Tödliches Duett

Als ich die überdimensionale Eingangshalle mit dem Marmorboden und dem prächtigen Kronleuchter betrat, überfiel meinen Körper ein eiskalter Schauer. In diesem Haus hatte ich um Hollys Leben und mein Eigenes gekämpft, mit allerletzter Kraft, die ich nach der stundenlangen Quälerei durch meine Ex-Kollegen noch in mir getragen hatte. Genau hier hatte Patton mich niedergeschlagen und Holly hatte ihn geküsst, um mich zu beschützen.
Plötzlich wurde die schwere Holztür von Ophelia geschlossen und meine Gedanken jäh unterbrochen.
„Was verschafft mir die Ehre deines Besuchs? Hast du mich heute in der Schule etwa vermisst?“ Sie gluckste.
„Ich hoffe für Emilia, dass sie mich gut vertreten hat.“ Ihre klangvolle Stimme mit dem abwertenden Unterton drang an meine Ohren. Abrupt blieb ich wie angewurzelt stehen.
„Ich bin mir sicher, dass du genau weißt, warum ich hier bin, Ophelia“, knurrte ich und überging ihre Aussage über Emilia.
Daraufhin hörte ich ein glockenähnliches, hohes Lachen. Dies hielt auch noch an, als sie hüfteschwingend an mir vorbeiging und mir somit die ebenfalls tief ausgeschnittene Rückseite ihres Kleides präsentierte. Beinahe ihr gesamter blasser Rücken war entblößt.
„Du bist hier, um mich zu töten, Jimmy“, hauchte sie und wandte ihren Kopf zu mir. Ein zuckersüßes Lächeln zierte ihre vollen Lippen. Obwohl ihr die Gefahr für ihr eigenes Leben völlig bewusst war, war sie unverändert gut gelaunt. Für sie war das alles nur ein Spiel. Dies zeigte mir erneut wie irrational und gestört sie war.
„Ja“, bestätigte ich und folgte ihr mit größerem Abstand. Bei ihr konnte man nie wissen, ob sie einen nicht überraschend angriff. Ophelia kicherte.
„Wow, du traust dich ja was“, lobte sie mich. Ich wusste nicht, ob sie dies ernst meinte oder ob sie sich bloß über mich lustig machte.
„Du kommst hierher, in mein Haus, obwohl du weißt, dass dies mit Sicherheit dein letzter Fehler sein wird.“
Wir beide waren mittlerweile im Wohnzimmer angekommen. An der gegenüberliegenden Wand sah ich einen eleganten, schwarzen Flügel und den mächtigen Kamin aus fein geschliffenen, grauen Steinen. Mein Blick schweifte vom Kamin zu einer ganz bestimmten Stelle des edlen Parketts: dort hatten mich meine Ex-Kollegen blutend und schwerverletzt liegen gelassen.
„Dass werden wir noch sehen“, blaffte ich sie an. Sie zuckte bloß gleichgültig mit den Achseln.
„Ich denke eher, dass es dein größter Fehler war mich hereinzulassen, Ophelia.“
Sie war vor dem Kamin stehengeblieben und starrte wie hypnotisiert in die lodernden Flammen. Aufmerksam beobachtete ich sie.
„Wie kommt es, dass du volles Risiko gehst und zu mir kommst?“ Sie drehte sich um und setzte sich auf ihre hellgraue Designercouch. Vornehm überschlug sie ihre endlos langen Beine.
Ich ließ sie keine Sekunde aus den Augen.
„Ich will jeden von euch so schnell, wie möglich, töten. Ich kann eure Existenz nicht länger ertragen“, sagte ich eiskalt und presste meine Lippen fest aufeinander.
„Willst du denn jetzt jeden von uns Zuhause besuchen?“, fragte sie spöttisch und spielte an ihren Haaren herum. Stumm nickte ich.
„Was hält denn dein Püppchen von dieser grandiosen Idee?“ Ophelia grinste hinterhältig. Eine Welle purer Wut bäumte sich in mir auf und überwältigte mich.
„Ach, wie geht es ihr eigentlich? Hoffentlich gut.“ Bei dieser Scheinheiligkeit brannten bei mir die Sicherungen durch. Wenn sie über mich redete und mich verspottete war das eine Sache, aber wenn es um Holly ging, verstand ich absolut keinen Spaß.
Urplötzlich setzte ich mich in Bewegung, so, als habe jemand die ganze Zeit die Stopptaste gedrückt und diese nun losließ. Wild schnaubend und mit gefletschten Zähnen lief ich auf sie zu.
Im ersten Moment saß Ophelia seelenruhig auf ihrem Platz, doch kaum trennten uns nur noch wenige Meter, da schoss sie blitzschnell in die Höhe und trat mir gegen den rechten Oberschenkel. Der lange, dünne Absatz ihres Schuhs bohrte sich ohne Probleme in mein Fleisch.
Ungebremst rannte ich in die Couch hinein und fiel der Länge nach auf die gepolsterte Fläche. Ich heulte auf, als ein heftiger, pochender Schmerz durch mein Bein zog und der erste Blutschwall aus der Wunde auf meine Hose floss.
„Du bist viel zu voreilig und hitzköpfig, Jimmy, dass solltest du langsam abstellen“, belehrte sie mich streng. „Aber ich glaube, dass würde dir auch nicht viel helfen, schließlich wissen wir beide, dass ich dir überlegen bin.“
Aufgebracht knurrte ich und rappelte mich auf. Mit beiden Beinen stellte ich mich gerade hin, obwohl mein rechtes Bein ziemlich wackelig war und liebend gerne nachgegeben hätte.
„Ich werde dich töten, Ophelia!“, brüllte ich ihr mit einer unglaublichen Entschlossenheit entgegen. Dann machte ich ein paar Schritte auf sie zu. Zu meinem Leidwesen zitterte mein verletztes Bein jedoch so stark, dass ich irgendwann gezwungenermaßen stehen bleiben musste. Geringschätzig musterte sie mich.
„Du bist jämmerlich und lächerlich, genau wie deine Versuche mich zu töten.“ Kühn lächelte sie und klimperte mit ihren Wimpern.
„Du bist gerade mal fünf Minuten hier und schon kannst du nicht mehr vernünftig laufen. Wie du siehst, verstehe ich mein Handwerk“, zog Ophelia mich auf. In ihren Augen entdeckte ich ein unheimliches Glühen.
„HALT DEINEN MUND!!!“ Der Zorn, der in mir tobte, ließ mich mit einem Mal meine Schmerzen vergessen.
„Ganz ruhig. Du kannst normal mit mir reden, ohne mich anzuschreien.“ Ihre Miene zeigte Verständnislosigkeit und Wut.
„Dein Benehmen war schon mal besser“, rügte sie mich dann wie ein kleines, ungezogenes Kind.
„Mein Benehmen ist für ein Miststück, wie dich, völlig angemessen“, entgegnete ich überreizt. Mein Blut geriet mehr und mehr in Wallung.
„Du bist doch nur wütend auf mich, weil ich dein Püppchen töten wollte.“ Entnervt verdrehte sie die Augen. „So schlimm war das nun auch wieder nicht“, spielte sie herunter.
„Ich hätte nicht gedacht, dass du dermaßen nachtragend bist.“ Jedes Wort, das über ihre Lippen kam, regte mich nur noch mehr auf.
„Tja, ich bin eben nachtragend, wenn jemand versucht meine Freundin oder mich zu töten!“, schrie ich und machte zwei Schritte auf sie zu. Ich machte mich auf einen erneuten Angriff bereit, doch diesmal würde ich nicht spontan und gedankenlos handeln, sondern ich würde vorher gründlich über meine nächsten Schritte nachdenken.
Während ich stocksteif in meiner Position verharrte, stolzierte Ophelia langsam um ihre Couch herum. Ihre Augen hatte sie stets auf mich gerichtet und ihre Lippen waren zu einem teuflischen, abgrundtief bösen Grinsen verzogen. Ohne es kontrollieren zu können, bekam ich eine leichte Gänsehaut. Ich war mir sicher, dass diese Reaktion meines Körpers nicht auf Angst zurückzuführen war, denn ich hatte vor niemandem Angst, besonders nicht vor Ophelia Monroe.
„Ich werde mich dafür rächen, was du Holly angetan hast und deinem Leben ein Ende bereiten“, presste ich hervor. „Ich werde es nicht zulassen, dass du ihr noch ein Haar krümmst.“
Auf einmal blieb Ophelia stehen und setzte eine berührte Miene auf. Ich wusste, dass ihre Gefühle nicht echt waren, denn sie war nicht in der Lage etwas zu empfinden, außer Hass, Zorn und Schadenfreude.
„Ach, ist das süß“, quietschte sie verzückt. Dann wechselte sie ihre Miene dermaßen schnell von berührt zu verwundert, als sei sie eine Schauspielerin und habe bloß eine neue Maske aufgesetzt.
„Dieses dumme, naive Mädchen hat dich tatsächlich zu einem guten Jungen gemacht“, stellte sie trocken fest. Sie hatte sich wieder in Bewegung gesetzt und stand mir nun direkt gegenüber.
„Der böse, gnadenlose James hat mir eindeutig besser gefallen“, hauchte sie geheimnisvoll und fuhr mit einer Hand über meinen Brustkorb. Reflexartig schubste ich sie von mir, denn ihre Berührungen widerten mich an. Ophelias Gesicht zeigte ihren ganzen Hass.
„Mach mich nicht wütend, Jimmy. Es ist unklug sich mit mir anzulegen“, schnauzte sie mich an.
„Wirklich? Das will ich sehen“, provozierte ich sie mit voller Absicht, denn wenn sie blind vor Zorn war, dann würde sie möglicherweise auch Fehler machen, so, wie ich.
„Gut, du willst es ja nicht anders“, sagte sie. Und ehe ich mich versah, ballte sie ihre rechte Hand zu einer Faust und schlug mir mit voller Wucht ins Gesicht. Mein Kopf wurde zurückgeworfen und ich torkelte. Mit viel Mühe schaffte ich es mein Gleichgewicht zu halten, obwohl ich vor meinen Augen nur noch schwarz sah. Ich wusste, dass Ophelia stärker war, als sie aussah, aber einen solchen Schlag hatte ich noch nicht einmal von einem Mann abbekommen. Mir war speiübel und alles drehte sich.
„Ich hatte schon immer einen harten Schlag drauf, Jimmy“, frohlockte sie. Ich konnte mir ihre triumphale Miene in diesem Moment gut vorstellen. Als frisches Blut über meinen Mund, bis zum Hals lief, drückte ich fest eine Hand gegen meine Nase. Unentwegt blinzelte ich, damit meine Sicht endlich besser wurde. Es war keine gute Ausgangsposition für einen Kampf nicht richtig sehen zu können.
Endlich, nach einer halben Ewigkeit, wie mir schien, erkannte ich langsam, aber sicher, klare Umrisse, doch es war zu spät. Ophelia trat mir kräftig gegen mein linkes Knie. Sogleich knickten meine Beine unter mir weg und ich kam schmerzhaft auf dem Boden auf.
„Du bist ein Schwächling, Jimmy“, war ihr bissiger Kommentar. „Dein Püppchen hat dich schwach gemacht.“ Zornig schnaubte ich und kämpfte mich wieder in einen festen Stand. Es ärgerte mich, dass sie es ein weiteres Mal geschafft hatte mich zu attackieren.
„Wag es nicht noch einmal über Holly zu reden“, kreischte ich. Ich dachte erneut nicht nach und stürmte auf sie zu. Ich war eben nicht der Typ, der ruhig bleiben und die Lage analysieren konnte. Wie Ophelia bereits sagte: ich war voreilig und hitzköpfig.
Ich war noch mitten im Lauf, als sie plötzlich neben mir auftauchte, mich am Kragen meines Hemdes packte und zu Boden stieß. Ich rutschte wenige Meter über das Parkett, bis ich von einer Wand gebremst wurde. Mein Kopf stieß heftig gegen die Wand und mir wurde schwindelig. Leider war das nicht mein einziges Problem, denn meine Rippen protestierten lautstark mit einem unerträglichen Stechen gegen diese grobe Behandlung. In allem Überfluss hatte ich auch noch meine Waffe verloren.
Während unzählige helle Sterne vor meinen Augen tanzten, hörte ich Ophelias Schritte, die mir immer näher kamen.
„Armer, armer, Jimmy, mehr hast du nicht drauf?“, brachte sie amüsiert hervor und kicherte ausgelassen.
„Das bekommst du zurück“, zischte ich und atmete tief durch. Und ehe sie wieder auf mich losgehen konnte, sprang ich auf, auch wenn ich kaum etwas sehen konnte.
Blindlings schnappte ich mir ihr linkes Handgelenk und beförderte sie unsanft gegen die nächste Wand. Ein lautes Krachen erfüllte den Raum.
Ophelia machte ein erstickendes, krächzendes Geräusch. Ich presste meinen rechten Unterarm gegen ihre Kehle und drückte sie mit all meiner Kraft gegen die Wand.
„Auf diesen Jimmy habe ich gewartet“, sagte sie lachend und entblößte eine Reihe strahlend weißer Zähne. „Denn auf diesen Jimmy stehe ich.“ Sie flirtete mit mir, obwohl ich kurz davor war ihren Kehlkopf zu zerquetschen.
„Du bist so heiß“, flüsterte sie mir plötzlich ins Ohr und bedachte mich mit einem verführerischen Blick. Ich musste würgen.
„Ich verabscheue dich, Ophelia“, raunte ich aggressiv. Sie zog langsam eine Augenbraue in die Höhe.
„Ach ja? Das kam mir in unseren gemeinsamen Nächten aber nicht so vor“, hauchte sie mit weicher Stimme. Dann biss sie mir kräftig ins Ohrläppchen.
Augenblicklich zog ich meinen Kopf zurück und hasste Ophelia noch mehr, weil sie genau das Kapitel meines Lebens ansprach, an das ich auf keinen Fall erinnert werden wollte, denn ich schämte mich für das, was ich getan hatte; wozu ich mich hatte hinreißen lassen.
Angefangen hatte es damals mit dem Kuss im 38º. Kurze Zeit später hatte ich eine Affäre mit Ophelia begonnen. Ich war ein dummer und leicht beeinflussbarer Junge gewesen, der auf den perfekten Körper seiner Kollegin abgefahren war. Heute bereute ich meinen Leichtsinn, besonders, seit ich Holly begegnet war. Ich hatte und würde ihr nie von dieser Sache erzählen, denn dafür schämte ich mich viel zu sehr.
„Es war meine folgenschwerste und idiotischste Entscheidung mit dir ins Bett zu gehen“, blaffte ich sie an und verstärkte den Druck auf ihre Kehle. Genugtuung erfüllte mich, als sie röchelte und panisch ihre Augen weit aufriss. Verzweifelt zerrte sie an meinem Arm herum, aber mein Griff war stahlhart. Ich würde sie nicht gehen lassen.
Aber ich unterschätzte den Lebenswillen meiner Ex-Kollegin gewaltig. Sie schlug und trat wie eine Wildgewordene um sich. Ihre Wangen hatten sich knallrot verfärbt. Sie agierte mit solcher Kraft, dass ich Probleme hatte sie festzuhalten. Ophelia schnaubte laut, als sie ihren rechten Arm hob und mich mit ihrer Faust am Kopf erwischte. Ich schrie vor Schmerz und lockerte meinen Griff. Diesen Moment nutzte sie, um mich von sich zu stoßen. Ich taumelte und musste mich an der Couch festhalten.
„Du hättest mir auch anders sagen können, dass du nicht mehr auf mich stehst, Jimmy“, brachte sie schwer atmend, aber auch mit einem Lächeln im Gesicht, hervor. „Du magst jetzt eben brave Mädchen. Daran kann ich wohl nichts ändern.“
So schnell ich konnte machte ich mich wieder kampfbereit, als ich bemerkte, dass Ophelia sich mir erneut näherte. Sie würde mir keine Pause gönnen.
Ich hielt mich bereits viel zu lange bei Ophelia auf. Je länger ich hier war, desto gefährlicher wurde es für mich.
„Ich glaube meine Vermutung hat sich als die Richtige erwiesen“, meinte sie gelassen, als habe es den Vorfall eben nicht gegeben. Ich hatte keine Ahnung, worauf sie anspielte.
Als ich zu ihr herüberschaute, bemerkte ich leider, dass ihr Hals nach meinem Angriff bloß einen lächerlichen roten Streifen aufwies.
Innerlich verfluchte ich mich selbst aufs Übelste, denn ich war nicht mal im Stande eine Frau zu töten, die erheblich weniger wog, als ich. Dennoch war sie stark genug, um mir meine körperlichen Schwächen und Grenzen aufzuzeigen.
„Dass du hierher gekommen bist, war dein letzter Fehler.“ Daraufhin fing sie lautstark an zu Lachen, gehässig und irre. Verdenken konnte ich es ihr nicht, schließlich hatte sie ihren Spaß und war siegessicher.
Ihr Gelächter hallte von den Wänden und der hohen Decke. Entgeistert beobachtete ich, wie sie sich eine Hand vor den Mund hielt und kicherte. Dann erstarb ihr Lachen genauso schnell, wie es angefangen hatte. Ihre Miene verwandelte sich in pures Eis.
„Aber die Spielereien sind jetzt endgültig vorbei.“ Fest presste sie ihre Lippen aufeinander.
„Ich werde dir zeigen, was höllische Schmerzen sind, Jimmy.“
Trotzig reckte ich mein Kinn in die Höhe.
„Vielleicht werde ich dich sogar ein bisschen vermissen, wenn ich dich getötet habe.“
„Warte lieber ab, Ophelia. An deiner Stelle wäre ich nicht so selbstsicher“, feixte ich. Von meinen Worten ließ sie sich in keinster Weise beeindrucken.
„Ich werde deinem Leben ein qualvolles Ende bereiten. Ich bekomme immer das, was ich will“, meinte sie und verdeutlichte somit ein weiteres Mal, was für eine verzogene Göre sie doch war.
„FAHR ZUR HÖLLE!!!“, schrie ich ihr entgegen. Mich traf ein strafender Blick, bevor Ophelia auf mich losging, doch diesmal war ich vorbereitet.
Ich wich zurück und brachte einen guten Meter Abstand zwischen uns. Mit übernatürlicher Schnelligkeit ließ ich meine linke Faust nach vorne schnellen, aber kurz bevor sie in Ophelias Gesicht landete, wich sie meinem Schlag aus. Ich ärgerte mich nicht lange, dazu hatte ich keine Zeit.
Ich schlug mit der rechten Faust zu, aber sie wehrte diesen Schlag gekonnt mit ihrem linken Handgelenk ab. Dann hob sie ihr rechtes Bein in die Höhe und versuchte mir ins Gesicht zu treten. Im letzten Moment bekam ich ihren Knöchel jedoch in der Höhe meiner Schulter zu fassen.
Ophelias Miene war zornig und hasserfüllt. Sie verabscheute es, wenn ihr etwas misslang. Ihrer Kehle entfleuchte ein verärgertes Knurren, wie das eines wilden Tieres.
„So langsam verliere ich die Geduld mit dir, Jimmy“, kreischte sie mit quietschend hoher Stimme.
„Das Gleiche könnte ich auch sagen“, zischte ich und drückte zu. Es dauerte nicht lange, bis ich den Knochen ihres Knöchels unter meinen Finger spüren konnte. Ich wusste genau, dass Ophelia Schmerzen hatte, doch sie verzog keine Miene.
Dieser Gesichtsausdruck erinnerte mich nur zu gut an meine eigene Zeit als Auftragskiller, aber auch an meine Ausbildung vor sechs Jahren. Die wichtigste Lektion war gewesen, auf gar keinen Fall Schwäche zu zeigen. Niemals.
Das war das Grundprinzip meines Adoptivvaters gewesen und bei Jericho war es jetzt nicht anders. Ich schüttelte heftig meinen Kopf, um nicht noch tiefer in Gedanken zu versinken.
Dann ließ ich urplötzlich Ophelias Knöchel los und versetzte ihr einen kräftigen Stoß, bevor sie ihr Bein auf den Boden setzen konnte. Ophelia machte ein überraschtes Geräusch und krachte auf das dunkle Parkett. Genüsslich sah ich dabei zu, wie sie sich mit einigen Schwierigkeiten mühsam aufrichtete. Ihre Knie waren aufgeschlagen und bluteten.
Als ich ihr in die Augen schaute, schienen diese vor Feindseligkeit explodieren zu wollen. Mir zauberte dieser Anblick ein höhnisches Grinsen ins Gesicht.
„Wie du siehst, verstehe ich mein Handwerk ebenfalls, Ophelia“, triumphierte ich, ehe ich erneut mit der rechten Faust ausholte und dieses Mal traf ich.
Ophelias Kopf wurde zur Seite geworfen, als ich meine Faust gegen ihre Wange rammte. Trotz der gewaltigen Kraft, die in meinem Schlag gesteckt hatte, blieb sie unverändert an Ort und Stelle stehen.
Sie hob eine Hand und betastete eingehend ihre nun schon rot gewordene Wange. Anschließend fuhr sie mit den Fingern über ihren Mund, denn ein dünner Rinnsal aus Blut bahnte sich bereits seinen Weg ihr Kinn hinab. Wie in Zeitlupe wandte sie ihren Kopf zu mir. Mir gefror das Blut in den Adern. Sie hatte eine Miene aufgesetzt, die ich unmöglich beschreiben konnte, aber eins war mir klar: ich hatte sie auf unvergleichliche Weise verärgert und dass würde sie mir mit allen Mitteln heimzahlen.
„Das hast du zum ersten und letzten Mal gemacht, Jimmy, dass schwöre ich dir“, fauchte sie mich an. Ihr dämonischer Blick verhieß nichts Gutes. Ophelias Körper bebte vor Zorn, als sie einen Schritt auf mich zukam. Ihr Verstand wurde nur noch von Rache beherrscht und das war nicht gut. Absolut nicht.
„Niemand verletzt mich und kommt ungestraft davon!“, drohte sie.
Daraufhin stürzte sie sich regelrecht auf mich. Ihre Haare schnitten durch die Luft, als sie unkontrolliert ihre Fäuste auf mich niederprasseln ließ. Ich hörte ununterbrochen ihr angestrengtes Schnaufen, während ich schützend meine Hände vor mein Gesicht hob, um zumindest den Großteil an Schlägen abzuwehren.
„Ich bringe dich um, Jimmy“, kreischte Ophelia. Zu meiner Überraschung ließ sie plötzlich von mir ab und trat einen großen Schritt zurück. Hektisch schnappte sie nach Luft. Sie versuchte krampfhaft sich zu beruhigen und zu Atem zu kommen. Ich hatte sie in den vier Jahren, in denen ich sie bereits kannte, noch nie so gesehen, wie jetzt.
Zwar war sie schon des Öfteren wütend oder aufgebracht gewesen, aber nicht in diesem Ausmaß. Ich konnte mir nicht erklären, warum ich mir überhaupt Gedanken über Ophelia Monroe machte, aber dies ließ mich für einen kurzen Moment unachtsam werden. Diesen Augenblick nutzte Ophelia. Ehe ich wusste, wie mir geschah, streckte sie erneut ihr Bein in die Höhe und trat mir gezielt gegen den Kopf. Mir wurde augenblicklich schwarz vor Augen. Das Letzte, was ich hörte und fühlte, war mein Sturz auf den Boden.

Eine unheimliche Stille und Dunkelheit umgab mich. Ich hatte jegliches Zeitgefühl verloren. Das Einzige, was ich wahrnahm, war der betäubende, unerträgliche Schmerz der meinen Kopf, den Nacken und die Schultern beherrschte. Ich war mir sicher, dass ich mich bald übergeben musste, denn mir war speiübel. Dazu kam, dass dieses penetrante Hämmern und Dröhnen gegen meinen Schädel einfach nicht aufhören wollte. Es machte mich schier wahnsinnig und raubte mir den Verstand.
Ich atmete tief ein und aus und versuchte so viel Sauerstoff, wie möglich, in meine Lunge zu befördern. Ich hoffte, dass es mir dann etwas besser ging.
Und tatsächlich nahm der Druck auf meinen Schädel ab und auch meine Sicht klärte sich. Die Dunkelheit lichtete sich und graue, undeutliche Schemen tanzten wild vor meinen Augen, wie blutrünstige Dämonen. Vermehrt blinzelte ich. Irgendwann, es kam mir wie eine halbe Ewigkeit vor, strahlte grelles Licht auf meine Netzhäute. Obwohl meine Augen höllisch brannten, zwang ich mich dazu sie offen zu halten. Das Erste, was ich entdeckte, war ein Frisiertisch, den ich nur allzu gut kannte. Ich seufzte gequält und ließ meinen Kopf niedergeschlagen sinken. Ich saß auf einem Stuhl in Ophelias Schlafzimmer.
Was für ein Zufall, dachte ich und verdrehte die Augen. Dann ließ ich meinen Blick umherschweifen.
Ich war allein. Ophelia war nirgendwo zu sehen. Das war meine Chance. Ich wollte aufspringen, doch kaum hatte ich mich aufgesetzt, da hörte ich, wie Metall auf Holz schlug. Etwas Hartes schnitt mir in die Handgelenke und mein Körper wurde zurückgeworfen. Mein Kopf schnellte zu meinem rechten Handgelenk. Anschließend schaute ich sicherheitshalber auch noch auf der linken Seite nach. Ein zorniges Grollen kam aus den Tiefen meiner Kehle.
Meine Hände waren mit Handschellen am Stuhl fixiert. Sie hatte mich wie einen dreckigen Straßenköter festgebunden. Das einzig Positive an dieser Situation war, dass zumindest meine Beine frei waren. Trotzdem schäumte ich vor Wut. Wenn ich sie in die Finger bekam, dann würde ich ihr eigenhändig den Hals umdrehen.
Ich musste hier raus und zwar sofort, aber wie sollte ich dass nur anstellen? Ich war zwar stark, aber gegen Metall konnte ich beim besten Willen nichts ausrichten. Dennoch musste ich mir etwas einfallen lassen. Ich hatte keine andere Wahl, als von dem Stuhl loszukommen.
Ich begann mit meiner ganzen Kraft meine Hände nach vorne zu ziehen. Bei jeder Bewegung bohrte sich das eiskalte Metall immer tiefer und tiefer in mein Fleisch. Ich biss die Zähne zusammen und ignorierte das Brennen, das meine Haut wie einen hartnäckigen Virus befiel.
Ich zog so heftig, dass der Stuhl unter mir bebte. Frisches, warmes Blut lief bereits meine Hände hinab und klatschte auf den Boden.
Diese verdammten Handschellen, dachte ich und wurde von Minute zu Minute verzweifelter. In meiner jetzigen Position war ich Ophelia hilflos ausgeliefert und dieser Gedanke war für mich mit Abstand das Schlimmste.
Bereits seit einer Viertelstunde kämpfte ich um meine Freiheit, vergeblich. Ich hatte nicht mal annähernd eine Veränderung erreicht. Ich hatte mich bloß selbst verletzt. Was für ein Erfolg.
Mir ging die Puste aus, daher machte ich erstmal eine kurze Pause. Eigentlich kam ich nicht so schnell außer Atem, aber ich hatte mich in wenigen Minuten zu sehr angestrengt. Ich schnappte nach Luft und versuchte neue Kräfte zu sammeln.
Mir schwirrte der Kopf und alles drehte sich. Der Sauerstoffmangel und die andauernde, körperliche Betätigung waren nicht gut für meine Gesundheit. Ich schloss die Augen.
Einige Sekunden später hörte ich Schritte. Genauer gesagt hörte ich Ophelias High Heels, die auf dem Parkett klackerten.
„Scheiße, scheiße, scheiße!“, brüllte ich und schlug meine Augen wieder auf. Wie ein Wahnsinniger zerrte ich an den Handschellen, doch natürlich hatte ich keine Chance.
Plötzlich wurden die Flügeltüren geöffnet und Ophelia betrat den Raum. Als sie mich gefesselt und abgekämpft auf dem Stuhl sitzen sah, breitete sich ein hämisches Grinsen auf ihren Lippen aus.
„Na, Jimmy, gefällt dir dein neuer Sitzplatz?“ Vergnügt lachte sie auf und kam zu mir herüber geschlendert. Interessiert beäugte sie meine, mit Blut besudelten, Hände.
„Wie ich sehe, hast du versucht die Handschellen loszuwerden“, stellte sie amüsiert fest. Sie stellte sich direkt vor mich und legte ihren Kopf schräg. Mit ihrer linken Hand fuhr sie beinahe zärtlich über meine rechte Wange. Dann führte sie die Hand an ihren Hals. Dort hing ein kleiner Schlüssel an einer silbernen Kette. Ich brauchte sie nicht zu fragen, um zu wissen, dass dieser Schlüssel die Handschellen aufschließen und mich in die Freiheit entlassen konnte.
„Es tut mir von Herzen leid, dass ich dich anketten musste“, hauchte sie. Durch das Wort anketten fühlte ich mich noch mehr wie ein Hund.
„Aber das bist du selbst Schuld. Du hättest mich nicht schlagen dürfen“, sagte sie düster und blickte mich zornig an. Sie strich mir flüchtig durch die Haare. Ich zog meinen Kopf zurück.
„Wenn du glaubst, dass ich mir das gefallen lasse, dann liegst du falsch“, entgegnete ich. Dann trat ich nach ihr, doch Ophelia wich gekonnt aus.
„Tz. Tz. Tz, so geht dass aber nicht, Jimmy“, meinte sie belustigt und schüttelte den Kopf.
„Von mir aus kannst du so lange versuchen dich zu befreien, bis dir die Hände abfallen, aber bitte versuch mein Parkett nicht weiterhin mit deinem Blut zu besudeln. Bei deinem letzten Aufenthalt hast du schon genug hier gelassen.“ Breit lächelte sie mich an, ehe sie sich abwandte und zu ihrem Nachttisch stolzierte. Ich nutzte den Moment und bemühte mich mit letzter Kraft frei zu kommen. Mir war der andauernde, pochende Schmerz egal. Hinter mir vernahm ich derweil ein undefinierbares Geräusch. Wenige Augenblicke später stieg mir der unverkennbare Geruch von Tabak in die Nase.
„Gib es endlich auf, Jimmy. Deine kläglichen Versuche loszukommen, sind unsagbar traurig und kaum auszuhalten“, meinte Ophelia entnervt, als sie erneut in meinem Blickfeld auftauchte. Ihren Mund hatte sie zu einem dünnen Strich zusammengepresst. Zwischen dem Zeige-und Mittelfinger ihrer rechten Hand hielt sie eine ihrer verfluchten Zigaretten.
„Du müsstest dir meine Fluchtversuche nicht weiter ansehen, wenn du mich von diesem Stuhl losmachen würdest“, zischte ich bösartig und schnaubte.
„Netter Trick“, spottete sie mit hochgezogener Augenbraue.
Anschließend setzte sie sich ohne Umschweife rücklings auf mich und schlang ihre Arme um meinen Nacken. Sie zog noch einmal an ihrer Zigarette, bevor sie mit ihrem Gesicht meinem ganz nahe kam. Ich konnte jeden Wirbel ihrer seelenlosen Augen sehen und ihren warmen Atem auf meiner Haut spüren. Ophelia spitzte ihre vollen Lippen und blies mir den Zigarettenrauch mitten ins Gesicht. Obwohl mir der Qualm in der Lunge brannte und meine Augen tränten, verzog ich keine Miene.
„Nach den vielen Nächten, in denen wir Sex hatten, bist du an den Geruch meiner Zigaretten wohl schon gewöhnt“, flüsterte sie mir ins Ohr. Ihre Nähe war störend und unangenehm für mich.
„Hör auf davon zu reden“, erwiderte ich barsch und wandte meinen Kopf zur Seite. Das war momentan die einzige Möglichkeit einige Zentimeter zwischen meinem Gesicht und ihrem zu bekommen.
„Wieso nicht?“, fragte mich Ophelia schockiert, bevor sie ihre aufgerauchte Zigarette wie aus Zauberhand verschwinden ließ.
Danach umfasste sie mit einer Hand brutal mein Kinn und drehte meinen Kopf zurück, damit ich sie ansehen musste. Ihre lackierten Fingernägel bohrten sich immer weiter in meine Haut.
Ihre Miene wirkte ausdruckslos, gleich das Gesicht einer leblosen Statue.
„Weil ich zutiefst bereue, was ich getan habe, Ophelia“, spuckte ich ihr regelrecht entgegen.
„Vermisst du die Leidenschaft von damals nicht mal ein bisschen?“, wollte sie gespielt enttäuscht von mir wissen.
„NEIN!“
„Soll ich das so verstehen, dass dein Püppchen nun meinen Part übernommen hat?“ Aufmerksam studierte sie meine Gesichtszüge.
„Du brauchst mir nicht zu antworten, Jimmy. Ich weiß auch so, dass ich Recht habe“, verkündete sie und grinste schelmisch.
„Was sagen denn Mommy und Daddy dazu, dass ihre kleine unschuldige Prinzessin gar keine Jungfrau mehr ist… Ach, Moment. Sie sind ja tot und verfaulen unter der Erde. Buhu.“ Sie machte ein trauriges Gesicht, bevor sie in schallendes und gehässiges Gelächter ausbrach.
Nach diesen Worten blieb mir erstmal die Luft weg. Ich war nicht in der Lage irgendetwas zu entgegnen. Hass und Wut türmten sich in mir auf und ließen meinen Körper erzittern.
„Zieh doch nicht gleich so ein Gesicht“, bat sie mich, nachdem ihr Lachen aufgehört hatte.
„Von mir aus kannst du über mich herziehen und dich über mich lustig machen, so viel du willst, aber lass Holly aus dem Spiel. Das hier ist eine Sache zwischen dir und mir“, presste ich hervor. Meine Augen sprühten vor Böswilligkeit und Zorn.
„Wie du willst“, hauchte sie. „Es geht nur ums beide.“ Sie rückte noch näher an mich heran. Nun passte nicht mal mehr eine Hand zwischen uns.
Ihre Hand umschloss immer noch mein Kinn, als sie mit viel Schwung ihre Haare hinter ihre Schultern warf und mich unerwartet küsste. Ihre Lippen auf meinen war für mich ein Zustand, den ich nicht ertragen konnte.
Ich bemühte mich diesen Kuss sofort zu beenden, indem ich meinen Kopf nach hinten zog, aber Ophelias Griff war härter, als erwartet. Dazu griff sie mir in die Haare und schränkte meine Bewegungsfreiheit noch zusätzlich ein.
Daher biss ich ihr kräftig in die Unterlippe. Schneller, als ich gucken konnte, unterbrach sie den Kuss und gab mir eine saftige Ohrfeige. Ich sah, dass ihre Lippe zu bluten begann.
„So benimmt man sich nicht, Jimmy. Weißt du das denn nicht?“, fragte sie mich aufgebracht, ehe sie sich über die vollen Lippen leckte, um das Blut zu entfernen.
„So, wie du mich behandelt hast, wird es mir jetzt nur noch mehr Vergnügen bereiten dich zu töten“, wisperte sie und bedachte mich mit einem unergründlichen Blick. Hart musste ich schlucken.
„Und wenn ich mit dir fertig bin, dann besuche ich mal deine Freundin“, meinte sie und lächelte süffisant. Ihre Augen blitzten gefährlich. Mir blieb das Herz stehen und ich spürte, wie mir die Farbe aus dem Gesicht wich.
„Stell dir vor, wie dein Püppchen reagieren wird, wenn sie von mir erfährt, dass du tot bist. Diese Nachricht wird ihr das Herz brechen“, prophezeite Ophelia boshaft und ließ endlich mein Kinn los, aber nur, damit sie ihre Händen unter mein Hemd gleiten lassen konnte.
Ihre Finger fühlten sich auf meiner erwärmten Haut eiskalt an. Kaum merklich zeichnete sie meine Muskeln nach, bis sie plötzlich inne hielt.
„Wenn ihre Welt endgültig zusammengebrochen ist, werde ich sie qualvoll töten. Dann kann sie ihren geliebten Eltern und dir Gesellschaft leisten, Jimmy“, frohlockte sie und küsste mich erneut. Eine Mischung aus Nikotin und Kirsche stieg mir in die Nase. Heftigst wehrte ich mich, sodass die Handschellen meine Hände noch schlimmer zurichteten und neues Blut das bereits eingetrocknete übertünchte.
Ophelia ertrug das nicht lange, denn sie ließ von mir ab und stand auf. Anschließend trat sie hinter mich und beugte sich zu mir herunter. Ihre langen Haare fielen über meine Schulter.
„Ich freue mich schon, mich um dein Püppchen zu kümmern. Ich werde es genießen ihr die Knochen zu brechen und ihr jeden Liter Blut aus dem Körper zu quetschen“, flüsterte sie mir leidenschaftlich ins Ohr.
„Ich kann es kaum erwarten mir erneut ihr Blut von den Fingern zu leckern. Es ist absolut köstlich sag ich dir“, schwärmte sie und grinste unheimlich.
Nach diesen Worten rastete ich völlig aus. Ich schrie und trat um mich. Mir war heiß und kalt zugleich. Ich musste von diesem Stuhl runter. Ich musste von diesem Stuhl runter, damit ich Ophelia umbringen konnte.
„Reg dich wieder ab, Jimmy. Ich weiß, dass du glaubst, dass du sie retten könntest, aber da liegst du falsch. Das hier ist kein Märchen. Es gibt kein beschissenes Happy End“, fauchte sie mich an.
„Sei dir da nicht so sicher, Ophelia“, erwiderte ich und zog weiter an den Handschellen. Genervt stöhnte sie und betrachtete gelangweilt ihre lackierten Fingernägel.
„Hör endlich auf. Du wirst die Handschellen nicht los, egal, was du tust.“
„Das werde ich“, zischte ich.
Ich war fest entschlossen in den nächsten Minuten meine Hände frei zu bekommen. Um jeden Preis. Ophelia setzte ein schiefes Grinsen auf und wandte sich ab. Langsamen Schrittes schlenderte sie zum Fenster und schaute nach draußen. Sie achtete nicht auf mich. Warum auch? Für sie war klar, dass ich nicht entkommen konnte.
Ich war jedoch anderer Meinung. Bis jetzt hatte ich immer alles geschafft, also würde ich diese Herausforderung auch meistern.
Ich dachte eine Weile nach, bevor ich meine Füße fest auf den Boden stellte und mich nach vorne lehnte. Vorher packte ich die Ketten zwischen den beiden Metallringen, damit meine Handgelenke nicht noch mehr belastet wurden.
Und dann zog ich mit aller Kraft. Meine Muskeln spannten sich an und wurden hart. Ich spürte, wie die einzelnen Stränge sich gegen meine Haut drückten und hervortraten. Mühsam zerrte ich und kämpfte um jeden Zentimeter, in denen sich die Handschellen in das Holz des Stuhls fraßen. Ich hörte ein lautes Knirschen und meine Hoffnung auf Freiheit wuchs.
Doch urplötzlich drehte sich Ophelia zu mir um. Sie hatte sich in den vergangenen Minuten eine neue Zigarette angesteckt, die sie bereits über die Hälfte aufgeraucht hatte. Nun, als sie sah, wie ich im Begriff war ihren Stuhl zu zerstören und frei zu kommen, öffnete sie kurz das Fenster, schmiss die Zigaretten raus und kam zu mir herüber.
„Was zur Hölle soll das werden?“, kreischte sie und starrte mich mit schaurig leuchtenden Augen an. Ich antwortete nicht. Stattdessen lockerte ich meine Hände und stoppte meinen Befreiungsversuch.
Ophelias Miene zeigte Verwunderung und Skepsis zugleich.
„Hast du jetzt vollkommen den Verstand verloren?“ Ungläubig schritt sie um mich herum. Ihr Blick schweifte nach unten zu meinen Händen. Auf einen solchen Augenblick hatte ich gewartet. Während Ophelia abgelenkt war, nahm ich meine verbliebenen Kräfte zusammen und riss meine Hände ruckartig nach vorne. Mit einem ohrenbetäubenden Krachen zerberste die Stuhllehne und ich stürzte zu Boden.
Atemlos lag ich auf dem Bauch. Jeder Millimeter meines Körpers schmerzte und diese verfluchten Handschellen baumelten noch immer an meinen Handgelenken, aber das war mir egal. Ich war frei, dass war alles, was zählte. Ich drehte mich zur Seite und rappelte mich auf.
Meine Hände waren gefühllos und blutüberströmt.
Derweil stand Ophelia stocksteif neben dem nun leeren, kaputten Stuhl. Ihr stand der Mund offen und ihre Haut war noch bleicher, als normalerweise. Sie sah so aus, als würde sie gleich einen Herzinfarkt bekommen. Dieser Anblick war für mich unbezahlbar. Ich hätte niemals geglaubt, dass ich jemals eine unter Schock stehende Ophelia sehen würde. Nun war das Dauergrinsen auf meiner Seite.    
„Ich habe dir gesagt, dass ich die Handschellen loswerde“, warf ich in den Raum. Sie war nicht in der Lage mir eine Antwort zu geben. Immer wieder schaute sie zwischen mir und dem Stuhl hin und her. Sie hatte nicht damit gerechnet, dass ich ihre Pläne durchkreuzen würde. Jetzt war es an der Zeit, die Sache zu beenden, endgültig.
Bevor sie sich wehren oder auf irgendeine andere Weise reagieren konnte, preschte ich auf sie zu, hob sie mit einer unglaublichen Leichtigkeit hoch und warf sie zurück aufs Parkett. Mit voller Wucht kam sie auf dem Boden auf. Jeder Knochen ihres Körpers schien ein unnatürlich lautes Knacken verlauten zu lassen.
Zufrieden grinste ich, als ich sie zwei Meter von mir entfernt regungslos liegen sah. Doch dieses Grinsen erstarb recht schnell, als habe es jemand weggewischt. Ich war mir sicher, dass Ophelia nicht tot war. Leider war es nicht so leicht sie zu töten. Aber ich hoffte, sie zumindest für einige Minuten außer Gefecht gesetzt hatte. Ich schritt um sie herum und schaute auf sie herab.
Es war kaum sichtbar, aber ihre Brust hob und senkte sich. Eindeutig. Für zwei Sekunden flackerte ein Gedanke; eine Idee in mir auf. Jedoch verwarf ich diese Idee und schüttelte energisch den Kopf.
Ich hatte darüber nachgedacht mit meinen Händen ihren schmalen Hals zu umfassen und sie zu erwürgen. Knallhart und gnadenlos. Es hätte auch nicht lange gedauert. Blitzschnell und gekonnt hätte ich ihre empfindliche Luftröhre zerquetscht und ihrem Leben ein Ende bereitet, aber ich tat es nicht.
Ein Mord an einem bewusstlosen Menschen fand ich feige und war nun mal nicht mein Stil. Selbst bei einer routinierten Auftragskillerin, wie Ophelia, machte ich keine Ausnahme.
Außerdem wollte ich, dass sie Schmerzen erlitt. Sie sollte bewusst miterleben, wie ich alles rächte, was sie Holly und mir angetan hatte. Sie sollte mir in die Augen sehen, wenn ich sie umbrachte. Ich….
Plötzlich verharrte ich in meiner Position und hörte auf, um ihren scheinbar leblosen Körper umherzuwandern. Mit meinen Augen hatte ich etwas an ihrem Hals entdeckt, das ich beinahe vergessen hatte: den Schlüssel für die Handschellen.
Hektisch sog ich die Luft ein, als ich in die Knie ging und meinen Oberkörper über sie beugte. Ich war kurz davor mir mit meiner rechten Hand, den im künstlichen Licht blitzenden Schlüssel zu schnappen, als eine ihrer Hände, gleich einer Schlange, die angriff, nach oben schoss und mein Handgelenk festhielt. Mickrige drei Zentimeter vom Schlüssel entfernt. Mein Blick schweifte über ihren Hals zu ihrem Gesicht. Ophelias blau-grüne Augen stierten mich an und ihre Lippen waren zu einem verschlagenen Grinsen verzogen.
„Nicht so schnell, Jimmy“, meinte sie atemlos. Der Sturz hatte ihr wohl mehr zugesetzt, als sie wahrhaben wollte. Sie blinzelte ziemlich häufig, was mir verriet, dass ihre Sicht verklärt war und sie mich nicht erkennen konnte. Nun war ich ganz klar im Vorteil.
„Behalte den Schlüssel noch für ein paar Minuten. Bald, nach deinem Tod, werde ich ihn dir von deinem Hals reißen“, sagte ich mit drohendem Unterton und befreite mit einem kräftigen Ruck mein Handgelenk aus ihren Fängen. Kaum hatte ich mich wieder aufgerichtet, da erhob sich Ophelia ebenfalls.
Denn sie wusste genau, dass sie keine Chance haben würde; dass sie verloren war, wenn sie auf dem Boden liegenblieb. Als sie mir gegenüberstand, hatte sie ihre Augen geschlossen und schwankte ein wenig.
„Geht es dir etwa nicht gut, Ophelia?“, fragte ich spöttisch und fing laut an zu lachen. Mich durchströmte ein Hochgefühl, das mich berauschte. Ich fühlte mich unbesiegbar und mächtig.
Ophelia knurrte und fletschte die Zähne. Strähnen ihres Haares hingen ihr wirr im Gesicht herum. Ihr Mund war nur noch ein dünner, kaum erkennbarer Strich.
„Sei nicht so vorlaut“, belehrte sie mich mit einer für sie ungewöhnlich tiefen Stimme. Mit einer eleganten Handbewegung strich sie die Haare zur Seite und reckte herausfordernd ihr Kinn nach oben.
„Wenn du mich töten willst, dann komm und hol mich“, stachelte sie mich an und lockte mich mit der Bewegung ihres rechten Zeigefingers zu sich.
Ihr makelloses, engelsgleiches Antlitz mit den großen Augen, den vollen Lippen und der elfenbeinfarbenen Haut war trügerisch, denn ihr Inneres beherbergte die Seele des Teufels.
Ich war unentschlossen. Was sollte ich jetzt tun? Sollte ich mich erstmal zurückhalten und gründlich über meine nächsten Schritte nachdenken oder sie direkt angreifen?
Ich tendierte eher dazu abzuwarten, denn mir war klar, dass sie etwas geplant hatte, sonst würde sie mich nicht auffordern sie anzugreifen, aber vielleicht war Ophelia einfach nur lebensmüde. Bei ihr würde es mich nicht wundern, wenn sie die tödliche Gefahr für ihr Leben nicht beachten und leichtsinnig werden würde.
„Worauf wartest du denn noch?“, fragte sie und legte ihre Stirn in leichte Falten.
„Traust du dich etwa nicht, Jimmy?“ Gespielt enttäuscht schob sie ihre Unterlippe nach vorne.
„Du kannst es ja kaum erwarten von mir umgebracht zu werden“, konterte ich mit emotionsloser Miene und verschränkte die Arme vor der Brust. Ich versuchte so lange, wie möglich, diese Unterhaltung mit ihr aufrechtzuerhalten, um Zeit zu schinden, schließlich musste ich mir schleunigst etwas einfallen lassen.
Ophelias Reaktionen waren ein Rümpfen ihrer Nase und ein abwertender Blick.
„Diesen Spruch hättest du dir sparen können. Wir beide wissen, dass dieses Treffen anders enden wird“, raunte sie und verzog ihre Miene zu einer hässlichen Grimasse.
„Das wird sich noch zeigen, Ophelia“, erwiderte ich und machte einen Schritt auf sie zu. Sie schnaubte.
„Du langweilst mich, Jimmy. Du langweilst mich mit deinem stupiden Gerede darüber, dass du mich umbringen wirst.“ Sie verdrehte die Augen, bevor sie mir einen bösen Blick zuwarf.
Sie hatte es langsam, aber sicher, satt mit mir zu reden und dass konnte nur gefährlich für mich werden. Vor allem, da ich mir immer noch nichts eingefallen war.
Ophelia wartete nicht mehr länger und setzte sich in Bewegung. Zu meiner Verwirrung kam sie jedoch nicht auf mich zu, sondern sie wandte sich ab und ging ins angrenzende Badezimmer. Was sie da jetzt wollte, konnte ich mir nicht erklären, egal.
Ich folgte ihr, obwohl ich mir keinen Plan zurechtgelegt hatte. Das war ein großer Fehler, denn kaum hatte ich das geräumige Bad betreten, da traf mich eine Faust mitten ins Gesicht. Ein gewaltiger Schmerz explodierte unter meiner Haut und ein Blutschwall schoss aus meiner Nase. Die roten Tropfen sprühten wie Nebel auf die auf Hochglanz polierten weißen Fliesen.
Die Schmerzen quälten mich weit weniger, als meine eigene Dummheit und Unbedachtheit. Ich hatte vermutet; regelrecht befürchtet, dass sie mich in einen Hinterhalt führen würde, doch mein Übermut hatte mal wieder alles zunichte gemacht. Ich hatte nicht nachgedacht und dafür erhielt ich jetzt die Quittung.
„Du lernst es wohl nie, oder Jimmy?“ Unverschämt grinste Ophelia mich an, als ich mich am Keramikwaschbecken festhielt. Ich presste mir mit einem Handrücken gegen die Nase, doch der Blutfluss ließ sich einfach nicht stoppen.
„Du wirst wohl immer voreilig und hitzköpfig bleiben. Dabei solltest du vielleicht mal deinen Verstand benutzen.“ Demonstrativ tippte sie mit ihrem rechten Zeigefinger gegen ihre Schläfe. Ein bedrohliches Grollen kam aus den Tiefen meines Brustkorbs.
Ich lehnte mich über das Waschbecken und nahm meine Hand von der Nase. Mit meinen Augen fixierte ich das dunkelrote Blut, das ins Becken tropfte und beinahe wie in Zeitlupe im Abfluss verschwand. Mir dröhnte der Schädel und die aufkommende Übelkeit überstieg alles.  
„Das hast du davon, Jimmy“, blaffte sie mich an. Mein Kopf schnellte zu ihr. Ihre Augen waren weit aufgerissen und zeigten nichts als Verachtung.
„Ich gebe dir bloß die längst überfällige Strafe für deinen Verrat“, brachte sie zwischen zusammengebissenen Zähnen hervor.
Hinter ihrer hasserfüllten Miene erkannte ich die ganze Wut, die sich bei ihr und wahrscheinlich auch bei meinen anderen Ex-Kollegen aufgestaut hatte, weil ich Holly von meinem Beruf erzählt und dadurch ihre Entdeckung durch die Polizei riskiert hatte.
„Du hast ganz genau gewusst, dass es Konsequenzen haben würde, wenn du dein Geheimnis leichtsinnig weitererzählst.“ Ohne Vorwarnung trat Ophelia an mich heran und griff mir mit einer Hand in den Nacken. Ich spürte ihre langen Fingernägel, welche wie Nadeln in meine Haut stachen. Meine Muskeln verkrampften sich augenblicklich.
„Ich verstehe immer noch nicht, warum du dein altes Leben für dieses Püppchen aufgegeben hast“, meinte Ophelia verständnislos und schob ihre fein geschwungenen Augenbrauen zusammen. Für sie war das Leben als Auftragskillerin ein wahr gewordener Traum. Sie lebte für diesen Beruf, so, wie ich es früher auch getan hatte. Sie konnte nicht verstehen, wie jemand dieses Leben eintauschen konnte.
„Ich habe diese Entscheidung niemals bereut und dass werde ich auch nicht“, giftete ich sie an. Ihre blassen Wangen färbten sich einen Hauch Rosa. Ich fragte mich, warum sie mit mir über dieses Thema sprach; warum es ihr so wichtig war.
„Wir sind Killer, Jimmy. Das ist unsere Bestimmung. Verstehst du das denn nicht?“, kreischte sie hysterisch und der Griff um meinen Nacken verhärtete sich.
„Wir sind dazu geboren Menschen zu töten. Etwas anderes können wir doch gar nicht.“ Ein kurzes Lächeln huschte über ihre Lippen. Dann wurde sie wieder ernst.
„Wie soll dein Leben denn in Zukunft aussehen, Jimmy? Nehmen wir mal an, dass du uns alle umbringst… was ich für sehr unrealistisch halte, aber egal… wie soll es dann mit dir weitergehen?“
Fragend sah sich mich von der Seite her an.
Ich ignorierte ihre Frage, denn Ophelia hatte sie gestellt, um mich zu verunsichern. Entweder, weil sie tatsächlich glaubte mich zurück auf die Seite der Killer ziehen zu können oder weil sie mich ablenken wollte.
Da ich nichts sagte, redete sie einfach weiter.
„Du wirst vor dem Nichts stehen. Du wirst keinen anderen Beruf ausüben können, denn wer nimmt schon einen jungen Mann, der nicht einmal die Schule beendet hat?“ Ich bemühte mich meine Ohren zu verschließen und ihrer manipulativen Rede nicht mehr zuzuhören.  
„Gedankenlos hast du dein Leben weggeschmissen und wofür? Für ein naives, schwächliches und unscheinbares Mädchen, das du angeblich liebst.“ Ihre Stimme war erfüllt von Geringschätzung und Ekel.
„ICH LIEBE SIE“, schrie ich zornig und wand mich aus ihrem Griff. Mir reichte es, denn sie war eindeutig zu weit gegangen.
Ich schnaubte wie ein Stier, als ich sie gegen das Waschbecken schleuderte. Die Handschellen klapperten an meinen Handgelenken. Verblüfft fiel ihr die Kinnlade herunter.
„Was…“, fing sie an, doch ich gab ihr nicht die Zeit weiterzusprechen.
Ich vergrub eine Hand in ihren Haaren und schmetterte ihren Kopf gegen den riesigen, runden Spiegel über dem Waschbecken. Mit einem ohrenbetäubenden Klirren zerberste der Spiegel und zerbrach in tausend Stücke. Ophelias Haare schnitten durch die Luft, als ihr Kopf zurückgeworfen wurde. Sie stolperte nach hinten, bevor sie auf den glatten Fliesen zusammensackte.
Vor Schmerz entgleisten für zwei Sekunden ihre Gesichtszüge, aber dann hatte sie ihre Gefühle wieder im Griff, wie üblich.
Sie drückte ihre rechte Hand gegen ihren Kopf. Genauer gesagt auf die Stelle, wo sich ein tiefer, langer Riss befand, aus dem Blut hervorquoll.
Das frische Blut rann von ihrer Stirn die rechte Wange hinab. Ihre Haut war schneeweiß.
Ophelia schaute von unten zu mir herauf. Um sie herum lagen unzählige Scherben, die letzten Überreste des Spiegels.
Ihr Blick war zornig und verunsichert zugleich. Diese Mischung war ein schauriger Anblick, der bei mir eine Gänsehaut verursachte.
Mit aller Macht versuchte sie das plötzliche Zittern ihrer Lippen vor mir zu verbergen, aber das gelang ihr nicht.
„Jetzt weißt du, was passiert, wenn du schlecht über Holly sprichst“, klärte ich sie auf und versetzte ihr einen kräftigen Tritt gegen das linke Bein. Sie robbte nach hinten und verkroch sich, so gut es ging, unter dem Waschbecken. Siegessicher grinste ich.
„Was ist denn aus deinem frechen Mundwerk geworden, Ophelia?“ Ich trat erneut zu, ehe ich unter das Becken griff, ihr Handgelenk packte und sie brutal aus ihrem Versteck zog. Wutentbrannt schnaubte sie und verengte ihre Augen zu Schlitzen.
„Ich empfehle dir nicht allzu hochmütig zu sein, Jimmy“, kreischte sie und rammte mir ohne Vorwarnung einen ihren Ellbogen gegen den Hals.
Schlagartig blieb mir die Luft weg. Ich hatte das Gefühl, dass sie mir den Kehlkopf eingedrückt hatte. Röchelnd rang ich panisch nach Atem, aus Angst zu ersticken. Ophelia lächelte, als sie mich herumtaumeln und nach Luft schnappen sah.
„Du kannst nichts gegen mich ausrichten“, triumphierte sie und trat mir die Beine weg. Ich versuchte mich noch am Waschbecken festzuhalten, doch ich griff bloß ins Leere und stürzte zu Boden. Das abscheuliche, gehässige Gelächter von Ophelia drang an meine Ohren. Ich hasste ihr Lachen und ihre überhebliche Art.
Ich hasste es, dass sie immer noch nicht tot war. Ich hatte es endgültig satt. Ich musste etwas tun.
Meine Augen schnellten zum Waschbecken und auf einmal hatte ich eine Idee. Ich verlor keine Zeit mehr und sprang wie von der Tarantel gestochen auf. Ophelia war perplex, als ich zum Becken hechtete und den Stöpsel in den Abfluss stopfte.
„Was soll das denn werden?“, fragte sie amüsiert und kicherte. Mich störte ihr Spott nicht. Gleich würde sie nichts mehr zu lachen haben.
Sogleich drehte ich den Wasserhahn voll auf. Glasklares Wasser schoss aus dem Hahn und das Becken füllte sich recht schnell. Ophelia runzelte ihre glatte Stirn.
„Bist du jetzt völlig wahnsinnig geworden?“ Sie schaute mich abwertend an. Ich würdigte ihrer Frage keine Antwort. Stattdessen fasste ich grob in ihren Nacken, beförderte sie vor das Becken und tauchte ihren Kopf in das eiskalte Wasser, das bereits überschwappte.
Augenblicklich schlug sie mit ihren Armen um sich. Ich wusste nicht, ob sie versuchte mich zu treffen oder ob sie sich abstützen wollte.
Ich spürte, dass sie ihre ganze Kraft, die in ihrem dünnen Körper steckte, aufbrachte, um ihr Leben zu retten. Ihre Haare hatten sich bereits mit Wasser vollgesaugt und waren klitschnass.
Ophelia war zwar stark, doch mein Griff war stahlhart. Ich würde sie nicht loslassen. Niemals.
Dies war meine erste und letzte Chance sie zu töten und diese Chance würde ich definitiv nutzen. Eine unbeschreibliche Entschlossenheit befiel mich und meine Kräfte wuchsen an. Dennoch atmete ich schwer und mein Herz raste. Ophelia im Schach zu halten war anstrengender, als gedacht.
Diese war derweil dazu übergegangen blind nach meinen Handgelenken zu suchen. Verzweifelt versuchte sie mich mit allen Mitteln loszuwerden.
Wenn ich an ihrer Stelle gewesen wäre, dann hätte ich meine Kräfte besser eingeteilt.
Minutenlang bemühte ich mich ihren Kopf unter Wasser zu halten und ihr keine Chance zum Luftholen zu geben. Ophelias Bewegungen wurden mit der Zeit immer weniger und schwächer.
Trotz ihrer schwindenden Kraft und dem Sauerstoffmangel kam sie gar nicht auf den Gedanken aufzugeben. Natürlich.
Ophelia hatte schon immer einen starken Willen besessen. Nun, da ihr Leben massiv bedroht wurde, tat sie alles Mögliche, um dem Tod zu entgehen.
Aber jede Gegenwehr half nichts. Endlich hörte ich ein Gluckern, das mir verriet, dass sie nach Luft schnappen wollte.
Doch statt mit Sauerstoff füllte sich ihre Lunge mit Wasser. Dann, keine drei Minuten später, erschlafften ihre Muskeln und ich ließ sie los.
Ihr lebloser Körper sackte mit einem lauten Klatsch auf die Fliesen. Ihre langen, dunkelbraunen Haare klebten an ihr.
Mit ihrem bewegungslosen Körper, ihrer blassen Porzellanhaut und ihren blutunterlaufenen, weit aufgerissenen Augen sah sie aus wie eine Puppe. Für mich war der Anblick ihrer Leiche unwirklich. Ich hatte so lange auf diesen Moment gewartet und nun, da er gekommen war, konnte ich es nicht glauben: Ophelia Monroe war tot.
Nach Minuten, angefüllt mit einer unheimlichen Stille, schloss ich den Wasserhahn, hockte mich neben meine tote Ex-Kollegin und blickte angewidert auf sie herab.
„Endlich hast du das bekommen, was du verdienst, du selbstsüchtiges Miststück“, höhnte ich. Dann riss ich ihr die Kette mit dem Schlüssel vom Hals und schloss die Handschellen auf, an denen mein getrocknetes Blut klebte.
Der Hall, als die Handschellen klappernd auf die Fliesen fielen, war ohrenbetäubend. Ich hob meine Handgelenke auf Augenhöhe und entdeckte tiefe Einschnitte in meiner Haut. Mein rosafarbenes Fleisch kam zum Vorschein und es sickerte immer noch Blut aus meinen Wunden.
Erschöpft und kraftlos ließ ich mich auf den Rand der riesigen Badewanne sinken. Nun, da das Adrenalin meine Adern verließ, bekam ich die Auswirkungen, die der Kampf mit Ophelia auf meinen Körper gehabt hatte, deutlich zu spüren.
Die qualvollen, höllischen Schmerzen in meinen malträtierten Handgelenken waren kaum zu ertragen.
Ich zitterte so heftig, dass ich in die Badewanne gerutscht wäre, wenn ich mich nicht festgehalten hätte. Mir war brühend heiß und ich schwitzte so sehr, als hätte ich schlimmes Fieber.
Plötzlich verschwamm die Umgebung vor meinen Augen und ich stürzte in einen Abgrund voller Finsternis.

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beta
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