Suchen

Dunkelheit. Er schwamm durch Finsternis. Aus der Ferne klang ein Rufen, das er nicht zuordnen konnte. Dann kippte die Welt. Oben und unten verloren ihre Bedeutung und er schwebte im Nichts.

Manchmal überkam ihn dieses Gefühl mitten am Tag, mitten in der Schule, inmitten von Freunden. Manchmal erreichte nicht einmal ihr Lächeln seine Dunkelheit. Dann, wenn ihm die Stimmen zuflüsterten. Er war unbedeutend. Nicht gut genug. Alles, was er anfasste, zerfiel zu Schmutz, löste sich auf wie ein Traum nach einer unruhigen Nacht.

Die Gedanken pulsierten durch seinen Kopf. Stricke, die ihn banden, sich in seinen Körper gruben, ohne Spuren zu hinterlassen. Er versuchte sich loszureißen. Aber niemand sah es.

Er stand mitten in der Masse an Menschen.

Und alle gingen an ihm vorbei.

Er machte einen Schritt, blieb stehen, ging weiter, sah sich um und wusste nicht, wohin.

»Irgendwann musst du ankommen«, flüsterte jemand ganz nah an seinem Ohr und er zuckte zusammen.

»Wo?«, fragte er, doch hörte seine eigene Stimme nicht.

»Irgendwann wirst du es finden.«

»Ich bin nicht einmal auf der Suche«, behauptete er, wiederholte er, bis die Schreie ihm die Luft aus den Lungen rissen. Er kippte nach hinten und fiel und fiel und er fürchtete nicht einmal mehr den Aufprall. Da war Freiheit. Die Hoffnung, dass er sich losreißen würde und nie wieder in den Gefühlen ertrank. Er schnappte nach Luft, aber Wasser umspülte seine Haut. Er sank in die Tiefe. Die Fluten peitschten um ihn, die Wellen klatschten über ihm zusammen. Er griff nach oben, aber das Oben war unten und er wusste nicht, wohin.

Jemand griff nach seiner Hand, riss ihn mit sich und durch das Wasser sah er ihr Gesicht, verschwommen, wie eine Erinnerung. Alle gingen an ihm vorbei. Außer ihr.

Er brach durch die Wasseroberfläche, jagte hinauf an ihrer Seite. Ihre Hand umschlang seine. Und er atmete tief ein, sog die Luft in seine Lungen und brach auf dem Boden zusammen. Es war still.

Keine Bewegung. Seine Gedanken weggefegt. Da war nur Leere. Und Freiheit. Für einen Augenblick – diesen Moment – schüttelte er alle Gedanken ab und er schwebte im Nichts.

Er wollte für immer hier liegen bleiben, griff fester seine Finger um ihre, schloss die Augen und stellte sich vor, dieser Augenblick wäre ewig.

»Bleibst du meinetwegen hier liegen?«, fragte sie und er blinzelte, sah zu ihr hoch, sah das tosende Meer unter sich. Er lag auf einer horizontweiten Glasscheibe, die ihn von den Wellen trennte. An einigen Stellen zersplittert, wie Eis – nur warm. Er hörte das Rauschen. Am Horizont strahlten mehrere Sonnen und Monde, als spielte Zeit hier keine Rolle.

Er wollte sie fragen, wo sie waren. Aber dann sah er hinab auf die Wand aus Glas. Sie reflektierte ihn, aber sein Spiegelbild gehorchte ihm nicht.

»Hörst du die Schmerzen, Tobi?«, flüsterte sie. Langsam kniete sie sich zu ihm, näherte sich soweit, dass ihr Gesicht seinem ganz nahe war. »Schmeckst du die Einsamkeit?«

Über den Wellen, zwischen dem Dort und Hier, sah er, wie er wütete, wie er schrie, Gott verfluchtend zusammenbrach, in einer Ecke saß, die Beine umschlungen. Er sah, wie er gegen die Fluten kämpfte, wie er immer tiefer sank, wie sich die Stricke in seine Haut einbrannten. Er hörte die ganzen Schmerzen in seinem Brustkorb widerhallen, wo sie ihn ausfüllten und innerlich zerfetzten, bis er sich nicht wiedererkannte. Sein Spiegelbild irrte umher, allein inmitten der Wassermassen. Er schmeckte die Einsamkeit. Sie schmeckte nach ihrem Lachen, nach ihrem letzten Blick.

Er glaubte zu ersticken.

»Hab keine Angst«, sagte sie und legte ihre Hände um seine Wangen. »Du bist gar nicht allein.«

»Aber du bist fast schon weg«, flüsterte er und hörte die Wellen unter sich tosen, spürte ihre Wut und die Verzweiflung unter sich beben.

Sie zog ihn zu sich, drückte ihn ganz fest in eine Umarmung. Er fühlte eine Locke seine Nase kitzeln, ihre Körperwärme am Brustkorb, die Arme um den Rücken und ihre Wange an seiner.

Er atmete tief ein.

Die Sonnen blendeten ihn, der Horizont verschwamm und die Wellen unter ihm leckten nach seinen Wunden. Aber ihre Nähe verblich den Schmerz zu einem dumpfen Pochen.

»Bin ich vielleicht tot?«, fragte er.

»Ein bisschen«, erwiderte sie traurig.

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