, der an seiner Kleidung haftete, brannte mir unangenehm in der Nase.
„Keine Sorge. Ich bin mir meiner Aufgabe bewusst, Henstridge“, entgegnete ich abfällig und hielt ihm meine geöffnete rechte Hand hin. Misstrauisch beäugte er mich und meine überraschende Geste.
„Was ist denn nun los? Hast du endlich kapiert, dass du keine andere Wahl hast und fügst dich deinem Schicksal oder hast du wieder irgendetwas Hinterhältiges vor?“, fragte er mich etwas unsicher, was mich wiederum überraschte. Hatte er Angst, dass er und seine übrigen Kollegen die Kontrolle über die Situation verloren? Das ich, ein ramponiertes Jüngelchen, eine Bedrohung für sie darstellte?
Ein herrliches Gefühl der Überlegenheit breitete sich in meinem geschwächten Körper aus und gab mir Kraft. Ich wunderte mich über mich selbst. Woher nahm ich immer wieder diese Kraft, die mich zum Weitermachen animierte? Verdammt, ich hatte keine Ahnung. Womöglich lag es an meinem Überlebenswillen. Ich wollte nicht von geisteskranken und gefühllosen Menschen, die ich mehr hasste, als alles andere auf dieser Welt, getötet werden.
„Würdest du mir endlich die Waffe geben oder muss ich noch weitere Stunden warten?“ Meine Stimme klang entschlossen und kalt zugleich.
„Hier“, er drückte mir die Walther PPK in die Hand, „und wehe du ziehst irgendeine krumme Nummer ab“, raunte er mir ins Ohr.
Nach seiner Warnung, die mich in keinster Weise einschüchterte, entfernte er sich ein paar Schritte. Seine Augen ruhten jedoch weiterhin auf mir. Mit der Waffe in meiner Hand fühlte ich mich mächtig und übernatürlich stark.
Pure Energie schoss durch meine Hand hindurch, bis sie mich völlig eingenommen hatte. Ich saugte die stickige Luft, die sich in alles und jeden in diesem Raum festgesetzt hatte, auf und konzentrierte mich auf die Aufgabe, die ich durchzuführen hatte. Ich nahm die Waffe richtig in die Hand, sodass sie sich an meine Haut schmiegte. Ich spürte ein leichtes Kribbeln. Das Herz schlug mir bis zum Hals und mein Blut rauschte blitzschnell durch meine Adern.
Vor mir zitterte Holly unkontrolliert, als ob sie gerade einen Stromschlag bekommen hätte. Ihre Haut war schneeweiß und sah ungesund und kränklich aus. Das sonst so seidige Haar hatte seinen Glanz verloren und wirkte stumpf und trostlos. Ich erkannte sie nicht mehr wieder. Diese Person vor mir war nicht Holly. Ich konnte es nicht länger ertragen sie leiden zu sehen.
Hinter ihr stand Ophelia, die ungeduldig mit dem linken Fuß wippte. Ich konnte ihr gieriges Verlangen nach einer Zigarette in ihren listigen Augen sehen. Navarro war ebenfalls nervös, wie all die Anderen. Sie warteten nur darauf, dass ich Hollys Leben ein Ende bereitete, denn danach würde ich an der Reihe sein. Ich konnte mir gut vorstellen, wie scharf sie darauf waren, mich für meinen Verrat zu quälen und zu bestrafen.
„Bring sie doch endlich um, du Feigling.“ Mickeys aufgebrachte Stimme schrillte ungewöhnlich hoch durch den Raum.
Ich reagierte in keinster Weise auf seinen Befehl. Ich ließ mir Zeit. Mein Kopf war angefüllt mit tausenden Gedanken, doch sie waren so schleierhaft, dass ich keinen Einzigen von ihnen zu fokussieren vermochte. Kurz schloss ich die Augen, um alles um mich herum auszublenden.
Dann hob ich meine Lider und sah bloß Holly, die mir einen erschreckenden Anblick bot. Wie in Zeitlupe hob ich die Hand und zielte genau auf ihre glatte und zarte Stirn. Innerlich vollzog ich einen schmerzhaften Abschied von dem Mädchen, das ich bis in alle Ewigkeit lieben würde.
Mit ihr hatte ich die schönste Zeit meines Lebens verbracht. Wir kannten uns zwar erst seit wenigen Monaten, doch ich hatte das Gefühl, dass wir schon unser Leben lang zusammen gewesen und uns geliebt hatten. Nichts und niemand könnte mir die Erinnerungen an unsere gemeinsame Zeit nehmen, denn sie würden für immer einen festen Platz in meinem Herzen haben.
„Es tut mir leid“, hauchte ich.
Holly hob ihren Kopf und durchbohrte mich mit diesem traumhaften Azurblau. Ich nahm noch einen tiefen Atemzug, bevor ich, ohne mit der Wimper zu zucken, den metallenen Abzug drückte.

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Fairy Dust

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